Seite. A.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 31.
Mein Vater war ein großer Monarch, Karolus Magnus geheißen, a Er war noch mächt'ger und klüger sogar, Als Friedrich der Große von Preußen.
Der Stuhl ist zu Aachen, auf welchem er Am Tage der Krönung ruhte; Den Stuhl, woranf er saß in der Nacht, Den erbte die Mutter, die gute.“
Jetzt besitzt Hammonia den Stuhl:
„Siehst du, dort in dem Winkel steht Ein alter Sessel, zerrissen Das Leder der Lehne, von Mottenfraß Sernagt das Polsterkissen.
„Doch gehe hin uud hebe auf Das Kissen von dem Sessel, Du schaust eine runde Oeffnung dann, Darunter einen Kessel—
„Das ist ein Sauberkessel, worin Die magischen Kräfte brauen. And steckst du in die Rundung den Kopf, So wirst du die Zukunft schauen.
„Die Zukunft Deutschlands erblickst du hier Gleich wogenden Phantasmen, Doch schaudre nicht, wenn aus dem Wust Aufsteigen die Miasmen!“
Heinrich Heine war ein kouragierter Mann, vielleicht war auch zu viel Rum im Hammonia⸗ Thee gewesen, er steckte den Kopf in die be⸗ wußte Rundung— aber:
„Was ich gesehen, verrate ich nicht Ich habe zu schweigen versprochen, Erlaubt ist mir zu sagen kaum,
O Gott, was ich gerochen!
Was Heine weiter sagt, mögen unsere Leser im„Wintermärchen“ selber nachlesen.“ Nur soviel sei noch verraten, daß Heine von dem Schrecklichen, was ihm von der Zukunft Deutsch⸗ lands— durch Gesicht und Nase wahrnehmbar — kund gethan wurde, in Ohnmacht fiel.
Und doch: Heine hat sich damals von der rumseligen Hammonia bemogeln lassen: Was sie ihm als die Zukunft Deutschlands zeigte, war nur ein Durchgangsstadium zu einer glücklichen Zukunft. Heine sah zu jener Zeit nur Ausnahmegesetze, häßliche Spitzelgesichter, aufgehängte Negerweiber, Gehe imbundsprozesse, unschuldige Zuchthausopfer, wegen Majestäts⸗ beleidigung eingesperrte Kinder und Greise u. s. w.—
Später sah er mehr. Und proyphetisch verkündigte er in seinen„Geständnissen“, in denen er von Marx, Engels und Lassolle spricht: „Diese Doktoren der Revolution und ihre mit⸗ leidslos entschlossenen Jünger sind die ein⸗ zigen Männer in Deutschland, denen Leben innewohnt, und ihnen gehört die Zu— kunft.“ So wie sich Heine vor 50 Jahren in Hammonias Kammer über die Zukunft Deutschlands täuschte, so irrte vor 5 Tagen anch der ehrliche Seemann Tirpitz in der Reichskammer, als er meinte, Deutschland werde in Zukunft Hammer oder Amboß sein.
Wir können nur wünschen, daß Tirpitz seinen Irrtum schneller einsieht, als Heine, der fast ein Jahrzehnt dazu gebrauchte. Zu den schönsten Hoffnungen in dieser Hinsicht sind wir berechtigt! Hat doch Tirpitz kei e zwei Jahre gebraucht um einzusehen, daß sein Marinezukunftsbild von 1897 un zutreffend war. Unsere Ueberzeugung ist, daß Heine mit seinem Zukunftsbild wie er es in den„Ge⸗ ständnissen“ festlegt, Recht behält. Das zum Klassenbewußtsein erwachte Proletariat wird die politische Macht erobern, mit krästiger Faust den Hammer der Gesetzgebung ergreifen und sich eine glückliche Zukunft schmieden. Eine 1 auf die der Heine'sche Vers zutreffen wird:
Es giebt hienieden Brot genug Für alle Menschenkinder.
* In der Reklam⸗Ausgabe ist„Deutschland, ein Wintermärchen“, in jeder Buchhandlung für 20 Pfg. käuflich zu haben. Das Bändchen führt die Nummer
2261. N
1 Bei Einkäufen bitten wir in erster Etuie diejenigen Geschafte
zu berücksichtigen, die in der„ittesd.
Sonntags⸗Zeitung ann nieren.
von Nah und Lern.
Die letzte Kraftprobe.
