Sette 4.
Witieldeutsche Sonntags⸗Zeitung
Nr. 39.
und sechs auf dem anderen. Einer dieser Leute fing Fische mit einer Angel und hielt dadurch seine Kameraden am Leben. Dann wurde er wahnsinnig und sprang über Bord. Zwei Andere starben vor Hunger und Durst und ihre drei überlebenden Kameraden aßen von ihren Leichen und tranken ihr Blut. Da sich immer noch kein Segel zeigte und die Leichen übelriechend wurden, zogen die drei Ueberlebenden das Loos, um Denjenigen, den das Loos traf, zu tödten. Das Loos fiel auf einen Deutschen. Die⸗ ser nahm sein Schicksal ohne Murren hin und riß sogar seine Kleidung auf, um den Todes— streich zu empfangen. Als der Dampfer„Woo⸗ druf“ das Floß mit den beiden Norwegern entdeckte, aß einer derselben noch Fleisch von seinem todten Kameraden und das Floß war umschwärmt von Haifischen. Beide hatten das Blut des Deutschen getrunken und Teile seines Körpers verzehrt. Von den beiden Ueberleben⸗ den ist Anderson irrsinnig und Thomassen furcht⸗ bar verstümmelt, da Andersohn ihn angriff und Teile von seinem Gesicht und seiner Brust abbiß.
Dem Abgrund zu.
* In dem Sudelartikel des von den Oden⸗ wälder Bauern aus dem Reichstag heraus⸗ geworfenen Architekten Hirschel wird uuserem Gen. Scheidemann u. a. zum Vorwurf gemacht, daß er zwar die Cholera⸗Broschüre des von den Antisemiten zu den Nationalsozialen überge⸗ tretenen Herrn Erdmannsdörffer„lachhaft⸗ blödsinnig“ genannt, eine andere Broschüre desselben Herrn, betitelt:„Dem Abgrund zu“ aber fleißig gegen den Antisemitismus ausge⸗ nützt habe. Wörtlich hirschelt der ehemalige Architekt Hirschel in seinem Arizona⸗Kicker:
„Der rote Mann wußte wohl, daß an der Schrift des ehemals lachthaft⸗blödsinnigen Broschürenschrelbers zwei Drittel erlogen und ein Drittel verzerrt war, und er hat ihm mehrfach in der Schabbeszeitung
wegen seiner Renegatenart seine Verachtung ausge⸗ drückt und ihn„Parteipirat“ genannt— aber das konnte ihn nicht hindern, Worte eines Burschen gegen uns auszuspielen, dessen Schrift er selbst lachhaft⸗ blödsinnig nennt.“
Hier lügt und fälscht der Hirschel wieder. Er stellt die Sache so dar, als hätten wir die Schrift„Dem Abgrund zu“ erst dann aus⸗ genützt und ernsthaft hehandelt, nachdem wir die andere in der That lachhaft⸗blödsinnige Schrift Erdmannsdörffers gekannt oder beur⸗ teilt hätten. Von der Existenz der Cholera⸗ Broschüre Erdmannsdörffers, die schon 1892 erschienen ist, haben wir erst Kenntnis vor wenigen Monaten in einer Marburger Volksversammlung erhalten. Dort erinnerte ein Antisemit seinen ehemaligen Parteifreund Erdmannsdörffer an jene Schrift, erst da⸗ durch erfuhren wir von der Cholera⸗Broschüre und erst wenige Wochen später war es auf unser Ersuchen einem Gießener Buchhändler ge⸗ lungen, uns ein Exemplar jener Schrift zu ver⸗ schaffen. Wie faul die Hirschelschen Aktien stehen, geht schon aus dem Umstand hervor, daß er zu solchen schoflen Fälschungen greifen muß. Außerdem erscheinen uns auch heute noch die Erdmaunsdörfferschen Feststel⸗ lungen in seiner Broschüre„Dem Abgrund zu“ ziemlich unanfechtbar zu sein, denn nicht einmal von dem Vorwurf, an jüdische Journalisten Nachrichten verkauft zu haben, hat sich Herr Hirschel bisher reingewaschen. Er hat zwar die Richtigkeit der Behauptung bestritten, Erdmannsdörffer hat sie aber bis auf den heutigen Tag aufrechterhalten. Wenn der Hirschel den Beweis erbringen will, daß er keine Schachergesch e fte mit jüdischen Jour— nalisten gemacht hat, muß er Erdmannsdörffer verklagen. Aber wir fürchten, daß er das nicht thun wird, denn wahrscheinlich ging er dann — dem Abgrund zu.
