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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 21.

Von Nah und Lern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise find, jederzeit willkommen.

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗

haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten. ir bitten alle

zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Gießener Lokalnachrichten.

P.-B. Die Polizei berichtet neben anderen Bagatellsachen von zahlreichen zur Anzeige ge⸗ brachtenSonntagsradfahrern und eingeschla genen Fensterscheiben. Ein Kind, das in den Schoorgraben und ein junger Mann, der aus einem Grönländer in die Lahn gefallen war, konnten mit Not gerettet werden. Ein Rad⸗ fahrer wurde in der Licher Straße von dem großen Hund eines Restaurateurs angefallen und dadurch zu Fall gebracht. Radler und Rad erlitten nicht unerhebliche Verletzungen. Der Hund soll wiederholt Radfahrer angefallen und sein Herr dann die Beschwerde führenden Stahlroßreiter jedesmalnicht glimpflich ab⸗ gefertigt haben.

Eine Staatsstütze verkracht.

* Seit dem Himmelfahrtstag ist der Gießener Schlachthausverwalter Julius Möhl vom Schauplatze seiner langjährigen unrühmlichen Thätigkeit verschwunden. Für Gießen ist dieser Fall Möhl thatsächlich ein Ereignis. Ab⸗ gesehen von einzelnen Streberkreisen war Möhl wegen seiner größenwahnsinuigen Brutalität und Unverschämtheit wohl der gehaßteste Mann in der oberhessischen Provinzialhauptstadt. In ganz unverantwortlicher Weise hat Möhl die Metzger und Viehhändler geschuhriegelt. Ich, der große Julius Möhl, Ich, der ehemalige Feuerwehrhauptmann, Ich, der Schlachthaus⸗ verwalter, Ich, der Krieger mit der orden⸗ geschmückten Heldenbrust, Ich bin der Herr

im Schlachthaus und wehe dem, der sich muckst!

Nach diesem Rezept hat der Patriot Möhl im Gießener Schlachthaus jahrelang fortgewurstelt. Und Glück hatte der Mann in seinen Kämpfen mit den Metzgern. Wie von unsichtbarer, ge heimnisvoller Macht geschützt, ging er aus zahl⸗ reichen, mit Metzgermeistern geführten Prozessen unbesiegt hervor. In dem Bewußtsein:Mir kann Keiner! steigerte sich die Unleidlichkeit dieses Menschen bis ins Ungemessene. Und nun hat er freiwillig den Schauplatz seiner Heldenthaten verlassen. Warum? Anscheinend wegen einer Bagatelle. Er soll den Wasen⸗ meister um ein Geringes bei den Abrechnungen geschädigt haben. Irgend etwas Authentisches ist noch nicht veröffentlicht worden, obwohl es unseres Erachtens im Interesse der Stadt Gießen läge, wenn die Bürgermeisterei, soweit sie dazu imstande und berechtigt ist, die auf den Abon⸗ nentenfang berechneten sensationellen Berichte in auswärtigen Blättern auf ihren wahren Wert zurückführte. Spieß bürgerliche Helden.

* So ein echter Vollblutspießer ist ein geradezu ekelhaftes Geschöpf. Jetzt, wo der Schlachthaus verwalter Möhl weit vom Schuß ist, haben selbst die größten Angstmeier Helden⸗ mut. Leute, rie den Hut nicht tief genug vor Möhl ziehen konnten, die vor Glück strahlten, wenn der mächtige Mann sie gnädig anlächelte, oder ihnen zutrank, verurteilen den nunmehr Unschädlichen in Grund und Boden. Alle Ach⸗ tung vor den Männern, die jahrelang gegen Möhl offen gekämpft haben, aber ein Pfui den feigen Burschen, die vor Möhl katzbuckelten und jetzt jedes Glas Sekt aufzählen, das die verkrachte Staatsstütze je getrunken, jeden Bissen Braten wiederkauen, den der Feinschmecker je in Restaurationen gegessen haben soll.

Antisemitische Arbeiterfürsorge.

U heber eine Landtagsverhandlung lesen wir im Organ des Abg. Köhler:

Bei Art. 260(Gesinde-Ordnung) beantragt der Sozialdemokrat David die Be⸗ stimmungen für die gewerblichen Arbeiter u. s. w. auf die Dienstboten auszu⸗ dehnen, was der Landtag vernünftiger weise ablehnt.

Die bescheidenen Rechte, deren sich die ge⸗ werblichen Arbeiter erfreuen, gönnen Herr Köhler und seine Parteigenossen den Knechten und Mägden, den städtischen und ländlichen

Dienstboten nicht! Diese sollen als Men⸗ schen zweiter Klasse unter der Gesinde Ordnung verbleiben. Vergeßt's nicht, ihr ländlichen Tagelöhner und Knechte!

