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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeliung.

Nr. 31.

Küßt nie auf die Angen!

Eine Warnung vor dem Küssen auf die Augen liefert ein trauriger Krankheitsfall, den Prof. Dr. Uthoff, der Direktor der Universitäts⸗ Augenklinik in Breslau, in seiner Vorlesung zur Sprache brachte. DieN. Fr. Pr. berichtet darüber: Vor einiger Zeit wurde die seit zwei Jahren in glücklicher Ehe lebende junge Frau eines Rittergutsbesitzers aus der Umgegend von Breslau mit einer heftigen Augenentzündung in die Privatklinik des genannten Professors auf. genommen. Lange war man im Zweifel da⸗ rüber, welcher Ursache die bösartige Erkrankung zuzuschreiben sei, bis die Patientin schließlich auf Befragen mitteilte, daß ihr Gatte die Gewohnheit habe, sie häufig auf die Augen zu küssen. Es wurde nunmehr zur mikroskopischen Untersuchung des Auswurfs des Mannes ge⸗ schriten, und diese ergab, daß in demselben zahlreiche Pneumokokken enthalten waren. Es sind dies die Erreger der Lungenentzündung. Die nunmehr bei der Patientin eingeleitete Be⸗ handlung durch Auswaschungen mit ätzenden Flüssigkeiten vermochte zwar dem weiteren Um⸗ sichgreifen der Entzündung Einhalt zu thun, es waren aber bereits in der Hornhaut so starke, nicht wieder zu beseitigende Trübungen entstanden, daß die Sehkraft beider Aagen fast vollständig verloren war. Da das Vorkommen von Pneu⸗ mokokken im Munde nichts Außergewöhnliches ist, so bildet dieser Vorfall eine ernste Warnung, zumal sich der Verlauf der Entzündung bei deren Vernachlässigung auch noch schlimmer ge⸗ stalten kann. Die Pneumokokken, rufen ins Auge

elangt, zunächst eine Bindehaut⸗Entzündung 2995 die dann im weiteren Verlauf auf die Hornhaut übergeht, dort Trübungen verursacht und so das Sehvermögen beeinträchtigt oder ganz vernichtet. In besonders schweren Fällen kann sich die Entzündung auch durch die Horn⸗ haut ins Innere des Auges fortpflanzen, womit dann fast immer der Verlust des ganzen Auges verunden wäre.

Originelle Justiz.

Von einer originellen Justiz wissen ver⸗ schiedene Blätter aus Vandsburg(Westpreußen) zu berichten. Dort hatte eine Frau Holz ge⸗ stohlen und sollte dafur 1.20 Mark Strafe zahlen oder einen Tag Haft verbüßen. Zahlung erfolgte nicht, und die Zwangsvollstreckung fiel fruchtlos aus. Daher mußte die Frau dem Gericht vorgeführt werden, da sie nicht gut⸗ willig ging. Der Gemeindediener wurde be auftragt, die Frau(es war seine eigene) zur Abbüßung der Strafe vorzuführen. Dies geschah. Dafür ließ sich der Mann 1.50 Mark Transportkosten zahlen; von diesem Betrag zahlte er nun jene 1.20 Mark, so daß noch 30 Pfg. übrig blieben.

Die Umgangssprache der Agrarier.

In Nr. 92 der hinterpommerschenKamminer Kreisztg. vom Dienstag, 7. August 1899, be⸗ findet sich folgendes Inserat:Suche 20 Arbeits⸗ leute für die Dreschmaschine, Tagelohn 3 Mark, Soff und Fraß frei. Franz Krüger in Pribberow. Wenn die Arbeiter schon öffent⸗ lich mit Schweinen auf eine Stufe gestellt werdeu, so kann man sich die spätere Behandlung der selben denken. Daß unter diesen Umständen auf dem Lande Arbeitermangel herrscht, ist be greiflich.

Kostenfreie Telegramme.

Bei vergessenen Gegenständen auf den Bahnen. Auf Anordnung des preußischen Eisenbahn ministersums hat fortab der Passagier, der irgend einen Gegeustand im Koupee vergessen hat, diesen nachher von welcher Station immer reklamiert, nicht mehr wie bisher die auflaufenden Tele⸗ grammspesen zu zahlen. Die Passagiere sind in solchem Falle von jeder Bezahlung enthoben, selbst für den Fall, daß mehrere Telegramme zwischen zwei Eisenbahnstationen notwendig wer den sollten.

Abkommandierte Soldaten.

