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Nr. 25.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
Dresch⸗Gräfliches.
Der antisemitische Dresch-Graf Pückler hat in Berlin zwei Versammlungen abgehalten. In der ersten Rede sagte der Edelmann, nachdem er die Juden in Grund und Boden verdonnert hatte, der antisemitischen„Staatsbürgerztg.“ zufolge wörtlich:„Und der Deutsche Michel sieht das alles ruhig mit an und gafft und gafft und freut sich, und klatscht den jüdischen Freunden womöglich noch Beifall, so daß man aus der Haut fahren könnte, anstatt den Knüppel zu nehmen und kräftig da⸗ zwischen zu hauen, daß die Fetzen fliegen, daß sie alle die Kränke kriegen in das klappernde Gebein—“ Bei diesen Worten erhob sich der überwachende Polizeileutnant und erklärte auf Grund des§ 5 des Vereinsgesetzes die Versammlung für aufgelöst. Schade, daß aufgelöst wurde, jedenfalls wäre es noch viel schöner geworden.— Die zweite Versammlung fand am Samstag statt. Dem„tapferen Grafen“ wurde vom„dankbaren Deutschen Antisemiten⸗ Bund“ ein„riesiger Lorbeerkranz“ mit einer „mächtigen blauen Schleife“ überreicht. Nicht länger dürse es geduldet werden, so wetterte der Graf,„daß die reine und harzdurchtränkte Luft der deutschen Wälder verseucht und ver⸗ unreinigt wird von dem widerlichen Geruch dieses fremden Ungeziefers“.„Der Aufmarsch der Armeen ist vollendet, die Kämpfer stehen zum Angriff bereit, jetzt muß der Sturm be⸗ ginnen, der Sturm auf das dichtverschanzte Lager der Juden.“ Aber vorher müßten die Antisemiten erst wieder beten lernen, der Geist des Gebets müsse die Massen er⸗ greifen.„Das Gebet und besonders das ge— meinsame Gebet ist eine errettende und eine weltbewegende Macht, der nichts auf die Dauer Widerstand leisten kann.“ Das könnte gut werden, wenn die Böckel, Ahlwardt, Hirschel, Bindewald, Köhler u. s. w. gemeinsame Bet⸗ stunden veranstalteten, in denen der Graf Pückler die einleitende Predigt hielte.—
60 Pfg. Tagelohn genügen!
Gelegentlich der Beratung des Invali⸗ ditätsgesetzes hatten die Sozialdemokraten den Antrag gestellt, daß der ortsübliche Tagelohn für erwachsene Arbeiter auf mindesten 1.50 Mk. festgesetzt werden solle. Dem trat das Mit⸗ 55 der freisinnigen Volkspartei, Abg.
räsicke entgegen; ortsübliche Tagelöhne von 60 Pfennig, wie sie in Ostpreußen vielfach vorkommen, wären vollständig ausreichend und die Arbeiter wären damit vorzüglich ge⸗ stellt. Genosse Stadthagen machte den „freisinnigen“ Mann darauf aufmerksam, daß der preußische Staat schon vor fünfzig Jahren 80 Pfg. Unterhaltungskosten für Zuchthäuslerinnen pro Tag angenommen habe, also 20 Pfg. mehr, wie der Abg. Bräsicke für freie Arbeiter auskömmlich hielt. Herr Bräsicke antwortete schließlich, daß neben den Löhnen an die Arbeiter noch Naturalien verab⸗ reicht wurden, was unserem Genossen Stadt⸗ hagen Veranlassung gab, festzustellen, daß dann doch selbstverständlich bei der Festsetzung des ortsüblichen Tagelohnes die Naturalien mit in Ansatz gebracht werden müßten. Herr Bräsicke meinte, ein Lohnbetrag— einschließlich der Naturalien im angeblichen Werte von 60 Pfg.! — in Höhe von 1.20 Mk. im Osten enspreche einem Lohn von 2.50 Mk. im Westen. Der sozialdemokratische Antrag wurde abgelehnt. Die Parteifreunde Bräsickes ließen diesen bei der Abstimmung im Stich.
