Ausgabe 
20.8.1899
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 34.

Verteilung der Lebenslasten, damit gewinnt ihr zugleich Zeit und Stimmung für die höheren Lebensgenüsse, und die eigentlichen Lebensfreuden, die Teilnahme an den materiellen Gütern der menschlichen Kulturthätigkeit sowohl wie an den geistigen. die die wahre Bildung gewährt, werden euch zufließen und schmackhaft werden.

Goethe bezeichnet einen bisher in der deutschen, ja in der allgemeinen menschlichen Geisteskultur unerreichten Höhepunkt. Ohne Bildung also kein Bedürfnis nach und kein Verständnis für Goethe! Nun liegt aber alle wahre Kultur, also auch die durch die dichterische Thätigkeit Goethes geschaffene, in der Richtung auf Fortschritt und Freiheit hin. Daher wird der große Dichter noch auf unabsehbare Zeit hinaus eine erfreuliche Wirkung ausüben, zumal seine bedeutenden Dichtungen alle unmittelbar zum Herzen sprechen und den Stimmungen und Gefühlen Wiederhall geben, die in allen Menschen auch abgesehen von ihrem Bildungsgrade zu Zeiten rege sind. Wer wirklich ein frischer, lebendiger Mensch ist, bringt als solcher eine Verwandtschaft, eine innere Be⸗ ziehung zu Goethe mit, und Goethe wird ihm ein Quell gemütlicher Labung und geistiger An⸗ regung sein, wofern er nur zu der immer größer werdenden Gemeinde derjenigen gehört, die den Wert wahrer Bildung erkennen und ihr zu⸗ streben. Aechter Bildungsdrang bethätigt sich einzig im bewußten Fortschritt zu äußerer und iunerer Freiheit. Zu welchen Zielen dies frei⸗ heitliche Fortschreiten führt, sagt der Dichter selbst, indem er seinem Freunde Schiller in's Grab nachruft:

Indessen schritt sein Geist gewaltig fort In's Ewige des Wahren, Guten, Schönen.

Ein solcher Streiter für's Ewige, d. h. die unvergänglichen Güter des Lebens: für die Wahrheit ihr Grundgedanke ruht in dem Worte Schillers:Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, für die Gerechtigkeit sie ist das höchste menschliche Gut, und für die Schön heit die Erfüllung von wahrer Ordnung und Sitte, von Harmonie auf Erden war auch Goethe, und zwar einer der besten, den die Menschheit besessen.(Fortsetzung folgt.)

Michael Kohlhaas.

Historische Erzählung von H. von Kleist. (6. Fortsetzung.)

Luther mit einem verdrießlichen Gesicht warf die Papiere, die auf seinem Tische lagen, über⸗ einander, und schwieg. Die trotzige Stellung, die dieser seltsame Mensch im Staat einnahm, verdroß ihn; und den Rechtsschluß, den er von Kohlhaasenbrück aus an den Junker erlassen, er wägend, fragte er: was er denn von dem Tribunal zu Dresden verlange? Kohlhaas antwortete: Bestrafung des Junkers, den Gesetzen gemäß; Wiederherstellung der Pferde in den vorigen Stand, und Ersatz des Schadens, den ich so wohl, als mein bei Mühlberg gefallener Knecht Herse durch die Gewaltthat, die man an uns verübte, erlitten. Luther rief: Ersatz des Schadens! Summen zu Tausenden, bei Juden und Christen, auf Wechseln und Pfändern, hast du zur Bestreitung deiner wilden Selbstrache aufgenommen. Wirst du den Wert auch, auf der Rechnung, wenn es zur Nachfrage kommt, ansetzen? Gott behüte! erwiderte Kohlhaas. Haus und Hof, und den Wohlstand, den ich be⸗ sessen, fordere ich nicht zurück, so wenig als die Kosten des Begräbnisses meiner Frau! Hersens alte Mutter wird eine Berechnung der Heilkosten und eine Specifikation dessen, was ihr Sohn in der Tronkenburg eingebüßt, beibringen, und den Schaden, den ich wegen Nichtverkaufs der Rappen erlitten, mag die Regierung durch einen Sach⸗ verständigen abschätzen lassen. Luther sagte: rasender, unbegreiflicher und entsetzlicher Mensch! und sah ihn an. Nachdem dein Schwert sich an dem Junker Rache, die grimmigste genommen, die sich erdenken läßt; was treibt dich auf ein Erkenntniß gegen ihn zu bestehen, dessen Schärfe, wenn es zuletzt fällt, ihn mit einem Gewicht von so geringer Erheblichkeit nur trifft? Kohlhaas erwiderte, indem ihm eine Thräne

