Ausgabe 
22.1.1899
 
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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 4.

organ, dieMagdeburger Volksstimme folgende das höchste Interesse in Anspruch nehmende Mit⸗ teilung: Um die Unschuld des Genossen Müller im vollen Umfange darzuthun, hat Montag Mittag der Reichstagsabgeordnete Albert Schmidt sich dem königlichen Ersten Staatsanwalt gestellt und sich als den eigent⸗ lichen Schuldigen bekannt. Schmidt hat es mit seiner Ehre und seinem Charakter nicht vereinbaren können, daß für seine Handlungen ein Parteigenosse unschuldig leidet.

Nun wird infolge eingelegter Revision Müller freigesprochen und gegen Schmidt das Verfahren eröffnet werden. Da Schmidt Reichstagsabge⸗ ordneter ist, müssen ihn die Magdeburger Richter allerdings zunächst in Ruhe lassen. Ob sie zum zweiten Male eine so furchtbare Strafe verhängen werden?

Eine auffällige Spitzelgeschichte.

Ende voriger Woche wurde in der bürgerlichen Presse berichtet, daß der sozialdemokratische Ver⸗ trauensmann des 6. Berliner Wahlkreises, Gräschke, als Polizeispitzel entlarvt sei. Die Sache

verhält sich nun, wie dem Vorwärts aus Partei⸗

kreisen geschrieben wird, folgendermaßen. Der Genosse Eugen Ernst wurde am 3. Dezbr. von Frau Gräschke durch den Fernsprecher aufgefordert, zu ihrem Mann zu kommen. Als Ernst dort erschien, teilte Gräschke demselben mit, daß er am Donnerstag den 1. Dez., mit einem Kriminal⸗ beamten herumgekneipt und dabei sich schwer be⸗ zecht habe. Am Morgen des 2. Dezember sei der Beamte in Gräschke's Wohnung gekommen und habe von ihm verlangt, er solle seinem Ver⸗ sprechen, ihm Nachrichten über die Parteiver⸗ hältnisse zu verraten, nachkommen. Gräschke sei über dieses Verlangen erstaunt gewesen. Darauf habe ihm der Kriminalbeamte eine Schriftstück mit Gräschke's Unterschrift hingehalten, in welchem dieser sich bereit erklärt, der Polizei Dienste gegen die Sozialdemokratie zu leisten. Dafür habe er bereits eine Bezahlung von 60 Mark angenommen. Gräschke habe dies bestritten. Darauf soll der Beamte gesagt haben, daß sich in Gräschke's Westentasche noch die 60 Mark be⸗ finden müßten, die dieser dann auch wirklich vor⸗ gefunden haben will. Dies Vergehen habe ihm keine Ruhe gelassen, bis er es dem Genossen Ernst eingestanden. Soweit die Erklärung Gräschke's. Genosse Ernst erklärte auf Be⸗ fragen Gräschke's, was er thun solle, daß es nur eins gäbe: von Allem zurücktreten. Dazu erklärte sich Gräschke bereit. Gräschke hat nach Lage der Sache mit der Partei nichts mehr zu thun. Auch dieses Vorkommnis mag uns daran mahnen, daß wir beinahe wieder in sozialistengesetzlichen Zeiten stehen. Zweifellos wird ja noch mehr Licht in die immer noch etwas dunkle Sache kommen. Wer ist der größte Sünder?

Was ist härter zu bestrafen, Mord oder Majestätsbeleidigung? Diese Frage muß man, so schreibt ein bürgerliches Blatt, der Stutt⸗ garterBeobachter, nachgerade ernstlicher unter⸗ suchen, wenn man auf der einen Seite erfährt, daß ein Redakteur für einen Artikel, in dem eine Majestätsbeleidung gefunden wurde, an dessen Veröffentlichung er aber unschuldig ist, vier Jahre und einen Monat Gefäng⸗ nis erhielt, und wenn auf der anderen Seite an die Strafhaft des Rittmeisters Graf von Stolberg⸗ Wernigerode erinnert wird. Der Ritt⸗ meister hat im September v. J. den Sergeanten Scheinhardt erstochen und wurde für diese Strafthat mit zwei Jahren Festung bestraft. Nun wird aus Straßburg gemeldet, daß diese Strafhaft eine sehr milde sein soll. An einem Nachmittag der letzten Woche konnte man den Verurteilten in Begleitung eines anderen Herren in Straßburg den Nikolausring passieren sehen. Beide Herren waren in Civil und anscheinend auf einem Spaziergange begriffen. Seit einigen Wochen hält sich auch der nach kurzer, in Frei⸗ burg i. B. verbüßter Gefängnishaft begnadigte ehemalige Premierlieutenant von Brüsewitz in Straßburg auf. Der Sozialdemokrat aber er⸗

hielt für eine Majestätsbeleidigung vier Jahre Gefängnis! Gerechtigkeit über Alles!

