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Seite 2.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 17.
den Vereinen beizutreten, und auf diese Weise den Kreis der Versicherten erweitert. Die Hagelversicherung ist staatlich zu organi⸗ sieren, wie es in Bayern und Baden schon in gewissem Maße eingeführt ist. Die staatliche Organisation ist erforderlich, weil Oertlichkeiten, die besonders vom Hagelwetter heimgesucht werden, unter den hohen Prämien, welche sich die Privatgesellschaften zahlen lassen, zu leiden haben. Staatlicher Versicherungszwang beugt bei einem verheerenden Hagelschlag der Not— wendigkeit vor, daß der Staat zur Linderung der allgemeinen Not herangezogen werden muß, was, wie bei den letzten Hochwasserschäden, in nur ganz unzureichendem Umfange geschieht. Weil die Privatversicherung in Fällen der Not versagt, ist die staatliche Hilfeleistung gerecht⸗ fertigt, denn sie nimmt dem Staat die Kosten der außerordentlichen Hilfsaktion ab.
Dem landwirtschaftlichen Genossenschafts⸗ wesen steht die Sozialdemokratie sympathisch gegenüber, denn es ist ein kräft ges Mittel der ökonomischen Entwickelung. Die gleiche Stellung nimmt sie gegenüber der fachlichen Bildung ein. Es gilt die lag e nd Bildung über das Maß der Volks⸗ und Fortbildungsschule hinaus in jeder Weise zu fördern durch Ein⸗ führung und Verbesserung der landwirtschaft⸗ lichen Mittel⸗ und Hochschulen, der landwirt⸗ schaftlichen Laboratorien und Versuchsstationen, durch Anlegung von Musterwirtschaften und dergleichen mehr. Elenchus.
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Politische Rundschau.
Gießen, den 21. April.
Komödie in Permanenz.
Auf der Abrüstungs konferenz soll, wie dem„Berl. Tagebl.“ aus Petersburg berichtet wird, russischerseits der Vorschlag gemacht wer⸗ den, die Friedenskonferenz als cinen offiziellen „Friedenskongreß“ alle zwei oder drei Jahre in einer der europäischen Residenzen zusammen⸗ treten zu lassen, bis man sich über eine feste internationale Gesetzgebung gegen den Krieg
eeinigt haben werde.— Mit dem einen sicheren Fiasko in Haag werden voraussichtlich alle Teile genug haben.
Die Samoa⸗Hetze ist aus.
Die„alldeutschen“ Hanswürste und die junkerlichen Nimmersatte habe wieder eine Hoff⸗ nung zu Grabe tragen müssen. Wie hübsch hatten die letzteren doch kalkuliert: Gerät Deutschland mit den Vereinigten Staaten wegen der Samoainseln in Krieg, so würde zwar bei der Uebermacht der amerikanischen Flotte die deutsche Flotte, auch wenn England nicht auf Seiten Amerikas stände, den Kürzeren ziehen, Deutschlands Seehandel würde lahmgelegt sein, aber die Kornpreise würden steigen, enorm steigen, denn zur See würde kein Korn mehr nach Deutschland hereinkommen, die Zu⸗ fuhr aus Osteuropa könnte nur schwer den Ausfall ersetzen und die Agrarier könnten Monopolpreise für ihre Produkte festsetzen. Eine solche Aussicht auf glänzende Profite wäre diesen Edelsten der Nation, diesen Patrioten mit Ar und Halm schon die schwere Schädigung alles sonstigen Wirtschaftslebens in Deutschland wert. Und nun wird's nichts mit dem Krieg trotz der famosen Rede des Reichstagsabgeord⸗ neten Dr. Lehr, der Ende voriger Woche im Reichsiag seine Parteigenossen, die
Nationalliberalen, unsterblich blamierte.
Dr. Lehr, der nationalliberale„Alldeutsche“,
begründete die von allen Parteien— mit Aus⸗ nahme der Sozialdemokratie, welche so alberne Kinde eien grundsätzlich nicht mitmacht— untel⸗ Fe Anfrage an die Regierung über die Zorgänge in Samoa. Er redete dabei so ein⸗ ger und dummes Zeug, daß ihn ein bier⸗ eliger Student des ersten Semesters schwerlich hätte übertreffen können. Während der un⸗ geschickte Dr. Lehr redete, soll seinen national⸗ liberalen Parteifreunden der Angstschweiß aus⸗ gebrochen sein.