Kaiserbeleidigungen.
Eine Statistik der Majestätsbeleidigungs⸗ Prozesse für den Monat Mai veröffentlicht die„Volks⸗Zeitung“. Von den darin enthaltenen 21 neuen Fällen haben 11 zur Verurteilung geführt. Es wurde auf insgesamt 64 Monate Gefängnis= 5/ Jahre erkannt. 5 Angeklagte wurden freigesprochen und 5 Verhaftete resp. Denunzierte harren noch der gerichtlichen Ent- scheidung. Nach derselben Statistik sind in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 171 Majestäts beleidigungen gerichtlich verhandelt und mit zusammen 55 Jahren Gefängnis bestraft worden. Für die zukünftigen Geschichtsschreiber wichtige Ziffern!
Die glücklichen Koburger.
Nun bekommen sie ihn doch, nämlich die Koburg⸗Gothaer ihren„angestammten“ Fürsten, einen englischen Prinzen, als Landesvater. Die Londoner„Westm. Gaz.“ tritt der Meldung entgegen, daß der Herzog von Connaught auf die Koburger Thronfolge für sich und seinen Sohn verzichtet habe. Prinz Arthur würde im nächsten Jahre in die deutsche Armee eintreten und jährlich einige Wochen in Koburg und Gotha zubringen. Der Herzog und die Herzogin von Connaught würden während der Lebens⸗ zeit des regierenden Herzogs in England wohnen, aber jährlich dem Hergogtum einen langen Besuch abstatten.— Gott, wie gütig sind doch der englische Herzog und sein erlauchter Sohn. Wie werden sich die Koburg-Gothaer freuen, daß sie aus der furchtbaren Notlage gekommen sind, schließlich keinen„angestammten“ Landesvater zu haben!
Ausländisches.
Zwischen Oesterreich und Ungarn ist es endlich zu einem Ausgleich gekommen. Frankreich: Vier Jahre Gefängnis erhielt der Graf Christiani, der am vorvergangenen Sonntag den Präsidenten Loubet thätlich ange⸗ griffen hatte. Loubet hat nach dem„Figaro“ Aeußerungen gethan, aus denen man schließt, daß er den edlen Graf bald zu begnadigen ge⸗ denkt.— Die Anklagekammer beschloß die Ein⸗ stellung des Verfahrens gegen Picquart. Gegen Picquart schweben nun noch zwei Anklagen vor der Militärjustiz.— Am Montag ist das Ministerium Dupuy gestürzt. Das ist das zweite Mal, daß unsere Genossen denselben Mann zu Fall brachten.— Der italienische General Giletta di San Giuseppe wurde Montag nicht weit von der italienischen Grenze in dem Augen⸗ blicke festgenommen, als er die französischen Be⸗ festigungen besichtigte. Er verwahrt sich da⸗ gegen, Spionage getrieben zu haben und erklärt, er habe als Tourist Ausflüge gemacht, und die Pläne, die in seinem Besitze seien, enthielten durch⸗ aus keine Geheimnisse. Von italienischer Seite wird die Sache in einer amtlichen Note natür⸗ lich wesentlich harmloser dargestellt; die Ver⸗ haftung aber wird bestätigt.
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Aus dem Reichstag.
