22 —
Nr. 30.
Gießen, Sonntag, den 23. Juli 1899.
6. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
285
Mitteldeutsche
Auntags⸗Zeitung.
Redaktions schluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
2
Ab onnemeutspreis:
9
Weltpolitik.
V. Es giebt Weltpolitik und Weltpolitik. Was man bisher so nannte, das war die Poli— lik der Welteroberung und der Weltausraubung.
Die massenmordenden Despoten des Alter— tums und Mittelalters: die Cyrus, Alexander, Cäsar,— die Tamerlan und Dschingiskan baren große Weltpolitiker. Zu Anfang dieses Jahrhunderts war Napoleon Weltpolitiker. Und Weltpolitik ist Jahrhundertelang betrieben worden von dem Römerreich, das davon berfault ist, und wird in der Gegenwart be— krieben von zwei Staaten: England und sußland. Allerdings von beiden in entgegen⸗ 1 175 Geist, mit entgesetzten Zielen. In
ußland die Weltpolitik des Despotis⸗ mus, sich stützend auf die Knechtschaft des Volkes, wie das Römerreich auf die Sklaverei und darum die gleichen Folgen schon zeigend: die Symptome der Zersetzung. Das erinnert uns an ein anderes Weltreich, das über ein Jahrhundert geblüht hat, und dann, nach jahr⸗ undertelangem Siechtum, vor unseren Augen usammengebrochen ist: Spanien, dieses stagischste Opfer der Weltpolitik, das, von der fatkur und vom Glück begünstigt wie kein weites Reich der neueren Geschichte, deshalb zu
e„
N
N
r
bun runde gehen mußte, weil es nicht begriff, daß lieber s nur zwei gesunde Grundlagen der Staaten 1 siebt: Freiheit und Arbeit.
rf. Das zweite der beiden Weltreiche der Gegen⸗ er ch] bart hat diese beiden Grundlagen. In keinem perl⸗ bande der Welt herrscht mehr politische Frei⸗ dual] seit, in wenigen so viel.
Und das englische Weltreich ist nicht im en in] Fberfall— wie seine Feinde, voran die deutsche n zunkergesellschaft, uns Tag für Tag vorreden. ** England ist ein Weltreich, und muß als alches eine Weltpolitik haben. Allein dieses de- Geltreich ist in eine innere Krise geraten. Seit
˖ mem Menschenalter und mehr drängen die lat. berhältnisse zu dem logischen Schluß, daß die fügt, a Froberung das schlechteste Mittel ist zur Ge⸗ hneide binnung von Macht und Reichtum, daß 3. B. dea e Vereinigten Staaten von Nord⸗Amerika mer 9 kngland hundertmal mehr Vorteile bringen, abu als weiland die englischen Kolonien von Nord⸗
merika— und daß die beste Weltpolitik ist: „ ßreiheit im Innern und Friede nach — lußen. Wohl hat dieser Gedanke noch nicht
en Sieg erfochten, er gewinnt jedoch stets heitere Kreise und ist bereits ein Faktor, mit N sem die englische Regierungspolitik zu rechnen
ö hat 5 MWMWas sich in Deutschland die„Weltpoli⸗ it“ nennt, ist die reine Kinderei! 5 bu, Wir bauen Schiffe, fahren Volldampf vor⸗ Nachf. us! ins blaue Meer, suchen teleskopisch und Uikroskopisch nach Inselsplittern, die noch nicht Altdeckt sind, ziehen die deutsche Flagge über Sümpfen und Sandwüsten auf, die kein Mensch put haben will, und schreien triumphierend in le Welt: wir sind Weltpolitiker— wir haben ll ine Kolonialpolitik! ö Was diese Weltpolitik der ug des lünderraubes oder Länderkaufes in Wirklichkeit fl. was sie für die Menschheit, für die Kultur z leisten vermag— das lehrt uns der Hokus⸗ kus, welchen die Herrn Weltpolitiker uns seit tigen Monaten im Haag verspielen. Nicht
—
1 Pfund
Bestelluugen
einmal auf dem Papier haben sie den uralten Plan vom Schiedsgericht in präsentable Gestalt bringen können. Ein Schiedsgericht, dem sich nur der zu fügen hat, der von vornherein keinen Krieg führen will oder kann— das Lichten⸗ bergsche Messer ohne Stiel und Klinge. Wahr⸗ haftig, wenn der schwedische Staatsmann Oxenstierna seinem Sohne in einer besonderen Lektion hätte veranschaulichen wollen, mit wie wenig Verstand regiert wird, er hätte nichts Besseres thun können, als diesen Haager Friedenskongreß zu veranstalten. So klar ist die Unfähigkeit der Staatsregierer-Zunft den Völkern niemals gemacht worden!
