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Mitieldeutsche Sonntags⸗Zeitung
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Nr. 47.
Zuchthausvorlage und das Flottengesetz erregt und die Aufmerksamkeit von anderen weniger hochpolitischen Vorlagen abgezogen wird.
Die Reichstagsersatzwahl im elsässischen Wahlkreis Schlettstadt hat mit dem Siege des klerikalen Kandidaten Von⸗ denscheer geendet, der 6680 Stimmen erhielt. Der auf eigene Faust kandidierende Liberale Dirion erhielt 1957 Stimmen. Der Protest⸗ kandidat Kornmann vereinigte 637 Stimmen auf sich. Die Sozialdemokratie, die bei der Hauptwahl im vorigen Jahre ca. 1000 Stimmen erhielt, hat es auf 1806 Stimmen gebracht. Da noch mehrere Orte ausstehen, so kaun man wohl sagen, daß sich die sozial⸗ demokratischen Stimmen im„schwarzen“ Schlett⸗ stadt im Laufe eines Jahres nahezu verdop⸗ pelt haben. Gewiß ein schöner Erfolg! Vom Flottenrummel.
Die offiziösen Zutreiber der Schiffslieferanten sind jetzt wieder auf eine andere Fangart dressiert. Während Liedersänger wie Herr Neander das Reich durchziehen und die Herr⸗ lichkeiten der internationalen Ränkepolitik ver⸗ künden, versucht es der Krupp-Agent Schwein⸗ burg mit dem Pathos. Man höre:
„Ermanne dich, deutsches Volk. Wirf von dir deine Gleichgültigkeit, deine Parteiung, deine Nörgelsucht, verschließ dein Ohr vor den falschen Propheten und schare dich Mann für Mann, ohne Unterschied des Standes oder Gewerbes, der Neigungen oder Gewöhnungen, der politischen oder sozialen Umgebung um deinen Kaiser! Folge seiner Führung, höre seinen Rat und halte dir stets gegenwärtig, daß nur die Nation im Rate der Völker zu Worte kommt, im Wettkampf der Völker ihren Platz behauptet, welche ihrem Willen den er— forderlichen Nachdruck zu gewähren vermag. Wir brauchen Ellenbogenfreiheit zur See; gutwillig gesteht uns die aber niemand zu, also erzwingen wir, was unser gutes Recht ist, d. h. bauen wir uns eine Flotte, die stark enug ist, Feinde und Neider in Respekt zu halten und uns die Freunde auszusuchen, die uns passen, denn jeder wird dann unser Freund sein wollen, und uns steht die Wahl frei. Was jetzt an schwimmendem Material unsere Kriegsflagge trägt, ist zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig.“
Bei den Offiziösen gilt solcher blödsinniger Schwulst als volkstümliche Schreibweise. Dazu gehört auch der Schweinburgsche Rückfall ins alte Testament. Wird die Flottenvorlage nicht angenommen, so wird Deutschland„an seinen Kindern und Kindeskindern heimgesucht werden bis ins dritte und vierte Glied“.
Farbige Lichtbilder, Konzerte, Bierkommerse, Jahrmarktsverse und bombastische Phrasen, das sind die Mittel, mit denen das deutsche Volk für seine eigene Schröpfung begeistert werden soll. Daß die Männer, welche vor zwei Jahren das Sextenat so sachverstandig begründeten, dadurch als lächerliche Tölpel hingestellt werden, schädet ihnen weiter nichts. In Deutschland tötet das Lächerliche nicht!
Die erste Urteilsrevision.
Dem Genossen Albert Schmidt-Magde⸗ burg waren neben der hohen Strafe von drei Jahren Gefängnis auch die Mandate zum Reichstag und zur Stadtverordnetenversamm⸗ lung aberkannt worden. Warum? Wegen Majestätsbeleidigung. Jetzt hat das Magde— burger arbeitende Volk eine Revision des Urteils vorgenommen, indem es Schmidt mit großer Mehrheit wieder zum Stadtverordneten wählte. Binnen kurzer Zeit findet die zweite Reviston statt, indem die Wähler im Wahlkreis Calbe⸗ Aschersleben Schmidt wieder zum Reichstags⸗ abgeordneten wählen. Das deutsche Volk urteilt eben anders, wie die deutschen Richter.
Nix zu handeln?
