Ausgabe 
16.7.1899
 
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Nr. 29.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

für den Entwurf abgegeben hat, und es fehlt an einem Grunde zu der Annahme, daß sie ihre

Stellung geändert hätte, oder ändern wollte.

Auf der anderen Seite aber sind wir der Ueber⸗ zeugung, daß die Wirkungen des Antrages

Mirbach auf den Reichstag voraussichtlich

die umgekehrten sein werden, als es die Freunde des Antrags wünschen. Aus diesem Grunde werden wir gegen den An⸗ trag stimmen. Seid wachsam, ihr deutschen Arbeiter. Die Zuchthaus-Vorlage ist nur scheintot!

Revolution von oben.

Die konservativeKreuz⸗Zeitung empfiehlt in kaum verhüllter Form, nach italienischem Muster mittels des Staatsstreichs die Zuchthaus vorlage durchzusetzen. Es ist da in einem Artikel, der in bewußter Zwei⸗ deutigkeitEin Vorbild für uns überschrieben ist es soll im Unklaren bleiben, ob der citierte Artikel eines italienischen Blattes oder das Vor⸗ gehen der italienischen Regierung für uns vor⸗ bildlich sein soll folgendes zu lesen:

Im italienischen Parlament sitzen genau solche Doktrinäre wie bei uns, die vor lauter Verfassungs⸗Bedenken zu nichts kommen und nur jeder Regierung Schwierigkeiten machen.

Das Land wird aufatmen und General Pelloux wird streng und gerecht seines Amtes walten. Endlich ist der König Humbert ein⸗ mal energisch eingeschritten und ganz Italien wird es ihm Dank wissen, daß er konsti⸗ tutionelle Bedenken überwunden und praktische Politik getrieben hat. Wenn er nur fest bleibt!?

Ob man für unsereZuchthausvorlage einen ähnlichen Weg, wie den von Italien eingeschlagenen, wünschen sollte?

Wo sind nun die wahren Umstürzler, die sich über Gesetz und Recht hinwegsetzen?

O, Schmerz, laß nach.

Der Gesellen-Ausschuß der Berliner Bäckerinnung Germania ist ebenfalls in die Hände der Sozialdemokraten gekommen. Am Dienstag wurden sämtliche sozialdemo⸗ kratischen Kandidaten, unter denen sich die Führer der Bäcker befanden, glatt gewählt. Jetzt haben die meisten Berliner Innungen

sozialdemokratische Gesellen⸗ Vertretung. Aus:

diesem Verhalten ihrer Berliner Kollegen sollten sich die Gießener Bäckergesellen ein Bei⸗ spiel nehmen. Die letzteren brachten es fertig, zwei Tage nach dem Einbringen der Zucht⸗ haus vorlage im Reichstag, am selben Sonntag, an dem die Arbeiterschaft Gießens ein Waldfest abhielt, das sich zu einer Demon⸗ stration gegen die Zuchthausvorlage gestaltete, an dem Festzug der Gießener Krieger- und Militärvereine teilzunehmen. Ausländisches.

Oesterreich. Der Wiener antisemitische Oberbürgermeister Lueger, der sich erfrechte, die Wiener Arbeiter in gemeiner Weise zu be⸗ schimpfen, kneift, wo er dafür Rede stehen soll, aus. Im Wiener Gemeinderat wurden drei Interpellationen eingebracht, betreffend die Straßenunruhen beziehungsweise die Blätter⸗ meldungen, nach denen Bürgermeister Lueger über die Sozialdemokraten Aeußerungen wieehrlose, nichtsnützige Bande, Buben ꝛc. gemacht habe. Bürgermeister Lueger erklärte hierauf, daß diese Inter pellationen nicht der Kompetenz des Ge⸗ meinderates angehörten. Die erwähnten Aeuße⸗ rungen hätten sich nur auf jene Arbeiter bezogen, die auf der Straße lärmten und eine Katzen⸗ musik veranstalteten. Er werde sich durch keiner⸗ lei Terrorismus einschüchtern lassen. Uebrigens werde er die Interpellation der Poliz ei direk⸗ tion zur weiteren Erledigung vorlegen. Das ist die bei den Antisemiten so beliebte Methode. Erst beschimpfen sie alle Welt und nachher ver⸗ kriechen sie sich hinter allerlei Vorwände.Die 1 5 dieser Sippe hält ihrer Gemeinheit die

aage.