* Am Mittwoch fand die Vertreter⸗ wahl zur Generalversammlung der Gießener Ortskrankenkasse statt. In aller Stille hatte eine kleine Unternehmerklique auch eine Arbeitneh merliste mit 129 Kandidaten — wovon 75 Maurer waren— aufgestellt und drucken lassen. Daß die Herren gut hinter den Koulissen gearbeitet batten, ging aus dem Wahlresultat hervor: Unter Führung von Polieren und sonstigen Vertrauensleuten traten thatsächlich 106 Mann an die Urne und gaben den„Brotgeber“zettel ab. Aber der letzte Versuch, sich wieder der Verwaltung der Kasse zu bemächtigen, schlug fehl. Mit 243 Stimmen Mehrheit siegte die vom Gewerk⸗ schaftskartell herausgegebene Arbeiterliste. Der Gießener Ortskrankenkasse ist nun eine gedeihliche Weiterentwickelung ge⸗ sichert zum Wohle der Arbeiter und zum Aerger diverser Unternehmer, die auch da gerne eine große Rolle spielen möchten, wo ste ganz und gar überflüssig sind.
Eine bittere Pille.
* Herr Jost Benner, Hauptlehrer in Löhn⸗ berg, hat vor dem Gericht in Weilburg, um einer empfindlichen Strafe zu entgehen, einen Vergleich eingehen müssen, den ihm sein An⸗ kläger, Kaufmann Hehmann, Spediteur der „M. S.⸗Ztg.“ in Löhnberg, diktierte. Unter anderem wurde Herr Benner gezwungen, auch in der„M. S.⸗Ztg.“ die von ihm gegen Heh⸗ mann erhobenen Beleidigungen und Verdäch⸗ tigungen als unwahr zurückzunehmen. Nun sollte man denken, der Löhnberger Hauptlehrer wäre froh, daß die Sache aus der Welt ge⸗ schafft und bald vergessen würde. Weit gefehlt. Herr Benner sendet uns die in unserem heutigen Inseratenteil abgedruckte Erklärung, hält es aber für notwendig, an die Verwaltung der „M. S.⸗Ztg.“ zu schreiben:
„Diese Zeilen(die Erklärung, daß Benner seine Beleidigungen und Verdächtigungen als un wahr zurück⸗ nimmt. Red. d. M. S.⸗Ztg.) haben Sie ohne weitere Hinzufügung in Druckschrift gewöhnlicher Größe im Inseratenteil Ihrer Zeitung aufzunehmen und mir in Rechnung zu stellen. Ich mache Sie ausdrücklich darauf ausmerksam, daß sich der Druck in nichts von dem ge⸗ wöhnlichen Druck unterscheiden darf und daß ich durch einen Sachverständigen die Kosten der Einrückung prüfen lasse. Die Höhe der Druckbuchstaben beträgt 2 Milli⸗ meter. Genaue Abschrift des vorliegenden Schriftstückes habe ich von geeigneter und berechtigter Seite nehmen lassen. Benner.“
Wenn Herr Benner der Ansicht war, daß uns seine energischen Anweisungen riesig impo⸗ nieren würden, so hat er sich gründlich getäuscht. Nichtsdestoweniger sind wir der unmaßgeb⸗ lichen Ansicht— die pädagogische Durchbil⸗ dung, deren sich die Lehrer erfreuen, geht uns ja ab—, daß sich ein Mann, der eben erst eine so abscheulich schmeckende Pille, wie den Widerruf, hinunterschlucken mußte, uns gegenüber schon etwas bescheidener auftreten dürfte. Außerdem glauben wir kaum, daß unser Genosse Hehmann mit der uns von Herrn Benner zugeschickten Erklärung zufrieden ist. So wie wir das Abkommen verstanden haben, ist der Löhnberger Hauptlehrer und Präsident des dortigen Kriegervereins verpflichtet, den gesamten Wortlaut des Vergleichsprotokolls abdrucken zu lassen.
Konsumvereine der Eisenbahner.
5 Dem Vernehmen nach hat der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten die Eisenbahn⸗ direktionen zur Abgabe verschiedener Berichte aufgefordert. Unter anderem sollen die Eisen⸗ bahndirektionen darüber berichten, ob und welche Konsumvereine in ihren Bezirken bestehen, denen ausschließlich oder überwiegend Eisen⸗ bahnbedienstete(Beamte und Arbeiter) an⸗ gehören. In dem bezüglichen Verzeichnisse ist auch die Anzahl der Mitglieder der Konsum⸗ vereine sowie ferner anzugeben, ob berechtigte Klagen über die Vereine laut geworden sind und ob oder welche berechtigten wirtschaftlichen Vorteile sie den Beamten gebracht haben.
