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Nr. 34.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. die mit allen Mitteln gegen die Revision gehetzt, Und nun noch eine Richtigstellung des Bielefelder festgestellt, daß die Unterschrift durch eine den Rassenhaß geschürt und den Chauvinismus Parteiblattes. g i i Drohung erzielt war. Es schien vielmehr, zur Siedehitze gesteigert haben. DieErinnerung an den in einer öffentlichen] als ob das Mädchen sie nur gegeben habe, um

Wo alles nichts mehr hilft, wird es mit dem Meuchelmord versucht. Die Gemeinheit der Ge sinnung, die die Fälscherbande beseelt, konnte nicht schändlicher zu Tage treten als in diesem Verbrechen.

Der Ursprung zur Zuchthaus Vorlage.

*Es ist kürzlich erzählt worden, daß eine gelegent⸗ liche Aeußerung des Bielefelder Pastors v. Bodel schwingh die Zuchthaus vorlage angeregt haben soll. Jetzt teilt nun Herr von Bodelschwingh in derHilfe folgendes mit:

In der That tobte in jenem Frühling(zur Zeit des Kaiserbesuches in Bielefeld eine heftige Streikbewegung unter den Bauhandwerkern, die insofern auch speziell gegen uns gerichtet war, als in einer öffentlichen Streik⸗Versammlung der Beschluß gefaßt wurde, es dürfe unter keinen Umständen ein Vereinshaussaal, den wir für unsere Kranken bauten, fertig gestellt werden, weil, wir in demselben unser Kaiserpaar empfangen wollten. Den⸗ noch wurde durch wenige treue Leute, die zu uns hielten, der Saal fertig. Ich gebe zu, daß die Tyrannei seitens der Streikenden härter war, als der gesetzliche Schutz, der den Arbeitswilligen gewährt wurde oder auch viel⸗ leicht gewährt werden konnte. Doch habe ich darüber beim Kaiser keine Klage geführt. Vielleicht ist es aber von anderer Seite geschehen. In Wilhelmsdorf gab es dann vor der Thür des Desinfektionsofens zur Reinigung der Kleider der Arbeiter ein etwas lebhaftes Gespräch, das ungefähr so verlief: Einer der anwesen⸗ den Herren äußerte sich dahin, daß der richtige Strolch sein Ungeziefer wohl gar nicht los werden will. Der Kaiser ergriff die Gegenpartei und sprach sich durchaus freundlich im Sinne der arbeitslosen Wanderer aus. Ich stimmte ihm bei und ließ hierbei in Erinnerung der schweren Not, die wir die letzen Wochen durchgemacht hatten, die Bemerkung fallen, daß viele Arbeiter von Herzen gern arbeiten möchten, wenn ihnen nur der nötige Schutz gewährt würde. Es ist wohl zweifel⸗ los, daß aus diesen Worten der Kaiser seinen Anlaß zu der Sparenberger Rede genommen hat, die übrigens in ihrem Zusammenhange viel arbeiterfreund⸗ licher geklungen hat, als sie später aus gedeutet ist. Er verlangte Schutz für alle nationale Arbeit und strenge Bestrafung aller derer, die solche Arbeit störten. Daß aus diesen meinen hingeworfenen Worten das sogenannte Zuchthausgesetz entstanden sein soll, muß ich ent⸗ schieden bezweifeln. Hier müssen ander Fak⸗ toren mitgewirkt haben. Das Wort des Kaisers konnte ebensogut für und wider Arbeitgeber wie Arbeit⸗ nehmer gedeutet werden.

Die Darstellung gewährt einen sehr lehrreichen Ein⸗ blick in das Getriebe unserer Politik, in der kleine Ursachen immer große Wirkungen haben. Pastor Bodelschwingh hat das Stichwort vom Schutze der Arbeits willigen in flüchtigem Gespräch ausgegeben, der Kalser griff es sofort in seiner Rede auf dem Sparenberg auf, und seitdem ist die ganze innere Politik des Reiches durch diese Versuche, auf gesetzgeberischen Wege Streiks unmöglich zu machen, bestimmt und ge⸗ lähmt.

