Ausgabe 
18.6.1899
 
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Seite 4.

Mitteldeusche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 25.

G. N. N. zufolge aus: Es sei nicht angängig, Leuten,

die diese Lehrmittel für ihre Kinder bezahlen können und auch bezahlen wollen, dieselben a ufzudrängen (davon ist auch gar keine Rede!!); es käme dies auf eine Demoralisierung der Eltern hinaus. Hierzu komme noch die finanzielle Tragweite der Sache Man.. will den Steuerzahlern eine neue Aus⸗ gabe von ca. 10 000 Mark pro Jahr aufhalsen. Das gehe nicht an. Er wolle nicht sagen, es sei im Interesse der ärmeren, minder bemittelten Be⸗ völkerung in der letzten Zeit zu viel geschehen, aber es sei vieles geschehen, daß es endlich an der Zeit sei, damit aufzuhören oder wenigstens lang⸗ sam zu thun.

Immer langsam voran, nur immer langsam voran, daß der Krähwinkler Landsturm noch nachkommen kann!

Stadtv. Grünewald war der einzige(Gen. Krumm war verreist und konnte an der Sitzung nicht teil⸗ nehmen), der unseren Gen. Orbig unter stützte. Er würde für den Antrag Orbig stimmen, wenn der Ober⸗ bürgermeister nicht in Aussicht gestellt hätte, die ganze Frage noch einmal vor die Oberlehrer und den Schul⸗ vorstand zu bringen. Er gebe Orbig anheim, seinen Antrag vorerst zurückzuziehen und abzuwarten, was der Schulvorstand in der Frage für neue Vorschläge mache.

Diesem Wunsche ist Gen. Orbig nachgekommen.

Nach Erledigung dieses Punktes wurden zur Be⸗ schaffung vdn Ehrenpreisen für das im Juli in Gießen stattfindende Schützenfest 1200 M. bewilligt und zwar gegen die eine Stimme unseres Genossen Orbig. Stadtv. Löber wollte nur bis 600 Mk. bewilligend, stimmte dann aber doch für die 1200 Mk

Genosse Orbig führte zu diesem Punkte aus:Er werde nicht einen Pfennig für den gedachten Zweck bewilligen. Die städtischen Mittel, zu denen jede Waschfrau ihre Steuergroschen beisteuere, seien nicht dazu da, in dieser Weise vergeudet zu werden, er halte die Verwendung für den gedachten Zweck nicht einmal für gesetzlich. Es gehöre auch ein gewisser Mut dazu, dem Vorschlag, der hier gemacht sei, zuzustimmen, nachdem man vorher erklärt habe, aus finanziellen Gründen gegen die Bewilligung freier Lehr⸗ mittel für die Volksschule zu sein. Er sei auch der Ansicht, die Schützen seien wohlhabende Leute, die hätten nicht nötig, sich soweit zu degradieren, daß sie Beihilfen aus den Taschen der Steuerzahler für ihr Fest oder zu Ehrenpreisen annehmen, sie sind gewiß in der Lage, dies aus ihren eigenen Taschen zu bezahlen.

*

Eine lehrreiche Sitzung, in der That! Die beiden Oberlehrer habenpädagogische Be⸗ denken gegen die unentgeltliche Hergabe der Lehrmittel:Es würde ohne Frage der Sinn für Ordnung und Sparsamkeit der Kinder darunter leiden! Ganz im Gegenteil! Es giebt unseres Erachtens kein besseres Mittel, die Kinder zur Ordnung, Sparsamkeit und zum Gemeinsinn zu erziehen, als wenn man ihnen fremdes Eigentum anvertraut. Gewiß, es mögen auch kleine Unzuträglichkeiten vorkommen. Diese aber kommen gegenüber den außerordentlichen Vorteilen ganz und gar nicht in Betracht. Die Bedenken der beiden Lehrer erinnern uns an die Einwände jener Aerzte, die sich gegen den Bau der ersten Eisen⸗ bahn in Deutschland deshalb aussprachen, weil sich die Wagehälse, die auf die altbewährte Postkutsche verzichtend von nun ab von Nüruberg nach Fürth mit der schnellen Dampf bahn fahren würden, in Folge des heftigen Luftdrucks leicht erkälten könnten. Ja, wer will bestreiten, daß man in der Eisenbahn leicht den Schnupfen bekommen kann? Trotz dieser Schnupfengefahr wird kein Mensch heute die Eisenbahn missen wollen.

