Ausgabe 
22.10.1899
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

ein Nachwuchs, der bar ist allen idealen Strebens und aufgeht in ödester Genußsucht auf der einen, und den Vertretern des klassenbewußten Prole⸗ tariats, der geknechtetsten und gedrücktesten Klasse unseres Volkes, auf der andern Seite, Männer, die in ruhiger Weise, durchglüht vom Feuer edelster Begeisterung, eine Debatte über die ernstesten die Menschheit bewegenden Probleme führen. Wo ist die Klasse, die Partei, die uns das nachmachen, die auf ihrem Kongreß eine Debatte auch nur von ähnlicher Höhe des Niveaus zu stande bringen könnte? Wahrlich: Ein Blick in den Saal des Justtz⸗ palastes zu Moabit und dann ein Blick in den alten Ballhaussaal zu Hannover muß jedem noch Zweifelnden die Gewißheit darüber geben, auf welcher Seite hier die größere Reife ist. Durch diese prächtige Gegenüberstellung hat Wilhelm Liebknecht sich ein Verdienst erworben, und mit Bebel rufen auch wir ihm zu: Das hast Du gut gemacht, Alter!

Die blamierten Freisinnigen.

DieDeutsche Wacht schreibt:Alsnichts⸗ würdiges Wahlmanbver waren von der Freis. Ztg. jene Inserate mit der Unterzeichnung: Die Wahlausschüsse der Freisinnigen Volks⸗ partei für Neustadt und Langburkersdorf in den Blättern des 8. sächsischen Reichstagswahl⸗ kreises vor der Stichwahl bezeichnet worden. Wir haben schon damals unsere Ansicht ge⸗ äußert. Heute können wir nun auf Grund uns zugegangener Mitteilungen feststellen, daß jene Inserate unter Zustimmung des freisin⸗ nigen Blumenfabrikanten Sch. verfaßt worden sind. Dieselben sind dann dem Vorsitzenden des Frelsinnigen Vereins in Neustadt, Herrn Max Ehlig, vorgelegt worden und hat dieser den Inhalt vollständig gebilligt.

Die Mache ist also von den Antisemiten angestiftet worden und hat die ausdrückliche Zustimmung freisinniger Führer ge⸗ funden. Die Freisinnigen im Wahlkreise Pirna sind demnach noch schäbiger wie die Antisemiten.

Neureichsdeutsche Rechtsprechung

Das Abpflücken von Maiglöckchen ist als Forstdiebstahl zu betrachten so hat die Strafkammer zu Graudenz in einer Strafsache gegen eine Einwohnerstochter in Wiewiorten entschieden. Während einer Haus⸗ suchung hatten Forstbeamte bei dem Mädchen Maiglöckchen gefunden und erstatteten Anzeige wegen Forstdiebstahls! Während nun das Schöffengericht die Angeklagte freisprach, ver⸗ urteilte sie die Strafkammer, indem sie entgegen der Auffassung der Vorinstanz annahm, daß Maiglöckchen nicht zu den Kräutern, son⸗ dern zu den Walder zeugnissen, bezw. zur Schilfstreu zu rechnen seien!! Die Ange⸗ klagte wurde zu 2 Mark Geldstrafe oder zwei Tagen Gefängnis verurteilt und muß außerdem den Wert des gestohlenen Gutes 7 Pfennige für ein Zehntel Raum⸗ meterSchilfstreu zurückerstatten. Armer Rabbi Ben Akiba, was bist du auf dem Holz⸗ weg gewesen, als du die Behauptung aufstelltest, es ist Alles schon einmal dagewesen!

Für zweierlei Recht!

Mit einer Unverfrorenheit, wie sie bis jetzt doch wohl kaum dagewesen ist, tritt das ehe⸗ malige Leibblatt des verstorbenen Fürsten Bis⸗ marck, dieHamburger Nachrichten für zweierlei Maß in der Rechtsprechung ein, je nach der politischen Stellung des Angeklagten. Mit cynischer Offenheit schreibt das Blatt:

Wenn ein Sozialdemokrat, also ein Todfeind der Monarchie, wegen Beleidigung des Kaisers verurteilt wird, oder wenn ein wüster Demokrat in seiner revolutionären Begierde den Monarchen beleidigt und einen Denunzianten findet, so braucht man sich über die Verurteilung nicht weiter aufzu⸗ regen.

Das Blatt war derEhre würdig, das Leibblatt des Fürsten Bismarck zu sein, der die Arbeiterschaft Deutschlands 12 Jahre lang unter ein Ausnahme gesetz knebelte, also das

Zur Zuchthaus vorlage.

