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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 21.
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5e———— LILIU
Unterhaltune
As-CTeil.
N Auf Pfingsten. So kurz, so kurz die Blumenstrecken Voll Sonnenschein und Friedenston, So lang die Bahn voll Nacht und Schrecken, Durch welche zog die Menschheit schon! O Weltgeist, was sind deine Siele d Führst du zur Freiheit und zum Cicht, So sei es drum!— Sonst aber spiele So grausam mit dem Menschen nicht!
Caß es des Elends und der Sähren, Ach, wen'ger sein, sie sind zu groß! Kannst du kein volles Glück gewähren, Versag' uns kein erträglich Los!
Wir wollen dir nicht ebenbürtig
Als staubgeborne Menschen sein;
Wir wollen uns nur menschenwürdig Der kurzen Lebensspanne freu'n.
Wir wollen uns nicht überheben,
Auf Engel leisten wir Verzicht!
Jedoch als arme Teufel leben,
Auch dies ist uns're Absicht nicht!
Den Himmel schon auf Erden wollen, Fällt uns nicht ein, wir sind schon froh, Daß wir ihn einst erlangen sollen
Im Jenseits. Doch pressiert's nicht so!
Es geht uns zwar nicht gut auf Erden, Wir haben es schon weit gebracht,— Jedoch es kann noch schlechter werden, Denn guter Rat kommt über Nacht. Wer etwa Morgenlüfte wittert
Und einen Freiheitshauch verspürt,
Und wen ein Lenzesnah'n durchzittert, Der sag's!— Wir lauschen ihm gerührt.
Gott gab der Welt den freien Willen
Zu guter und zu schlimmer That,—
Und führt sie auf den rechten Pfad.
Dir, Weltgeist, lasse uns vertrauen, Verzweifeln soll die Menschheit nicht;
Gott führt uns oft durch Nacht und Grauen, Doch führt er uns nicht hinter's Licht.
Sein heil'ger Geist ist ausgegossen,
Und so verderbt ist nicht die Welt,
Daß ihm ein jedes Herz verschlossen,
Und er in keine Seele fällt;
Undzwenn er nur in eine fiele,
So ist's ein gottgeweihter Ort,
Dies eine Herz, zum höchsten Siele
Reißt's dann die ganze Menschheit fort! Friedrich Stoltze.
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vom Stamm gerissen. 20] Roman von E. Langer.
Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)
Die Luft in Oettingers Stube war trotz der milden Witterung dumpf und kalt. Er ver⸗ suchte, sich ein Feuer im Kamin anzuzünden, kam aber damit nicht gut zustande. Das Holz mochte nicht ganz trocken sein. Es knallte und chwelte, und der Rauch schlug in die Stube.
ls echter Philosoph zur Resignation geneigt, in kleinen wie in großen Dingen, gab er den Versuch, es sich behaglicher zu machen, auf, öffnete Thür und Fenster, um den Qualm sich verziehen zu lassen, und setzte sich, um einen Brief zu lesen, den er bei seiner Rückkehr ge⸗ funden hatte. Derselbe war von seinem Ver⸗ leger, der ihm über sein erstes größeres sozial⸗ wissenschaftliches Werk Komplimente machte.
Mitten in der Lektüre wurde er plötzlich auf das Stimmchen der kleinen Jeanette, der jüngsten Tochter des Brauers, aufmerksam, die neben einem anderen Schritt die Treppe herauf— getrippelt kam.
„C'est ici, Mademoiselle, Monsieur Oetting
est chez lui. La porte est grandement
ouverte, entrez seulement.— Oh alors,
qu'est ce qu'il a fait? C'est tout plein
de fumée!“
Oettinger ließ die Hand mit dem Vriefe sinken und sah erwartungsvoll nach der Thür. Nicht lange, so erschien eine Dame in dem
Rahmen derselben. Befremdet erhob er sich und schritt ihr langsam entgegen. Sie war eingetreten und hatte die Thür vor der Nase der kleinen Jeanette, die mit dem Finger im Munde neugierig stehen geblieben war, hinter sich geschlossen. Jetzt hob sie den Schleier.
„Tussy“, rief er und streckte ihr beide Hände entgegen, in die sie die ihrigen mit einem un⸗ beschreiblichen, aus Freude, Wehmut und lieb— licher Verwirrung gemischten Blick legte. Kurt schüttelte sie ihr immer und immer wieder, und sah sie dabei mit tiefer Ergriffenheit an. Reden konnte er aber ebeuso wenig wie sie, und als ihr nun die Thränen über die Wangen stürzten, hielt auch er sich nicht länger.