Die Bedenken der Gießener Oberlehrer wiegen federleicht. Es mehren sich fortgesetzt die Stimmen aus Lehrerkreisen, welche für un⸗ entgeltliche Lehrmittelabgabe plädieren. Erst in letzter Zeit hat wieder der Verein Dresdener Lehrer erklärt,daß die Unentgeltlichkeit des Volksschulunterrichts und der Lehr⸗ mittel ein notwendiges Korrelat des Schul zwanges sei. In der Schweiz, der Heimat Pestalozzis, werden die Lehrmittel fast überall gratis verabfolgt. Ueberall, wo diese 1 1 5 man die besten Er⸗ ahrungen gemacht. Man erkundige sick b 3. B. in Mainz! ab che

Am Sonntag hat im Kanton Zürich eine Volkab stimmung über ein neues Schulgesetz stattgefunden. Mit 41.500 gegen 25.800 Stimm en wurde beschlossen, die un- entgeltliche Lehrmittelabgabe gesetzlich festzulegen.

Wir halten auch die Kostenaufstellung

der Gießener Oberlehrer für sehr anfechtbar. Anscheinend haben die Herren die jetzigen Zwischenhandelspreise für die Lehrmittel in An⸗ satz gebracht, und nicht in Erwägung gezogen, daß die Stadt nachher selbstverständlich direkt von den Verlegern kaufte, eventuell neue Bücher selbst in Verlag zu nehmen hätte! Nach den Aufstellungen der Mainzer Bürgermeisterei, die sehr richtig den Engros⸗ Bezug ihren Berechnungen zu Grunde legte, belaufen sich die Ausgaben für einen Volks⸗ schüler während der achtjährigen Schul⸗ dauer auf insgesamt 27,70 Mark. Das macht pro Jahr erst rund 3 Mark 50 Pfg.! Für eine Volksschülerin weist dieselbe Rechnung eine Ausgabe von jährlich 4.14 Mk., sagen wir rund 4.20 Mk. nach. Da in Gießen ca 1000 Mädchen und ca. 900 Knaben die Volksschulen besuchen, so beliefe sich die jährliche Ausgabe für die Lehrmittel auf Mk. 3.50 900= Mk. 3150.00 Mk. 4.20 X 1000= Mk. 4200.00 Zusammen also erst Mk. 7350.00 nicht aber, wie die Herren Fuhr und Hahn ausgerechnet haben, Mk. 9563.00.

Außerdem bleibt noch die Frage offen, ob bei der Mainzer Berechnung berücksichtigt worden ist, daß doch nicht alle Lehrbücher jährlich neu beschafft werden müssen, sondern daß besser gebundene mehrere Jahre im Gebrauch bleiben.

Jetzt zahlt die Stadt Gießen nach den An⸗ gaben des Oberbürger meisters in der Stadtver⸗ ordnetensitzung vom 9. März d. J. als Zuschuß für jede Schülerin der höheren Töchter- schule 52 Mk., für jede Schülerin der er⸗ weiterten Mädchenschule 84 Mk., für jeden Volksschüler aber wurde nach Ausweis des städtischen Jahresberichtes ein jährliches Opfer von nur 46 Mk. gebracht!

Wenn also die Lehrmittel gratis an die Volks⸗ schulen verabfolgt und dadurch bis zu 4.20 Mark pro Schüler mehr als seither verausgabt würden, so wäre das jetzt bestehende e Unrecht wenigstens teilweise be⸗ eitigt.

Diejenigen Stadtverordneten, die aus finanziellen Bedenken gegen die freien Lehr⸗ mittel sind, sollen sich doch einmal im stillen Kämmerlein überlegen, ob es schön und ge⸗ recht ist, wenn sie aus dem allgemeinen Stadt⸗ säckkll den Kindern wohlhabender Leute bedeutend mehr zuschießen, als den Kindern geringer Leute!!

Wo waren denn übriges die finanziellen Be denken jene Herrn, als es sich vor Kurzem um teilweise ganz bedeutende, teilweise u. E. ganz ungerechtfertigte Aufbesserungen der Gehälter der so wie so schon gut bezahlten höheren städischen Beamten handelte? Und wo waren die finanziellen Bedenken derselben Herren, als sie die 1200 Mk. für den Schützenverein bewilligten?

Der sozialdemokratische Antrag auf Ge⸗ währung freier Lehrmittel in den Volksschulen ist ein zeitgemäßer und wohlbegründeter. Nach der ferneren Behandlung in der Gießener Stadt⸗ verordnetenversammlung wird man das sozial⸗ politische Verständnis der einzelnen Stadtväter zuverlässig abschätzen können.

Von Nah und Fern.

Massenprotest

gegen die Zuchthausvorlage.

Wie aus den Ankündigungen in der heutigen ummer ersichtlich, finden in aller⸗ nächster Zeit auch im Kreis Gießen Versumm⸗ lungen statt, in denen die Arbeiter Stellung nehmen werden zu dem nenesten Attentat auf das Vereinigungsrecht des arbeitenden Volkes. Es bedarf wohl kaum noch einer besonderen Aufforderung zu gutem Besuch dieser Versamm⸗ lungen. Viel steht auf dem Spiel, kommt des⸗ halb zu Hunderten, um zu protestieren!

