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Nr. 47.
Gießen, Sonntag, den 19. November 1899.
6. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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gm.„Harmonieduseler“ nannten wir die Herren Nationalsozialen auf sozial em Gebiet. Gehen wir damit nicht zu weit und
thun ihnen Unrecht? Sehen wir zu! Herr
Naumann definierte in seiner Begrüßungs⸗ ansprache„das Soziale“ als den Gedanken
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jedes Staatsangehörigen“.(S. 24.) Vortreff⸗ liche Worte, falls der rechte Inhalt ihnen zu grunde läge! Aber redet nicht Herr Eugen Richter auch gelegentlich von„Freiheit und Recht der Staatsangehörigen“? Kennt er nicht auch das Wörtlein„Schutz“, nämlich den Schutz seiner Heiligkeit des Eigentums? Mit jenen Worten an sich ist gar nichts gesagt. Aber Herr Naumann läßt uns nicht im Dunkeln und die Seinen auch nicht.— Notgedrungener Weise muß sein„Jahresbericht“ sich ja auch mit dem Austritt des Pfarrers Paul Göhre beschäftigen. Neben dem einen Grund für den Austritt Göhres, dem Chauvinismus der Na⸗ tionalsozialen, war der zweite der, daß die Herren nicht„proletarischen“ olso rechten— Sozialismus betrieben.— Herr Naumann setzt sich demgegenüber aufs hohe Pferd und belehrt uns herrlich,„daß es einen einheitlichen Begriff„Proletariat“ nicht giebt.(1!) Es handelt sich um ein Aufsteigen, ein schichtenweises Heben der Arbeiter⸗Klasse. Die obersten werden dabei in das Bürgertum hineinsteigen(1), sodaß eine reinliche Scheidungs⸗ linie nach oben sich keineswegs ziehen läßt. (Oh, oh!) Dann kann man wohl anerkennen, daß eine Menge großer Differenzen zwischen „Proletariat“ und„Bürgertum“ bestehen, man darf aber nicht daraus einen Klassenbegriff „proletarisch“ ableiten, nach welchem das Prole⸗ tariat eine völlig andere Welt ist als alles Bürgerliche“.——— Das sind äußerst dankenswerte Ausführungen. So ungefähr fanden wir das auch schon gesagt bei Herrn Frederik Bastiat in seinen„Oekonomischen Harmonien“, bei dem biederen Schultze aus Delitzsch, bei Herrn Eugen Richter— nur mit ein„bischen anderen Worten“.— Und längst hat schon Ferdinand Lassalle diesen Harmonieblödsinn zusammengedroschen, daß es krachte, um von Karl Marx weiter nicht viel zu reden— Dieser idyllische Herr Naumann pflegte in den ersten Jahren, da er die„Hilfe“ herausgab, auf die Anfrage, was zum Studium des„Sozialen“ am besten sei, zu antworten:„Jesus und Marx“.— Nun, wer sich wirklich ernsthaft mit Marx beschäf⸗ tigt hat— es giebt Nationalsoziale, die donnern in Leitartikeln den Marxismus in Grund und Boden, ohne eine Seite von Marx gelesen zu haben—, wer ihn mit einigem Verständnis auch nur gelesen und zugleich seine Augen offen behalten hat für das, was vorgeht, der schreibt solchen Unsinn nicht mehr, daß es deshalb kein Proletariat gebe, weil einzelne Prole⸗ ktarier als Konsu menten in die Reihe des
„Bürgertums“ steigen können, während alle
übrigen, die ungeheure Mehrzaht, als
Produzenten Lohnsklaven des Kapitals
bleiben, expropriiert und ausgebeutet und daher
allerdings prinzipiell geschieden, eine Klasse für sich, die zahlreichste von allen, die nicht von ungefähr, sondern naturgemäß vom Bewußt sein ihrer Klassenexistenz er⸗ füllt worden ist.— Doch Herr Naumann habe wieder das Wort! Bernstein und die Bernsteintianer, Vollmar, Schippel, Heine, sie bekommen volles Lob. Freilich,„sie ge⸗ hören nicht zu uns, aber sie wirken günstig“.(S. 37.)— Gewiß thun sie das, aber nur nicht im— nationalsozialen, sondern im sozialdemokratischen Sinne, so, wie Voll⸗ mar das in dem von ihm verfaßten„Handbuch für bayerische Landtagswähler“ S. 104 sagt: „Die Sozialdemokratie will ein neues Prinzip, eine neue Ordnung an Stelle der jetzt giltigen, sich überlebenden und niedergehenden im Gesellschaftsleben durchführen. Und von diesem Gesichtspunkt wird unsere Bewegung mit Recht als revolutionär, d. h. grund⸗ umgestaltend bezeichnet.“— Will etwa Pfarrer Naumann auch so„günstig“ wirken, so trete er doch ein in die— Sozialdemokratie gleich Göhre und wer es sonst ist. Aber erst muß er dann jenen Bastiat⸗Schultzeschen Standpunkt fahren lassen.— Aber, wird er erzürnt ausrufen, haben wir denn nicht gegen das Zuchthausgesetz protestiert? Ge⸗ wiß, liebe Herren, das habt Ihr, und Prof. Brentanos Rede ist das beste, was in Göt⸗ tingen gesagt wurde, obgleich auch diese Rede an einigen Stellen anfechtbar ist. Es würde uns aber zu weit führen, nebensächliche Punkte hier zu erörtern. Jedenfalls kann man doch mit dieser Stellungnahme zum Zuchthausgesetz sich nicht brüsten. Ihr Unterbleiben wäre Selbstmord für das nationalsoziale Häuflein gewesen.
