Ausgabe 
22.1.1899
 
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Seite 4

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 4.

wesen an der Freiheit des Volkes(Zu⸗ stimmung links). Der Antragsteller meinte, der Präsident des Reichstages könnte das Verlesen von Geheimerlassen verbieten. Die Reichstags⸗ tribüne ist das letzte Asyl des freien Wortes, und dieses letzte Asyl soll der Reichstagspräsident zerstören! Das wäre die Selbstverstümmelung, das wäre die Selbstabdankung des Reichstages. (Zustimmung links.) Sorgen Sie dafür, daß die Regierungshandlungen die Oeffent⸗ lichkeit nicht zu scheuen haben. Trotz aller Ausnahmegesetze werden die Sozialdemo kraten ihre Pflicht thun. Bravo bei den Sozdem. und Beifall links.)

Nachdem noch der Genosse des Freiherrn v. Stumm, der Freikonservative Abg. Kardorff für den Antrag gesprochen wird derselbe a b⸗ gelehnt.

Es folgt die Beratung des Antrags Agster (Soz.) betreffend Vorlegung eines Gesetzentwurfs zwecks Errichtung obligatorischer Ge werbegerichte und Erweiterung der Kompe⸗ tenz derselben auf Handelsangestellte, Gesinde, sowie land⸗ und forstwirtschaftliche Arbeiter und zwar überall ohne Rücksicht auf deren Geschlecht. Genosse Zubeil empfiehlt den Antrag. In⸗ zwischen ist ein Antrag Trimborn-Hitze(Zentr.) eingegangen. Abg. Trimborn(3Zentr.) be⸗ gründet seinen Antrag und befürwortet dabei auch zwei Detail- Forderungen seines Antrages Hierzu bemerkt Staatssekretär Nieber⸗ ding, die Verhandlungen über die Frage kauf⸗ männischer Schiedsgerichte seien noch nicht abge⸗ schlossen. Abg. Freiherr v. Stumm(Rp.) erklärt, er und seine Freunde würden keinem Gesetze zustimmen, welche der Macht und der Autorität der Sozialdemokratie neue Sicherung gebe. Nach weiteren kurzen Bemerkungen des Abg. Hilbeck(natl.) und Schra der(freis. Volksp.) tritt Vertagung ein.

Von Nah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkomm en

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftiglei; bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten, alle zum Drug bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben

Von den Gießener Stadtvätern.

*Der Minister für preußische Geistes⸗ freiheit setzte sich hin und schrieb einen Erlaß: Sozialdemokraten dürfen von städtischen Kollegien nicht in die Schuldeputationen gewählt werden. Geschieht diese Frevelthat dennoch, so werden die Umsturzmänner von der Regierung nicht bestätigt. Gewissenhaft berichtete der offiziöse Telegraph der staunenden Menschheit die That des Herrn Bosse. Und just acht Tage später trat die neu⸗ gewählte Gießener Stadtverordnetenversammlung,

in der zwei Sozialdemokraten sitzen, zusammen

und wählte den einen Umstürzler, Genossen Krumm, in die Schuldeputation, den andern aber, den Genossen Orbig, in den Schul vorstand. Alldieweil der Minister für preußische Geistesfreiheit in Hessen nichts zu sagen hat.

Von der Ortskraukenkasse Gießen.

r. Der Vorstand hielt seine erste Sitzung im neuen Jahre am 14. l. M. ab und wählte zu seinem ersten Vorsitzenden Spengler Georg Dahmer und zum Schriftführer Bureauvor⸗ steher Hch. Fourier. Die Leitung der Kasse ist damit in die Hände der Arbeiter gelangt, was bei den meisten Ortskrankenkassen schon seit Jahren der Fall ist. Der Wechsel in der Leitung der Kasse wird nicht nur allein von allen Ar⸗ beitern, sondern auch von denjenigen Arbeitgebern freudig begrüßt werden, denen wirklich das Wohl ihrer erkrankten Arbeiter am Herzen liegt. Freilich, dieGutgesinnten werden ein Lamento darüber anschlagen, daß die Leitung der Kasse nunmehr aus soumsichtigen Händen in die⸗ jenigen von Sozialdemokraten übergegangen ist. Mögen sie nicht vergessen, stets zu erzählen, daß die Arbeiter in ihrem und ihrer Familie Interesse, sowie durch die mangelhafte Kassenführung und die flagrantesten Gesetzesverletzungen der seit⸗ herigen Leiter geradezu gezwungen wurden, die Leitung der Kasse selbst in die Hand zu

nehmen. Die Arbeiter werden nun zeigen, wie man eine Krankenkasse organisiert und wie man Gesetz und Statut anwendet, damit in denkbar kürzester Zeit allen Krankenkassenmitgliedern die weitgehendsten Leistungen zugewiesen werden können, soweit das Gesetz solche zuläßt. Vor⸗ bedingung hierzu ist natürlich eine gründliche Reorganisation des Kassenwesens, und das ist nach Lage der Dinge keine leichte Arbeit. Die neugewählten Kassenleiter werden bemüht sein, das ihnen entgegengebrachte Vertrauen zu recht⸗

fertigen. Vielbeschäftigt.