Aus Bernsteins Buch.

3 Im Gießener Wahlverein sprach am Samstag Abend Genosse Scheidemann über

die Bernsteinsche Kritik des Marxismus. Nach

einem objektiven stündigen Referat über das Buch kam Redner zu dem Schluß, daß Bernstein in seinen theoretischen Erörterungen sicherlich macherlei Beachtenswertes biete. Seine positiven Vorschläge in Bezug auf unsere Taktik wären zum Teil deplaziert, teilweise müßten siezurückgewiesen werden. Redner kann je⸗ doch nicht denen zustimmen, die Bernstein am liebsten aus der Partei hinausbeförderten. Aus der eingehenden Diskussion, an der sich besonders Genosse Krumm beteiligte, der 14 Tage früher über die Marx'schen Theorien

gesprochen hatte, ergab sich im Wesentlichen die

Uebereinstimmung der Versammlung mit den Ausführungen des Referenten. Nach den zwei grundlegenden Vorträgen der Genossen Krumm und Scheidemann sollen in den kommen⸗ den Versammlungen die einzelnen Forderungen unseres Parteiprogramms diskutiert werden. Die nächste Wahlvereinsversammlung findet Samstag, den 24. Juni statt.

Ein schwäbisches Bieberlieschen.

Ein reizendes Idyll von denschwäb'sche Eisebahne, das selbst die verwegensten Vizinal⸗ bahn⸗Witze der Fliegenden in den Schatten stellen dürfte, macht gegenwärtig viel von sich reden. Als letzthin der Zug auf der sogen. Filderbahn von Neuhausen gegen Degerloch bei Stuttgartsauste, mußte er verschiedentlich seinen Lauf hemmen, angeblich weil an der Bremse etwas in Unordnung geraten war. Eben hatte dasZügle wieder auf freiem Felde gehalten und das Personal rannte eilfertig den Zug entlang, unter jeden Wagen blickend und nach dem Schaden suchend. Die Passagiere ver⸗ loren die Geduld und so fehlte es natürlich nicht an Sticheleien auf dasBähnle, die von dem Zugpersonal bald mit schwäbischer Derb⸗ heit erwidert wurden. Bald aber kam es zu ernsthafterem Streit und ehe man sichs versah, waren die Passagiere ausgestiegen und balgten sich mit dem Zugpersonal neben dem Bahn⸗ damm herum. Nachdem man sich gegenseitig genug durchgeprügelt, stieg man wieder ein und bald dampfte dasZügle der schwäbischen Residenz zu. Dort mußte der Lokomotivführer, welcher den Löwenanteil an den Prügeln ab⸗ gekriegt hatte, ins Krankenhaus verbracht werden.

Fraktion Dreh ⸗Scheibe.

* Unsere hessischen Nationalliberalen ver⸗ stehen es bekanntlich mit außerordentlichem Ge⸗ schick, sich in das Mäntelchen der Arbeiter⸗ freundlichkeit zu hüllen und ihr Virtuose in dieser Beziehung ist Herr von Heyl, der Ver⸗ treter von Worms. Im Reichstage erklärte dieser Herr unlängst mit dem Brustton tiefster Ueberzeugung:

Ich persönlich stehe auf dem Standpunkt: diese Vorlage, sie mag ausfallen wie sie will, ich lehne sie unbedingt ab.

Der Ausschuß der nationalliberalen Partei in Worms hat nun in einer Resolution dem Abg. v. Heyl die Hoffnung ausgedrückt, daß er bei der Zuchthausvorlagedas Votum im Sinne seiner seitherigen Stellungnahme abgeben werde. Aber was schreibt Wormser Zeitung:

Unseres Erachtens hat der Reichstag alle Ursache, die Vorlage auf das gründliSchste zu prüfen und die Beurteilung der Be⸗ stimmungen im einzelnen vorbehalten den Gesichtspunkt voranzustellen, daß im wirt⸗ schastlichen Kaupf die Freiheit der Person nach allen Richtungen hin vor Vergewaltigung gesichert werden muß. Um so unbefangener kann der Reichstag dieser Pflicht gerade jetzt nachkommen, wo er gegen den Vorwurf ge sichert ist, den Verpflichtungen ernster sozial⸗ 1 005 Fürsorge sich irgendwie entzogen zu haben.

Das klingt freilich etwas anders, als die

damalige Reichstagsrede des Herrn von Heyl!

Nach dieser Auslassung derWormser Zeitung scheinen die Herren Nationalliberalen nur zu sehr bereit, sich allmählich doch umstimmen zu lassen. Ein solcher Vorgang wäre auch bei der

Fraktion Drehscheibe durchaus nichts neues.

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