Herr v. Bülow, der Staatssekrekär des Auswärtigen, kühlte den Dy. Lehr gebvörig ab,
er legte die Dinge, welche sich auf Samoa ab⸗ gespielt haben, klar und gab seiner Ueberzeugung dahin Ausdruck, daß es im schlimmsten Grade ruchlos wäre, wenn drei große gesittete Na⸗ tionen wegen einiger Inseln iu der Südsee, die von zusammen 30000„Wilden“ und 1500 Europäern bewohnt sind, einen Krieg beginnen würden. Alle nachfolgenden Redner schüttelten den Kriegstrompeter Lehr ab. Für unsere Partei besorgte das in gründlicher Weise Gen. Liebknecht.
Der zerzauste Nationalliberale.
Sogar die nationalliberale„Kölnische Ztg.“ mißbilligt aufs schärfste die Samoa⸗Rede des Abg. Dr. Lehr und macht für dessen Auf⸗ treten auch die nationalliberale Fraktion, wie folgt, verantwortlich:„Das schlimmste Urteil aber fällten gegen ihn seine eigenen Partei⸗ freunde, die Nationalliberalen, die sehr zahlreich zur Stelle waren und aus deren Reihen nicht ein einziger sich veranlaßt sah, dem so arg zerzausten Fraktionskollegen zu Hilfe zu eilen. Wir halten es im Interesse der Fraktion, in dieser Hinsicht mit unserer Meinung nicht zurückzuhalten. Die schwere Nieder- lage, die sich Dr. Lehr heute zugezogen hat, fällt leider auch auf die Fraktion zurück, sie hatte genug erfahrene und ruhigere Wort⸗ führer ins Feld zu senden, und wenn sie mit dieser wichtigen Aufgabe einen Neuling beauf⸗ tragte, von dem Ausschreitungen von vorn⸗ herein vorausgesehen werden konnten, so hat sie damit einen Mangel an Vorsicht und Voraussicht bekundet, von dem wir dringend wünschen, daß er sich nicht wieder erneuern möchte.“ i
Derartige Notizen druckt das Gießener Rep⸗ tilchen dem großen Reptil am Rhein nicht nach. Anders wäre es, wenn es sich um eine Bomben⸗ schwindelnottz aus Afrika, um eine Schwindel⸗ notiz über„sozialdemokratische“ Konsumveretne oder ähnliche Dinge handelte.
Ein Kulturwerk.
Das preußische Abgeordnetenhaus hat sich fünf Tage lang mit der großen Kanal⸗ vorlage beschäftigt, die einen Wasserweg zwischen Rhein und Elbe herznstellen be⸗ zweckt. Schon seit Monaten haben die Agrarier in ihrer Presse die heftigste Agitation gegen die Vorlage entfaltet, die Herren, die ja einen sehr feinen Instinkt haben, wenn ihre Interessen bedroht find, fürchten, daß der Kanal infolge der billigen Frachten eine Verbilligung der Lebensmittel herbeiführen wird, und da das allgemeine Interesse ihnen nichts gilt, da sie stets und ständig nur darauf bedacht sind, ihre eigenen Taschen auf Kosten der Bevöl⸗ kerung zu füllen, so haben sie natürlich von diesem Standpunkt aus alle Veranlassung, gegen die Kanalvorlage Stellung zu nehmen. Anderer⸗ seits sind die Nationalliberalen, als Vertreter des Großkapitals, eifrig darauf bedacht, das Projekt zu fördern, und so ist es denn bei diesem Widerstreit der Interessen zu heftigen Debatten zwischen den beiden Parteien gekom en, die das Nationalgefühl in Erbpacht genommen zu haben glauben.— War die Rede des Ministers Thielen, der die Vorlage mit dem Hinweis darauf empfahl, daß die Eisenbahnen zur Be⸗ wältigung des gesteigerten Verkehrs nicht aus⸗ reichen, rein sachlich gehalten, so verstieg sich der erste Redner des Hauses, Graf Kanitz, zu einem heftigen Angriff gegen die Reglerung, die es wagt, einmal ein Kulturwerk zu errichten. Dem Herrn Grafen ist selbst die jetzige Re⸗ gierung nicht agrarisch genug gesinnt, er jammerte in bekannter Manier um die Not der Land⸗ wirtschaft, die Leutenot und namentlich die Handelsverträge, und verlangte rundweg die
Ablehnung der Vorlage, obgleich der Regierungs⸗
vertreter ausdrücklich erklärt hätte, daß seit der Verstaatlichung der Eisenbahnen kein Gesetz⸗ entwurf von solcher Tragweite dem Haufe zu⸗ gegangen sei. Die Vorlage wurde einer Kom⸗ mission von 28 Mitgliedern überwiesen. Wahr⸗ scheinlich wird sie dort ein stilles Begräbnis finden, handelt es sich doch um ein Kultur⸗ werk, nicht um Mordwaffen oder Liebesgaben für die Greß pundbestber.
Die Provinz Berlin.
