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Nr. 38. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Seite 3. Ausländisches. stabs) muß tte Dreyfus verurteilt werden, da- leben. Er sei unheilbar schwindsüchtig.— Dänemark. Es ist, so wird der„FIrkft. mit hinter diesem Schuldigspruch die Generäle[Das wäre kein Wunder. Wer könnte fünf
Ztg.“ aus Kopenhagen berichtet, eine bemerkens⸗ werte Thatsache, daß die hiesige Geistlichkeit während des langen Arbeiterstreites auf Seiten der Arbeiter gestanden hat. Auch jetzt, nach⸗ dem der Vergleich geschlossen worden ist, äußert die Geistlichkeit ihre Sympathie für die Arbeiter. So hat der Primas der bänischen Kirche, Bischof Rördam, dieser Tage einen Hirtenbrief veröffentlicht, worin es heißt:„Ich bin über⸗ zeugt, daß alle rechtschaffenen Menschen darüber einig sein werden, daß die Haltung der Arbeiter während der langen Sperre so musterhaft ge— wesen ist, wie es wohl Niemand erwartet und wie die Meisten es als undenkbar erklärt hätten, wenn man hätte voraussehen können, daß die Sperre und die daraus folgende Arbeitslosigkeit für so viele Tausende über ein Vierteljahr dauern würde. Ich weiß nicht, ob man irgendwo etwas ähnliches gesehen hat, es ist jedoch be— kannt, daß in mehreren anderen Ländern eine viel kürzere Arbeitslosigkeit große Unruhen hervorgerufen hat. Hier haben solche gar nicht stattgefunden, was sehr für die dänischen Ar⸗ beiter spricht und allgemeine Sympathie für dieselben hervorrufen muß.“ Der Bischof fordert dann Alle auf, währeud des bevorstehenden Winters die Familien der Arbeiter, unter denen ja vielfach große Not herrscht, mit Geldbeiträgen zu unterstützen. Andere Geistliche suchen ihre Sympathie für die Arbeiter dadurch zu zeigen, daß sie eine Reihe populärer Vorträge für die⸗ selben angekündigt haben.
Demnach geben sich die dänischen Geist⸗ lichen Mühe, der Arbeiterbewegung Gerechtig⸗ keit wiederfahren zu lassen. In Deutsch⸗ land sind die Pastor Hülle und ähnliche Verkündiger der christlichen Nächstenliebe Tag für Tag am Werke, zur höheren Ehre des Unternehmerprofits die Arbeiterbewegung zu verdächtigen und für die Zuchthaus⸗ vorlage Stimmung zu machen.
Dreyfus wieder verurteilt.
* Das Kriegsgericht in Rennes hat am Sonnabend die Schuldfrage bejaht und Alfred Dreyfus unter Zubilligung mildernder Umstände zu zehnjähriger Haft verurteilt. War das Urteil von 1894, das Dreyfus lebens⸗ länglich auf die Teufelinsel verbannte, noch vielleicht ein Rechtsirrtum, verschuldet durch die schamlosen Fälschungen der General- stäbler, so ist das neue Urteil eiu brutaler, nackter Justizmor d. Die Richter, vor denen das ganze Generalstabszeugengesindel als Fälscher, Meineidige, Lockspitzel und hinverbrannte Narren entlarvt worden ist, haben als feile Werkzeuge des Armeeklüngels das Recht schamlos gebeugt, die Wahrheit mit Füßen getreten und dieses Urteil gefällt, das ein Schandfleck für das moderne Frankreich ist.
Daß Dreyfus das Opfer eines Justizver⸗ brechens ist, eines schändlichen Rechtsbruches, ist sonnenklar. Wohl sind vor ihm schon Viele ur- schuldig verurteilt worden. Hier handelte es sich um ein offensichtliches zum Nutzen einer kleinen Kaste begangenes Verbrechen, dessen politischer und sozialer Hintergrund von größter Bedeutung ist. Es drehte sich bei diesem Prozeß um die große in Frankreich jetzt zur ent⸗ scheidenden Wichtigkeit gekommene Auseinan⸗ setzung zwischen der jesuitisch⸗ymilitärischen Reaktion, die auf den Umsturz der republikanischen Verfassung, auf das Säbelregiment, auf eine neue Diktatur hinar⸗ beitet, und der Demokratie, die die bürgerlichen Freiheiten und die republikanische Verfassung mit allen Mittel jetzt zu verteidigen gezwungen ist.—
Die mildernde Umstände, die das Kriegs⸗ gericht gefunden haben will, sind ein schlüssiger Beweis dafür, daß das Kriegsgericht selbst nicht wagte, die Konsequenzen seines Schuldig⸗ spruchs zu ziehen. Damit kennzeichnet sich das Urteil nicht als juristisches, sondern als poli⸗ tisches. Aus Gründen der Staatsraison(d. h. der jesuitischen Staatsraison des General-
und ihre verbrecherischen Machenschaften Deckung finden, damit diese dadurch gerechtfertigt werden, daß sie unternommen sind, um einen Schuldigen zur Bestrafung zu bringen. Ein Schuldiger mußte vorhanden sein und dieser Schuldige muß te Dreyfus sein, weil sonst ein vernichtendes Gericht über die Verbrecher im Generalstab unvermeidlich geworden wäre. *
Das Urteil wurde im Sitzungssaale in Ab—⸗ wesenheit des Dreyfus verlesen. Ihm selbst wurde vor versammeltem Militär in einem be⸗ sonderen Saale durch den Gerichtsschreiber das Urteil bekannt gemacht.
