Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr 4
Seite 6. 2 ä 9 e T Unterhaltungs⸗Ceil.
N Auf der Straße.
Zuf breiter straße Buh' und schweigen walten, Hernieder blickt ein Heer von ew'gen Sternen. Unendlich ist die§tille.— Die Laternen Mit ihren Flammen, rot, wie rote Wunden,
Steh'n ernst wie Posten da, die Mache halten.
Mit leichten Fritten auf dem Pflaster schreitet Ein weiblich Wesen.— Langsam, rastlos gehend Die Straße, die ihr nachblickt, lauschend, spähend, Im Eichtkreis spiegelt wieder sich ihr Schatten, Der wie in Schlangenwindung vorwärts gleitet.
Der weiße Börper in den schwarzen Falten 3st Erde ohne Geist.— Zerstört und aufgerieben Jst alles in ihr, nur der Hunger ist geblieben Zein Elend ist wie diese Formen zynisch, In denen kein Gedanke mehr enthalten.
Wer hat ihr ausgerottet das Gewissen? Welch' langes Drama warf sie nachts auf's Pflaster, Wer stürzte in die Arme sie dem Laster? Ein heimliches Erbarmen scheint vom Himmel ich zitternd auf die Arme zu ergießen.
Erbarmen... Immer tiefer taucht ins Düster die mondscheinloft Nacht, kein Windhauch ist Ju spüren, Jur zchrechen, Angst und Traurigkeit sich rühren; And wie am Pranger unter den Laternen Seht hin und her das Wesen schwarz und düster Ada Negri.
vom Stamm gevissen.
31 Roman von E. Langer. Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Während dieses Gesprächs hatte sich Tussy ein sehr abgetragenes Pelzjäckchen angezogen, ein rotwollenes Käppchen aufgesetzt und war leise hinausgegangen, um das Abendbrot zu besorgen.
Wie in allen alten Häusern Königsbergs, so hatte auch die Wohnung Sterns keinen abge⸗ schlossenen Korridor, sondern lag mit ihren Zimmerthüren unmittelbar an dem gemeinschaft⸗ lichen Treppenflur, in welchem die Küche, eng und dunkel, in einem Winkel angebracht war. Die schmale, ziemlich steile Treppe mündete gerade vor der Küchenthür, welche man beständig offen halten mußte, um einen spärlichen Licht⸗ strahl in das Innere gelangen zu lassen. Der Raum war kaum mehr als eine Höhle, in deren Tiefe ein schwarzer Kamin wie der Eingang zur Unterwelt gähnte; aber alle Geräte, welche auf den Borden und an den Wänden standen und hingen, und unter denen manch schönes, kupfernes Stück von dem einstigen Wohlstand der Familie redete, blitzten und gleißten wie eitel Silber und Gold im Lichte der kleinen Wandlampe, welche Tussy jetzt angezündet hatte. Ihr Strahl machte auch das rote Käppchen des Mädchens warm aufleuchten und zeichnete einen kleinen Umriß um dessen hübsch geschnittenes kindliches Profil, wie es jetzt, vor dem weißgescheuerten Anricht⸗ tische stehend, die letzten Reste eines Kalbsbratens vom Knochen schnitt und hier und da einen kleinen Fleischbrocken ins Mäulchen schob. Tussy war so eifrig bei ihrer Arbeit, daß sie einen leichten Schritt auf der Treppe überhörte, der vor der nur angelehnten Küchenthür halt machte. Durch den Spalt blickte ein junger Mann, in einen weiten Radmantel gehüllt, auf dem Kopfe die viereckige rote Studentenmütze, die sogenannte Konfederatka. Unter derselben quoll dunkles, leicht gelocktes Haar hervor, welches, nach Stu⸗ dentenart lang getragen, mit einem flockigen Vollbart zusammenfloß und ein etwas blasses Gesicht einrahmte, das auf den ersten Blick interessierte und fesselte.
Es war der Verlobte Valeskas, Kurt Oettinger, um dessentwillen sie das Elternhaus hatte ver⸗ lassen müssen.
„Guten Abend, Tussy“, flüsterte er, die Thür öffnend, nachdem er sich überzeugt hatte, daß das Mädchen allein in der Küche war.
Die Kleine ließ Knochen und Messer fallen.