Einer Notiz imWetzl. Anz. aus Groß⸗ Rechtenbach zufolge sind 20 Soldaten nach dort vom 116. Regiment in Gießen zu Ernte arbeiten abkommandiert worden. Wieder ein Beweis, daß die Dienstzeit viel zu lang

ist. Man befolge den sozialdemokratischen Vor⸗ schlag, die Dienstzeit ganz bedeutend herab⸗ zusetzen, dann kommen dic Bauern zur Ernte⸗ zeit nicht wegen Arbeitskräften in Verlegenheit. Gekränkte Patrioten.

Patriotischen Sangesbrüdern in Solingen, die es sich durckaus nicht nehmen lassen wollten, ihre treuen Unterthanengefühle in rauschenden Akkorden zum Himmel zu schreien, ist dabei et⸗ was passiert, das zu den unvergeßlichsten Erinnerungen ihres Lebens zählen wird. Die dortigen Gesangvereine hatten gleich vielen andern zu Ehren des Kaisers, der von der Kanaleinweihung in Dortmund kommend, auch Solingen besuchte, manches schöne Lied ein⸗ studiert; natürlich, um sie dem Kaiser vorzusingen. Des Kaisers Ohren hatten aber an diesem Tage schon zu viel Reden, Toaste, Hurras, Hochs, Musikgeschmetter und Kanonendonner ertragen müssen, daß der Monarch den begreiflichen Wunsch hatte, diese Genüsse auf das pysisch er⸗ trägliche Maß reduziert zu sehen. Als die Sänger eines oder zwei Lieder heraus hatten aus der patriotisch geschwellten Brust, bat der Kaiser um Schonung. Dem Dirigenten wurde das mit⸗ getheilt. Doch der war nicht zu halten. Immer aufs neue gab er in seiner Gefühle Ueberschwang das Zeichen zum Singen.

Und sie sangen! Eben soll es wieder losgehen, da fällt dem todesmutigen Dirigenten der Ver⸗ treter der Polizeibehörde in dem Arm und ruft, unserem Elberfelder Parteiblatt zufolge: Wenn Sie jetzt noch nicht hören und das Singen nicht sein lassen, dann lasse ich Sie mitsamt ihren Sängern verhaften! Das war radikal, aber wirksam; der Ton im Halse blieb den Armen stecken und soll bis heut noch keinen Ausweg gefunden haben. Wenn der verhaltene Patriotismus nur nicht nach innen ins Geblüt tritt und Vergiftungserscheinungen hervorruft!

Zur Gewerkschaftsbewegung.

In Mainz fand die Konstituirung einer Spar- und Konsum-Produktionsge⸗ nossenschaft auf Grundlage der von einer Kommission ausgearbeiten und vom Gewerk schaftskartell revidirten Statuten statt. In der nächsten Mitgliederversammlung soll die Wahl des Vorstands und Aufsichtsrats vorgenommen werden, worauf die Eintragung der Genossen schaft beim Amtsgericht erfolgen wird. Zusammenkunft auf dem Staufenberg.

* Die organisierten Buchdrucker von Mar burg und Gießen haben am Sonntag, den 20. August auf dem Staufenberg eine gesellige Zu sammenkunft mit Familie. Alle früheren der⸗ artigen Veranstaltungen nahmen den schöusten Verlauf. Wir wünschen den Jüngern der schwarzen Kunst auch diesmal recht vergnügte Stunden.

Kleine Mitteilungen.

* Gießen. Das Gewerkschaftsfest, welches am vorigen Sonntag im Café Leib abgehalten wurde, war sehr gut besucht, so daß wohl ein namhafter Betrag an die Ausge⸗ sperrten in Dänemark abgeführt werden kann. Der Aussichtsturm auf der Hochwart ist nunmehr fertiggestellt. Ein Besuch des⸗ selben ist sehr lohnend, da die sich vom Thurm aus bietende Aussicht wirklich großartig ist. Auf dem Dünsberg wurde am Sonntag in feierlicher Weise der Grundstein zu dem neuen Aussichtsthurm gelegt.

* Alten buseck. Furchtbar verletzt wurde dahier ein junger Mann von Burkhardsfelden, der an der Dreschmaschine beschäftigt war. Der Verletzte war beim Oelen von dem Getriebe erfaßt worden und mußte sofort nach Gießen in die Klinik geschafft werden.

Bad Nauheim. Noble Kurgäste. Der Fürst von Bulgarien, der bekannte Coburger, ist hier bereits eingetroffen. Der Kaiser und die Kaiserin von Rußland werden demnächst in Friedberg ihren Wohnsitz nehmen, um hier die Kur zu gebrauchen. Welche Ehre für uns Oberhessen!