Die Lockspitzelei

ist von einem deutschen Richter in öffentlicher Gerichtssitzung gebrandmarkt worden, allerdings nur die unpolitische. Es kam dazu in dem Prozeß Grützmacher, der vor dem Landgericht Berlin J vorige Woche verhandelt wurde. Der Angeklagte betrieb das unrüchige und vielleicht deshalb gerade in der heutigen Gesellschaft so sehr einträgliche Geschäft eines Privatdetektivs (Privatpolizeiamt). Als früherer Kriminal- kommissar wußte er mit allen Schlichen und Pfiffen der üblichen Methoden der Verbrecher⸗ aufspürung Bescheid. Bedurfte z. B. eine Ehe⸗ frau eines Beweises für die Untreue ihres Gatten, so bespitzelte er nicht nur den Sünder auf Schritt und Tritt, sondern hatte einige Prostituierte in Dienst genommen, die sich angelegen sein ließen, den bespitzelten Gatten zum Ehebruch zu ver⸗ leiten, um sich dann mit ihm auf frischer That durch den Privathüter von Ordnung, Sitte und Religion, Herrn Grützmacher, ertappen zu lassen. Das Geschäft ist glänzend lange Zeit gegangen und würde noch weiter gehen, wenn nicht Herr Grützmacher so unvorsichtig ge⸗ wesen wäre, sich beim Meineid ertappen zu lassen. Er ist auf Jahre ins Zuchthaus geschickt worden. Als durch die Verhandlungen die unsauberen Geschäftspraktiken dieser Gesell⸗ schaftsstütze klargelegt wurden, äußerte der Vor⸗ sitzende:. Das ist etwas so gemeines, wie ma sich gar nicht denken kann. Nicht bloß Ihr Institut, sondern auch noch andere Detektiv⸗ Institute begnügen sich leider nicht damit, Verbrechen aufzudecken: sondern senden direkt Leute aus, um einen Ehebruch zu konstruieren. Das ist wirklich schmachvoll.

Sehr richtig; aber doch um keinen Deut schmachvoller, als die Praxis der Leute, die politische Lockspitzel aussenden. Daß die Spitzelei auch in Lockspitzelei auswachsen muß, beruht auf einem unabänderlichen Triebe der menschlichen Natur. Der Spitzel empfindet den Berufsdrang, möglichst viel zu er⸗ mitteln. Auf der Fülle der erspitzelten Thatsachen und den Wert der eingefangenen Opfer beruht sein eigenes Fortkommen. Da handelt er schließ⸗ lich genau so, wie der Jäger, der Lockspeisen in die Fallen legt, der Fischer, der Köder auf den Angelhaken spießt. Um das Lockspitzelwesen zu kennzeichnen, ist die Episode Grützmacher sehr wertvoll, aber um das Lockspitzelwesen zu be⸗ seitigen, muß man mit dem Spitzelsystem auf⸗ räumen, das ja unsere Hüter von Ordnung, Sitte und Religion nicht glauben entbehren zu können.

Von der deutschen Preßfreiheit.

DieBreslauer Volkswacht teilt ihr Straf⸗ register seit Gründung des Blattes 1890 mit. An derVolkswacht haben als Redakteure ge⸗ wirkt die Genossen Kunert, Wendtlandt, Thiel, Friedrich, Schebs, Hennig, Gerhardt, Zahn. Es wirken gegenwärtig noch die Genossen Bruhns, Neukirch und der jetzt an Stelle des Genossen Zahn getretene Genosse Löbe. Kunert ist für seine Preßsünden straffrei geblieben, weil sie nach erhobener Anklage bereits verjährt waren. Die übrigen Redakteure haben alle außer Geldstrafen auch längere Gefängnis⸗ strafen erlitten. In erster Reihe steht Wendt⸗ landt, der etwa Jahre im Breslauer Ge⸗ fängnis gesessen hat, dann kommt Thiel mit 17 Monaten, Schebs mit 16 Monaten, Friedrich mit etwa 10, Neukirch mit 11, Ger⸗ hardt mit etwa 9, Zahn mit 12 und Hennig mit 6 Monaten Gefängnis. Im ganzen haben dieVolkswacht Redakteure wegen be⸗ gangener Preßsünden während der acht Jahre des Bestehens des Blattes nicht weniger als elf Jahre hinter Schloß und Riegel gesessen. Die Geldstrafen, die ihnen nebenbei auferlegt wurden, dürften die Summe von 20 000 Mk. übersteigen.