Auf unserem Parteitage ist beschlossen worden, daß der Kampf gegen das schmachvolle Aus⸗ nahmegesetz sofort mit allen Kräften von neuem aufzunehmen ist. In wenigen Wochen tritt der Reichstag wieder zusammen. Die wichtigste ihn beschäftigende Aufgabe wird die zweite Lesung der Zuchthaus vorlage sein. Das Unter⸗ nehmertum ist im Bunde mit der Regierung unaufhörlich an der Arbeit, durch offene und geheime Agitation sowie durch politische Koulissen⸗ manöver den Boden zu bereiten für die An⸗ nahme jenes unerhörten Gesetzes, durch das der Arbeiterklasse das Koalitionsrecht geraubt, durch das sie rechtlos gemacht, durch das sie im wirtschaftlichen Kampfe außerhalb des Gesetzes gestellt werden soll. 1

Arbeiter! Parteigenossen! Gefahr ist im Verzuge! Alle Mann auf Posten zum Kampf gegen das Ausnahmegesetz! Den hessischen Ar⸗ beitern bietet sich am 8. November, am Tage der Wahlmännerwahl, treffliche Gelegenheit, Protest zu erheben gegen das drohende Aus⸗ nahmegesez. Die Wahl von Sozial demo⸗ kraten ist der beste Protest gegen das Zucht⸗ hausgesetz, demgegenüber die National⸗ liberalen und Antisemiten eine gleich igen Haltung eingenommen aben.

Bassermanu und das Zuchthausgesetz.

Der nationalliberale Abg. Bassermann, der sich bekanntlich im Reichstag energisch gegen die Zuchthausvorlage aussprach, hat dieser Tage eine Rede gehalten, aus der hervorgeht, daß er seine Ansichten inbezug auf das Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter nicht geändert hat. Er führte aus:

Es ist eine große Agitation in diesem

Sommer für die Vorlage entfaltet worden.

Aber sie ist ausgegangen einzig und allein

von der Großindustrie und ihrer Presse.

Ihr Ruf:Schutz den Arbeitswilligen, ist

eitel Heuchelei. Nicht um den Schutz der

Arbeitswilligen handelt es sich, sondern um

den Schutz der höchsteigenen Interessen

und die Pflege ihrer eigenen Macht⸗ bedürfnisse.

Von einem Nationalliberalen gesprochen, klingen diese Worte sehr tapfer. Aber eine, oder sagen wir einige, Schwalben machen noch keinen Sommer. Das ruft jedem, der es noch nicht wissen sollte, mit aller wünschenswerten Deutlich keit die National-Ztg. zu. Dieselbe erinnert den Abg. Bassermann daran, daß schon bei der ersten Lesung der Zuchthausvorlagemin destens die Hälfte der nationalliberalen Reichstagsfraktion der Ueberzeugung war, daßein verstärkter Schutz der Arbeitswilligen notwendig sei. Das heißt, aus dem Nationalliberalen in ehrliches Deutsch übersetzt: Die Mehrzahl der Nationalliberalen ist Feuer und Flamme für ein Zuchthaus gesetz! Ein Wunder, wenn es anders wäre. Waren es nicht Nationalliberale, die die Arbeiter unter das Sozialistengesetz zwangen, auf Grund dessen dann fast alle gewerkschaftlichen Organi sationen zerstört wurden? Waren es nicht die⸗ selben Nationalliberalen, die nach der Umsturz vorlage riefen, nach einer Verschlechterung des Wahlsystems verlangen? Immer dieselben! Und die Ausnahmen Bassermann und Heyl be stätigen lediglich die Regel, die feststehende Regel, daß die nationalliberalen Drehscheibeu männer eine rückschrittliche, volksfeindliche Gesell schaft sind, die das zur Erkenntnis kommende Volk so schnell als möglich aus den Parlamenten herausbefördern muß.

Pastor Göhre.

