Ausgabe 
16.7.1899
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 29.

S FSS desen,

Unterhaltungs⸗CTeil. f

* Vorwärts!

Vorwärts brause, Seitenstrom! Reiß die alten Dämme nieder. Reg' die mächt'gen Wellenglieder RNollend durch den Weltendom!

Vorwärts auf der Bahn zum Licht: Aberglaube sei nicht Meister Ueber die befreiten Geister, Trug und Wahn beherrsch' uns nicht!

Vorwärts heißt der Ruf der Seit; Vorwärts, in der Sukunft Morgen Liegt der Völker Heil verborgen, Nicht in der Vergangenheit.

Michael Kohlhaas.

Historische Erzählung von H. von Kleist. (1. Fortsetzung.)

Kohlhaas fluchte über diese Gewaltthätigkeit, verbiß jedoch im Gefühl seiner Ohnmacht seinen Ingrimm, und machte schon, da doch nichts anders übrig blieb, Anstalten, das Raubnest mit den Pferden nur wieder zu verlassen, als der Schloßvoigt, von dem Wortwechsel herbei⸗ gerufen, erschien und fragte, was es hier gäbe? Was es gibt? antwortete Kohlhaas. Wer hat dem Junker von Tronka und dessen Leuten die Erlaubnis gegeben, sich meiner bei ihm zurück⸗ gelassenen Rappen zur Feldarbeit zu bedienen? Er setzte hinzu, ob das wohl menschlich wäre? versuchte, die erschöpften Gäule durch einen Gertenstreich zu erregen, und zeigte ihm, daß sie sich nicht rührten. Der Schloßvoigt, nachdem er ihn eine Weile trotzig angesehen hatte, ver⸗ setzte: seht den Grobian! Ob der Flegel nicht Gott danken sollte, daß die Mähren überhaupt noch leben? Er fragte, wer sie, da der Knecht weggelaufen, hätte pflegen sollen? Ob es nicht billig gewesen wäre, daß die Pferde das Futter, das man ihnen gereicht habe, auf den Feldern abverdient hätten? Er schloß, daß er hier keine Flausen machen möchte, oder daß er die Hunde rufen, und sich durch sie Ruhe im Hofe zu verschaffen wissen würde.

Dem Roßhändler schlug das Herz gegen den Wams. Es drängte ihn, den nichtswürdigen Dickwanst in den Koth zu werfen, und den Fuß auf sein kupferliches Antlitz zu setzen. Doch sein Rechtgefühl, das einer Goldwage glich, wankte noch; er war, vor der Schranke seiner eignen Brust, noch nicht gewiß, ob eine Schuld seinen Gegner drücke; und während er, die Schimpfreden niederschluckend, zu den Pferden trat, und ihnen, in stiller Erwägung der Um stände, die Mähnen zurecht legte, fragte er mit gesenkter Stimme: um welchen Versehen halber der Knecht denn aus der Burg entfernt worden sei? Der Schloßvoigt erwiderte: weil der Schlingel trotzig im Hofe gewesen ist! Weil er sich gegen einen nothwendigen Stallwechsel ge⸗ straubt, und verlangt hat, daß die Pferde zweier Jungherren, die auf die Tronkenburg kamen, um seiner Mähren willen auf der freien Straße übernachten sollten!

Kohlhaas hätte den Wert der Pferde darum gegeben, wenn er den Knecht zur Hand gehabt, und dessen Aussage mit der Aussage dieses dick⸗ mäuligen Burgvoigts hätte vergleichen können. Er stand noch, und streifte den Rappen die Zoddeln aus, und sann, was in seiner vage zu ihun sei, als sich die Scene plötzlich änderte, und der Junker Wenzel von Tronka, mit einem Schwarm von Rittern, Knechten und Hunden, von der Hasenhetze kommend, iu den Schloßplatz sprengte. Der Schloßvoigt, als er fragte, was vorgefallen sei, nahm sogleich das Wort, und während die Hunde beim Anblick des Fremden von der einen Seite ein Mordgeheul gegen ihn anstimmten, und die Ritter ihnen von der andern zu schweigen geboten, zeigte er ihm unter der gehässigsten Entstellung der Sache an, was dieser Roßka mm, weil seine Rappen ein wenig gebraucht

