Ausgabe 
22.1.1899
 
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Nr. 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

D neuer Waffen und Sprengstoffe oder neuer Pulversorten, die mächtiger als die jetzt im Gebrauch befindlichen wirken, Verständigung über Vermittlerdienste und Schiedsgerichte in gewissen Fällen zur Vermeidung des Krieges.

Man möchte dieTimes Meldung als Hohn und Spott auf den Abrüstungsukas auf⸗ sassen. Jedenfalls wird die Komödie dadurch nicht besser, daß man sie wiederholt. Das feudal⸗ bourgeoise Europa ist sich darüber einig, daß die Idee der Abrüstung oder gar des ewigen Friedens ein Traum ist, und nur in dem Punkt herrscht eine Meinungsverschiedenheit, ob der Traum schön sei oder nicht. Die Philosophen aus der Moltkeschule schaudern bekanntlich vor einer Zukunft, in der sich die Menschen nicht mehr gegenseitig abschlachten.

Aber warum träumt man in Petersburg so hartnäckig? Warum stellt man sich dort so, als ob schon die Zeit gekommen sei, in der die Völker Europa's geeinigt den Kriegshetzen der herrschenden Klassen ein Ende bereiten?

Der mächtigste Herrscher der Welt verkündet die Abrüstung und den ewigen Frieden, andere minder mächtige Herrscher begrüßen den groß⸗ herzigen Vorschlag mit Inbrunst, und die Staaten rüsten ab, indem sie ihr menschliches und tech⸗ nisches Kriegsmaterial ins unge⸗ messene vermehren.

Der internationale Friedenshymnus mit Kanonenbegleitung! Welche Schändung der heiligen Idee des Völkerfriedens!

Zwei brave Männer gestorben.

Am Montag Abend ist in Frankfurt a. M. der bekannte Journalist Guido Weiß ge⸗ storben. Er war ein ehrlicher Demokrat von echtem Schrot und Korn. Am 18. August 1822 in einem schlesischen Ort geboren, ist er fast 77 Jahre alt geworden. Von Beruf Arzt, wurde er 1848 in die journalistische Laufbahn gedrängt. Er hat dort allezeit seinen Mann gestellt. Sein Leichnam wird in Heidelberg verbrannt.

Am selben Tage starb in Dessau der Schrift⸗ steller Rudolf Meyer, ein ehrlicher Kon⸗ servativer. Geboren am 10. Dezember 1839 in Friedeberg in der Neumark, studierte er seit 1858 in Berlin Geschichte, Technologie und Nationalökonomie. Er schloß sich den konser⸗ vativen Sozialpolitikern an. Den geistigen Haupteinfluß auf den ehrlichen und begabten Mann übte Rodbertus, der berühmte kon⸗ servative Spozialist, dessen Briefwechsel R. Meyer später herausgegeben hat. Mit Schärfe und Sachkenntnis führte R. Meyer den Feldzug gegen das hochschutzzöllnerische Junker⸗ tum, das er aus langjähriger genauer Erfahrung kannte. Er hat die Wirkung der Getreidezölle beredt gekennzeichnet; die Konservativen, ver⸗ geblich wie sich versteht, an ihresozialpolitischen Jugendeseleien gemahnt. Wenn man Guido Weiß als den letzten echten bürgerlichen Demo⸗ kraten nennt, so verdient Rudolf Meyer, der letzte ehrliche Konservative genannt zu werden.

Beide waren Ehrenmänner.

Aus dem Reichstag.

Die erste Beratung der neuen Militär⸗ vorlage wurde am Freitag beendet. In dieser Sitzung sprach unsererseits Gen. Bebel. Er führte in seiner 1 stündigen Rede aus, warum wir grundsätzliche Gegner des Militarismus sind und demgemäß jede Heeresvorlage ablehnen. Besonders beleuchtete er noch den Friedenserlaß des Zaren.

Bebel führte aus: Wenn in demselben Augenblick, wo unsere Regierung der russischen ihre Sympathie für diesen Schritt ausdrückt, hier dem Parlament eine Militärvorlage ein⸗ Vert wird, das scheint uns geradezu eine

erhöhnung ohne Gleichen

Präs. Graf Ballestrem: Das Wort Ver⸗ höhnung in dem Zusammenhang, in dem der Herr Redner es gebraucht, ist nicht parlamentarisch.

Abg. Bebel(fortfahrend): Es mag nicht parlamentarisch sein, aber, meine Herren, wahr ist es.(Sehr richtig! links. Unruhe.)