über die Wange rollte: hochwürdiger Herr! es hat mich meine Frau gekostet; Kohlhaas will der Welt zeigen, daß sie in keinem ungerechten Handel umgekommen ist. Fügt euch in meinen Willen, und laßt den Gerichtshof sprechen; in allem Andern, was sonst noch streitig sein mag, füge ich mich euch. Luther sagte: schau her, was du forderst, wenn anders die Umstände so sind, wie die öffentliche Stimme hören läßt, ist gerecht; und hättest du den Streit, bevor du eigenmächtig zur Selbstrache geschritten zu des Landesherrn Entscheidung zu bringen gewußt, so wäre dir deine Forderung, zweifle ich nicht, Punkt vor Punkt bewilligt worden. Doch hättest du nicht, Alles wohl erwogen, besser gethan, du hättest, um deines Erlösers willen dem Junker vergeben, die Rappen dürre und abgehärmt wie sie waren, bei der Hand genommen, dich aufge⸗ setzt, und zur Dickfütterung in deinen Stall nach Kohlhaasenbrück heimgeritten? Kohlhaas antwortet: kann sein! indem er an's Fenster trat: kann sein, auch nicht! Hätte ich gewußt, daß ich sie mit Blut aus dem Herzen meiner lieben Frau würde auf die Beine bringen müssen: kann sein, ich hätte gethan, wie ihr gesagt, hochwürdiger Herr, und einen Scheffel Hafer nicht gescheut! Doch, weil sie mir einmal so teuer zu stehen gekommen sind, so habe es denn, meine ich, seinen Lauf: laßt das Erkenntniß, wie es mir zukommt, sprechen und den Junker mir die Rappen auffüttern.

Luther sagte, indem er unter mancherlei Gedanken wieder zu seinen Papieren griff: er wolle mit dem Kurfürsten seinethalben in Unter⸗ handlung treten. Inzwischen möchte er sich auf dem Schlosse zu Lützen still halten; wenn der Herr ihm freies Geleit bewillige, so werde man es ihm auf dem Wege öffentlicher Anplackung bekannt machen. Zwar, fuhr er fort, da Kohlhaas sich herabbog, um seine Hand zu küssen: ob der Kurfürst Gnade für Recht er⸗ gehen lassen wird, weiß ich nicht; denn einen Heerhaufen, vernehm' ich, zog er zusammen, und steht im Begriff dich im Schlosse zu Lützen auf⸗ zuheben; inzwischen, wie ich dir schon gesagt hab, an meinem Bemühen soll es nicht liegen. Und damit stand er auf, und machte Anstalt ihn zu entlassen. Kohlhaas meinte, daß seine Fürsprache ihn über diesen Punkt völlig beruhige; worauf Luther ihn mit der Hand grüßte, jener aber plötzlich ein Knie vor ihm senkte und sprach: er habe noch eine Bitte auf seinem Herzen. Zu Pfingsten nämlich, wo er an den Tisch des Herrn zu gehen pflege, habe er die Kirche dieser seiner kriegerischen Unternehmung wegen ver⸗ säumt; ob er die Gewogenheit haben wolle, ohne weitere Vorbereitung seine Beicht zu em⸗ pfangen, und ihm zur Auswechselung dagegen die Wohlthat des heiligen Sakraments zu er⸗ theilen? Luther, nach einer kurzen Besinnung, indem er ihn scharf ansah, sagte: ja, Kohlhaas das will ich thun! Der Herr aber, dessen Leib du begehrst, vergab seinem Feind. Willst du, setzte er, da jener ihn betreten ansah, hinzu, dem Junker, der dich beleidigt hat, gleichfalls vergeben, nach der Tronkenburg gehen, dich auf deine Rappen setzen, und sie zur Dickfütterung nach Kohlhaasenbrück heimreiten?Hrech⸗ würdiger Herr, sagte Kohlhaas errötend, in dem er seine Hand ergriff, nun?der Herr auch vergab allen seinen Feinden nicht. Laßt mich den Kurfürsten, meinen beiden Herren, dem Schloßvoigt und Verwalter, den Herren Hinz und Kunz, und wer mich sonst in dieser Sache gekränkt haben mag, vergeben: den Junker aber, wenn es sein kann, nötigen, daß er mir die Rappen wieder dick füttere.

Bei diesen Worten kehrte ihm Luther mit einem mißvergnügten Blick den Rücken zu, und zog die Klingel. Kohlhaas, während dadurch herbeigerufen ein Famulus sich mit Licht in dem Vorsaal meldete, stand betreten, indem er sich die Augen trocknete, vom Boden auf; und da der Famulus vergebens, weil der Riegel vorgeschoben war, an der Thür wirkte, Luther aber sich wieder zu seinen Papieren niedergesetzt hatte: so machte Kohlhaas dem Mann die Thür auf. Luther, mit einem kurzen, auf den fremden Mann gerichteten Seitenblick, sagte dem Famulus: leuchte! worauf dieser, über den Besuch den er