Bauern und Freisinnige. Wie vorausgesehen, führte dieser Tage die Be⸗

ratung des Jagdgesetzes im gothaischen

Landtage zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den sozialdemokratischen Abgeordneten und der Regierung. 8

Das Jagdgesetz ist nur für die Domäne und die

Jagdpassionhoh er und höchster Herren zuge⸗

schnitten, All die Klagen und Notschreie der thüä;

ringer Waldbevölkerung und des Landes über die

Verwüstung der Forste durch den enormen Hochwildbestand fanden bei den Gesetzfabri⸗

kanten nicht die geringste Beachtung, im Gegen⸗

teil, die zum Himmel schreienden Mißstände

werden durch das Gesetz für die Zukunft konser⸗

viert. Die sozialdemotratische Fraktion verlangte

Niederreißungder Wildzäu ne und Aus⸗ übung der Jagd durch die Gemeinden damit die Waldbevölkerung sichdes Wildzeugs erwehre, und das Land von dieser Landplage befreie. Unser Antrag wurde niedergestimmt, niedergestimmt mit Hilfe der waschlappigen Libe⸗ ralen, die im vorigen Jahre sich noch den An⸗ schein gaben, als wollten sie einen ernsten An⸗ lauf gegen die schreienden Uebelstände mitmachen. Liebermann von Sonnenberg sollte sich nach unserem in Nr. 52 des v. Jahrg. erschienenen Reichstagsbericht über die Zucht⸗ hausvorlagegefreut haben. Wir haben diesen Bericht anderen Tageszeitungen entnommen, die fast wörtlich so berichteten wie wir. Wir haben leider heute nur noch ein Blatt, das jenen Bericht enthielt, auffinden können, und in diesem Blatt wird nur ein Satz L. v. S's. zitiert, der auf die Zuchthausvorlage Bezug hat. Derselbe lautet:Meine Freunde(also die Anti⸗ semiten) sind erfreut über den Gesetzentwurf zum Schutz der Arbeitswilligen. Wie wir jetzt aus einem Blatt, das dem Abg. L. v. S. nahe steht, ersehen, hat der Antisemitenführer laut stenographischem Bericht der uns nicht zur Verfügung stand gesagt, daß jene Vorlage sorgfältig geprüft werden müsse, da nicht nur streikende Arbeiter, sondern häufig auch Arbeit⸗ geber Arbeitswillige an der Arbeit verhinderten. Da wir unter keinen Umständen irgend jemand bewußtermaßen Unrecht thun möchten, nehmen wir hiermit Notiz von jener Richtig⸗

stellung. Schuldenfrei.

Kaum glaublich! Im glorreichen Deutschen Reich, das der gesamten Bevölkerung in Schuldenmachen mit einem nicht nach⸗ ahmens würdigen Beispiel vorangeht, giebt es doch einen Bundesstaat, der schuldeufrei ist. Aus dem Fürstentum Reuß ä. L., einem der vielgeschmähten Kleinstaaten, kommt

die Nachricht, daß, während schon im vorigen

Jahre dort die Grund- und die Einkommensteuer je um einen Termin ermäßigt worden sind, kürzlich der Rest der Staatsschulden des Landes aus gelost worden ist. Reuß ä. L. ist somit der einzige Staat im Deutschen Reiche, der vollständig schuldenfrei dasteht. Glückliches Reuß! Des Alleinherrschers Heilsbotschaft ist in zweiter, aber nicht verbesserter Auflage er⸗ schienen. Nach dem Londoner WeltblattTimes besagt ein neues Rundschreiben des preußischen auswärtigen Amtes:

Obwohl seit dem Rundschreiben vom August der politische Horizont sich etwas bewölkt und einige Mächte sogar Schritte zur Ver⸗ größerung ihrer Rüstungen ergriffen haben, werde hoffentlich die allgemeine Lage sich wieder günstig für den Erfolg des großen humanitären Unternehmens des Zaren gestalten. Inzwischen halte die russische Regierung einen Meinungsaustausch zwischen den Kabinetten über den Gegenstand für rätlich, um die dip⸗ lomatische Erörterung anzubahnen. Wünschens⸗

wert sei eine Verständigung über zehn Punkte. g Die Hauptpunkte sind, ein Abkommen, die

Heere und Flotten für einen bestimmten Zeit⸗ raum nicht zu vergrößern, desgleichen nicht die Militär⸗ und Marinebudgets, ferner der Ver⸗ such, Mittel ausfindig zu machen, um diese Streitkräfte und deren Budgets künftighin zu vermindern, Untersagung des Gebrauches

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