Präs. Graf Ballestrem: Ich rufe nun⸗ mehr den Herrn Abg. Bebel zur Ordnung. (Heiterkeit und Bewegung.)

Bebel(fortfahrend): Charakteristisch ist es ja auch, meine Herren, was der russische Kaiser einem englischen Journalisten, der ihn ausfragte, über die Bedeutung seines Vorgehens gesagt hat:

Jetzt sind wir so weit gekommen, daß wir unsere besten jungen Männer alle in die urmee gesteckt haben. Das geht so weit, daß wir unser Heer gar nicht mehr mobilisieren können, ohne den ganzen sozialen Mechanismus aus Rand und Band zu bringen. Und er er⸗ klärte:Wenn es trotz alledem angesichts der ungeheuren Masse von Soldaten, die gegen⸗ wärtig die Großstaaten Europas in einem Kriege ins Feld zu stellen vermögen, und der ungeheuren Zerstörungsmittel, die diese Sol⸗ daten in einem Kriege der Zukunft anzuwenden vermögen, zu einem Kriege käme, die Folge dieses Krieges die revolutionäre Anarchie sein werde.

Haben wir Sozialdemokraten nicht dasselbe gesagt, nicht schon oft auf die Gefahren hin⸗ gewiesen, die nicht allein in militärischer und politischer, sondern besonders auch in wirtschaft⸗ licher Beziehung dem Staate drohen, wenn ein⸗ mal die 15 Millionen Soldaten zum General⸗ marsch antreten? Dann hat die bürgerliche Ge⸗ sellschaft selbst ihr Todesurteil gesprochen; dann wird man sich darüber klar werden, ob diese ständigen Opfer berechtigt sind und ob hierdurch ein menschenwürdiger Zustand erzielt worden ist. (Bravo! links.) Ueber die Folge dieser Zustände kann sich wohl keiner von Ihnen, meine Herren, täuschen. Und diese Voraussicht hat auch den russischen Kaiser zu der Kundgebung veranlaßt.

Merkwürdig sei es, daß das Friedensmanifest des Zaren in den bürgerlichen Kreisen nicht mit mehr Jubel begrüßt worden ist, daß man nicht alles aufgeboten hat, um die Regierungen zu beeinflussen, damit auf den ausgesprochenen Ge⸗ danken auch die That folge. Nur in England wurden freudige Kundgebungen laut. Aber in Deutschland erfolgte das gerade Gegenteil. Da hat z. B. kürzlich in der Genossenschaft frei⸗ williger Krankenpflege ein Professor Kahl öffent⸗ lich erklärt, er sei doch anderer Ansicht, als der russische Kaiser, wenigstens soweit Deutschland hier in Frage kommt. Nach Ansicht Kahls ist es nicht möglich, den Krieg abzu⸗ schaffen; und wenn's möglich wäre, doch nicht wünschenswert.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Und hiergegen ist kein Protest erhoben worden. General von Boguslawsky hat sich im Novemberheft derDeutschen Rundschau auch hierüber ausgesprochen. Er zitiert Moltke: Der ewige Friede ist ein Traum und nicht einmal ein schöner; der Krieg ist ein Ele⸗ ment in Gottes Ordnung. Der arme liebe Gott!(Sehr richtig! bei den Sozialdemo⸗ kraten.) Als ich diese Ausführungen gelesen hatte, fragte ich mich, warum, wenn der Krieg in Gottes Ordnung ist, die europäischen Re⸗ gierungen nicht alle zehn Jahre eine große Massenschlächterei veranlassen, um die physischen Kräfte der Nationen zu stärken. Daß dies nicht gethan wird, ist ein Zeichen für die Haltlosigkeit der Behauptungen. Der Proletarier hat es ja in Deutschland auch nicht nötig, auf den Krieg zu warten, um seine physischen Kräfte zu stärken. Er steht immer einem Feinde gegenüber, in der Fabrik, im Bergwerk u. s w. Nach der Unfallstatistik sind von 1886 1896 in den der Unfallversicherung unterworfenen Be⸗ trieben Deutschlands 58 780 Arbeiter getötet worden, 34 240 für Lebenszeit ganz und 280 843 teilweise erwerbsunfähig ge⸗ worden. 151827 Arbeiter waren vorübergehend krank, sodaß im ganzen

516 762 Proletarierleben

mehr oder weniger schwer beschädigt worden sind. Die deutschen Arbeiter haben also wirklich keine Ursache, einen Krieg herbeizusehnen und ihr Leben auch noch auf dem Schlachtfelde zu opfern für Interessen, die meist nicht die ihrigen sind.(Sehr richtig! bei den Soziald.) Würde

es sich wirklich um einen Verteidigungs⸗ krieg handeln, dann, meine Herren, würde die deutsche Sozialdemokratie ihre Schuldigkeit thun. Aber hier handelt es sich um politische Mätzchen und Plänchen; und dafür will das deutsche Proletariat nicht seine Gliedmaßen opfern.