. Aus Paris wird berichtet: Die monarqhistischeGazette de France gibt einen Bericht der Polizeipräfektur an den Minister des Innern über die Er geb nisse der Unter⸗ suchung gegen die verschiedenen Liguen. Nach

dem Bericht stände fest, daß der Putsch des antisemitischen Hanswurst Déroulsdes am Be⸗ gräbnistage Felix Faures im Ein verständ⸗ nis mit dem Bund der ropalistischen(königlich gesinnten) Jugend, dem Antisemitenbund und der Patriotenliga erfolgte. Der Herzog von Orléans habe Deéroulede 50000 Frs. für die Patriotenbündler und Guerin 150000 Frs. für die Antisemiten gezahlt. Insgesamt hätten die Royalisten für den Putsch 300 000 Frs. ausgegeben.

Der Prozeß Dreyfus wird in Rennes Mitte August stattfinden.

Rußland. Der russische Thronfolger ist gestorben. Aus Abbas Tuman in Trans⸗ kaukasien, wo er wegen schwerer Krankheit schon seit langer Zeit sich aufhielt, kommt die Nach⸗ richt, daß der russische Thronfolger, Großfürst Georg Alexandrowitsch, der Bruder des Zaren Nikolaus, daselbst am Montag, vor⸗ mittags Uhr in Folge plötzlicher starker Hämorrhogie(Blutung) gestorben ist. Er war geboren am 27. April 1881, erreichte somit nur ein Alter von 28 Jahren. Dem Zaren wurde vor kurzer Zeit von seiner Gattin bekauntlich eine hessische Fürstin, die dritte Tochter ge boren. Darob soll der Kaiser sehr außer sich sein. Er hatte ein Sohn erwartet.

Die Flunkersozialen.

* Unsere Leser erinnern sich noch, daß wir vor mehreren Wochen über eine Protestversammlung gegen die Zucht⸗ hausvorlage aus Marburg berichteten. Trotzdem nun unser Bericht in jeder Hinsicht der Wahrheit entsprach, nannte die nat.⸗soz. Hess. Ldsztg., wie wir schon in voriger Nummer mitteilten, unseren Bericht:

die Wahrheit entstellend, moralisch verwerflich und unnobel. In der NaumannschenHilfe wurde gar berichtet:

Erdmannsdörffer brandmarkte im national⸗sozialen

Verein einen perfiden, die Wahrheit entstellenden Be⸗ richt der sozialdemokratischen M. S.⸗3.

Wir nannten diese Behauptungen viel zu milde eine Un verschämtheit, da gerade die Nationalsozialen in kaum zu übertreffender Weise über jene Versammlung tendenziös berichtet hatten und forderten die Hessische Landesztg. auf:

bestimmt zu erkläreu, was in unserm Berichtmora⸗ lisch verwerflich,unnobel unddie Wahrheit ent⸗ stellend war. Wir würden dann die Antwort nicht schuldig bleiben und mit Leichtigkeit den Beweis er⸗ bringen, auf welcher Seitemoralisch verwerf lich gehandelt wurde.

Im Briefkasten der Dienstags⸗Nummer antwortet darauf die Hess. Landesztg. mit folgendem Gewäsch:

Nach Gießen. Wenn dieMitteld. Sonnt.⸗Ztg.

nicht einsehen will oder kann, daß ihr Bericht über

unsere letzte Marburger Versammlung ein durchaus gefärbtes Bild von deren Verlauf gab, so ist dem

Blatte eben nicht zu helfen. Eine Auseinandersetzung

daröber hat thatsächlich nicht den mindesten Wert.

Wenn das Blatt als Erwiderung mit Schimpfwörtern

kommt(national⸗soziale Unverschämtheit) und Retur⸗

kutschen reitet(indem es unseren Berichttenden⸗ ziös nennt), so ist das ein Gebiet, auf dem wir ihm neidlos den Vorrang lassen.

Anstatt mit der Sprache herauszurücken, verkriecht sich das tapfere national⸗soziale Blatt hinter einfältigen Redensarten und faselt altjüngferlich von Schimpfereien. Weitere Auseinandersetzungen hätten keinen Wert in dieser Sache. Das ist wohl national⸗sozial: jemand fälschlich beschuldigen und dann, wenn Beweise verlangt werden, feig auskneifen.

Wir wollen beweisen, auf welcher Seite mor a⸗ lisch verwerflich, unnobel und die Wahrheit entstellend gehandelt wurde. Was wir über jene national⸗soziale Versammlung in unserer Nr. 26 be⸗ richteten, können unsere Leser noch einmal nachlesen. Wir halten Wort für Wort aufrecht.