Von einander abgewandt, suchte jedes sich zu fassen. Kurt gelang es zuerst.„Liebe, liebe Tussy“, sagte er, indem er wieder ihre Hand ergriff, und sie nach dem Stuhle vor seinem Schreibtisch, dem einzigen, etwas be⸗ quemen Sitz der sehr einfach eingerichteten Stube führte.„Wie komme ich zu dem unverhofften Glück, Sie hier in der Fremde zu sehen? Was führt Sie her?“
„Ich bin als Reisebegleiterin einer Dame hier“, erwiderte Tussy, ihre Thränen gewaltsam bezwingend.„Wir logieren unten am See, im Hotel Beau Rivage. Frau Malm, so heißt die Dame, konnte sich aber nicht entschließen, so hoch zu steigen“, setzte sie, wie zur Entschul⸗ digung ihrer Kühnheit, ihn allein aufgesucht zu haben, hinzu.„Ich mußte Sie aber sehen, das hat mir der Vater auf die Seele gebunden.“
„Nun, Tussy, ich hoffe, Sie sind nicht nur des Vaters wegen gekommen“, sagte Kurt mit leisem Vorwurf im Ton.
„Gewiß nicht“, versetzte sie schnell, und fuhr dann einlenkend fort:„Aber wie entlegen wohnen Sie hier? Gut, daß Frau Malm nicht mitkam; mit der hätte ich meine liebe Not gehabt. Sie kann gar nicht gehen, sie ist so zart und verwöhnt und auch ein wenig kindisch“, lächelte Tussy mit köstlicher Ueberlegenheit,„aber so gut, wirklich herzensgut“, setzte sie schnell hinzu.„Sie erwartet, daß Sie mich heute zum Diner um sieben Uhr zurückbegleiten. Bis dahin bin ich frei.“
„Ach, das ist ja herrlich, köstlich!“ jubelte Oettinger.„Da führe ich Sie in meinem Paradies herum, bis hinauf auf das Signal, den höchsten Punkt über Lausanne. Dort ist eine Aussicht! Oder wollen Sie die Kathedrale sehen?— Aber ich bin ganz kopflos vor Freude. Zunächst müssen Sie sich erquicken.“ Und als Tussy ihm wehren wollte, fuhr er, mit scherz⸗ hafter Heimlichkeit sich zu ihr niederbeugend, fort:„Sie wissen, ich wohne hier in einer Brauerei; da giebt es einen köstlichen Trunk. Entschuldigen Sie mich, in zwei Minuten bin ich wieder hier.“ Damit eilte er hinaus und elastischen Schrittes die Treppe hinab.
Tussy saß sinnend ein Weilchen da. Dann aber fing sie an, sich in der Stube umzusehen. Ihr Blick begegnete vielem, was ihrem weib⸗ lichen Ordnungssinn nicht gefiel, und schnell erhob sie sich, legte Hut und Handschuh ab und begann Ordnung zu schaffen. Das noch immer schwelende Holz im Kamin hatte sie schon vor⸗ hin zum Nachhelfen gereizt. Jetzt kniete sie nieder, ergriff den kleinen Blasebalg und blies die glimmenden Holzstückchen erst sachte und dann immer kräftiger an, bis eine schöne helle Flamme aufschlug. Als Kurt mit einer Karaffe schäumenden Bieres zurückkehrte, brannte es lustig im Kamin, und Tussy war gerade dabei, einige herumliegende Kleidungsstücke aufzuhängen. Er blieb betroffen auf der Schwelle stehen. Der Anblick des häuslich geschäftigen Mädchens, dessen schwellende Formen ihm jetzt erst auf⸗ fielen, erfüllte seine vereinsamte Seele mit einem ganz eigenen Wohlgefühl, und setzte ihn doch zugleich ein wenig in Verlegenheit. Indessen scherzte er so unbefangen wie möglich über den Graus einer Junggesellenwirtschaft, die eine wahre Autitese des Ewigweiblichen sei.
Tussy errötete ein wenig, ging aber munter auf seine Scherze ein, während sie für die Ka⸗ raffe ein kleines Tischchen abräumte und vor den Kamin stellte. Oettinger war seelenvergnügt über diese Anordnung und freute sich über das helle Feuer wie ein Kind, das er in seinem
Herzen war, schob für Tussy seinen Lehnstuhl heran und lief der Magd entgegen, um ihr Gläser, Brot und Käse abzunehmen, die er die Wirtin gebeten hatte, ihm auf seine Stube zu schicken.