„Sie, Kurt! Mein Gott, wie haben Sie mich erschreckt!“ flüsterte sie zurück und rieb sich schnell die fettige Hand ab, um sie dem künf⸗ tigen Schwager zu reichen, denn dafür sah sie ihn an, trotz aller Hindernisse, die sich der Ver⸗ bindung ihrer Schwester mit ihm zur Zeit ent⸗ gegenstellten. Er fühlte sich fast versucht, seinen weiten Mantel um das kleine, hübsche Wesen zu schlagen, das ihm wie ein Vermächtnis der Ge⸗ liebten erschien. Allein Tussy beobachtete stets eine so vollkommene Reserve ihm gegenüber, daß er es nicht wagte.
„Ich wollte Ihnen nur sagen, daß sie gut angekommen und vortrefflich aufgenommen worden ist; ich hatte heute Nachricht.“
„Wir auch, sie hat noch in derselben Nacht geschrieben— einen langen Brief. Der Vater brachte ihn mit, wir haben ihn eben gelesen. Aber gehen Sie, gehen Sie! Er wird schon ungeduldig sein, er will sein Abendbrot haben.“
„Noch eins: ich werde wahrscheinlich in sehr kurzer Zeit eine Agitationsreise in jene Gegend unternehmen. Sie haben von dort das Komitee schon oft gebeten, jemanden hinzuschicken, der über die wichtigsten Fragen etwas Licht in die Köpfe bringt. Es sollen in den verschiedenen kleinen Städten eine Reihe von Vorträgen ge⸗ halten werden, und ich bin dazu ausersehen.“
Tussy hob die gefalteten Hände angstvoll zu ihm auf.„Um Gotteswillen, Kurt, was soll das? Sie lassen sich dorthin schicken, um Valeska zu sehen. Wie wollen Sie das aber anstellen? Sie können doch nicht in das Kriessche Haus eindringen; der Mann ist ein Konservativer und noch weniger können Sie sich mit ihr Rendez⸗ vous geben.“
„Haben Sie keine Furcht, kleine Weisheit“, lächelte Kurt gutmütig, und das Lächeln, bei welchem sich ein Grübchen in dem männlichen Gesicht zeigte, kleidete ihn ebenso gut, wie es herzgewinnend war.„Das Kriessche Haus werde ich nicht beunruhigen und überhaupt nichts unter⸗ nehmen, was sie kompromittieren könnte. Natür⸗ lich zieht es mich in ihre Nähe, und ich leugne nicht, daß ich in der Hoffnung gehe, sie auf irgend eine Weise zu sehen und zu sprechen, aber die Hauptsache bleibt mir doch, den Kreis womöglich für uns zu gewinnen. Es hat allen Anschein, als ob die Bewegung bald lahm gelegt werden würde. Wir müssen also die Zeit nützen, um unsere Ideen in Umlauf zu setzen. Adieu für heute. Ich springe in den nächsten Tagen wieder einmal so heran.“
Damit eilte er elastischen Schrittes die Treppe hinunter. Tussy stand eine Sekunde mit ge⸗ falteten Händen und starrte sorgenvoll vor sich hin, dann fuhr sie sich über das junge Gesicht, als wollte sie jede Spur ihrer Gedanken hinweg⸗ wischen, worauf sie schnell das Theebrett ergriff, auf welchem sie alles zum Abendessen Nötige zusammengestellt hatte.
Ihre Furcht, daß der Vater ungeduldig ge⸗ worden sein könnte, war ganz unnütz gewesen. Herr Stern hatte ein altes Zeitungsblatt auf dem Tische emdeckt und sich darin so vertieft, daß er nicht einmal die Wiederkehr seiner Tochter bemerkte. Lesen war seine Passion geblieben, wie sehr der Mann und seine Lage sich auch verändert hatten. Sobald er nur etwas Ge⸗ drucktes fand, war er der Gegenwart entrückt. Infolge dieser alles verschlingenden Lesewut hatte er eine Menge Kenntnisse aufgespeichert, welche, da ihm die Basis einer soliden Bildung fehlte, unvermittelt und wie Kraut und Rüben durch⸗ einanderlagen, ihn aber mit einer dünkelhaften Ueberlegenheit über andere Menschen erfüllten, die er stets belehren zu müssen glaubte. Sein drittes Wort war daher:„Das werde ich Ihnen alles erklären.“
In jenem Blatte nun hatte er einen Artikel, die soziale Frage betreffend, gefunden, und das war ihm besonders interessant. Erst durch die Bekanntschaft mit Oettinger hatte er angefangen, sich um soziale Verhältnisse zu kümmern. Aber
so leichtbeschwingt seine Phantasie, so schwer⸗ fällig war sein Geist im Aufnehmen neuer Er selbst nannte sich einen Demokraten
Ideen. vom reinsten Wasser und glaubte, daß über seinen Liberalismus nichts hinausginge. Da kamen
nun junge, geistreich thuende Fante und un⸗ ö
gebildete Gesellen und wollten ihm weißmachen,
daß es noch ganz andere Dinge zwischen Himmel und Erde gäbe, als er sich träumen lasse, und daß es wichtigere Fragen zu lösen gelte, als die
politischen.“
Er ließ es denn auch nicht an leidenschaft⸗ a 0
lichen Ausfällen gegen diese„ideologischen Welt⸗
verbesserer“, die alles auf den Kopf stellen
wollten, fehlen und perorierte namentlich in seinem Laden, auf
Zeit. große Sympathie für die soziale Bewegung und
konnte sich nicht enthalten, in die Versammlungen der Sozialdemokraten zu laufen und jede von deren er habhaft Er hätte sich auch
ihnen ausgehende Schrift, werden konnte, zu lesen. vielleicht zu ihnen bekehrt, wenn nicht gerade
einer ihrer Apostel, der, wie es meistens Apostelnnn geht, an Glücksgütern nichts zu bieten und ver
möge seiner politischen Richtung wenig Aussichten
auf eine glänzende Zukunft hatte, das Herz vegung,
seiner ältesten Tochter gewonnen und diese sich⸗ gegen seinen Willen mit ihm verlobt hätte.