Im übrigen irrt sich Pastor v. Bodelschwing iu seinen Erinnerungen ganz gewaltig. Er glaubt keine Klage beim Kaiser über dieTyrannei der Streikenden geführt zu haben. Unser Bielefelder Parteiorgan kommt seinem Gedächtnis zur Hilfe. Er selbst hat in der Neuen Westfälischen Volks⸗Zeitung den Sachver⸗ halt folgendermaßen geschildert:Wir standen hier gerade in dem Waschhause von Wilhelmsdorf vor dem Reinigungs⸗ ofen der Wanderarmen, dem Se. Majestät besondere Teilnahme zuwandte. Der Kaiser sprach gegenüber einer gegenteiligen Ansicht seine Ueberzeugung aus, daß schon dies eine große Barmherzigkeit sei und den Mut zur Arbeit wieder neu beleben müßte, wenn ein solch armer Wanderer, von Ungeziefer gründlich gereinigt, in reinen neuen Kleider sich fühle, und fragte, wie lange es dauere, bis solche neue Kleider zu verdienen seien. Ich sprach von der großen Schwierigkeit unserer Lage, die rechte Mitte zu treffen, um nicht zu viel und zu wenig zu gewähren, und daß wir mit der Barmherzigkeit auch stramme Zucht verbinden müssen ohne Zucht und stramme Ordnung sei keine Barmherzigkeit möglich. Namentlich sei es auch Pficht der Gesetzgebung, daß der nationalen Arbeit voller Schutz gewährt werden müsse gegen die Tyrannei derjenigen, welche den freien Mann, der arbeiten will, durch Drohungen an seiner freien Arbeit hindern!

Und dabei herrschte in Bielefeld nur eine Stimme, daß der Streik der Maue rer und Zimmerer in must er⸗ hafter Ordnung verlief.

Streikversammlung gefaßten Beschluß, es dürfe unter keinen Umständen ein Vereinshaussaal, den wir für unsere Kranken bauten, fertig gestellt werden, weil wir in demselben unser Kaiserpaar empfangen wollten, hat Pastor v. Bodelschwingh von A bis Z selbst ersonnen. Ein solcher Beschluß ist niemals gefaßt, ein solcher Antrag niemals gestellt worden. Er war dies auch gar nicht möglich, weil der Streik sich gar niemals auf die Anstalt Bethel erstreckt hat. Die Forderungen der Streikenden sind bei den Baumeistern der Anstalt gar nicht erst eingereicht worden, weil es doch total nutzlos gewesen wäre. Pastor v. Bodelschwingh wird alt, wir wollen ihm dies zu gute halten und nur konstatieren, daß er die damals von ihm selbst gegebenen Schilderungen in der Hilfe gegenwärtig anders darge stellt hat.

Von Nah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗

haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten alle

zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Goethes 150. Geburtstag. Wir machen unsere Leser ganz besonders auf die im Feuilleton unserer heutigen Nummer beginnende Artikel-Serie über Goethe auf merksam. Versäume Niemand, die lehrreichen 9060 5 über Deutschlands größten Dichter zu esen.

Gedächtnisschwäche?

* Der Verfasser der Broschüre:Die Juden und die Cholera, der frühere Judenfresser und jetzige Antisemitentöter Erdmannsdörffer in Marburg, verantwortlicher Redakteur der Hessischen Landeszeitung, bezichtigt den anti⸗ semitischen Reichstags⸗ Abgeordneten Werner öffentlich der Lüge. Das würde uns gänzlich kalt lassen, denn wir haben keine Lust, uns in die Ehrenhändel der beiden ehemaligen Partei⸗ Freunde zu mischen. Was uns veranlaßt, uns nochmals mit dem Verfasser der Juden-Cholera⸗ Broschüre zu beschäftigen, ist der Umstand, daß Herr Erdmannsdörffer in einer Polemik gegen dieDeutsch⸗Sozialen Blätter des Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg neuerdings aber mals die Thatsache leugnet, daß er Erdmannsdörffer in einer Volksversamm lung zu Marburg den Sozialdemokrat Scheidemann gebeten hat,die Anti⸗ semiten gehörig vorzunehmen und daß zu diesem Zweck sogar die Rednerliste gefälscht wurde. Wir sind natürlich nicht so unhöflich, wie der gebildete Herr Erdmannsdörffer und sprechen nicht, wie er es seinem ehemaligen Partei⸗ freund Werner gegenüber thut, von Lügen. Wir fangen vielmehr jetzt an, dem Verfasser der Juden-Cholera-Broschüre mildernde Um- stände zuzubilligen, da es ja immerhin möglich ist, daß sein Gedächtnis nicht das beste ist. Um hierüber Gewißheit zu erlangen, fordern wir Herrn Erdmannsdörffer auf, öffent⸗ lich zu erklären, was er seiner Erinnerung nach bei dem Sozialdemokraten Scheidemann gewollt und was er diesem gesagt hat, als er ihn nach der Beendigung des Referats in⸗ mitten des Saals, angesichts der ganzen Versammlung besucht hat. Nun strengen Sie mal Ihr Gedächtnis an, Herr Erdmannsdörffer. Alles Weitere findet sich später, wenn wir uns vor versammeltem Volk gegenüberstehen.

Schlechte Dienstboten.

