Ausgabe 
23.7.1899
 
Einzelbild herunterladen

Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 30.

zusammeln. Da Geldsammlungen unter Schul⸗ kindern durchaus unzulässig sind, wird die Verfügung der Kgl. Regieruug vom 30. April 1875 in Erinnerung gebracht. Diese führt aus: es ist neuerdings uns zur Anzeige gebracht worden, daß in einzelnen Schulen für religöse Vereine von den Kindern Geldbeiträge gesammelt werden. In Folge dessen nehmen wir Veran⸗ lassung, die Vornahme von Sammlungen unter Schulkindern, zu was immer für einem Zweck, strengstens zu untersagen. Abgesehen davon, daß diese Sammlungen unter den Vorgenannten zu unangenehmen Belästigungen der Eltern 1 sind sie öfter die Ursache zur Befriedigung er Eitelkeit und des Hochmuts, indem solche Schulkinder, welche höhere Beiträge leisten, nur zu leicht Anspruch auf besondere Bevorzugung erheben zu dürfen glauben. Andererseits kann es als sicher angenommen werden, daß diejenigen, welche weniger oder gar nichts zahlen, den Druck ihrer Armuth um so tiefer empfinden. Das Gleiche sollte nun aber auch für jede Art von Sammlungsunfug unter den Schul⸗ kindern gelten, u. A. auch für die Flottensamm⸗ lungen. Aus dem Arizona ⸗Kicker des Abg. Köhler. * Nachdem wir kürzlich wieder einmal die antisemitischen Dummheiten gebührend in humo⸗ ristischer Weise gewürdigt haben, wird jetzt im Arizona⸗Kicker des großh. Bürgermeisters und Postagenten Köhler wieder eine Dreckschippe voll geistreicher Schmeicheleien abgeladen. Hier eine Probe: 5 .. Da wir das edle Organ die M. S. Ztg. ist gemeint, die als Schabbes⸗ zeitung bezeichnet wird selbst nicht mehr halten, so sind wir auf gelegentliche Zusen⸗ dungen angewiesen und freut es uns regel⸗ mäßig, wenn wir aus dem Blättchen ent⸗ nehmen können, daß das Subjekt, das darin sein Wesen treibt, noch wohlauf ist und seinem Metier als gewerbsmäßige Ver⸗ leumder Ehre macht. Wir konnten dies auch aus der vorliegenden Nr. mit Freuden feststellen. Dieses Mal reißt er sich eine Schleimhaut von seiner brandigroten Jam merseele, weil wir das Treiben der Sozialdemokratie rücksichtslos brandmarken. Dies geht ihm gar sehr wieder den Strich und unser Freund zieht alle Töne der Ver leumdung und Verdächtigung vom Register. De Soldschytber. u. s. w.

Das hat uns wohl gethan! Wer von der Gesellschaft in dieser Weise gehaßt wird, braucht sich seiner Thäligkeit im Interesse der Kleinen in Stadt und Land nicht zu schämen. Herr Köhler verdankt sein Reichstagsmandat der Wahlhilfe gebildeter Professoren und wohl⸗ erzogener Fabrikanten. Es geschieht denen von Bildung und Besitz recht daß sie von Herrn Köhler vertreten werden.

Aus Marburg.

g. In der am Sonnabend, den 15. Juli abgehaltenen Partei-Versammlung legte der bis herige Vertrauensmann Euler sein Amt nieder und wurde an seine Stelle Gen. Gg. Härtling gewählt. Es ist bedauerlich, daß es wieder persönliche Streitigkeiten waren, die diesen Wechsel herbeigeführt haben, dadurch wird die Bewegung auf keinen Fall gefördert, eher werden noch nicht sattelfeste Genossen abgestoßen. Der 2. Punkt der Tagesordnung erledigte sich dahin, daß der bisherige Kolporteur sein Amt weiter⸗ behält unter anderer Einteilung der Geschäfte.

Aus Löhnberg.

* Merkwürdiger Weise giebt's immer noch Leute, die es den Sozialdemokraten verübeln, wenn sie einmal ein kerniges Wort gegenüber schoflen Gegnern gebrauchen. Wer nicht nur einseitig unterrichtet ist und Zeitungen der ver⸗ schiedenen Parteien liest, wird wahrheitsgemäß zugestehen müssen, daß die Sozialdemokraten, die von allen Seiten mit den ordinärsten Mitteln bekämpft, d. h. verleumdet und beschimpft werden, sich einer weit anständigeren und sach⸗ licheren Sprache zu bedienen pflegen, als die meisten sonstigen Parteien. Jeder Hans wurst, der genau weiß, daß es oben immer ange⸗ nehm berührt, wenn man auf die Sozialdemo⸗