So saß er denn auch jetzt, mit dem ganzen
Oberarm auf den Tisch gestützt und das Blatt
dicht an die Lampe haltend, und verschlang den
Bericht, als Tussy mit dem Abendbrot hereintrat:
Auch Frau Stern schien nicht auf ihr Wieder⸗ erscheinen gewartet zu haben. Sie hatte mittler⸗
weile die Spirituslampe angezündet und den
Thee bereitet, dabei immer den Brief Valeskas
in der Hand haltend und abwechselnd vor sich⸗ hinlächelnd und seufzend. Als der gedeckte Tisch⸗ Herrn Stern endlich von seiner Lektüre abzog,
langte er mit dem gesundesten Appetit zu, undd
fand nur Zeit, hin und her ein giftiges Ge⸗ brumm über die„verwünschten Aufwiegler“ er⸗ tönen zu lassen. hierauf keine Antwort, und so verlief der Rest: des Abends, indem jedes seinen Gedanken nachhing.
II.
Kurt Oettinger war der Sohn eines höheren Offiziers, dessen Vorfahren, der Familientradition
zufolge, mit den vertriebenen salzburgischen Prote⸗ stanten nach Ostpreußen gekommen waren. eine solche Abstammung deuteten wie der Name, so die dunkeln Augen und Haare der männlichen Mitglieder der Familie. Es mochte sich darin, wie in dem Schnitt des Gesichts, der Einfluß der Jahrhunderte langen römischen Ansiedlung in dem alten Norikum bemerkbar machen. Oettinger, der Vater, zeigte diese Bildung, und die drei Söhne sahen ihm sprechend ähnlich, doch nur in Kurt, dem jüngsten, hatte der Typus seinen edelsten Ausdruck erreicht, so wie sich in
ihm auch alle geistigen Fähigkeiten konzentriert:
zu haben schienen. Die älteren Brüder, Paul
und Alfred, waren nicht besonders beanlagt, und der Vater pflegte mit kühler Unparteilichkeit
zu sagen:„Meine Jungen sind gerade klug genug, um Soldaten zu werden.“ Aber nur die beiden ältesten waren ohne Widerrede Soldaten ge⸗
Vaters widersetzt. Der wißbegierige, ungewöhn⸗ lich begabte Knabe wollte studieren, es koste, was es wolle.
Vater zu einem harten Kampf gekommen, der bei des letzteren militärisch strenger, häuslicher
Zucht wahrscheinlich mit Kurts Niederlage ge⸗
endet haben würde, wenn die Mutter, die das
Wesen des Knaben besser erkannte, als ihr Gatte,
sich nicht ins Mittel gelegt und von demselben
wenigstens das Zugeständnis erlangt hätte, daß 3
Kurt das Gymnasium absolvieren durfte.
Frau Rosa Oettinger stammte von den Ufern f des waldumkränzten, buchtenreichen Spirdingsees,
aus dem preußischen Masuren, wo ihre Eltern ein schönes Gut besaßen. Sie hatte Geld ins
Haus gebracht, und die Söhne waren im Wohl⸗ 4
einem alten Lehnstuhlee thronend, vor seinem Publikum von Schiffern: und Landleuten über die Autoritätslosigkeit der Und trotzdem hatte er im geheimen eine
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d worden; Kurt hatte sich der Forderung des
Als er seinen Entschluß den Eltern verkündet, war es zwischen ihm und dem
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