* In denNaturärztlichen Sprechstunden, herausgegeben vom Naturheilverein Nürnberg, veröffentlicht Herr Oberst a. D. Spohr in Gießen eine Erklärung, aus der hervorgeht, daß der auch viel von Gießener Patienten um Rat er⸗ suchte Herr innerhalb 1617 Jahren mehr als 12000 Briefe von Auswärts zu beantworten hatte. Für mehr als 90% aller Briefe mußte er auch noch die Portoko sten tragen. Zur Vermeidung schon oft beantworteter Fragen weißt Herr Spohr auf seine Schrift hin:Was haben wir zu thun und zu lassen, um uns ge⸗ sund zu erhalten bezw. gesund zu werden? (Nürnberg 1892, Preis 40 Pfg.) Im übrigen ersucht er, den Anfragen von jetzt abeinen nach den eigenen Verhältnissen zu bemessenden Betrag für die Spohrstiftung für arme Kranke beizulegen oder erklären zu wollen, daß man dazu nicht in der Lage ist.

Amtsblattliches.

* Der Gießener Anzeiger fragte be⸗ kanntlich erst auf dem Kreis amt an, ob er ein Inserat bringen dürfe oder nicht. Er ist also viel schlimmer daran, wie der armseligste Flickschuster, denn dieser kann flicken und besohlen für wen er will und braucht sich den Teufel darum zu scheeren, ob das einer Behörde paßt, oder nicht. Jenes Gießener Blatt nun, daß nur Das bringen darf, was oben nicht anstößt, ist stets furchtbar kouragiert, wenn es sich darum handelt, den Sozialdemokraten eins anzuhängen, denn das ist oben immer angenehm. So entrüstet sich das Blatt darüber, daß einem sozialdemokratischen Buchdruckereibesitzer in Sachsen, der Jahre lang ein Pavteiblatt ge⸗ druckt hat, jetzt der Zeitungsdruck entzogen werden soll, weil das Blatt, das wöchentlich nur dreimal erschien, mit dem Parteiblatt einer benachbarten Stadt verschmolzen und dann als Tageblatt herausgegeben werden soll. Die geistigen Leiter des Gießener Amtsblattes nennen dasschwar⸗ zen Undank. O, diese Siebengescheiten! Wenn jener Drucker für unsere Partei ein Blatt druckte, so hat er das bezahlt bekommen. Und wenn jetzt aus triftigen Gründen das Druckverhältnis ver⸗ tragsgemäß gekündigt wurde, wo bleibt da der schwarze Undank? Wenn die geistigen Leiter im Gießener Anzeiger weiter nichts gegen die Sozialdemokratie vorzubringen wissen, wie der⸗ artig einfältige Altweibergeschichten, dann sollten sie doch lieber ganz schweigen.

Dr. Guido Weiß 7.

Am Sonntag Abend ist in Frankfurt a. M. einer von der alten Garde der bürgerlichen Demokratie, der Schriftsteller Dr. Guido Weiß, aus dem Leben geschieden. Weiß gehörte zu jenen wenigen Veteranen des bürgerlichen Radikalismus, die dem Salonton der modernen Demokraten und sog. Fortschrittsmänner entschieden abhold sind. Seine politische und journalistische Thätigkeit reicht bis in die Zeit des sog.tollen Jahres. Hauptsächlich aber in den 70er Jahren, als unter dem Sozialistengesetz die Wogen der Reaktion am höchsten gingen, machte er sich durch seine schrift⸗ stellerische Thätigkeit bemerkbar. Er gab damals Die Waage heraus, in der er das Bismarck'sche System scharf geißelte. Die Zeitschrift wurde mangels eigener Literatur auch in Sozialisten⸗ kreisen damals eifrig gelesen. Weiß war mit Lassalle, Marx, Engels und unserem alten Lieb⸗ knecht bekannt und befreundet und sein Name hat stets auch in Parteikreisen einen guten Klang gehabt, weil von ihm bekannt war, daß er ein grader ehrlicher Charakter war. Vor einigen Jahren feierte er seinen 70sten Geburtstag, wo⸗