Unser Zentralorgan, der„Vorwärts“, be.
richtet: Es ist nicht etwa eine scherzhafte Er⸗ findung, sondern Thatsache, daß man in
Botschafter⸗Kreisen als unbedingte Wahrheit
erzählt, daß der Oberbürgermeister Kirschner
die kaiserliche Bestätigung überhaupt nicht er⸗ 1 Der Kaiser habe die Absicht
halten werde. ausgesprochen, aus Berlin und dem gesamten Vorortgebiet eine besondere Provinz zu machen. Alsdann solle ein Oberpräsident an die Spitze des ganzen Gebietes gestellt werden, während jedem einzelnen Distrikt ein Regie⸗ rungsrat als Oberhaupt beigegeben würde. Zur Verwirklichung dieses Planes bedürfe es natür⸗ lich der Zustimmung des Landtages und des⸗ halb solle eine dementsprechende Vorlage dem Landtag noch in dieser Session zugehen. Man glaube an maßgebender Stelle, daß der Landtag für eine derartige Vorlage jetzt reif sei.
Berlin als„Provinz“— das hieße: die Selbstverwaltung der Reichshauptstadt aufgeben und die Oberleitung einem von der Regierung ernannten und auch abhängigen Oberpräsidenten übergeben. Das könnte gut werden, wenn die Millionenstadt einem Herrn von Köller oder von Puttkamer ausgeliefert würde.— Die Scharfmacherorgane finden an dem Plane gar nichts schlimmes und daß das preußische Ab⸗ geordnetenhaus der Regierung etwas ablehnen würde, wenn sie ernstlich darauf besteht, ist ganz ausgeschlossen.
Die„freie“ Wissenschaft.
Nachdem die Vorverhaudlungen abgeschlossen sind, soll nach einer Meldung der„Kreuz⸗ zeitung“ das Disziplinarverfahren gegen den sozialdemokratischen Privatdozenten Dr. Arons unter einstweiliger Suspension der Erlaubnis zum Halten von Vorlesungen an der Berliner Universität eröffnet worden sein. Dr. Arons liest über die schwierigsten Probleme der Physik.
Bezeichnend für den bisherigen Gang des Verfahrens ist es, daß dem Verfolgten keine Gelegenheit gegeben worden ist, sich zu äußern. Unterrichtsminister und Fakultät haben über das Opfer verhandelt, ohne es zu hören; und plötz⸗ lich erfährt dann Arons durch die Zeitung, daß das Disciplinarverfahren gegen ihn einge⸗ leitet worden ist.
Was ist nun inzwischen geschehen? Wie ist die Gefährlichkeit der Vorlesungen des Berliner
Gelehrten über Pyysik begründet worden? Wie
vor allem hat das Gutachten der philosophischen Fakulät gelautet, die vor Einleitung des Ver⸗ fahrens gehört werden muß? Hier liegt für den weiteren Verlauf der Sache das interessanteste Moment der ganzen Angelegenheit. Hat bisher eine philosophische Fakultät in Deutschland sich dazu hergegeben, einem Kultusminister von den Qualitäten des Herru Bosse im Kampfe gegen die Lehrfreiheit Dienste zu leisten? Zu fürchten ist, daß sie es beteits gethan hat. Wird sse
nun weiterhin als erste Justanz ihr Erkenntnis
gegen die Lehrfreiheit abgeben? Zu fürchten ist, daß sie auch dies thun wird.
Die Mitglieder der philosophischen Fakultät der ersten deutschen Universität haben nun Ge⸗ legenheit, zu zeigen, ob 1 Rückgrat genug be⸗ sitzen, sich gegen den Geist zu wehren, der ihre Lehrfreiheit völlig zu vernichten droht. Fällt ihr Urteil im Sinne des Herrn Bosse aus, dann erweist sich alles professorale Gerede von Wah⸗ rung der Lehrfreiheit als leeres Gewäsch. Dann erniedrigt sich die Berliner Fakultät zur Sklavin der schwärzesten Reaktion.
Die bürgerlichen„Sozialreformer“ haben an einige Mitglieder der sozialdemokra⸗ tischen Fraktion und einzelne hervorragende Parteigenossen Einladungen zu einer Konferenz gesandt, die sich mit der Gründung eiter inter⸗
nationalen Gesellschaft für den Fortschritt der Arbeiterschutzgesetzgebung beschäftigen soll. Die Einladung ist unterzeichnet von dem ehemaligen
Minister Berlepsch und einer Anzahl katheder⸗ sozialistischer Professoren. Die Fraktion hat
dazu Stellung genommen und beschlossen, von einer Befolgung der Einladung abzusehen und den Nichtbesuch zu empfehlen. Wir begrüßen diesen Beschluß. Die Sozialdemokraten aller zivilisierten Länder sind einig in der Forderung
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