National⸗soziale Tapferkeit.

* Das Marburger Organ für Wasserpolitik hat spaltenlange Artikel über denFall Bernstein veröffentlicht. Um die KlippeGöhre drückt sich die Fregatte aber mit folgenden paar Zeilen herum:

* Pfarrer Göhre spricht sich in der Zukunft über seine Trennung von den National⸗Sozialen aus. Nachdem wir den Artikel gelesen haben, sind wir zu der Ueber⸗ zeugung gekommen: es ist am besten so. Göhre konnte nicht bleiben, weil er nie so recht zu uns gehört hat.

Eine verflixt pfiffige Gesellschaft! Es stimmt übrigens, daß Pastor Göhre, ein ehrlich prole⸗ tarisch⸗sozialistischer Politiker, nicht mehr in jene Partei paßt. Wenn aber in dem Mar⸗ burger Blatt gesagt wird:Göhre konnte nicht bleiben, weil er nie so recht zu uns gehört hat, so ist das wirklich köstlich.Nie zu uns das schreibt derselbe Herr Erdmanns⸗ dörffer, der sich noch vor wenigen Jahren im Lager des Antisemiten Liebermann v. Sonnen⸗ berg befand, den er selbst in seiner Schrift einen Herrnmit ostpreußisch⸗aristokratischen Allüren nennt. Herr Göhre paßt in der That nichtzu uns, den Sohme, Lorenz und Erd⸗ mannsdörffer.

Volksgericht?

* Schwurgerichte sind angeblich Volks⸗ gerichte. Als Hauptgeschworene für das am 5. Juni in Gießen beginnende Schwurgericht wurden ausgelost:

15 Landwirte, Pächter und Gutsbesitzer, 7

Kaufleute, 3 Rentner, 2 Gemeinde-Einnehmer,

1 Beigeordneter, 1 Metzgermeister, 1 Gastwirt.

Zum Volke gehören aber auch kleine Bauern, Industrie- und Landarbeiter, Handwerker u. s. w. u. s. w. Solange nicht auch diese Schichten im Schwurgericht vertreten sind selbstverständlich gegen Entschädigung ihrer Zeitverluste, solange sind die Schwur⸗ gerichte keine Volksgerichte.

Zur hessischen Steuerreform.

» Die von den Freunden der Wein⸗ steuer bei deren Ablehnung in Aussicht gestellte und vielleicht auch hie und da gewünschte Folge, der Fall der ganzen Steuerreform, ist nicht eingetreten. Der Finanzminister hat in Würdigung des Willens der Volksvertretung die Konsequenzen gezogen und wird demnächst Ersatzvorschläge machen. Diese gehen da⸗ hin, die Erbschaftssteuer, unter Ausscheidung der Geschwister, um 2 pCt. zu erhöhen, woraus ein Mehrergebnis von etwa 100 000 entstehen würde und eine Lizenzsteuer für alle Gastwirte einzuführen, deren Ergebnis auf etwa 250 000 M. veranschlagt wird. Der Rest der aus der Weinsteuer erwarteten 500 000 Mark wird aus den Mehrergebnissen der Staatslotterie eingestellt, für die man ein Mehr von etwa 130 000 Mk. annimmt. Die Beratung der Steuervorlage wird nach den Pfingstferien, die bis zum 30. Mai dauern, beginnen. Die Sozialdemokraten sind für die Lizenzsteuer, die weiter nichts ist, als eine Gewerbesteuer nur für Wirte, nicht zu haben, denn in dem Augenblick, wo man die Gewerbesteuer für Alle abschafft, bedeutet diese Lizenzsteuer nichts anderes als eine Aus nahmebesteuerung der Gastwirte.

Fromme Augenverdreher.

* DasEvangelische Sonntags-Blatt kann ebenso wenig das Lügen und Verleumden lassen, wie die Katze das Mausen. Zahlreiche Pastoren wollen deshalb von dem Blatt nichts wissen, andere wieder geben sich allerdings zu Agenten desselben her. Wer wäre imstande festzustellen, wie viele Menschen durch diese sogenannten frommen Blätter schon der Kirche entfremdet worden sind? Von der sozialdemokratischen Maifeier lügt das Blatt, der Weltfeiertag am 1. Mai sei proklamiert worden, damit dadurch alle anderen Feste hinfällig würden und es sollte damit derUntergang des Christentums

angezeigt werden u. s.w. Gegen die frommen

Augenverdreher, die sich berufen fühlen, im

DarmstädterEvangel. Sonntagsblatt zur höheren Ehre des Kapitalistenprofits die Ar⸗ beiterbewegung zu verleumden, waren die Phari⸗ säer zu Zeiten des großen Nazareners wahre Idealmenschen.