Dreyfus hörte die Verurteilung völlig ruhig an, ohne die geringste Bewegung zu zeigen und ging ruhig mit gemessenem Schritt in das Untersuchungsgefängnis zurück.
Er hat sofort eine Nichtigkeitsbeschwerde unterzeichnet. Die Affäre Dreyfus ist also noch nicht erledigt, wie die französischen Monarchisten und ihre Helfershelfer, die jesuitischen Pfaffen und die Antisemiten, erwartet haben.
*
Alle Welt ist entrüstet über das Urteil. Lediglich die Antisemiten freuen sich. Die anti⸗ semitische„Staatsbürger⸗Zeitung“, die„Volks⸗ wacht“ der Herren Kohler und Hirschel und die„Deutsche Tageszeitung“, das führende Blatt des Bundes der Landwirte— also die Blätter der Brotwucher-Parteien!— sind ganz entzückt, daß man den Dreyfus wieder verurteilt hat, ist er doch— ein Jude! Daß man ihm nichts, absolut nichts nach⸗ weisen konnte, daß die dentsche Reichsregierung im amtlichen Teil des Reichsanzeigers noch „aus Gründen der Menschlichkeit“, wie sie selbst angiebt, in feierlicher Weise versichert, daß Dreyfus niemals mit irgendwelchen deutschen Organen zu thun gehabt hat, all das rührt so ein deutsches Männerherz antisemitischen Schlages nicht. Der Jude muß verbrannt werden! Das Blatt des ehemaligen Architekten Hirschel schließt seinen Dreyfusartikel mit den Worten:„Ehre dem Kriegsgericht!“
Ehre den Männern also, die von jedem anständigen Menschen als feige Justizmörder bezeichnet werden. Echt antisemitisch.
*
Genosse Jaures schreibt in unserm französi⸗ schen Parteiblatt:
Mit erhobenem Haupt und hohen Herzen haben wir das abscheuliche Urteil der Lüge und des Mordes angehört. Der klerikale Mili— tarismus hat ein Verbrechen ohne gleichen voll⸗ führt Die Kaste, welche dieses Verbrechen begangen hat steht von heute ab außerhalb der Mensch⸗ heit. Entweder sind fünf Offiziere, die Drey⸗ fus noch einmal verurteilten, durch die Soyhismen der Generale und Pfaffen in den Glauben ver— setzt, Dreyfuß sei in der That schuldig, und dann haben sie sich selbst vollkommen jeder menschlichen Vernunft bar erklärt, denn diese stellt die Unschuld Dreyfus, den Verrat Esterhazys mit unbedingter Gewißheit fest. Oder, was warscheinlicher ist, sie haben den Un⸗ schuldigen mit dem vollen Bewußtsein seiner Unschuld verurteilt, um die schul⸗ digen Generale zu retten und dann stehen sie außerhalb des menschlischen Gewissens. Von heute ab giebt es zwischen dieser wahn⸗ sinnigen oder verbrecherischen Kaste und der Nation nichts Gemeinsames mehr. 5
Daher beunruhigt uns die abscheuliche Koa⸗ lition der Lüge und des Verbrechens auch nicht: sie wird keine andere Wirkung haben als die: den revolutionären Haß gegen den Militarismus weiter zu ver⸗ breiten. In den großen menschlichen Schmerz der unser Herz zusammenkrampft, mischt sich eine bittere Freude: die harte Wollust der Empörung, des Hasses und der Verachtung.
* Dr. Pozzi, der Dreyfus untersuchte, hat er⸗ klärt, dieser sei auf jeden Fall physisch hin und habe nur ein, höchstens zwei Jahre noch zu
herbeiführte.
Jahre lang dem mörderischen Klima auf der Teufelsinsel widerstehen? *
Aus allen Ländera wird berichtet, daß die Entrüstung über den Renneser Justizmord unglaublich groß ist. In zahlreichen Städten bilden sich Komitees, um die Beschickung der Pariser Weltausstellung zu hintertreiben. Das halten wir allerdings fur eine Dummheit.
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Pon Nah und Fern.
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Liebknecht in Klein⸗Linden.
n. Am Samstag Abend sprach Genosse Liebknecht in Klein-Linden. Der Hinter⸗ lang'sche Saal war dicht besetzt, obwohl am selben Abend die Vorfeier für ein Turnfest in Klein Linden stattfand. Gen. Krumm, der den Vorsitz führte, wies bei der Eröffnung der Versammlung darauf hin, daß wir leider ge— zwungenermaßen diesen für Klein-Linden so ungünstigen Abend wählen mußten, da Gen. Liebknecht der Nachwahl in Pirna wegen nur zwei Tage in seiner Heimat verweilen könne. Gen. Liebknecht begrüßte die Erschienenen als seine Landsleute. Es wären wohl 55 bis 56 Jahre her, daß er nicht in Klein-Linden gewesen sei. Welcher Unterschied zwischen da⸗ mals und heute! In der ihm eigenen fesselnden Weise schilderte Liebknecht, welche ungeheure Revolution der König Dampf seit jener Zeit verursacht habe, wie derselbe das Handwerk vernichtete, indem er der Großindustrie die Wege ebnete, das Zeitalter des Großkapitalismus erb Hunderttausende selbstständige Existenzen sind vernichtet, weitere Hundert⸗ tausende sehen dem Untergang entgegen, der Kapitalismus ist unersättlich. Liebknecht führte dann weiter aus, wie der großindustriellen Entwicklung, den ganz ungeahnten Fortschritten der Technik, das Bestreben der herrschenden Gewalten gegenüberstehe, die arbeitende Bevöl—