kratie schimpft, jeder karriere⸗ und ordenslüsterne Streber glaubt seine Zwecke am leichtesten er⸗ reichen zu können, wenn er auf die verhaßte Sozialdemokratie schimpft. Wir könnten in jeder Nummer die schäbigsten Verleumdungen fest⸗ nageln. Da wir für diese Nummer so wie so verschiedene Liebenswürdigkeiten dumm geborener Gegner, die leider auch nichts hinzugelernt haben, zusammenstellten, wollen wir auch ein Weilburger Blatt nicht vergessen, dem ein leider nicht er⸗ kennbarer Berichterstatter aus Löhnberg einen Artikel über das dort abgehaltene Kriegerfest geschickt hat. Es wird der Verlauf des Festes geschildert, die Festrede abgedruckt und zum Schluß gesagt:Der Verein... bleibe was er sein soll: Ein festes Bollwerk gegen die auch leider in unserem Orte sich bemerkbar machende, von Buben geleitete Bewegung derer, welche dem Grundsatz folgen: Ohne Gott, gegen König und Vaterland! Dieser Satz feig aus dem Hinterhalt los⸗ gelassen ist ebenso gemein, wie dumm. Wir wollen ihn auch lediglich hier unsern Lesern unterbreiten, damit sie sich nicht wundern, wenn eines schönen Tages aus Löhuberg die Mit⸗ teilung kommt, daß ein an Rotkoller unheilbar erkrankter Schwachkopf in die Provinzial-Irren⸗ anstalt eingeliefert ist. Die Wut des Artikel⸗ schreibers erklärt sich sehr leicht aus dem letzten Wahlresultat. Es wurden am 16. Juni 1898 Stimmen abgegeben: 73 sozialdemokratische, 64 nationalliberale, 9 freisinnige und 4 Centrum. Wenn der Mitarbeiter des Weilburger Blattes die arbeitende Bevölkerung, die sich vernünftiger⸗ weise der Sozialdemokratie anschloß, auch in Zukunft in der oben geschilderten Weise an⸗ flegelt, so ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß bei den nächsten Wahlen die Sozialdemokratie in Löhnberg die doppelte Stimmenzahl auf⸗ weisen kann.

Hirschel und Köhler als Schadchen.

* Im Arizona⸗Kicker des Abg. Köhler, den der frühere Abg. Hirschel verantwortlich redi⸗ giert, finden wir folgendes

Ernstgemeinte Heiratsgesuch.

Ein Wittwer in den 30ger Jahren, in einem

wohlhabenden Ort Oberhessens sucht eine Ge⸗

hülfin reiner antisemitischer Gesinnung, welche

Haus⸗ und Feldarbeit gut versteht. Etwas

Vermögen erwünscht. Nähere Auskunft er⸗ teilt die Hess. Druckerei und Verlagsanstalt

in Offenbach a. M. 5

Vielleicht haben die Herren Hirschel und Köhler als Schadchen mehr Erfolge aufzu weisen, wie als Politiker.

Mittelalterliches aus Waldeck.

k. Wunderbar schön berichtet in derCor bacher Zeitung Nr. 62 ein noch aus dem Mittelalter übrig gebliebener Berichterstatter über die Kirmes in Strothe u. a.:Da saßen sie friedlich beisammen: Freie und Knechte, Juden und Christen und er warteten sehnsuchtsvoll eine Portion saftigen Schinken u. s. w. DasDeutsche Adelsblatt sollte sich den Mummelgreis, der diesen Blöd⸗ sinn schrieb, für seine Redaktion sichern, er dürfte den Geist junkerlichen Dünkels in hoher Vollendung zum Ausdruck bringen.

Zum Fall Küchler.

* Es verlautet, daß gegen den Landgerichts- direktor in Pension Küchler nunmehr wegen Vergehens gegen§ 211 der Konkursordnung das Strafverfahren eingeleitet worden ist. Küchler hatte sich mit dem wegen betrügerischen Bankerotts zu Jahren Gefängnis verurteilten Korkstopfenfabrikanten Rapp in bedenkliche Geld⸗ manipulationen eingelassen. In der Kammer wurde die gerichtliche Untersuchung von unserm Genossen Abg. Ulrich schon vor Wochen ge⸗ gefordert.

Krieg dem Edikt von 1820.

* Ob es viele Leute giebt, die eine Ahnung von der Existenz des weiter unten imFall Schiller geschilderten Artikel 13 des Edikts von 1820 hatten? Wir bezweifeln es. Unser

Offenbacher Bruderblatt bezweifelt sogar, daß die Regierung den Artikel 13 bis kurz vor dem Fall Schiller gekannt hat.