worden wären, für eine Rebellion verführe. Er sagte mit Hohngelächter, daß er sich weigere, die Pferde als die seinigen anzuerkennen. Kohl⸗ haas rief:das sind nicht meine Pferde, gestrenger Herr! Das sind die Pferde nicht, die dreißig Goldgülden werth waren! Ich will meine wohlgenährtenund gesunden Pferde wieder haben! Der Juuker, indem ihm eine flüchtige Blässe in's Gesicht trat, stieg vom Pferde, und sagt: wenn der H... A... die Pferde nicht wiedernehmen will, so mag er's bleiben lassen. Komm Günther! rief er Hans! Kommt! in⸗ dem er sich den Staub mit der Hand von den Beinkleidern schüttelte; und: schafft Wein! rief er noch, da er mit den Rit lern unter der Thür war; und ging in's Haus. Kohlhaas sagte, daß er eher den Abdecker rufen, und die Pferde auf den Schindanger schmeißen lassen, als sie so, wie sie wären, in seinen Stall zu Kohl⸗ haasenbrück führen wolle. Er ließ die Gäule, ohne sich um sie zu bekümmern, auf dem Platz stehen, schwang sich, indem er versicherte, daß er sich Recht zu verschaffen wissen würde, auf seinen Braunen und ritt davon.

Spornstreichs auf dem e 0 nach Dresden war er schon, als er, bei dem Gedanken an den Knecht und an die Klage, die man auf der Burg gegen ihn führte, schrittweis zu reiten anfing, sein Pferd, ehe er noch tausend Schritt gemacht hatte, wieder wandte, und zur vorgaängigen Vernehmung des Knechts, wie es ihm klug und gerecht schien, nach Kohlhaasenbrück einbog. Denn ein richtiges, mit der gebrechlichen Ein⸗ richtung der Welt schon bekanntes Gefühl machte ihn trotz der erlittenen Beleidigungen geneigt, falls nur wirklich dem Knecht, wie der Schloß⸗ voigt behauptete, eine Art von Schuld beizu⸗ messen sei, den Verlust der Pferde als eine gerechte Folge davon zu verschmerzen. Dagegen sagte ihm ein eben so vortreffliches Gefühl, und dies Gefühl faßte tiefere und tiefere Wurzeln in dem Maße, als er weiter ritt, und überall, wo er einkehrte, von den Ungerechtigkeiten hörte, die täglich auf der Tronkenburg gegen die Reisenden verübt wurden: daß wenn der ganze Vorfall, wie es allen Anschein habe, bloß ab⸗ gekartet sein sollte, er mit seinen Kräften der Welt in der Pflicht verfallen sei, sich Genug⸗ thuung für die erlittene Kränkung, und Sicher⸗ heit fuͤr zukünftige seinen Mitbürgern zu ver⸗ schaffen.

Sobald er, bei seiner Ankunft in Kohlhaasen⸗ brück, Lisbeth, sein treues Weib, umarmt, und seine Kinder, die um seine Knie frohlockten, ge⸗ küßt hatte, fragte er gleich nach Herse, dem Großknecht: und ob man nichts von ihm gehört habe? Lisbeth sagte: ja liebper Michael, dieser Herse! Denke Dir, daß dieser unselige Mensch, vor etwa vierzehn Tagen, auf das jämmerlichste zerschlagen, hier eintrifft; nein, so zerschlagen, daß er auch nicht frei aimen kann. Wir bringen ihn zu Bett, wo er heftig Blut speit, und ver⸗ nehmen auf unsere wiederholten Fragen eine Geschichte, die keiner versteht. Wie er von dir mit Pferden, denen man den Durchgang nicht verstattet, auf der Tronkenburg zurückgelassen worden sei, wie man ihn durch die schändlichsten Mißhandlungen gezwungen habe, die Burg zu verlassen, und wie es ihm unnöglich gewesen wäre, die Pferde mitzunehmen. So? sagte Kohlhaas, indem er den Mantel ablegte. Ist er deun schon wieder hergestellt? Bis auf das Blutspeien, antwortete sie, halb und halb. Ich wollte zugleich einen Knecht nach der Tronkenburg schicken, um die Pflege der Rosse bis zu deiner Ankunft daselbst besorgen zu lassen. Denn da sich der Herse immer wahrhaftig gezeigt hat, und so getreu uns in der That wie kein Anderer, so kam es mir nicht zu in seine Aus⸗ sage, von so viel Merkmalen Unterstützt, einen Zweifel zu setzen, und etwa zu glauben, daß er der Pferde auf eine andere Art verlustig gegangen wäre. Doch er beschwört mich, Niemanden zuzumuten sich in diesem Raubneste zu zeigen, und die Thiere aufzugeben, wenn ich keinen Menschen dafür aufopfern wolle. Liegt er

den noch im Bette? fragte Kohlhaas, indem er sich von der Halsbinde befreite. Er geht, erwiderte sie, seit einigen Tagen schon wieder im Hofe umher. Kurz, du wirst sehen, fuhr sie

fort, daß Alles seine Richtigkeit hat, und daß diese Begebenheit einer von den Freveln ist, die man sich seit Kurzem auf der Tronkenburg gegen die Fremden erlaubt. Das muß ich doch erst untersuchen, erwiderte Kohlhaas. Ruf ihn mir, Lisbeth, wenn er auf ist, doch her! Mit diesen Worten setzte er sich in den Lehnstuhl; und die Hausfrau, die sich über seine Gelassen⸗ heit sehr freute, ging und holte den Knecht.