Während die Weltpolitik der Welt- politiker sich im Haag theorrtisch und in allen Teilen der Welt praktisch als unfähig zum Guten und fähig mir zum Schlechten bekundet, treibt das internationale und sozialdemokratische Proletariat praktische und theoretische Weltpolitik, die das Gegenteil ist von dem, was man heutzutage Weltpolitik nennt. Ueberall in allen Ländern die gleiche Politik: Politik des Friedens und der Freiheit. In England wo ein Teil der regierenden Sippe jetzt einen schmählichen Krieg zu entzünden bemüht ist, fällt die Weltpolitik der Aberter den Verbrechern in die Arme. Mächtig erhebt sich der Protest des englischen Proletariats gegen den Kriegs⸗ spekulanten Chamberlain; und unser Londoner Partei⸗Organ, die„Justice“, hat recht: fügt Chamberlain sich nicht gutwillig, so wird der Volkszorn ihn zwingen.
Das bischen Protest der liberalen Bürger will nichts besagen; den Millionen der englischen Arbeiter läßt sich nicht ungestraft trotzen. Und schon vor 40 Jahren, als die englische Oligarchie — die bevorrechteten oberen Zehntausend— mit den vereinigten Staaten zur Erhaltung der Sklaverei Krieg anfangen wollte, war es der zornige Protest der englischen Arbeiter, der den Krieg verhinderte, wie Marx in einer seiner Denkschriften für die Internationale Arbeiter⸗
association so beredt dargelegt hat. Das war schon Weltpolitik— Weltpolitik des Proletariats.
Als vor einigen Monaten derselbe Chamber⸗ lain zum Krieg mit Frankreich hetzte, waren es die sozialdemokratischen Arbeiter Frankreichs und Englands, die durch ihren Massenprotest dem Krieg vorbeugten.
Das war Weltpolitik der Proletariats.
Und die Arbeiter Deutschlands und Italiens, die sich der sogenannten Kolon ial⸗ politik mit aller Kraft widersetzen und dadurch für die Erhaltung des Friedens unter den Völkern wirken— sie treiben Weltpolitik.
Und die Arbeiter Oesterreichs, die das zerfallende buntscheckige Reich auf dem Bo den der Freiheit und Gleichberechtigung aller Natio nen und aller Staatsangehörigen zu verjüngen und 1 zu begründen streben— sie treiben Welt⸗
olitik. 0 Und welche von beiden Weltpolitiken ist die bessere? Welche weitsichtiger und schöpferischer?
Welche von beiden bringt der Welt den Krieg?
Und welche den Frieden?
Welche dient der Barbarei?
Und welche fördert die Kultur?
Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. ch] Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33 s½% und bei
2 Juserate
Die„Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung“ kostet durch unseres nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt dur die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.
Bei mindeste ns
mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt
Die pfäffischen und nicht pfäffischen Zeloten aber, die der internationalen Sozialdemokratie vorwerfen, sie wolle alles zerstören, was der Menschheit heilig und wert sei, erinnern wir au das stolze Wort, das der Canadier unseres Seume aussprach:
„Wir Wilden sind doch bessere Menschen.“
politische Nundschau.
Gießen, den 21. Juli.
Die Vielumworbenen.
Unsere Parteigenossen in Bayern sahen sich in der kritischen Lage, heiß umworben zu werden von all den Parteien, von denen sie sonst als Ausgeburten der Hölle verdammt werden. Während noch die Liberalen gegen das Zentrum wüteten, weil es mit der Sozialdemo⸗ kratie bei den Landtagswahlen einen Bund ge— schlossen habe, mußten sie an ihren eigenen Parteileuten dasselbe Fürchterliche erleben. Im Wahlkreise Zweibrücken-Pirmasens stauden 101 Zentrumswahlmänner 102 liberalen Wahl⸗ männern gegenüber und nur zehn sozial⸗ demokratische Wahlmänner gaben den Aus⸗ schlag. Das Zentrum sieht sich nun genötigt, unserer Partei von den drei Mandaten eines zu überlassen. Was sollen die Liber alen beginnen? Da findet sich im„Pirmasenser An⸗ zeiger“ folgender Aufruf:
„Ein Handelsgeschäft macht das Zentrum mit den Sozialdemokraten, indem es ein Mandat den„Roten“ zugesteht und zwei „schwarze“ Mandate erobert. Resultat: Ver⸗ mehrung der Zentrumsmajorität im Land⸗ tag um zwei Sitze. Wie wäre es nun, wenn die Liberalen das Handelsgeschäft mit den Sozialdemokraten machen würden? Sie müßten natürlich mehr bieten, also zwei rote Mandate und ein liberales. Resultat: Vermin derung der Zentrumsmajorität im Landtag um zwei Sitze. Wir empfehlen den liberalen Wahl⸗ männern dieses einfache Rechenexempel zur Ueberlegung. Gefühlspolitik ist keine Politik. Man muß im politischen Handwerk mit den gegebenen Thatsachen rechnen. Die Sozial- demokraten find nun einmal leider nach dem Ausfall der Urwahlen das Zünglein an der
5
TTVTTVTT—..——̃̃—
Diesen Gestell-Zettel
bitten wir entweder an einen unserer Austräger abzugeben oder an die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, einzu enden.
Ich bestelle hiermit die
Mittel deutsche Sonntags-Zeitung.
—.] ³r rr% ˙⅛mÜm-ůpa. ̃ ͤ æEP m 2
5 g
Neu hinzutretenden Abonnenten liefern wir den Anfang d. Erzählung„Michael Kohlhaas“ nach.
erer re ee 0