Wie der Bund der Landwirte sich als Retter des Mittelstanbes und als wahrer Freund der kleinen Kaufleute bewährt, dafür bringt ein Inserat erneut den Beweis, das augenblicklich durch die Blätter läuft; es lautet:
Weihnachtsgeschenke unseren Mitgliedern, billige, solide Fahrräder, Nähmaschinen, Waschmaschinen, Acetylenlaternen für Haus, Stall, für Fahrrad, Wagen. Feuer⸗ feste Bücher- und Geldschränke. Gleichzeiti machen wir wiederholt darauf aufmerksam, da wir jede Maschine, die gewünscht wird, liefern. Bei Anlage industrieller Anlagen stehen wir mit Rat und kostenlosen Anschlägen fofort gern
zu Diensten. Verkaufsstelle des Bundes der Landwirte. Abteilung für Maschinen.
Die Mittelstandsfreunde aus dem ff, diese Manschettenbauernbündler.
Antisemitisches Durcheinander.
Als kürzlich die Reichstags⸗Ersatzwahl in Pirna stattfand, fiel es auf, daß das große Mundwerk des Herrn Liebermann v. Sonnen⸗ berg nicht in Thätigkeit trat. Herr Liebermann giebt jetzt in seinen„Deutschsozialen Blättern“ Aufklärung über das Wunder seiner Schweig⸗ samkeit:
„Kurz nach der Abstimmung im Reichstag über die sogenannte Zuchthaus vorlage war ein hervor⸗ ragender sächsischer Parteigenosse an den Leiter der „Deutschen Tageszeitung“ mit der Bitte herangetreten, er möge in seiner Zeitung erklären, die sächsischen Reformer teilten nicht den Standpunkt der Fraktion bezüglich des betreffenden Gesetzes. Loyalerweise befragte der erwähnte Leiter der„Deutschen Tageszeitung“ erst den Abgeordneten v. Liebermann über diese Angelegenheit und brachte auf dessen Wunsch die betreffende Notiz nicht.— Einige Wochen später las man in der „Deutschen Tageszeitung“ gelegentlich eines Stimmungs⸗ bildes von dem Wahlkampfe in Pirna eine Bemerkung des Inhalts, daß unter den Fabrikanten die Stimmung für die Kandidatur Lotze unter der Stellung der Fraktion der deutsch⸗sozialen Reformpartei zur Zuchthausvorlage etwas litte. Man nahm aber an, daß Herr Lotze, der bei der Abstimmung nicht mehr im Reichstage ge⸗ wesen sei, eine abweichende Stellung in dieser Frage einnehme.— Wenn Herr v. Liebermann nun im Wahlkreise Versammlungen abgehalten hätte, so würde er unfehlbar sowohl von den Sozialdemokraten und Freisinnigen einerseits, als auch von den Nationallibe⸗ rasen und Konservativen andererseits über die Stellung der Partei zu jenem Gesetz befragt sein und die daran anknüpfenden Erörterungen hätten der Kandidatur Lotze unter allen Umständen schaden müssen!“
Der Antisemit Lotze, dessen Kandidatur von der Gnade der zuchthauslüsternen Konser⸗ vativen abhing, mußte also gegen die An⸗ schauungen seiner Partei die Wähler nas⸗ führen. Worüber freilich sich kein Mensch wundert, denn die Herren„Reformer“ haben alle Gesinnungen, die ihnen einen Haufen Wähler einbringen können, und in jedem Wahl⸗ kreise andere als im benachbarten.
Abwarten!
Eine nationalliberale Korrespondenz teilt mit, die Regierung werde zwar die Zuchthaus⸗ vorlage nicht zurückziehen, aber sie habe nichts dawider, wenn sie bei der zweiten Lesung gänzlich beseitigt und„in den Akten der un⸗ zulänglichen Versuche beigesetzt sein wird“. Auch das Zentrum werde durch die von ihm angekündigten Anträge diesen Gang der Dinge nicht aufhalten; Dr. Lieber werde vielmehr die Zentrumsanträge gar nicht zur Beratung der Zuchthausvorlage einbringen, sendern der ge⸗ werbepolitischen Kommission des Reichstages überlassen.— Wir verzeichnen diese Mitteilung, ohne ihr Glauben zu schenken. Bisher haben die Nationalliberalen selbst nicht auf ihre Ab⸗ sicht, die Zuchthausvorlage„zu verbessern“, verzichtet.
Unser Pfalzgraf.
