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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 39.
Unser Parteibericht.
* Eine wahrhaft herzerfrischende Lektüre dieser Jahres⸗ bericht unseres Partei⸗Vorstandes. Also so siehts mit der täglich von kapitalistischen Soldschreibern angepöbelten Sozialdemokratie aus! Das hat die Partei geleistet, die tagtäglich von vielen Hundert Tintenkulis, die für Judas ⸗ Silberlinge im Schweiße ihres Angefichts neue Lügen und Verleumdungen erfinden müssen, ange⸗ ekelt wird.
Für uns ist dieser Jahresbericht wieder ein Akten⸗ stück, das uns berechtigt, stolz zu sein und mit Freuden auf die Entwicklung unserer Partei zu blicken. Für all die kleinen und großen Kläffer, die beständig unsere Partei anbellen müssen, wenn sie es nicht mit den Großen verderben wollen, bedeutet der Jahresbericht einen Fußtritt auf ihren edelsten Körperteil, der sich bei ihnen unterhalb des Rückens befindet.
In der Einleitung des Berichts finden die preußi⸗ schen Landtagswahlen, sowie die Ausweisungen mehrerer Parteigenossen, die nicht das große Glück hatten, als Preußen oder Sachsen auf die Welt zu kommen, Erwähnung. Es werden dann weiter kurz berührt: die Kaiserrede von Oeynhausen, die Zucht⸗ haus vorlage und das Dresdener Zuchthaus⸗ urteil. Dabei wird die erfreuliche Thatsache festgestellt, daß für die Löbtauer Zuchthausopfer von der sozial⸗ demokratischen Partei innerhalb 5 Wochen 88 247 Mk. gesammelt wurden. Weiter wird berücksichtigt die sächsische Rechtsprechung im Allgemeinen und das Urteil des Berliner Gerichts über die sächsische Recht⸗ sprechung im Besonderen. Es wird an den wieder eroberten Berliner Wahlkreis durch Genossen Fischer erinnert und dann marschiren Ziffern auf, Ziffern, die eine deutliche Sprache reden, die uns er⸗ zählen von der rastlosen Thätigkeit vieler Genossen im Dienste der Partei, von den Verfolgungen, denen pflicht⸗ getreue Arbeiter ausgesetzt sind. Ziffern, die aber auch reden von dem Erfolg unserer Arbeit, von dem ständigen Fortschritt, Ziffern, die unser Herz höher schlagen lassen, die uns ermutigen zu neuer Thätigkeit für die Partei der Unterdrückten.
Unsere Partei besitzt jetzt 73 politische Zeitungen. An der Spitze steht das Zentralorgan, der„Vorwärts“. Er erscheint täglich in 53000 Exemplaren. Er erzielte für die Parteikasse innerhalb Jahresfrist wieder einen Ueberschuß von 64677 Mark. Die„Buchhandlung Vorwärts“, die von unserem Genossen Fischer geleitet wird, versorgte das Land mit Hunderttausenden Auf⸗ klärungsschriften und erzielte einen reinen Ueber⸗ schuß für die Partei von 25 000 Mark.
Aus der Hauptabrechnung des Parteikassirers Gerisch ergiebt sich folgendes Bild:
Vom 1. September 1898 bis 31. August 1899
Einnahme: Mk. 346.712,32 Ausgabe: Mk. 243.207,72
Verbleiben: Mk. 103.504,60 Fest angelegt: Mk. 95.069,90 Bleiben in Kassa: Mk. 8.434,70
Dle Einnahmen bestehen aus allgemeinen Beiträgen aus den Wahlkreisen, aus Zinsen angelegter Gelder und den Ueberschüssen der Parteigeschäfte.
Unter die Ausgaben fallen 23 301 Mk., die für ge⸗ maßregelte Genossen als Unterstützung gezahlt wurden, 7741.25 Mk. für Prozeßkosten, 56 685.18 Mk. für Agitationskosten, 28 700 Mk. Reichstagskosten, 14 742.40 Mk. für Gehälter und Verwaltungsausgaben, sowie 53 434.34 Mk. für Preßunterstützungen und sonstige verschiedene Posten.
Strafen wurden über Arbeiter verhängt, die sich politisch oder gewerkschaftlich„vergangen“ hatten:
74 Jahre und 1 Monat Gefängnis und 23 251 Mk.
Geldstrafe.
Außer diesen Strafen wird noch erinnert an die über die unglücklichen Löbtauer Bauarbeiter vom Dres⸗ dener Schwurgericht verhängten 53 Jahre Zuchthaus und 8 Jahre Gefängnis, sowie an die bisher wegen der Streikunruhen im Herner Gebiet über polnische jugend⸗ liche Arbeiter verhängten Strafen in der Höhe von 25 Jahren, 9 Monaten und 17 Tagen Gefängnis.