Es war ein sehr frugales Mahl, welches er der lieben Landsmännin zu bieten hatte, aber in der Stimmung, in der beide waren, schmeckte das schöne schweizer Weizenbrot und der echte Emmenthaler Käse, mit dem kräftigen Doppelbier befeuchtet, besser als die schönsten Delikatessen. Und Tussy fühlte erst jetzt, daß ihr der Weg einen tüchtigen Appetit gemacht hatte. Sie griff wacker zu.
„Und nun erzählen Sie, liebe Tussy, wie ist es gekommen, daß Sie Ihre Stellung als wohlbestallte Schullehrerin aufgaben und Reise⸗ begleiterin geworden sind?“
Tussy spielte mit den Brotkrümchen auf der Tischplatte. Dann sagte sie:„Ehrlich ge⸗ standen, meine Thätigkeit befriedigte mich nicht. Dies ewige Grammatik-Pauken, ich hatte es nach anderthalb Jahren so satt! Und dann auch sehnte ich mich hinaus aus der Enge meines Lebens. Ich wollte auch einmal etwas von der Welt sehen, all' die trüben Erinne⸗ rungen hinter mir lassen.“
„Nur zu begreiflich!“ nickte Oettinger ernst, indem ein Seufzer seiner Brust entstieg.
„Da las ich die Anzeige von Frau Malm und meldete mich. Sie bot mir soviel, wie mein Gehalt an der Schule betrug, und ich schlug ein.“ f
„Malm, der Name kommt mir bekannt vor.“
„O, gewiß haben Sie ihn gehört. Die Malms sind eine reiche begüterte Familie bei Königsberg. Frau Malm ist Witwe, sie hei⸗ ratete ganz jung einen schon bejahrten Mann, der sie auf Händen getragen haben soll, ihr auch ein bedeutendes Vermögen hinterlassen hat. Aber glücklich scheint die Ehe nicht gewesen zu sein, wenigstens merkt man ihr keine Trauer um ihren„lieben Alten“ an, wie sie ihn immer nennt. Ach, sie ist so drollig! Nun, Sie werden sie kennen lernen!“ lächelte Tussy, als ob sie etwas besonderes für ihren Freund in petto hätte.„Sie muß sehr schön gewesen sein, ist es noch“, setzte sie mit einem wichtigen Kopf⸗ nicken hinzu.
„Und wie lange sind Sie nun auf Reisen?“ „Seit dem Herbst. Zuerst gingen wir nach Wiesbaden, dann nach e und end⸗ lich nach Vevey, von wo wir kommen.“
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„Also so lange sind Sie schon in meiner Nähe! Und ich keine Ahnung davon zu haben! Warum schrieben Sie mir nicht?“ fragte er voll Bedauern, indem er seine Hand leicht auf ihren Arm legte. Sie schwieg und er fuhr fort:„Aber der Vater, was macht der nun ganz allein?“
„O, der Vater war damit völlig einver⸗ standen. Er kann sich ohne mich viel billiger einrichten. Sie wissen, daß er sein Geschäft aufgegeben hat— wie, Sie wissen es nicht? Er hat Ihnen doch geschrieben?“
„Ja, aber das muß noch vorher gewesen sein. Er klagte nur über das miserable Leben, und daß das Geschäft nichts einbrächte.“
„Nun ja. Etwa vor einem Jahr hatte er wieder einen„Mann.— Sie wissen, er hat immer einen Mann, auf den er schwört“, schaltete sie lächelnd ein.„Diesmal aber einen, der ihm wirklich von Nutzen war. Es war ein Leihbibliothekar, der einen Gehülfen brauchte, und dem Vater die Stelle mit einem Gehalt anbot, das für seine geringen Bedürfnisse aus⸗ reichte.
Vater nicht geben, und ich riet ihm sehr, es
anzunehmen. Die Waren wurden verauktioniert,
und Vater lebt nun von morgens bis abends unter Büchern, in seinem eigentlichen Element. Nur vertieft er sich bisweilen zu sehr darin, sodaß die Leute, welche Bücher wechseln kommen, ihn erst in die Gegenwart zurückrufen müssen. Einmal wäre er beinahe von der Leiter, auf der er hoch oben lesend saß, beim Anruf eines Kunden heruntergestürzt.“
Oettinger konnte sich bei dieser Schilderung nicht enthalten, laut aufzulachen und Tussy stimmte lustig ein.
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