Einen Ordnungsruf hat der in allen Partei- kreisen wegen seines trefflichen Humors bestens bekannte Genosse Ehrhart in der Freitags⸗ sitzung der bayerischen Kammer erhalten, und das ging so zu: Bei der Generaldebatte über das Ministerium des Aeußern sagte der Zen— trumsabgeordnete Reisert, man könne und dürfe das Ministerium nicht stürzen, das wäre Rebellion gegen die Krone. Wir haben dieses Ministerium lieb, denn es ist als Berg zu uns gekommen“. Als nun Ehrhart daran kam, um auf die Angriffe der anderen
Parteien gegen die Sozialdemokratie zu ant.
worten und die Aeußerungen der Minister, namentlich über den Flottenplan, sowie die Finanzpolitik des Finanzministers zu kritisieren, meinte er, der Abg. Reitsert habe sich gegen das Ministerium wie ein verliebter Kater gezeigt. Dafür wurde er zur Ord⸗ nung gerufen.— Es ist aber auch arg, einen frommen Zentrumsmann mit einem verliebten Kater zu vergleichen. So etwas verdient Strafe. Unser Pfalzgraf wird sich wegen des i keine grauen Haare wachsen lassen.
Wenn zwei dasselbe thun.
In staatstreuen Blättern macht jetzt eine der„Nord⸗Ostsee⸗Zeitung“
sehr verlockenden Versprechungen zum Eintritt in die engliche Armee und zum Kampfe gegen die Boeren zu verführen gesucht habe. Wört⸗ lich wird dann berichte:
„Der Schauermann, dem schon während dieser Aufforderung die Zornesröte ins Ge⸗ sicht gestiegen war, packte den Fremden, als dieser geendet, beim Kragen, gab ihm eine schallende Ohrfeige, bearbeitete ihn dann noch gehörig mit den Fäusten und ent⸗ fernte sich mit den Worten:„So wie Du vun mi Wichs kregen hest, so sölt de Eng⸗ lenners vun de Buren Keile kriegen!“
Die konservativen Blätter bezeichnen diese Abfertigung als einen„verdienten Denk⸗ zettel“. Sie mögen recht haben. Es ist ge⸗ wiß unsittlich, wenn ein Deutscher die in Afrika um ihre Selbständigkeit kämpfenden Stammes⸗ genossen um eines augenblicklichen Vorteils willen schnöde bekämpfte— fast ebenso unsitt⸗ lich, als wenn ein Arbeiter seine mit dem Unternehmertum im Kampfe liegenden Ge— nossen durch die verabscheuungswür⸗— dige That der Streikbrecherei in den Rücken zu fallen sucht.
Während aber der Arbeiter, der den Eng— länder ob seines Ansinnens derbe geprügelt hat, in der nationalen Presse wegen solcher Handlung belobt wird, fordert dieselbe Presse für Arbeiter, die einen Streikbrecher nur schief anblicken, das Zuchthausgesetz.
Das ist national⸗kapitalistische Konsequenz.
Auf den Scheiterhaufen!
Der Pastor Weingart in Osnabrück ist von dem starr orthodoxen lutherischen Landes⸗ konsistorium in Hannover in der Berufungs⸗ instanz gemaßregelt worden(Amtsenthebung mit Ruhegehalt), weil er über Dogmenfragen anders dachte als die Eiferer des Konsistoriums. Weingart hat die Auferstehung Jesus anderz aufgefaßt, als es das Konsistorium haben will. Als Weingart, der in seiner Gemeinde sehr beliebt ist, am 9. November aus Hannover nach Osnabrück zurückkehrte, wurden ihm stürmische Ovationen bereitet. In den nächsten Tagen sollen Einspruchskundgebungen veran⸗ staltet werden.
Für unsere Frommen.
Ein schweizerischer Arzt, Dr. Sonderagger,
ein sehr christlicher Mann, spricht sich, wie der„Grütlianer“ mitteilt, in
Christentum:
„Ich sah viel Armut und Elend, und wenn ich von Krankenbetten zurückkehrte, an denen sogar das fehlte, was ein anständiger Mann seinem Tiere gewährt, und dabei hörte, wie die Sonntagsglocken von allen Seiten feierlich erklangen: dann wurde ich nicht andächtig, sondern zornig, und was man so Staat und Kirche nannte, erschien mir eine Heuchelei. Wir verehren Gott in Wort und Bild, wenn er aber selber zu uns kommt, nur in Lumpen anstatt im Talar, dann geben wir ihm einen Fußtritt. Der„christliche Staat
ist eine Ironie, thatsächlich herrscht nur der Stärkste, wie bei den Büffeln der Prairien. Das Interesse einzelner Personen und einzelner Gruppen, nicht der Patriotismus führt in der Regel das große Wort in den Parlamenten.
entnommene Ge⸗ schichte die Runde, wonach ein Werber aus England einen Hafenarbeiter in Altona unter
einer seiner Schriften wie folgt aus über unser Heuchel-
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