Invalidenversicherungsgesetz. Die Verhand⸗ lungen bieten immer dasselbe Bild: die sozialdemokrati⸗ schen Verbesserungsanträge wurden abgelehnt. In der Freitagssitzung beantragten die Sozialdemokraten, einen Artikel dem Gesetze anzufügen, durch welchen das Krankenkassengesetz dahin geändert wird, daß die land⸗ und forstwirtschaftlichen Arbeiter der Krankenversicherungs⸗ pflicht unterworfen werden, daß die Krankenkassen ferner verpflichtet werden, ihre Leistungen von 13 bis 26 Wochen auszudehnen. Genosse Stadthagen begründete diesen Antrag. Die Einführung der Krankenkassen⸗Ver⸗ sicherung für die ländlichen Arbeiter liege namentlich auch im Interesse des kleinen Landwirts, weil derselbe sonst auf Grund des Bürgerlichen Gesetzbuches verpflichtet sei, auf 6 Wochen die Krankenkosten für sein Personal zu bezahlen. Der Reichstag habe die moralische Verpflichtung, dafür zu sorgen, daß diese Last den Land⸗ wirten durch die Krankeuversicherung erleichtert werde. — Wird abgelehnt!
Montagssitzung.(Nachtragsetat.) Bei den Nachtragsforderungen für das Reichsamt des Innern teilte Staatssekretär Graf Posadowsky auf eine Anfrage Bebels mit, daß der Bundesrat sich über eine Ab⸗ änderung der Bäckereiverordnung noch nicht schlüssig gemacht habe, zumal da noch nicht einmal von allen Regierungen die Antwort auf das Rundschreiben, betr. die Wirkungen der Verordnung eingegangen sei. Zu einer längeren zum Teil recht erregten Auseinandersetzung kam es zwischen dem Staatssekretär Graf Posadowsky und unseren Genossen Bebel, Hoch und Stadthagen. Die sozialdemokratischen Redner hatten Beschwerde darüber geführt, das das Reichsamt des Innern der an dassel be ergangenen Einladung zum Kongreß der Bauar⸗ beiter in Berlin nicht Folge geleistet hätte. Graf Posadowsky suchte dies einerseits mit der großen Arbeitslast seines Ressorts zu entschuldigen, andererseits könne man einem kaiserlichen Beamten nicht zumuten, Kongresse zu besuchen, in deren Versammlungslokal repu⸗ blikanische Abzeichen, insbesondere rote Fahnen, auf⸗ gehängt seien.
Unsere Redner sagten dem Grafen gehörig Bescheid. Als Genosse Stadthagen sagte:
„Ich habe bisher noch nicht gewußt, daß die rote Fahne auch auf Menschen eine solche Wirkung ausübt“
erhielt er einen Ordnungsruf. schmerzen wissen.
— Das Invaliditätsversicherungsgesetz wird wohl einstimmig angenommen werden, da auch die Sozial⸗ demokraten dafür stimmen. Genosse Molkenbuhr gab die Erklärung ab, daß unsere Partei für das Gesetz stimme, weil trotz des ablehnenden Verhaltens der Mehrheit den sozialdemokratischen Anträgen gegenüber die Verbesse rungen die Verschlechterungen üb er⸗ wiegen; auch anderen Gesetzen gegenüber hätten wir uns so verhalten, aber da fand eben das umgekehrte Ver⸗ hälnis zwischen Verbesserungen und Verschlechterungen statt.
Den wird er zu ver⸗
Treue um Treue!
Unterm Zuchthauskucs ist es doppelt Pflicht der Arbeiter und Arbeiterinnen, für die Parteipresse zu wirken. Sie ist der zuverlässigste Führer und Kämpfer für das arbeitende Volk in Stadt und Land. Die„M. S. Z.“ wird ihren Grundsätzen treu bleiben und unerschrocken für Recht und Wohlfahrt der Kleinen in Dorf und Stadt weiter kämpfen. Diejenigen Leser, denen die„M. S.⸗Z.“ seit Jahren ein lieber Fruend, werden ihr nicht nur die Treue be⸗ wahren, sondern als ziel- und pflichtbewußte Proletarier ihrem Parteiblatt zum 1. Juli wieder neue Abonnenten zuführen.— Was die„M. S.⸗Z“ ihren Lesern bietet, zeigt sich am besten bei einem Vergleich mit anderen Blättern!— Die Bezugsbedingungen der„M. S.⸗Z.“ sind am Titel der vorliegenden Nummer angegeben. In Orten, wo wir noch keine Austräger haben, werden solche von uns jederzeit angenommen.
