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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 30.
Wage. Die Situation steht fest. Lamentieren hilft nichts. Es handelt sich nur nach darum, aus der Situation die nötigen Konsequenzen zu ziehen und demgemäß zu handeln. Besser zwei Sozialdemokraten und einen Liberalen, als einen Sozialdemokraten und zwei Zen⸗ trumsmänner! Von zwei Uebeln soll man das kleinere wählen.“
Aber auch das konservativ gerichtete Bündlerblatt des Kreises Fürth⸗Erlangen, die „Südd. Landespost“, muß sich bequemen, für die Wahl eines Sozialdemokraten einzutreten, um nicht leer auszugehen. Das Blatt schreibt:
„Was vor der Wahl noch ging, das geht
heute nicht mehr! Soweit wir die Stimmung kennen, bleibt es bei der Forderung: zwei bauern freundliche Abgeordnete, der dritte mag der Partei angehören, welche den Bauern zu ihrem Rechte verhilft.“
Die Partei, die dieses konservativ-bünd⸗ lerische Lob erfährt, ist die Sozialdemo⸗ kratie. So rächt sich ein widerwärtiges Wahlsystem an seinen eigenen Verteidigern, in⸗ dem sie gezwungen werden, ihre schärfsten poli⸗ tischen Gegner zur Wahl zu empfehlen, denen sie sonst gern die Gleichberechtigung und jede Existenzberechtigung bestreiten.
Die bayerischen Wahlen.
Der Ausfall der am Montag vollzogenen Wahlen hat ergeben: Von den 159 Mandaten erhielten das Zentrum 83, die Liberalen 45, die Konservativen 4, der Bauernbund mit seinen verschiedenen Schattierungen(südbayerische 6, unterfränkische 2, mittelfränkische 5) zusammen 13, die Sozialdemokraten 11, die Demo⸗ kraten 1 Mandat, außerdem 2 Wilde. In der alten Kammer hatten die Fraktionen folgende Stärke: Zentrum 74, Liberale 67, Bauernbund 7, Sozialdemokraten 5, Konservative 4, Volkspartei 1 und 1 Wilder. Das Zentrum hat also gewonnen 9 Mandate und damit die Mehrheit; die Liberalen haben verloren 22 Sitze, die eigentlichen Bauernbünd ler verloren 2, die Agrarier im preußischen Sinne eroberten von den Liberalen 8 Mandate. Der Gewinn der Sozialdemokratie beträgt 6 Sitze.— Von Interesse ist das Urteil des Dr. Sigl vom„Bgr. Vaterland“ über die Bauern⸗ bündler, weil gerade diese den Dr. Sigl oft zitieren. Sigl schreibt:
„Die kläglichste Rolle werden die Bauernbündler spielen Sie werden ganz bedeutungslos sein, weil sie die Meinung von ihrer Unfähigkeit nicht nur bestätigt, sondern noch weit übertroffen haben. Mit ihnen wird der kommende Land⸗ tag nint mehr rechnen.“
Die bayerischen Bauernbündler haben sich ebenso unfähig im Parlament erwiesen, wie ihre hessischen Gesinnungsgenossen. Schimpfen konnen sie hüben und drüben, damit ist aber im Parlament nichts für die Bauern zu erreichen. Sachkenntnis, Intelligenz und Fleiß sind unent⸗ behrlich in den Landtagen. Davon ist aber bei den antisemitischen Blechschwätzern selbst bei Zuhilfenahme von Röntgenstrahlen nichts zu entdecken.
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Ueberall Freunde
erwirbt sich die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ schnell. Frisch und leichtverständlich geschrieben appelliert sie an Verstand und Herz des Lesers— im Gegensatz zu den kraft- und saft⸗ losen gegnerischen Blättern, die sich entweder nach „oben“ richten müssen oder direkt auf die Dumm⸗ heit und den Geldsack ihrer Abnehmer spekulieren
Jedermann aus dem Volke ist im Stande, sich durch das Lesen der„Mitteldeutschen Sonntags⸗ Zeitung“ auf dem Laufenden zu erhalten. Frei von allem unnützen Ballast, bringt die „Mitteld. Sonntags⸗Zeitung“ nur das, was wirklich für das schaffende Volk von Interesse ist und was jedermann wissen muß.
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Erhebungen über die Sozialdemokratie.