Des Weiteren wird dann ausführlich berichtet über die Thätigkeit der Sozialdemokraten im Reichstag. Darauf brauchen wir hier nicht näher einzugehen. Was die Sozialdemokraten im Reichstag gethan haben, das weiß Jedermann. Die Armen und Unterdrückten haben sich darüber gefreut, die Gegner hat es mit glühendem Haß erfüllt.—
Mächtiger denn je steht die sozialdemokratische Partei da. Zusammengeschweißt durch unerschütterliches Soli⸗ daritätsgefühl, und einig im Ziel— so kämpfen wir bis der Sieg über den völkerverhetzenden und völker⸗ gusbeutenden Kapitalismus errungen ist. Mögen auch die Ansichten über den besten Weg, der uns zum Ziel
führen soll, oft auseinandergehen, über das Ziel selbst sind wir uns einig. Und nun weitergekämpft, ihr Männer der Arbeit, weitergekämpft für Wahrheit und Recht! für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
Politische Rundschau.
Gießen, den 22. September. Reichstagsersatzwabl in Pirna⸗Sebnitz.
Am Montag hat in der sächsischen Schweiz die Ersatzwahl für den Antisemiten Lotze statt⸗ gefunden, dessen Mandat vom Reichstage wegen allerlei Wahlbeeinflussungen für ungültig erklärt worden ist. Der Kampf hat leider noch keinen Ausgaug gefunden, es ist unseren Ge⸗ nossen nicht geglückt, das Mandat im ersten Gang zu erobern; es haben erhalten:
Fräßdorf(Soz.) 11364,
Lotze(Antisemit) 10447 und der freisinnige Kandidat 1787 Stimmen. Einige Orte stehen noch aus, ändern aber nichts an dem Resultat, daß Stichwahl stattzu⸗ finden hat.
Bei der Hauptwahl im Inni 1898 stellten sich die Ziffern wie folgt: Fräßdorf 10007, Lotze 11118, Freisinn 652. Lotze war im ersten Wahlgang mit 459 Stimmen Mehrheit gewählt. Daraus folgt im Vergleich mit den am Montag erreichten Ziffern, daß die Wahl⸗ beteiligung jetzt eine weit stärkere gewesen ist. Der Antisemit hat an Stimmen verloren, wiewohl diesmal außer den Konservativen auch die Nationalliberalen, Bündler und der sächsische Kammerfortschritt für ihn eintraten. Die Sozialdemokratie sowohl wie der Freisinn haben aber ziemlich bedeutende Zunahmen erfahren; erstere rund 1400, letzterer rund 1200 Stimmmen.
Der Wahlkampf war ein sehr heftiger. Von den Antisemiten, als den Männern der „Ordnung“, wurde mit den verwerflichsten Mitteln gekämpft; sie vermochten sich auch nicht zu dem Zugeständnis gleichfarbiger Stimmzettel aufzuschwingen, so daß der Wahlbeeinflussung hierdurch besonders am Tage der Wahl Thür und Thor geöffnet worden ist. Die Freisinnigen gaben ihren bürgerlichen Vettern nichts nach. Den gemeinsamen Ansturm hatten wie immer unsere Parteigenossen auszuhalten. Sie haben sich tapfer gehalten und wacker bewährt, was um so höher anzuschlagen ist, als die Agitationsarbeit durch das Abtreiben von Lo⸗ kalen und das Verbot von Versammlungen nach alter beliebter Methode ungeheuer erschwert wurde. Möge die Nachwahl unserer Partei den Sieg bringen!
Neuesten Nachrichten zufolge wurden abge— geben für Fräßdorf 12627 Stimmen
Lotze 11650„ Strohbach 1997 5
Es giebt schmachvolle Justiz.