Aus Wetzlar.

* Am Sonntag, den 30. April, sprach hier der ehemalige Reichstagsabg. Zimmermann⸗ Dresden, der im hiesigen Kreise kandidieren will, wenn eine Nachwahl stattfinden sollte. Die Versammlung nahm einen recht interessanten Verlauf, da dem Vortrag Zimmermanns eine lebhafte Diskussion folgte. Von sozialdemo⸗ kratischer Seite sprach Genosse R. Opifizius⸗ Frankfurt, von nationalliberaler Seite Lehrer Martell-Frankfurt. Von dem antisemitischen Vorsitzenden wurde festgestellt, daß die deutsch⸗ sozialen Konfusionsräte und die christlich⸗sozialen Unsinnsmänner sich in Zukunftwo möglich nie mehr feindlich gegenüberstehen werden. Ueber die Zugehörigkeit der einzelnen Wahlkreise sei eine Einigung zustande gekommen und der Wahlkreis Wetzlar⸗Altenkirchen hierbei der deutsch⸗sozialen Reformpartei zugefallen? Zu⸗ gefallen ist gut. Die christlich- und deutsch⸗ sozialen Reformer verschachern Wahlkreise, wie die von ihnen so verhaßten hebräischen Hosen⸗ trödler alte Buxen. Ist das freiteutsch oder treuteutsch?

Wetzlarer Steaftam;; Bürgermeister Landwirt Wilhelm D. von Mandeln ist wegen falscher Beurkundung unter Anklage gestellt. Er soll am 17. Dezember vorigen Jahres bei vier Kaufnotuln attestiert haben, daß die an den Käufen beteiligten Per⸗

sonen die Kaufakte in gemeinschaftlicher Zu⸗

sammenkunft in seiner Wohnung vollzogen hätten, während thatsächlich jeder einzelne für sich unterschrieben habe. Auch bei der Ein⸗ tragung des Verkäufers soll nicht korrekt ver⸗ fahren worden sein. Das Urteil lautet auf Freisprechung. Der Gerichtshof nimmt an, daß dem Angeklagten das Bewußtsein von der Rechtswidrigkeit seines Thuns gefehlt habe.

DerW. A. berichtet: Am Abend des 29. Januar hatten der stud. med. C., der stud. med. Sch., der Steueraccessist Pfl. und der Gerichtsaccessist H., alle aus Gießen, mit einer Anzahl anderer junger Leute, meistens Stu⸗ denten, imRöm. Kaiser hierselbst kneipend beisammen gesessen. Nachdem in vorgerückter Stunde die Stimmung sehr fidel geworden war, hatten sich die Qbengenannten auf die Straße verfügt und die vor dem Hause stehenden Kinder zum Wettlaufen veranlaßt, auch Geld unter die

Kinder geworfen. Hierbei waren sie nicht nur

selbst sehr laut gewesen, sondern es war auch durch ihr Vorgehen ein beträchtlicher Spektakel durch die Kinder u. s. w. hervorgerufen worden. Dieser Spektakel hatte bekanntlich den Gendar⸗ men Gl. zu einem Einschreiten veranlaßt, wobei es später auch Hiebe mit der blanken Waffe absetzte. Für heute steht nur die Ver⸗ handlung wegen Ruhestörung gegen die 4 An⸗ geklagten zur Verhandlung. Auf Grund der

Zeugenaussagen gelangt das Wetzlarer Schöffen⸗

gericht zu der Ueberzeugung, daß C., Sch. und H. schuldig sind. Jeder von ihnen erhält 15 Mk.

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gegen wird freigesprochen. Von einer Ver⸗ handlung gegen den Glaus haben wir bisher noch nichts gehört. Der Kaiser und die Preisrichter. Aus Cassel berichteten kürzlich die Zei⸗ tungen:Vom Ortsausschuß für den Wettstreit deutscher Männergesangvereine war eine Konkur⸗ renz für Erlangung eines künstlerischen Plakats ausgeschricben worden. Von den 20 eingegange⸗ nen Arbeiten war der Preis dem Entwurfe des Lehrers an hiesiger königlicher Kunstakademie Adolf Wagner einstimmig zuerkannt worden. Zur Vervielfältigung gelangt der preisgekrönte Entwurf indes nicht, weil der Kaiser den

Entwurf des Malers Doepler jun.⸗Berlin zur Ausführung bestimmte. N

Das heißt zu deutsch, meint derKunstwart, den betreffenden Herren kam zu Ohren, das dem Kaiser ein anderer Entwurf besser gefiel,

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