Denn wie leicht

hätte sie ihn sonst in den Fällen Dettweiler und Soldan zur Anwendung bringen können! Welch' ein Hochgefühl für die Dozenten der Gießener Hochschule, zu wissen, daß die Re⸗ gierung jeder Zeit ihrer Thätigkeit ein Ende

machen kann! Durch die Anwendung des Art. 13 im Fall Schiller hat letzterer selbst eine hochpolitische Bedeutung erhalten und wird nicht erst von der Tagesordnung verschwinden, bis das vorsintflutliche Edikt beseitigt ist. So lange dieses Edikt besteht, ist kein nichtrichter⸗ licher Staarsbeamter sei er Sekretär oder Regierungsrat, Elementarlehrer oder Unter⸗ richtsprofessor sicher, durch Art. 13 kalt⸗ gestellt zu werden. Und diese Gefahr wird größer mit der zunehmenden Verpreußung unseres Hessenlandes. Man muß Herrn Schiller dankbar sein, daß er der Mitwelt Kunde ge⸗ geben hat von dem charakteristischen Ausspruch des früheren hessischen Schulallgewaltigen Herrn von Knorr:Wir warten, Gewehr bei Fuß, auf das, was in Preußen gemacht wird! Harmlose Studentenscherze.

Verhaftet wurden in Limbach in den letzten Tagen mehrere Schüler des Tech nikums, die in der Nacht zum 2. Juni groben Unfug und Sachbeschädigungen verübten und verdächtig erscheinen, in dieser Nacht auch die zum Rittergute gehörige, in der Nähe des Bahnhofs errichtete Luftscheune, welche mit Stroh, Heu und anderen leicht brennbaren Vor⸗ räten angefüllt war, vorsätzlich in Brand gesteckt zu haben. Drei der Schüler wurden inzwischen wieder entlassen, während zwei, ein gewisser Nickel aus Erimmitschau und ein ge⸗ wisser Claise aus Breslau, von denen der eine die That verübte und der andere die Streich⸗ hölzer lieferte, in Untersuchungshaft genommen wurden. Der damalige Brand hat den Tod eines Menschen verursacht. In frag⸗ licher Nacht hat der von der Polizei gesuchte Arbeiter Freitag aus Oberlungwitz in der Luft⸗ scheune genächtigt und bei dem Brande so schwere Wunden davongetragen, daß er tags darauf im dortigen Krankenhause verstarb.

Kleine Mitteilungen.

Gießen. In der Nacht vom Montag auf Dienstag ist die große Festhalle auf dem Trieb niedergebrannt. Vermutlich liegt Brandstiftung vor. Die Halle war versichert. Ein wertvoller Jagdhund, der angekettet war, ist mitverbrannt.

Am Dienstag ist der frühere Schlachthaus verwalter Möhl aus der Untersuchungshaft ent⸗ lassen worden. 5

In der Nacht vom Dienstag auf Mitt⸗ woch haben sich im Seltersweg wieder Korps⸗ studentendie Blüte der studierenden Jugend auf das Flegelhafteste betragen. Wenn man den radaulustigen Gesellen energischer zu Leibe gehen würde, nähmen sie wohl eher Raison an. Strafzettel erregen bei den buntbemützten Herr⸗ chen nur Heiterkeit und werdenmit einer Hand bezahlt. Nicht einmal Kinder sind vor den gebildeten Burschen sicher. Am Dienstag Abend belästigte, wie der Polizeibericht meldet, ein Student ein 13 jähriges Mädchen, das am Bahnhof seinen Vater erwartete. Hoffentlich wird keine Rücksicht auf die Carrière des Laus⸗ buben genommen.

Cassel. Hier ist ein Aerztestreik aus⸗ gebrochen. Die Augenärzte der allgemeinen Orts- krankenkasse haben wegen Herabsetzung der Be⸗ handlungssätze die weitere Behandlung der Kranken abgelehnt Die übrigen Aerzte haben sich ihnen angeschlosseu. Auf der Frankfurter und Bettenhauser Chaussee stehen Streikposten, um Zuzug fernzuhalten. Gut, das die Zucht⸗ hausvorlage noch nicht angenommen ist.

Arbeiterbewegung.

Die Glasergesellen in Gießen stehen immer noch im Streik und zwar jetzt seit vier Wochen. Ihre Forderungen lauteten: 10 stündige Arbeitszeit, Abschaffung der Akkordarbeit und 15% Lohnerhöhung. Nachdem die Glasermeister in den ersten drei Wochen es gar nicht der Mühe wert hielten, den Gesellen eine schristliche Antwort zu geben, schlagen sie jetzt vor: 10 stündige Arbeitszeit und 5% Lohnerhöhung. Damit

sind jedoch die Gesellen nicht einverstanden.

c

heute, und na M. S. entgege

0 * * Zweiten Vormitt 1. Geh. 2 hessich sicht g leitete zur stt . greifen Schult fübren Da! gechlosser unseres eile bee kufen. 7 tüte Bra Magierun dem gan ccfolgt au bes Edikt hilmnise Atilkels Heamten Ob ein betde, f

Vblezselben betsttätz⸗

die Lohr Lungen filgung iu Schul Im lehr die Anga ber unte don 17. Damn, e . Ech nit dem habe, U bberal