Von den Gießener
Stadtvätern.
* Die sozialdemokratische Partei verlangt in ihrem Programm die unentgeltliche Liefe⸗ rung aller Lehrmittel in den Volksschulen. Demgemäß hatten unsere Genossen Krumm und Orbig in der Stadtverordneten-Versammlung einen dahin zielenden Antrag gestellt. Sie waren dazu um so mehr berechtigt, als auch in Gießen für die„höheren“ Schüler weit größere Zuschüsse aus dem allgemeinen Stadtsäckel ge⸗ leistet werden, wie für die Volksschüler. Wir haben das in einer früheren Nummer ziffern⸗ mäßig nachgewiesen.
In der Stadtverordnetensitzung vom 8. Juni kam der sozialdemokratische Antrag zur Ver⸗ handlung.
Die Oberlehrer Fuhr und Hahn waren um ein Gutachten über die sozialdemokratische Forderung an⸗ gegangen. Beide hielten die Durchführung in„erzieh⸗ licher“ Hinsicht für nicht ganz unbedenklich. Die Ko sten würden sich für die Stadtknabenschule auf 4254 Mk., für die Stadtmädchenschule auf 5309 Mk. belaufen.
Der Oberbürgermeister berichtete über die Verhand⸗ lungen des Schul vorstandes, der sich in„über⸗ wiegender Mehrheit“— nämlich mit allen gegen die eine Stimme des Stadtv. Orbig— gegen die Gewährung freier Lehrmittel für die Volksschule ausgesprochen„Ab⸗ gesehen von finanziellen Gründen— wir zitiren nach den G. N. N.— habe die Erwägung mitgesprochen, es werde durch eine solche Maßnahme die Kluft zwischen den höheren Schulen und der Volksschule erweitert und damit den letzteren auch der Stempel der sogenannten Armenschulen aufgedrückt. Man habe sich aus Gründen der Einheitlichkeit des zu verwendenden Materials wohl dafür ausgesprochen, die Lehrmittel für den weiblichen Handarbeitsunterricht frei an die Schülerinnen abzu⸗ geben, ebenso sich für einen kürzeren und rascheren Weg für die Gewährung freier Lehrmittel an Bedürftige aus⸗ gesprochen, als den jetzt üblichen, aber man will erst abwarten und es den Oberlehrern überlassen, dahingehende Anträge zu stellen Er vertrete den Standpunkt, daß es zulässig sei, die Bücher für Volks⸗ schulkinder ohne die Prüfung der Bedürftigkeit der Eltern durch die Armendeputation auf Kosten der Allgemeinheit zn gewähren, wenn von den Eltern ein dahingehender Antrag gestellt werde. Man könne an⸗ nehmen, daß dafür der Steuerzettel, der ein eingeschätztes Jahreseinkommen von 750 Mark aufweise, die Norm bilden solle, unter welcher freie Lehrmittel gewährt werden sollen.“
Unser Genosse Orbig trat warm für den sozial⸗ demokratischen Antrag ein. Die Gewährung freier Lehr⸗ mittel sei die natürliche Konsequenz des Schulzwanges. Es sollten niemand Wohlthaten aufgedrängt werden. Aber wer für seine Kinder in der Volksschule die Ge⸗ währung von freien Lehrmitteln verlange, dem müßten sie gewährt werden, ohne daß die Frage nach der Be— dürftigkeit zu stellen sei. Die Stadtv. Wallenfels, Löber und Petri sind gegen den Antrag; für Prof. Dr. Gaffky ist die Sache nicht so brennend, Fabrikant Schmall will nur„langsam voran“. Er führte den