In der Welt am Montag, demdemokrati schen Organ desNationalsozialen von Gerlach, lesen wir:

Der ehemalige nationalsoziale Pfarrer

Paul Göhre nahm am sozialdemo

kratischen Parteitag vorläufig nur als Zuhörer

hat er den Gedanken, ins Pfarramt zurückzu⸗ gehen, den er in letzter Zeit noch lebhaft er⸗ wogen hatte, endgültig aufgegeben und wird in allernächster Zeit offen zur Sozialdemo

teil. Wie wir jedoch aus bester Quelle hören,

Pastor Göhre ist jener Theologe, der vor Jahren als Kandidat unerkannt drei Monate als Fabrikarbeiter in Sachsen sein Brod ver diente, um aus eigener Anschauung die vielen Leiden und wenigen Freuden eines modernen Proletariers kennen zu lernen. Seine Erfahrungen hat er dann in dem aufsehenerregenden Buche: Drei Monate Fabrikarbeiter geschildert. Paul Göhre hat vor wenigen Monaten in derZu kunft(Mai 1899, Nr. 33) in einem Artikel: Meine Trennung von den Nationalsozialen sich ausführlich über den damals angezeigten Austritt aus der nationalsozialen Gruppe ausgesprochen. Er trennte sich von ihr, weil die Wahlbeteiligung von 1898 und die Haltung bei der Rede von Oeynhausen ihm gezeigt habe, daß die National sozialen einebürgerliche Gruppe geworden wären, und daß derNationalismus für sie ge radezu oberstes politisches Prinzip geworden sei. Proletarischer Sozialismus seiihnen fremd... Die kleine nationalsoziale Partei ist heute jeden⸗ falls keine proletarisch-sozialistische, sondern eine bürgerlich-nationalistische Gruppe. Und weil diese Entwickelung mit meinen Absichten und Wünschen unvereinbar ist, habe ich keinen Platz mehr bei den Nationalsozialen.

Edle Herren der Kirche.

Die Geistlichen der Synode Schlochau haben, wie dieKreuz⸗Zeitung mitteilt, für den wegen seiner Abstimmung gegen die Kanalvorlage zur Disposition gestellten Landrat Kersten Gottes Segen angerufen. Die in der

Geistlichen spricht das aufrichtigste Bedauern aus über den Weggang des Landrats und schließt:Möge Gott der Herr Ihnen dafür lohnen und mit seinem Schutz und Segen über Ihnen und Ihrem Hause walten.

In Straßburg feierte der Kaiser die Geist⸗ lichkeit, die eredle Herren der Kirche nannte, als beste Helferin seiner Politik und erbat ihre fernere Unterstützung. Er wird an den Geistlichen von Schlochau, die mehr zu den i Landräten halten, wenig Freude aben.

Majestätsbeleidigender Agrarier.

Der Herausgeber derDeutschen Agrar⸗ ischen Korrespondenz, Edmund Klapper, stand Dienstag vor der vierten Strafkammer des Landgerichts J in Berlin unter der Anklage der Majestätsbeleidigung. Der Agrarier wurde schuldig befunden und zus Monaten Festung verurteilt. Herr Klapper gehört also den glück⸗ licheren Majestätsbeleidigern, die wegen der anständigen Form nur eine Festungs strafe verwirken, an. Sozialdemokraten ist es bekannt⸗ lich niemals gegeben, in solchen Fällen die An⸗ erkennung einer anständigen Form zu gewinnen. Sie wandern stets in das Gefängnis.

Diegelbe Gefahr.

In derKöln. Ztg. erschien vor einiger Zeit ein Artikel, in welchem die Tugenden der Kulis über das Bohnenlied gelobt und die Einführung von chinesischen Dienstboten empfohlen wurde. Die Anregung des würdigen Unternehmer organs, das sonst nicht genug dienationale Idee feiern kann, hat bereits Früchte getragen; im Deutschen Blatt findet sich nachstehendes Inserat:

Chinesische Dienstboten.

Ein Großindustrieller, welcher geneigt ist, den in derKöln. Zeitung vom 1. Oktober besprochenen Versuch zu machen, und selbst 56 junge Chinesen gebrauchen könnte, sucht Standesgenossen, welche sich an diesem Versuch beteiligen wollen, so daß eine größere Anzahl junger Chinesen importiert werden kann.

Mit den Dienstboten wird der Anfang gemacht; natürlich werden sich diese bewähren, sie sind viel arbeitsamer, zufriedener, billiger und williger, als die Deutschen. Manche Kalamität wäre im Hand⸗ umdrehen gelöst: die Dienstbotenfrage, die Leute⸗ not. Die Kulis würden weder eine Dienstboten⸗ Bewegnug machen noch je die Erringung des Koalitionsrecht oder die Beseitigung der Gesinde Ordnung anstreben. Das, was deutsche Kraut⸗ und Schlotbarone sich als das Ideal eines Arbeiters

zweierlei Rechtvon Rechtswegen einführte.

kratie übertreten.

vorstellen, das wäre erreicht ein Arbeits tier.

Nr 43.

Kreuz⸗Zeitung abgedruckte Beileidsadresse der

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