Nachdem noch der Kriegsminister, je ein Ab⸗ geordneter des Zentrums, der Nationalliberalen, der Antisemiten und Wadenstrümpfler gesprochen hatten, wurde die Vorlage der Budgetkommission überwiesen. Es steht heute schon fest, daß die volksfeindliche Mehrheit des Reichstags uns die neuen Soldaten und damit neue Steuer⸗ lasten bescheren wird.

Am Samstag und Montag fanden keine Sitzungen statt. Am Dienstag brachte der freis. Abg. Lenzmann den Streit um Lippe zur Sprache. Den Anachronismus, daß am Ende des 19. Jahrhunderts ein Tropfen bürger⸗ liches Blut des Throns un würdig mache, die Fügsamkeit des Bundesrats, geißelte Lenzmann mit geziemender Schärfe, und kam zu dem Schluß, daß durch solcheVergewaltigungen der Kleinen, es handelt sich um daß grrroße Preußen und das kleine Lippe dem Deutschen Reiche seinRechtsboden entzogen werde als ob ein solcher je vorhanden gewesen wäre. Der Kampf um Lippe ging selbstverständlich aus, wie das Hornberger Schießen.

Mittwoch-Sitzung. Auf der Tages⸗ ordnung steht ein Antrag Klinkowström und Ge⸗ nossen, betreffend die Einführung eines Para⸗ graphen in das Strafgesetzbuch, wodurch Be⸗ amte und Mitglieder der Presse wegen Veröffentlichung geheimer amtlicher Schriftstücke zu bestrafen seien. Abg. Graf Klinkowström (kons.) bemerkt, sein Antrag richte sich hierbei besonders gegen die Sozialdemokratie. Es handle sich dabei um Bestechung und Bestechlichkeit von Beamten. Redner bittet um Verweisung an eine Kommission.

Abg. Len zmann(frei.): Ich erkläre für mich und meine Partei, daß wir den Antrag ablehnen und zwar ohne Kommissionsberatung. (Zustimmung links). Der Antrag ist ein durch⸗ aus reaktionärer. Wir halten es für besser, wenn sich jede Regierungshandlung in möglichster Oeffentlichkeit vollzieht. Die Wahrung des Geheimnisses zu erleichtern, haben wir keinen Anlaß.

Abg. Hofmann⸗-⸗Dillenburg(natlib.) ist gegen den Antrag.

Genosse Liebknecht: Weß Geistes Kind der Antrag ist, wußten wir von vornherein nach dem Namen der Unterzeichner, trotzdem die kon⸗ servative Presse erklärt hat, daß sich der Antrag gegen die schmachvolle Verhökerung des Etats wendet. Es handelt sich lediglich um ein Knebel⸗ und Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokraten. Zur Bestrafung des Vertrauensbruches reichen die bestehenden Vorschriften vollständig aus. Woher soll ein Redakteur wissen, daß ein Erlaß geheim ist? Die Herren von der Rechten sind doch nicht immer so heikel gewesen mit Staatsgeheimnissen. Dem Prinzen von Preußen wurden Briefschaften gestohlen von einem Anhänger der konservativen Partei. Hat nicht Fürst Bismarck den Geheimvertrag mit Rußland ver⸗ öffentlicht, dessen Geheimhaltung im Interesse der Sicherheit des Staates lag? Die geheimen Erlasse, die derVorwärts veröffentlicht hat, zu veröffentlichen, lag im allgemeinen Interesse, um zur Gesundung des Staatskörpers zu führen.(Widerspruch rechts). Redner erinnert an die verschiedenen Veröffentlichungen des Vorwärts, des Mißhandlungserlasses des Prinzen Georg von Sachsen, der eine Wandlung bezüglich der Militärmiß⸗ handlungen mit sich brachte(Widerspruch rechts, Zustimmung links), des Strike-⸗Erlasses des Grafen Posadowsky, über den natürlich Herr v. Stumm, der immer ein Gegner der Koalitionsfreiheit und des allgemeinen Stimm⸗ rechts gewesen ist, sehr erfreut gewesen sein wird, und des Erlasses des Ministers v. d. Recke. Der Zeitungsredakteur, der diesen letzten Erlaß nicht veröffentlicht hätte, wäre ein Verräther ge⸗