Aus Marburg.
n. Ueber den bevorstehenden Parteitag sprach hier am Montag Abend Gen. Scheide— mann⸗Gießen. Er erörterte die in Hannover zur Verhandlung kommenden Fragen und besprach am eingehendsten den Punkt 7: Die Angriffe auf die Grundanschauungen und die taktische Stellung— nahme der Partei. Bernstein habe gewiß be—
achtenswerte Anregungen gegeben, doch sei das beigebrachte Material nicht entfernt schwerwiegend genug, um unsere Grundanschauungen ins Wanken zu bringen. Bernstein habe mit seinen Vorschlägen der Partei nichts geschadet. Wenn man von einer Schädigung überhaupt reden könne, so sei diese auf diejenigen Prinzipienwächter zurückzuführen, die der Partei am besten zu dienen glauben, wenn sie fortwährend von dem gefährteten Prinzip schreiben und aufs eifrigste besorgt sind, nur jederzeit einen Sündenbock zur Hand zu haben, an dem sie hinterm grünen Tisch„zur Reinhaltung unserer Prinzipien“ herumkritisieren können. Wer weiter nichts für die Partei thut, als immer— während die„Prinzipien bewacht“, der leiste nicht den hundertsten Teil für die Partei, wie der ein— fache Proletarier, der mit Flugblättern auf's Land geht oder für die Parteipresse neue Abonnenten wirbt. Bernstein sollten wir mit Interesse lesen, wer neue Anregung bekomme, solle weiter forschen. Aber wenn wir zu den Vorschlägen des altver— dienten Genossen Bernstein kommen, die uns falsch zu sein scheinen, dann sagen wir: Nein Eduard, hier bist du auf dem Holzwege, alleweil machen wir nicht mehr mit. Das wird der Parteitag in Hannover hoffentlich sagen und damit ist die Sache erledigt. Der Referent ist kein großer Freund von Resolutionen, aber wenn die Genossen eine solche annehmen wollten, so empfehle er die kürzlich in Mainz von Katzenstein eingebrachte.— An der Diskussion beteiligten sich die Genossen Abel, Erb, Weber, Euler und andere. Sie stimmen im wesent— lichen mit dem Referenten überein und sind gegen jede Resolution. Die angeregte Beschickung des Parteitags wurde abgelehnt. Auf Antrag Erb wurde beschlossen, die für die Beschickung des Parteitags erforderlich gewesene Summe für Agi— tations-Material auszugeben und dasselbe auf dem Lande zu verbreiten.— Der Vertrauensmann er— stattete dann den Kassenbericht. Zwei Revisoren wurden gewählt, die in der nächsten Versammlung Bericht erstatten sollen.— Gegen 12 Uhr wurde die gut besuchte Versammlung geschlossen.
Wahlkreis Wetzlar⸗ Altenkirchen.
f. Die Panteikonferenz, die am 17. Sept. in Gießen stattfand, war von 9 Orten des Reichstagswahlkreises besucht. Der Kreisver⸗ trauensmann Fauth erstattete Bericht über seine Thätigkeit und über den Stand der Par⸗ teibewegung des Wahlkreises. Als Delegierter zum Parteitage zu Hannover wurde Genosse Ed. Krumm⸗Gießen einstimmig gewählt. Dem⸗ selben ist die Stellungrahme zu den aus der Tagesordnung des Parteitages sich ergebenden Fragen selbstständig überlassen.— Laut Mit⸗ teilung des rhein. Agitations⸗Comitees ist der Wahlkreis Wetzlar⸗Altenkirchen durch den Par⸗ teivorstand dem Frankf ur terAgitations⸗Comité unterstellt worden.
Eiu Märchen über Vollmar.
Hurrah⸗patriotische Blätter hatten jubelnd der Welt die„frohe Botschaft“ verkündet, die Familie des Genossen v. Vollmar habe in ihrem Landhause am Walchensee den Prinz⸗ Regenten von Bayern bei dessen Durchreise be—
rützt. Sckon die eigentümliche Fafung dieser und verriet, daß hier eine sette„Ente“ auf ⸗ geflogen war; denn die„Familie Vollmar's besteht bekanntlich nur aus ihm und seiner Frau. Die Nachricht beruht, wie unser Partei— organ, die Münschener Post, erklärt, auf einer Verwechselung. Die Szenze habe sich in dem einige hundert Meter entfernten Landhause des Berliner Professors Rietschel abgespielt.
Kleine Mitteilungen.