Und der Herr Korreferent, Schrift⸗ setzer KRuhlmann⸗Hamburg,; der„Elite⸗ arbeiter“ der nat.⸗soz.„Hessischen Landes⸗ zeitung“, verdient noch etwas kritische Aufmerk⸗ samkeit. Er spielt die Gewerkschaftsbewegung gegen die Sozialdemokratie aus. Sie beweise „die Lehre von der Selbsthülfe in der Gegenwart“.(S. 81.) Er weist triumphie⸗ rend darauf hin, daß der„Korrespondent für Buchdrucker“ die Theorie über die Verelendung u. s. w. preisgegeben habe und nenut als seinen Kronzeugeu neben unserem Genossen Dr. David Herrn— Raphael May, denselben, den Dr. Mehring in der„Neuen Zeit“ jüngst so total zu Boden geschmettert hat, und verdreht u. E. völlig einen Ausspruch Legiens Zu gunsten des eventuell-mal möglichen Anschlusses der Gewerkschaften an die— Nationalsozialen!! — Ein hervorragend— umnebelter Kopf, dieser „Elitearbeiter“, wie auch der Satz noch beweist: „Die Arbeiterbewegung in ihren Grund⸗ ideen zielt darauf hin, dem Arbeiter das in Wirklichkeit zu verschaffen, was ihm durch den Stand unseres Rechts schon gewährt ist, nämlich das Recht, frei über seine Arbeitskraft zu verfügen und sie zu seinen eigenen Be⸗ dingungen zu verkaufen“.(S. 81/82.)— Ge⸗ wiß thut die„Arbeiterbewegung“ das, aber nur das? Entweder versteht dieser national⸗ soziale„Elitearbeiter“ das Ziel der Arbeiter⸗ bewegung, die Arbeiter von der Lohn⸗ sklaverei zu befreien, nicht oder er. polizeiwidrig bescheiden, wie es sich für einen
— Naumannen allerdings gebührt.— Wir haben erfreulicherweise andere„Elitearbeiter“ aufzuweisen, das ist die große Menge aller derer, die sich um die Sozialdemokratie geschart haben, um begeistert den Emauzipations⸗ kampf des Proletariats zu kämpfen. Wir wollen zum Schlusse kommen. Was sind die Nationalsozialen nach alledem? Zur Beantwortung dieser Frage geben wir noch einem von ihnen selbst das Wort, dem Pfarrer Kötzschke, der, ohne Wider⸗ spruch zu finden, ausführte, die National⸗ sozialen„seien eine loyale Oppositions⸗ partei und hätten zunächst als Fortsetzung des Liberalismus dem Bürgertum den Rücken zu stärken, damit es seinen politischen Einfluß behält.(S. 52.) In der Einsicht sind auch wir durch die Göttinger Verhandlungen bestärkt worden. Ihr deut⸗ schen Arbeiter, merkt's Euch aber be⸗ sonders, die Naumannen sind nach eigenem Eingeständnis nichts als eine Hülfstruppe der Bourgeoisie, die ihr, nicht Euch dienen wollen.— Werbt deshalb, ihr deutschen Arbeiter, immer mehr für die Partei, die allein geradeweg und folgerecht voll energischen Mutes Eure Inter⸗ essen als Proletariat vertritt, der
deutschen Sozialdemokratie!
Politische Rundschau.
Gießen, 17. November.
Der Reichstag.
Das Reichsparlament, in dem viele, viele Männer sitzen, die nicht hineingehören, ist nach fünfmonatlicher Pause wieder eröffnet worden. Die bis zu den Weihnachtsferien erübrigenden Wochen werden kaum ausreichen, um die zweite und dritte Beratung des Postgesetzes, der Fern⸗ sprechgebührenordnung, der Gewerbenovelle und der Zuchthaus vorlage und die erste Be⸗ ratung des Reichshaushaltsetats zu erledigen.
Für die Zeit nach Neujahr bleiben alsdann noch die zweite und dritte Beratung des Un⸗ sittlichkeitsgesetzes(lex Heinze), die Novellen zum Gerichtsverfassungsgesetz und zur Straf⸗ prozeßordnung. Das neue Telegraphengesetz steckt noch in der Kommission. Eben daselbst befindet sich auch das Fleischschaugesetz. Ueber eine Reichsschulenordnung hat erst die dritte Beratung stattgefunden. Die Vorlage des Flottengesetzes ist für den Januar ange⸗ kündigt. Die vorbezeichneten Gegenstände und die Erledigung des Reichshaushaltsetats sind schon mehr als ausreichend, die Zeit bis zu den Osterferien auszufüllen.
Nun sind aber noch angekündigt eine Reihe schwerwiegender neuer Gesetzes vor⸗ lagen, ein ganzes Bündel von sechs Gesetzen zur Reform der Unfallversicherung, ein neues Weingesetz, eine Reform des Urheberrechts, eine Novelle zum Münzgesetz, ein Gesetz über die Privatversicherungsanstalten, eine neue See⸗ mannsordnung und ein Gesetz über die Be⸗ schäftigung weiblicher Personen in Fabriken. Alles dies zu erledigen bis zum Sommer, ist um so weniger möglich, meint die„Freis. Ztg.“, je mehr die Stimmung durch Vorlagen wie die
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