bei ihm auch der Vorwärts einen ehrenden Artikel g

widmete. Vom hohen Vogelsberg. Herchenhain,

verschwinden. Gegend haben den Bürgermeister Weidner daselbst im Einverständnis mit der gesamten Bevölkerung bewogen, bei Großh. Ministerium den Antrag

zu stellen, die gesamte Gemeinde Herchenhain

einschließlich Felder, Wiesen und Hofraithen um den Preis von einer Million wobei für den Morgen etwa 600 Mark erzielt würde an⸗ zukaufen. man dem Plane nicht ganz ablehnend gegenüber⸗ zustehen, zumal der Staat trotz des sehr hohen Preises immer noch ein Geschäft machen würde, da die seitherigen Zuschüsse desselben für Schul⸗ wesen u. dgl. ziemlich bedeutend sind und es möglich wäre, durch Waldanlagen auf den 32 unwirtsamen Höhen eine sichere und dauernde Einnahmequelle zu erzielen. des Planes ist dahin projektiert, daß das ganze Grundvermögen in den Besitz des Staates über⸗

ginge und diejenigen Einwohner, die gesonnen

wären, weiter daselbst zu weilen, ihre seitherigen Anwesen von dem Staate pachten würden; ob der Plan zur Wirklichkeit wird, ist noch nicht

gewiß. Bemerkt sei noch, daß man sich schon 4 in den 40er Jahren einmal mit dem Gedanken

trug, Herchenhain in die Gegend von Ulfa sog. Harp zu verpflanzen. Heilanstalt für Lungenkranke.

Ein Genesungsheim für Lungenkranke für das Großherzogtum Hessen wird seitens der vereinigten Ortskrankenkassen bei Langen⸗Brombach im Odenwald errichtet. Da bereits alle Vorarbeiten dafür abgeschlossen sind, dürfte die Anstalt bald eröffnet werden.

Aus Marburg.

p. Die national⸗soziale H. L.⸗Ztg. rückt all⸗ mählich mit ihren wahren Absichten heraus. Die Phrase:Für Deutschlands Macht und Größe, die in den Abonnements⸗Einladungen die Heeres⸗ und Flottenbegeisterung einigermaßen maskieren sollte, wird jetzt in verständliches Deutsch über⸗ setzt. Jetzt heißts: Für mehr Soldaten, für neue Kanonen, für neue Panzer⸗ schiffe! Die Marburger Arbeiter, namentlich aber die Kleinbürger, die bei der Kanalisation geschröpft wurden, daß ihnen fast die Puste aus⸗ ging, werden sich freuen, wenn jetzt die National⸗ spezialisten die Trommel rühren für neue Opfer, die dem unersättlichen Militarismus in den Rachen geworfen werden sollen.

Aus Eschwege. cv. Die am vorigen Sonntag hier abgehaltene

der höchstgelegenste Ort des Vogelsbergs, droht von der Bildfläche zu Die ärmlichen Verhältnisse der

Seitens Großh. Ministeriums scheint

Die Realisierung

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Partei⸗Versammlung erfreute sich eines guten Be⸗

suches. Auf der Tagesordnung stand als erster Punkt:Stellungnahme zum Parteitag in Cassel. Nach eingehender Diskussion wurde u. A. be⸗ schlossen, folgende Anträge zu stellen: 1) Der Wegweiser ist den ländlichen Vertrauensleuten unentgeltlich zu liefern. 2) DerHessische Volks⸗ kalender ist regelmäßig alljährlich im September wenn irgend möglich in allen Kreisen der Provinz zu verbreiten. 3) In die Agitations⸗ Kommission sind auch Genossen aus der Provinz zu wählen, die bei wichtigen Angelegenheiten ꝛc. mit zu den Beratungen zugezogen werden. Als Delegierte wurden gewählt Wilhelm Hugo, Otto Wende und Karl Koch. Nach einem sehr bei⸗

fällig aufgenommenen Vortrag von Genossen ihm kühn,

W. Hugo über das Thema:Was hat das arbeitende Volk vom jetzigen Reichstag zu er⸗ warten? wurde die Versammlung mit einem dreifachen Hoch auf die Sozialdemokratie ge⸗ schlossen.

Unentgeltlichkeit der Lehrmittel.

Im Gemeindekollegium der bayerischen Stadt Fürth beantragte unser Parteigenosse Zorn, in den Etat der Volksschule 25000 Mk. zum Zweck der unentgeltlichen Verabfolgung der Lehrmittel einzustellen. Dagegen oppo⸗ nierte der Führer der verbündeten Liberalen, Hofrath Dr. Mayer, mit der Begründung, die Freigabe der Lehrmittel gehöre nicht zu den

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