* Welche Unverschämtheiten man sich Dieust⸗ boten gegenüber erlaubt, dafür lieferte eine Gerichtsverhandlung vor dem Landgericht in Dresden, wie man von dort berichtet, einen Beweis. Die 38 Jahre alteTochter des Hauses einer dort wohnenden feinen Familie war wegen Erpressung angeklagt, weil sie die Haustochter führt das Regiment im Hause das Dienstmädchen durch Drohung genötigt haben soll, einen Zettel zu unter⸗ schreiben, nach welchem diese nach Ablauf des von ihr selbst gekündigten Dienstverhältnisses auf den ihr rechtmäßig zustehenden Lohn verzichtete. Diese Thatsache wurde nun vor Gericht auch erwiesen, nur erachtete das Gericht nicht völlig

ans dem Dienst wegzukommen. Es erfolgte daher Freisprechung. Zur Sprache kam aber durch eine Reihe Zeugenaussagen die ge radezu niederträchtige Behandlung des Dienstmädchens. Es wurde fortwährend mit den gemeinsten Schimpfworten bedacht, ihm vorgeworfen, daß es im Schweinestall erzogen sei, wohin es gehöre. Die Kost war ungenügend und schlecht. Man verlangte von dem Mädchen, daß es früh zwei bis drei Stunden arbeite, bevor es einen Bissen zu essen bekam, und solcher Dinge mehr. So ist es auch nicht zu ver wundern, daß die Dienstboten dieser sauberen Herrschaft alle Augenblicke wieder davon laufen und lieber den Lohn fahren lassen, als zu bleiben. Daß solche Herrschaften dann ein großes Klagelied über den Dienstboten mangel undschlechte Dienstboten anstimmen, ist sehr begreiflich, hat aber meistens den Grund in solch unwürdiger Behandlung. Schulhumor.

Der Ernst der Pädagogik wird für unsere Lehrer durch den köstlichen Humor unterbrochen, der sich oft in den Schulaufsätzen der Schüler und Schülerinnen, manchmal aber auch in den Zuschriften der Eltern kundgiebt. So schreibt beispielsweise in Berlin die kleine Martha über die Katze:Das Fell lägt sich mein Vater, nachdem ihn der Kopf abgeschnitten ist auf der Brust, damit ihm das Reissen in den Beinen gehalven wird. Ein Bürschchen soll nach der Erzählung des Lehrers etwas über die Wiese schreiben und entledigt sich dieser Aufgabe wie folgt:Die Wiese ist grün. Darauf laufen Ochsen und Kühe herum, der Hirdhe auch. Die Ochsen und Käͤͤhe schlafen in den Stall. Der Hirdhe auch. Früh Morgens stehen die Kühe und Ochseu auf und werden gemelkt, der Hirdhe auch. Wie Adolf, der Sohn eines Schlachters, die Ferien verlebt, ist höchst possierlich zu lesen:Wenn sie in die Werkstatt Schlaͤchtwurst machen, darf ich dabei sein, bei dem Schweineschlachten aber nich, weil Vater immer sagt, Kinder thut das Schlachten nicht gut, aber nach die Laube naus darf ich mitgehen, da gibbt es Kartoffel Ratieschen und Schnapps, wenn alles getrunken ist, gehen wir nach Hause. Der Entschuldigungsbrief einer Waschfrau für das mehrtägige Fehlen ihres Sohnes lautet:Geährder Herr Lehrer! Da mein Sohn August was in ihrer Schule ist, nich gekommen war thut mich leit, aber ich hatte viel Wesche und brauchte ihn zum auf⸗ hängen, trocknen und rollen. Ein Arbeiter ist mit der Behandlung seines Sprößlings in der Schule nicht einverstanden, und in seinem Brief an den Rektor heißt es:Als wir noch Jungens waren haben wir ville mehr Priegel gekrickt als jetzt, Sie behandeln die Jungen ja wie die Fürschten von Marogo, haun Sie Ihnen doch an den Kobb, das er nicht immer der Lättste is. Wir und meine Frau sind eine sehr gebildete Familie, aber der Junge is ein Range was uns nicht past, darum nehmen Sie keene Rücksicht nich, haun sie ihm und denken Sie dabei an seine Eltern, die ihn dankbar davor sind.

Antisemitischer Nachrichten⸗Schacher.

* Der Redakteur Erdmannsdörffer in Mar⸗ burg wiederholt in aller Form gegenüber dem antisemitischen Abgeordneten Werner den Vorwurf, daß letzterer an jüdische Parla⸗ ments⸗Journalisten Notizen über die Reichstags⸗ kommissions⸗Verhandlungen verkauft hat.

Du ahnst es nicht!

Ein in der Hamburgerstraße in Barmbek wohnender Arbeiter, der unter Mitnahme seiner sämmtlichen Sachen seine Wohnung heimlich verlassen hat,erfreute den Hauswirt durch nachfolgenden poetischen Erguß, den er auf die a in der verlassenen Wohnung nieder⸗ egte:

So leb' denn wohl, du liebes Haus, Ich zog mit großem Dalles aus.

Ich zieh vergnügt und fröhlich fort, Du ahnst es nicht, nach welchem Ort.