In der preußischen Monarchie sind kürzlich wieder Erhebungen über den Umfang der Sozial⸗ demokratie auf dem platten Lande veran⸗ staltet worden. Die Gemeindevorsteher hatten zu diesem Zweck bestimmte Fragen über die Beteiligung der Einwohner an der sozialdemo⸗ kratischen Partei, ihren Versammlungen, ihren Vereinen ꝛc. zu beantworten. Zu unserer großen Freude haben dann wohl die Gemeindevorsteher in den Gießen benachbarten preußischen Orten Gleiberg, Krofdorf, Launsbach und Wißmar berichten müssen, daß die Sozialdemokratie riesige Fortschritte macht.
Kein Schandgesetz.
Das Münchener Schöffengericht hat mehrere Sozialdemokraten wegen groben Unfugs zu je 20 Mark Geldstrafe verurteilt, weil sie in Versammlungen die Zuchthausvorlage ein Schandgesetz nannten. Das Gericht sagt ausdrücklich, man müßte ein besonderes Ge⸗ setz schaffen, um eine derartige Beschimpfung gesetzgebender Faktoren bestrafen zu können, wenn man nicht dem Grobe Unfug-Paragraphen die weitgehende Auslegung gäbe. Das ist, so meint die„Frkf. Ztg.“, eine richterliche Auf⸗ fassung, gegen die protestiert werden muß. Da⸗ nach soll der Paragraph extensiv ausgelegt werden, um etwas bestrafen zu können, was vom Gesetz nicht unter Strafe ge— stellt ist. Das ist eine Sache, die den Richter absolut nichts angeht. Er hat nichts weiter zu thun, als das bevorstehende Gesetz anzu⸗ wenden. Ob das Gesetz eine Lücke enthält oder nicht, hat ihn als fungierenden Richter gar nicht zu tangieren. Damit kann er sich als Staatsbürger beschäftigen. Der Richter hat nur nach dem Thatsächlichen zu erkennen. Wo⸗ hin kommen wir, wenn die Richter Gesetzgeber spielen? Das Argument des Münchener Schöffengerichts beruht auf dem Streben, um⸗ zuschauen, wo und wie man strafen kann. Das ist das Ideal einer Rechtspflege nicht. Die Konsequenz des Münchener Urteils ist einfach das Verbot jeder scharfen Kritik und Polemik gegen gesetzgeberische Pläne. Als ob die letzteren nur für die Regierungen und nicht in erster Linie für das Volk von Bedeutung wären. Das Münchener Urteil geht wohl von der An⸗ schauung aus, daß, indem man eine Vorlage d. h. ein vorläufiges Elaborat ein Schand⸗ gesetz nennt, Leute beunruhigt werden können. Aber warum spricht es nicht von der Beunruhigung, in die Millionen von Deutschen durch die Vorlage selbst ver⸗ setzt worden find? Warum beachtet es nicht, daß das scharfe Wort„Schandgesetz“ von dieser Beunruhigung diktiert und eine Abwehr dieser Beunruhigung ist? Dieser Gegensatz allein zeigt schon, daß eine Anschauung, wie sie das Münchener Urteil bekundet, eine Verirrung be—
deutet! Sozialistische Polizei.
Bürgermeister Buls aus Brüssel hat den vernünftigen Plan gefaßt, bei Straßenaufzügen und Volksdemonstrationen der Arbeiter der sozialdemokratischen Partei die Sorge für die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu überlassen. Darob ee unserer Sozialistenfresser. Die Sozialisten als Ord— nungspartei anerkannt! Das ist unseren Um⸗ stürzlern von oben natürlich ein undenkbarer Gedanke. Herr Buls ist aber durch das Zeter⸗ geschrei nicht irre gemacht worden. Wie der „Peuble“, unser Brüsseler Parteiorgan, berichtet, finden förmliche Verhandlungen statt und die Angelegenheit befindet sich auf dem Wege end— gültiger Regelung. In Amerika ist beiläufig wiegerholt schon die sozialistische Partei bet öffentlichen Aufzügen, Arbeiter-Manifestationen u. s. w. von der Polizei zur Aufrechterhaltung der Ordnung eingeladen worden. Wird es unseren Recke und Puttkamer nicht rot vor den Augen? a
Auf einem toten Punkt
ist nach Herrn Liebermann von Sonnenberg, der es doch wissen muß, die antisemitische Bewegung angekommen. Er schreibt in den deutschsozialen Blättern:„Es unterliegt keinem
Zweifel, und es wäre thöricht, wenn man sich in unseren Parteikreisen darüber einer Selbst⸗
täuschung hingeben wollte, daß die große natio⸗