So hat das Schöffengericht zu Dessau ent⸗ schieden; nach ihm ist deshalb die Aufforderung an das dortige Parteiblatt, das„Volksblatt für Anhalt“, weiter wie bisher„die schmach⸗ volle Justiz, die Lüge, die Verleumdung, Aus⸗ beutung und Knechtschaft zu bekämpfen“, keine Beleidigung der Anhalter Richter. Diese Auf⸗ forderung stand in einem Briefe des Genossen K. Wiesenthal-⸗ Leipzig, den er, um Glück zu wünschen zu den Fortschritten und Erfolgen der Anhalter Sozialdemokrat e, den Parteigenossen im„Volksblatt“ gesandt hatte. Die Redaktion hatte diesen Brief ohne Wissen Wiesenthals ver⸗ öffentlicht. Schon einmal hatte in der Sache Termin stattgefunden. Der Geheime Justizrat Henning lehnte die Aburteilung ab, weil er sih als Anhaltischer Richter befangen fühle. Nun stand ein neuer Termin an. Amtsgerichtsrat Gast hatte den Vorsitz. Er lehnte die Abur⸗ teilung nicht ab, weil er sich durch die inkrimi⸗ nirten Worte nicht beleidigt fühle. Sch ma ch⸗ volle Justiz gebe es in der Welt. Dafür sei ja jetzt das Beispiel in Frankreich Beweis. Wenn man das nicht mehr sagen dürfe, was mit den Worten hier gesagt sei, so
dürfe man überhaupt nichts mehr sagen. Als Vertreter der Anklagebehörde fungierte Polizei⸗ kommissar Schrader. Er stellte die Behauptung auf, Wiesenthal habe die Absicht gehabt, die Zuschrift weiten Kreisen zugänglich zu machen. In dem Bestreiten liege schon das Bewußtsein der Schuld. Die Worte seien beleidigend für den Anhaltischen Richterstand, da der Brief eben im„Volksblatt für Anhalt“ veröffentlicht sei. Er beantrage gegen Wiesenthal 1 Monat und gegen Günther 14 Tage Gefängnis. Das Ge⸗ richt sprach beide Angeklagte frei. Es sei nicht erwiesen, daß der Brief Wiesenthals nicht als Privatbrief anzusehen sei. Die Ausdrücke seien außerdem für keinen Richter beleidigend, weder für einen anhaltischen noch für irgend einen anderen. Es würde geradezu komisch erscheinen, wenn man bei solcher Anklage gegenwärtig den Fall in Frankreich unbeachtet, wenn man die Justiz nicht schmachvoll nennen wollte. Es sei eben nur die Justiz gemeint, welche wirklich schmachvoll sei und nicht die Richter als Per⸗ sonen, von denen ja überhaupt kein Wort ge⸗ sagt sei. Sächsisches Urteil.
In Dresden wurde am 15. September wieder ein außerordentlich hartes Urteil von der dritten Strafkammer unter Vorsitz des Landge⸗ richtsdirektors Frommhold wegen angeblichen Streikvergehens gefällt, und zwar gegen den Maurer Fallenbeck. F. soll einem Arbeits⸗ willigen, das ist der neue Name für die Streik⸗ brecher, Namens Sassin, in der Erregung einen leichten Stoß vor die Brust gegeben und auf den Fuß getreten haben. Fallenbeck be⸗ stritt aber die ihm zur Last gelegten Thät⸗ lichkeiten ganz entschieden. Er gab nur zu, vielleicht aus Versehen, unabsichtlich den S. auf den Fuß getreten zu haben.— Das Ge⸗ richt glaubte aber den Aussagen des einzigen Belastungszeugen Sassin und verurteilte Fallen⸗ beck zu fünf Monaten Gefängniß. Wozu da noch ein Zuchthausgesetzz
Der neue Polizeiminister.
Eine gewisse„liberale“ Gesinnung versuchen liberale Blätter dem neuen preußischen Polizei⸗ minister Herrn v. Rheinbaben anzudichten. Das ist lächerlich; in Preußen werden liberale Männer nicht zu Ministern berufen. Aber dankens wert bleibt, daß unser Stettiner Bruder⸗ blatt urkundlich die„Liberalität“ des neuen Herrn feststellt. Bei den Septenats-Wahlen 1887 hatte auch Herr v. Rheinbaben ein Mandat erhalten, er zeigte sich dann im Reichstag als junkerlicher Gesinnungsgenosse. Am 11. Januar 1889 sagte Herr v. Rheinbaben im Reichstage: a
„Der Arbeitgeber braucht nicht zu dulden,
daß einer seiner Arbeiter einem Kandidaten
die Stimme giebt, durch dessen Wahl er wirtschaftlich geschädigt zu werden fürchtet.
Wenn der Arbeitgeber einen solchen Arbeiter
entläßt, so ist dies sein moralisches
Recht.“ i a
Der stenographische Bericht verzeichnet„Bravo rechts“. Der Ausspruch von vor zehn N sagt den Arbeitern, was sie vom neuen Minister zu erwarten haben.—
Die Treppe hinaufgefallen.
Von den wegen ihrer Kanalgeguerschaft Ge⸗ maßregelten ist bereits einer die Treppe hinauf⸗ gefallen. Herr v. Jagow, bisher Regierungs⸗ präsident von Posen, soll nach der Pos. Ztg. Landeshauptmann der Provinz Sachsen werden. Es ist damit für ihn eine Einkommens ver⸗ besserung von etlichen Tausend Mark ver⸗ knüpft. Regierungsprästdenten erhalten 12000 Mark und freie Wohnung. i N
Eine solche Maßregelung wird sich wohl Jeder gern gefallen lassen und dürfte gelezent⸗
lich einer künftigen Vorlage die Zahl der kanal gegnerischen Regierungsbeamten, die gleichzeitig
Volksvertreter sind, sich infolgedessen noch ver⸗ größern! Quartlergebern zur Nachachtung. Der„Mannh. Volksst.“ wird aus Durlach
berichtet:! Am Dienstagnachmittag fand sich ein
Quartiermacher des Infanterie⸗Regiments Nr.
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