5 Gießen. Am Samstag ist in Lich der als Großgrundbesitzer bekannte Fürst Hermann zu Solm ⸗Hohensolms⸗ Lich infolge eines Schlaganfalls im Alter von 61 Jahren gestor ben. Der Fürst besaß—
nach den Angaben des amtlichen Organs in Gießen— nicht weniger als 220 Ouadratkilo⸗ meter Grund und Boden, das sind 22000 Hek— tar, oder, nach der im Großh. Hessen üblichen Bezeichnung: 88 000 Morgen Land. Als Großgrundbesitzer saß der Fürst von Lich, dem im übrigen nachgesagt wird, daß er ein recht
umgänglicher Herr wax, den Kleinbauern wie ein Dorn im Fleische. Zu den in.
der Zweiten hessischen Kammer noch nicht er⸗ ledigten Sachen gehören auch die„Vorstellungen von Kleingrundbesitzern von Lich um gesetzliche Maßnahmen gegen die Ausdehnung des fürst⸗ lich Solms-Hohensolms Lichschen Waldes in dortiger Feldgemarkung“.— Der Fürst von Lich war erbliches Mitglied des preußischen Herrenhauses und„geborenes“ Mitglied der ersten hessischen Kammer.—
* Erhebungen über die Rentabilität der landwirtschaftlichen Betriebe will der hessische Landwirtschaftsrat veranstalten. Ins⸗ gesamt sollen in 19 Gemeinden des Großherzog⸗ tums je 2 bis 3 verschiedene große Güter, die als typisch gelten könnten, auf ihre Rentabilität untersucht werden. Zur Untersuchung sollen angeblich unparteiische Sachverständige beauf⸗ tragt werden. Ob die der Landwirtschaftsrat zur Verfügung hat?—
Ein Entenorden. Viele Zeitungen sind auf die Nachricht hineingefallen, daß Prof. Schiller noch nachträglich mit einem Orden be⸗ dacht sei. Das ist natürlich unwahr. Der Orden für Prof. Schiller ist demnach ein Zeitungs⸗ Enten⸗Orden.
Einem Kriegslager gleicht unsere Stadt. Nicht wenigstens als 6500 Soldaten mußten Donnerstag und Freitag in Gießen untergebracht werden. Also auf jeden vierten Einwohner ein Mann Einquatierung.
Arbeiterbewegung.
*Der Zimmererstreik in Frankfurt ist beendet, nachdem mit dem Ausschuß des Verbandes baugewerblicher Unternehmer einerseits und mit dem Vorsitzenden des Zen⸗ tralverbandes der Zimmerer Deutschlands anderfeits eine Einigung zu Stande kam. Danach ist die Arbeitszeit auf zehn Stunden festgesetzt mit einer Lohnentschädigung von 8 Pfg. pro Stunde für jeden Zimmergesellen.
Hirschels faule Eierpolitik.
*Der Architekt Hirschel aus Sachsenhausen, der sich um das Landtagsmandat im Gießener Landkreis bewirbt, ist allezeit für den Kanitz⸗ schen Brodwucherantrag eingetreten. Das hat den Großgrundbesitzern und Manu⸗ schettenbauern gefallen, nicht aber den kleinen Landwirten und Arbeitern, denen man auf Grund des Kanitzantrags die Taschen plündern wollte. Vom Bunde der Land⸗ wirte, jener Junkerorganisation, die früher von den Antisemiten„Bund der Bauern⸗ fänger“ genannt wurde, ist denn auch dem Architekten Hirschel ein Anerkennungs⸗ schreiben zugestellt worden. Das hatte der Mann auch verdient. Die Kleinbauern aber, die denselben Herrn Hirschel in 1893 zu ihrem Reichstagsabgeordneten wählten, haben ihn 1898 mit Glanz wieder aus dem Reichs- tag hinausgeworfen. Das hatte er erst recht verdient. Nachdem wir nun kürzlich an die Thätigkeit Hirschels für den Kanitzschen Brodwucherantrag erinnert haben, ist der große Nationalökonom furchtbar in Schwuli⸗ täten gekommen. Er sieht ein, daß er im Gießener Landkreis, der fast ausschließlich von Arbeitern und kleinen Bauern bevölkert ist, mit dem gräflichen Brodwucherantrag arg ins Gedränge kommt und sucht nun die Kanitzerei als etwas ganz harmloses, ja als etwas ganz vernünftiges hinzustellen. Hirschel hirschelt in seinem Arizona-Kicker wie folgt:
„Wenn der Preis eines Ei's schwaukt zwischen 5 und 10 Pfennigen(im Winter) und wir legen einen mittleren Preis von 7 bis 7½ Pfennigen für das ganze Jahr fest, haben da nicht Käufer und Verkäufer eine Sicherheit? Nichts anderes bedeutet für die Körnerfrucht der Antrag Kanitz: Fest⸗ legung der Verlaufspreise nach den inländi⸗ schen Getreidedurchschnittspreisen der Periode von 1850-1890.“
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