erblickte ein wenig befremdet, den Hausschlüssel von der Wand nahm, und sich, auf die Entfernung desselben wartend, unter die halb offene Thür des Zimmers zurückbegab. Kohlhaas sprach, indem er seinen Hut bewegt zwischen beide Hände nahm; und so kann ich, hochwürdigster Herr, der Wohlthat versöhnt zu werden, die ich mir von euch erbat, nicht theilhaftig werden? Luther antwortete kurz: deinem Heiland: nein! dem Landesherrn, das bleibt einem Versuch, wie ich dir versprach, vorbehalten! Und damit winkte er dem Famulus, das Geschäft, das er ihm aufgetragen, ohne weiteren Aufschub abzu⸗ machen. Kohlhaas legte, mit dem Ausdruck schmerzlicher Empfindung seine beiden Händen auf die Brust; folgte dem Mann, der ihm die Treppe hinunter leuchtete, und verschwand.

Am andern Morgen erließ Luther ein Send⸗ schreiben an den Kurfürsten von Sachsen, worin er nach einem bitteren Seitenblick auf die seine Person umgebenden Herren Hinz und Kunz, Kämmerer und Mundschenk von Tronka, welche die Klage, wie allgemein bekaunt war, unter⸗ geschlagen hatten, dem Herren mit der Frei⸗ mütigkeit, die ihm eigen war, eröffnete, daß bei so ärgerlichen Umständen nichts anderes zu thun übrig sei, als den Vorschlag des Roßhandlers anzunehmen, und ihm des Vorgefallenen wegen, zur Erneuerung eines Prozesses, Amnestie zu erteilen. Die öffentliche Meinung, bemerkie er, sei auf eine höchst gefährliche Weise auf dieses Mannes Seite, dergestalt, daß selbst in dem dreimal von ihm eingeäscherten Wittenberg eine Stimme zu seinem Vorteil spreche; und da er sein Anerbieten, falls er damit abgewiesen werden sollte, unfehlbar unter gehässigen Bemerkungen zur Wissenschaft des Volks bringen würde, so könne dasselbe leicht in dem Grade verführt, werden, daß mit der Staatsgewalt gar nichts mehr gegen ihn auszurichten sei. Er schloß, daß man in diesem Fall über die Bedenklich⸗ keit, mit einem Staatsbürger, der die Waffen ergriffen, in Unterhandlung zu treten, hinweg⸗ gehen müsse; daß derselbe in der That durch das Verfahren, das man gegen in beobachtet,

auf gewisse Weise außer der Staatsverbindung

gesetzt worden sei; und kurz, daß man ihn, um aus dem Handel zu kommen, mehr als fremde

in das Land gefallene Macht, wozu er sich auch,

da er ein Ausländer sei, gewissermaßen qualifizire, denn als einen Rebellen, der sich gegen Thron, auflehne, betrachten müsse.

Der Kurfürst erhielt diesen Brief eben, als der Prinz Christiern von Meißen, Generalissimus des Reichs, Oheim des bei Mühlberg geschlagenen und an seinen Wunden noch darniederliegenden Prinzen Friedrich von Meißen, der Großkanzler des Tribunals, Graf Wrede, Graf Kallheim, Präsident der Staatskanzlei, und die beiden Herren Hinz und Kunz von Tronka, dieser Kämmerer, jener Mundschenk, die Jugendfreunde und Vertrauten des Herrn, in dem Schlosse gegenwärtig waren. Der Kämmerer, Herr Kunz, der in der Qualität eines Geheimenrats des Herrn geheime Correspondenz, mit der Befug⸗ niß sich seines Namens und Wappens zu bedienen, besorgte, nahm zuerst das Wort, und nachdem er noch einmal weitläufig aus einander gelegt hatte, daß er die Klage, die der Roßhändler gegen den Junker, seinen Vetter, bei dem Tribunal eingereicht, nimmermehr durch eine eigenmächtige Verfügung niedergeschlagen haben würde, wenn er sie nicht durch falche Angaben verführt für eine völlig grundlose und nichtsnutzige Plackerei gehalten hätte, kam er auf die gegenwärtige Lage der Dinge. Er bemerkte, daß weder nach göttlichen noch menschlichen Gesetzen der Roß⸗ kamm, um dieses Mißgriffs willen befugt ge wesen wäre, eine so ungeheure Selbstrache als er sich erlaubt auszuüben; schilderte den Glanz, der durch eine Verhandlung mit demselben, als einer rechtlichen Kriegsgewalt, auf sein gottver⸗

dammtes Haupt falle, und die Schmach, die 1 dadurch auf die geheiligte Person des Kurfürsten

zurückspringe, schien ihm so unerträglich, daß er, im Feuer der Beredtsamkeit, lieber das Aeu⸗ ßerste erleben, den Rechtsschluß des rasenden Rebellen erfüllt, und den Junker, seinen Vetter, zur Dickfütterung der Rappen nach Kohlhaasen⸗ brück abgefüht sehen, als den Vorschlag, den

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