Maiuz, 16. Aug. Heute Abend um 8 Uhr entstand in der oberhalb Weisenau liegenden

Mannheimer Portland-Cementfabrik Groß- feuer, das im Ringofen ausbrach und in einigen Stunden die ganze Fabrikanlage nebst dem nebenanliegen Bahnwärterhaus in einen Schutthaufen verwandelte. 1000 Arbeiter sind durch den Brand brodlos geworden. Die Bahnstrecke Weisenau⸗ Worms wurde die ganze Nacht über durch Fackelträger erhellt und es konnten die Bahnzüge nur ganz langsam an dem brennenden Fabrikgebäude vorüberfahren. Bei der Vorüberfahrt mußten die Passagiere vorher aussteigen.

Radfahrer in Notwehr. Nach einer Gerichtsentscheidung ist ein Radfahrer, der von einem Hunde angefallen wird, nicht strafbar, wenn er den Hund tötet. Das Gericht ging bei seinem Urteil von der Ansicht aus, daß der Radfahrer, als er den Hund nach mehrmaligen e Verscheuchungsversuchen mit seinem

a handelt habe.

Arbeiterbewegung.

Die Aussperrung der dänischen Arbeiter. Am Sonnabend hat der Vorstand des dänischen Arbeitgebervereins beschlossen, so⸗ bald als möglich und zwar spätestens am 21. August die Aussperrung auf mehrere Fachver⸗ bände, die gegen 15000 Arbeiter umfassen, auszudehnen. Es war in den letzten Tagen ein neuer Versuch gemacht worden, den Frieden herbeizuführen. Eine lange Verhandlung im Vorstand des Arbeitgebervereins zeigte, daß die Unternehmer in zwei Lager gespalten sind, daß aber vorläufig noch die Kriegs partei die Ober⸗ hand hat. Eine bestimmte Enkscheidung darüber, welche Gewerke von der weiteren Aussperrung betroffen werden sollen, wurde noch nicht gefaßt.

Dem dänischen Genossen Abg. Olsen ist auch in den braunschweigischen Landen das Reden verboten worden. In Braunschweig sollte Olsen am Samstag reden. Ueber 3000 Personen beiderlei Geschlechts waren imHoffjäger; jedoch durfte Olsen nicht neden. Vom Bureau wurden Sammellisten ausgegeben. Schaaren⸗ weise strömten die Arbeiter dem Podium zu und verlangten stürmisch Sammellisten, deren über 500 verabfolgt wurden. Massen elektrisiert. So arbeitet uns die Polizei in die Hände.

Aus Schleswig⸗Holstein, wo Herr v. Köller residiert, wurde Olsen direkt ausgewiesen.

Deutsche Gewerkschaften im Jahre 1898.

Die Zahl der in Zentralverbänden organi⸗ sirten Arbeiter betrug im vorjährigen Jahres⸗ durchnitt 493 724, worunter sich 13 481 weib⸗ liche Mitglieder befinden. Da zu dieser Anzahl noch 17 500 in Lokalvereinen Organisirte treten, ist im Jahre 1898 die halbe Million über⸗ schritten, wir haben in Deutschland 511242 organisirte Arbeiter, die auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehen. Diese Zahl würde sich erhöhen, wenn der Jahresschluß als Zähltermin gewählt wäre; sie hat sich bis zum Soumer 1899 wieder bedeutend gesteigert.

Insgesammt haben 43 Gewerkschaften eine Zunahme von rund 84 000 Mitgliedern zu ver⸗ zeichnen. Neu erscheinen in der Aufstellung die Buchdruckereihilfsarbeiter mit 1333 und die Formenstecher mit 233 Mitgliedern. Das Ge⸗ sammtresultat ist eine Zunahme der Gewerk⸗ schaften um 79879 Mitglieder im Jahre 1898, ein überaus erfreuliches Zeichen des Wachs⸗ tums, das überdies mit jedem Tage sich günstiger gestaltet.

Die Genugthuung wird aber noch bedeutend gesteigert durch einen Blick auf die Kassenge⸗ bahrung der deutschen Gewerkschaften. Ueber Millionen Mark, genau 5508 667.64 Mk. Jahres⸗Einahme und über 4 Millionen Mark, genau 4279 726.19 Mark Jahres-⸗Ausgabe, haben die 57 Gewerkschaften er ziehlt, und mit den vorhandenen Beständen behielten sie am Schlusse ds Jahres in der Truhe über 4 Mil⸗ lionen Mark, 3880092.47 Mark in den Haupt⸗ kassen und 493 220.89 Mark in den Lokal⸗ kassen; mithin zusammen 4373 313.36 Mk.

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