Was hast du in der Tronkenburg gemacht? fragte Kohlhaas, da Lisbeth mit ihm in das Zimmer trat. Ich bin nicht eben wohl mit dir zufrieden. Der Knecht, auf dessen blassem Gesicht sich bei diesen Worten eine Röthe fleckig zeigte, schwieg eine Weile; und: da habt ihr Recht, Herr! antwortete er; denn ein Schwefel- faden, den ich durch Gottes Fügung bei mir trug, um das Raubnest, aus dem ich verjagt worden war, in Brand zu stecken, warf ich, als ich ein Kind darin jammern hörte, in das Elb⸗ wasser, und dachte: mag es Gottes Blitz ein⸗ äschern; ich will's nicht! Kohlhaas sagte be⸗ troffen: wodurch aber hast du dir die Verjagung aus der Tronkenburg zugezogen? Darauf Herse: durch einen schlechten Streich, Herr; und trocknete sich den Schweiß von der Stirn: Geschehenes ist aber nicht zu ändern. Ich wollte die Pferde nicht auf der Feldarbeit zu Grunde richten lassen, und sagte, daß sie noch jung wären und nicht gezogen hätten. Kohlhaas erwiderte, indem er seine Verwirrung zu verbergen suchte, daß er hierhin nicht ganz die Wahrheit gesagt, indem die Pferde schon zu Anfange des verflossenen Frühjahrs ein wenig im Geschirr gewesen waren. Du hättest dich auf der Burg, fuhr er fort, wo du doch eine Art von Gast warest, schon ein oder etliche Mal, wenn gerade wegen schleuniger Einführung der Ernte Noth war, gefällig zeigen können. Das habe ich auch gethan, Herr, sprach Herse. Ich dachte, da sie mir grämliche Gesichter machten, es wird doch die Rappen just nicht kosten. Am dritt n Vormittag spannt ich sie vor, und drei Fuhren Getreide führt ich ein. Kohlhaas, dem das Herz emporquoll, schlug die Augen zu Boden, und versetzte: davon hat man mir nichts gesagt, Herse! Herse versicherte ihn, daß es so sei. Meine Ungefauig⸗ keit sprach er, bestand darin, daß ich die Pferde, als sie zu Mittag kaum ausgefressen hatten, nicht wieder in' Joch spannen wollte; und daß ich dem Schloßvoigt und dem Verwalter, als sie mir vorschlugen frei Futter dafür anzunehmen, und das Geld, das ihr mir für Futterkosten zurückgelassen hattet, in den Sack zu stecken, antwortete ich würde ihnen sonst was thun; mich umkehre und wegging.

Um diese Ungefälligkeit aber, sagte Kohl⸗ haas, bist du von der Tronkenburg nicht weg⸗ gejagt worden. Behüte Gott, ries der Knecht, um eine gottvergessene Missethat! Denn auf den Abend wurden die Pferde zweier Ritter, welche auf die Tronkenburg kamen, in den Stall geführt, und meine an die Stallthüre angebunden. Und da ich dem Schloßvoigt, der sie daselbst einquartirte, die Rappen aus der Hand nahm, und fragte, wo die Tiere jetzo bleiben sollten, so zeigte er mir einen Schweine⸗ koben an, der von Latten und Brettern au der Schloßmauer auferbaur war. Du meinst, unterbrach ihn Kohlhaas, es war ein so schlechtes Behältnis fuͤr Pferde, daß es einem Schweine⸗ koben ähnlicher war, als einem Stall. E.

war ein Schweinekoben, Herr antwortete Herse;

wirklich und wahrhaftig ein Schweinekoben, in welchem die Schweine aus- und einliefen, und ich kaum aufrecht stehen konnte. Vielleicht

war sonst kein Unterkommen für die Rappen aufzufinden, versetzte Kohlhaas; die Pferde der Ritter gingen auf eine gewisse Art vor. H

Der Platz, erwiderte der Knecht indem er die Stimme fallen ließ, war eng.

ihr es gewesen wäret, ihr hattet die Pferde ein wenig zusammenrücken lassen.

die Pferde unter seinen Augen behalten müsse,

und daß ich mich nicht unterstehen solle, sie vom wegzuführen. Hm! sagte Kohlhaas.

Hofe Was gabst du darauf an? der Verwalter

Es hauseten jetzt in Allem sieben Ritter auf der Burg. Wenn

Ich sagte, ich wolle mir im Dorf einen Stall zu miethen suchen; doch der Schloßvogt versetzte, daß er

Bieter os den Lalte suflegte. Her sonst

S8 lind ich Nulch W Teufel habt ihr Ich schw. O lebens

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