Wie uns bestimmt verfichert wird, soll auch
in Gießen ein großer Konsum verein für die Eisenbahner ins Leben gerufen werden. Der Grundstein dazu ist schon gelegt durch die Begründung eines Eisenbahnervereins. Die Gießener Geschäftsleute werden sich über diese Gründung riesig freuen.
Tapfere Vaterlandsverteidiger.
* Auf der Straße von Gießen nach Rödgen wurden am Sonntag mehrere Mädchen aus letzterem Orte von einer Anzahl Soldaten über⸗ fallen und vergewaltigt. In Begleitung des Bürgermeisters haben die Bedauernswerten Maͤdchen im Laufe dieser Woche die ganze Garnison von Kompagnie zu Kompagnie be⸗ sichtigt, um die Schuldigen zu ermitteln, bisher leider vergebens.
Aus einem hessischen Kinderhospital.
* Eine merkwürdige Geschichte wird aus Frankfurt a. M. berichtet. Wir wollten erst Bestätigung abwarten, bevor wir Notiz davon nahmen. Nachdem aber jetzt in Offenbacher, Berliner und anderen Blättern die Notiz un⸗ widersprochen veröffentlicht wurde, halten wir uns zum Abdruck verpflichtet. Es wird berichtet: Das Kind einer armen Frau wurde auf dringenden Rat des Arztes wegen Lähmung des rechten Aermchens nach Nauheim zur Kur geschickt und fand auf Vermittelung des Frankfurter Kinderhospitals im Elisabethen⸗ haus zu Nauheim Aufnahme. Nach fünf Wochen wurde das acht Jahre alte Mädchen der Frau unverhofft von einer Schwester zurückgebracht und als„geheilt“ abgeliefert. Als die erstaunte Frau das Kind entkleidete, fand sie, daß das⸗ selbe sehr beschmutzte, eiterstarrende Wäsche trug! Erschreckt lief sie zum Arzte, welcher dann die Diagnose:— geschlechtskrank stellte. Nach mehreren Tagen waren schon die übrigen Kinder der Frau angesteckt und auf dringenden Rat des Arztes die Kinder ins Städtische Kranken⸗ haus eingeliefert. Die Spitalverwaltung in Nauheim schrieb nun ganz lakonisch, daß sie ein Verschulden nicht treffe, da jedenfalls der „eKim der Krankheit im Kinde gesteckt habe“! — Man giebt aber im Schreiben zu, daß auch eine Schwester von derselben Krankheit angesteckt, sogar um ein Auge kommen würde! Ob hier ein Verbrechen oder sonstige Ansteckung vorliegt, hat jetzt die hessische Staatsanwaltschaft in Untersuchung gezogen, deren Resultat zur Zeit noch nicht bekannt ist. Jetzt hört ein Frank⸗ furter Blatt, daß im dortigen Städtischen Krankenhause bereits weitere Kinder angesteckt worden sind! So fand eine Frau, die ihre zwei Kinder besuchte, daß dieselben jetzt an derselben Krankheit leiden! Dieser Vorfall bedarf dringend der Aufklärung; auf die Er⸗ mittelung der Staatsanwaltschaft kann man gespannt sein.
Der Wetzlarer Reichsbote.
* Der Abg. Rrämer, Vertreter des Wahl⸗ kreises Wetzlar⸗Altenkirchen im Reichstag, hat am Sonntag in der ehemals freien Reichsstadt bei Niedergirmes über die Thätigkeit des Reichs⸗ tags berichtet. Für Herrn Krämer steckte in der Zuchthausvorlage ein berechtigter Kern. Ein Interessengegensatz zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bestehe nicht. Einer Ver⸗ mehrung der Flotte steht er freundlich gegen- über. Der Rede Krämers folgte eine Rede des nationalliberalen Generalsekretärs Patzig aus Berlin. Er sprach sich recht patzig über die Sozialdemokraten aus und kann nicht verstehen, warum sich die Arbeiter in Deutschland nicht wohl fühlen. Er ist für Flottenvergrößerung. „Dank dem ungeheuren Anwachsen unserer wirt⸗ schaftlichen Entwickelung sei im deutschen Lande ein früher ungekannter Wohl⸗ stand eingekehrt. Diesen Wohlstand sollten wir uns erhalten, wir wollen unserer ununterbrochen wachsenden Bevölkerung Ge⸗ legenheit geben, auf heimischem Boden ihr Brot zu finden. Wir wollen Waren exportieren, keine Menschen. Wer das wolle, der werde
auch der Vermehrung und der gesetzlichen Fest⸗ legung unserer Wehrkraft zur See ein Hindernis nicht bereiten dürfen.“ Wir zweifeln durchaus nicht, daß Herr Patzig, Herr Krämer und der
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