nale antisemitische Bewegung im deutschen Reiche augenblicklich auf einem toten Punkte angekommen ist, der überwunden werden muß.“ Diesem sachkundigen Urteile wird man nur den Wunsch hinzufügen können: Sie ruhe sanft! Die bezahlten Agitatoren
spielten seit jeher in dem Hetz⸗ und Schimpf⸗ resister unserer modernen Innungsschwärmer eine große Rolle, wenn es galt, den Organi⸗ sa ionen der Arbeiter eins am Zeuge zu flicken. Um so interessanter ist es, die Herrn Innungs⸗ Agitatoren an der Hand ihrer eigenen Kassen⸗ berichte auf ihre„uneigennützige“ Thätigkeit für die Innungen, aufmerksam zu machen. Vor uns liegt der Rechenschaftsbericht der Tischler⸗ Innung zu Berlin, welche zur Zeit einen Mit⸗ gliederbestand von 1124 Meistern und 233 Witwen hat. Nach dem Bericht über das Etats⸗ jahr 1898—99 bezogen die beiden Obermeister der Innung eine„Entschädigung“ von 1600 Mark, der erste Obermeister ferner eine Miets⸗ entschädigung von 300 Mark, die Kassierer eine Tantieme von 439.64 Mark, der erste Ober⸗ meister für Ausschreibung der„Lehrbriefe“ 86.50 Mark, die Prüfungskommission eine Ent⸗
schädigung von 1258.86 Mark, der erste Ober-
meister und erste Schriftführer ferner eine „Gratifikation“ von zusammen 650 Mark. Endlich weist der Bericht nach, daß an die Vorstandsmitalieder„für Agitation zur Zwangs⸗ Innung“ 1387 Mark, an Repräsentationskosten beim Tischlertag 375 Mark und für„Recher⸗ chieren der Lehrlinge“ 285.50 Mark ausgezahlt worden sind. Das ergiebt zusammen an Ent⸗ schädigungen, Gratifikation, Tantiemen, Re⸗ präsentations- und Agitationskosten ꝛc. eine Ausgabe von 6383.50 Mark. Es entfallen so⸗ mit von diesen persönlichen Unkosten auf jeden der 1124 Innungsmeister 5.57 Mark. Dabei betrug die Gesamteinnahme der Innung im Be⸗ richtsjahre 12.099.98 Mark, die Gesamtausgabe 11.662.70 Mark. Weit über die Hälfte aller Einnahmen sind demnach für persönliche Ent— schädigungen an die Agitatoren der Innung ge⸗ zahlt worden. Ganz beachtliches Agitations— material. Gegen die Gewerbegerichte.
Vernünftiger- und berechtigterweise hatte das Berliner Gewerbegericht— Arbeitgeber und Arbeitnehmer— sich gegen die Zuchtlausvorlage ausgesprochen. Das paßt natürlich dem König Stumm nicht und seine Redakteure in der„Post“ müssen nun gegen die Gewerbegerichte hetzen. Sie verlangen eine Einschränkung ihrer Zu⸗ ständigkeit und ein nach rückwärts zu revidieren⸗ des Wahlverfahren. Die Bescheidenheit selber!
Aus dem Junkerparadies.
Wenn wir behaupten, daß es hauptsächlich die brutale, menschenunwürdige Behandlung ist, die die Landarbeiter aus Ostelbien wegtreibt, dann bezeichnen das die Agrarier und ihre antisemitischen Söldlinge in den Zeitungen als sozialdemokratische Lüge und Uebertreibung. Ja, lelbst ein freisinniger Abgeordneter, der Gutsbe⸗ sitzer Bräsicke, der den Kreis Tilsit im Reichs⸗ tag vertritt, nahm dort Gelegenheit, den Agra⸗ riern in dieser Frage beizupflichten, was ihm das Lob des bekannten Herrn von Klinkowström einbrachte. Sicherlich hat ja der Leutemangel dazu beigetragen, daß an einzelnen Stellen die Arbeiter jetzt etwas besser behandelt werden als früher, aber meist kommen da auch nur die jungen Leute in Betracht, von denen man fürchtet, daß sie fortgehen könnten. Die alten Leute aber, die nicht mehr fortgehen können, behandelt man nach wie vor mit der größten Rücksichts⸗ losigkeit, man läßt es sie bei jeder Gelegen⸗ heit fühlen, daß sie dem Gut eine Last sind. Sie sind daher noch am meisten den Rohheiten ihrer Gebieter ausgesetzt. So wird unserem ostpreußischen Bruderblatt ein Vorfall, der sich
in Nesselbeck, Kreis Königsberg, abspielte,
berichtet, der beweist, welchen Brutalitäten ein alter Landarbeiter ausgesetzt ist. Dort hatte
der 64 jährige Kuhhirk mit anderen den Auftrag erhalten, das Vieh erst trocken, dann
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