Hören wir aber, wie dienoblen Nationalsozialen über jene Versammlung berichteten:

In der Hess. Landesztg. Nr. 141 vom 18. Juni wird zunächst über den Vortrag Erdmannsdörfer be⸗ richtet, dann werden Harmony und Dr. Häberlin mit ein paar Bemerkungen abgethan und von Scheidemann gesagt, er habesachlich gesprochen unddie anti⸗ semitischen Redner geschickt abgeführt. Er habe eine Resolution vorgelegt, die Erdmannsdörfferauch seiner⸗ seits acceptierte und zur Annahme empfohlen habe.

In der Frankf. Ztg. vom 18. Juni wird aus Mar⸗ burg, wie uns bestimmt und glaubwürdig verfichert wird, von einem ständigen Mitarbeiter der Hess. Landesztg., berichtet:

r Marburg, 16. Juni... Redakteur Erdmanns⸗ dörffer schlug eine Resolutton vor, worin der Reichstag aufgefordert wird, die Vorlage abzulehnen. Die Resolution wurde mit überwältigender Mehrheit angenommen.

Und in der NaumannschenHilfe heißt es kurzweg:

Auf Erdmannsdörffers gutes Referat folgte eine Diskussion, an der sich der konservativ⸗agrarische Dr. Häberlin beteiligte. Damit aber auch die Komik nicht fehle, trat Harmony auf. Ernsthaft war nur der Redner der Sozialdemokraten, Redakteur Scheide mann aus Gießen, zu nehmen, der Ergänzungen zu Erdmannsdörffers Vortrag bot. Die Resolution wurde mit erdrückender Mehrheit angenommen.

In allen diesen Berichten wird von den National⸗ sozialen die Wahrheit vergewaltigt. In der Hess. Ldsztg. wird verschwiegen, daß Erdmanns⸗ dörffer seine Resolution zurückgezogen hatte nach der Rede Scheidemanns, in derFrkf. Ztg. wird direkt von Erdmannsdörffers Resolution und in der Hilfe vonder Resolution gesprochen.

Wer wäre so thöricht und politisch unerfahren, in dieser gleichartigen Berichterstattung an drei verschie⸗ dene Blätter seitens der Nationalsozialen eine bestimmte Absicht nicht zu erkennen? Die Wahrheit ist be⸗ wußtermaßen entstellt, indem in allen Berichten verschwiegen ist, daß in einer von nation al⸗ sozialer Seite einberufenen Versammlung die von Sozialdemokraten eingebrachte Resolution ange⸗ nommen wurde. Wer aber bewußtermaßen in dieser Weise die Wahrheit entstellt, handelt moralisch verwerflich, also sehrunnobel.

War es angesichts dieser Thatsachen keine Unver⸗ schämtheit seitens der Nationalsoziaien, uns all das zu unterstellen, was sie selbst begangen haben? Aber wir verstehen den Zusammenhang. Der Referent Erdmanns⸗ dörffer, der bekanntlich von dendeutschen zu den nationalen Sozialen hinüberwechselte, war wütend, daß wir an seine antisemitische Vergangenheit erinnerten und seineJuden- Cholera-Broschüre an die große Glocke hingen und in seinem Aerger zog er im national⸗ sozialen Verein gegen die unbequeme M. S.⸗Z. vom Leder. Deshalb muß dem Herrn gründlich hei m⸗ geleuchtet werden, vielleicht weiß er die nötigen Lehren aus dieser Affaire zu ziehen und ist in Zukunft vor⸗ sichtiger, wenn er Dinge, die man ihm und seinen Parteifreunden nachweisen kann, anderen Leuten in die Schuhe schieben will.

Zur Ergänzung der bereits oben angeführten That⸗ sachen sei deshalb noch folgendes, die Nationalsozialen treffend charakterisierendes Vorkommnis erzählt, zu dessen Preisgabe uns die Un verschämtheit auf jener Seite geradezu zwingt.

Nachdem Herr Erdmannsdörffer in jener Versamm⸗ lung zu Marburg sein Referat beendet hatte, trat eine Pause ein, während der sich der Stud. jur. Harmony, Dr. Häberlin und Red. Scheidemann auf dem Büreau der Versammlung über die Reihenfolge, in der sie reden wollten, nach längerem Hin und Her einigten; Scheide⸗ mann sollte erster sein, Harmony zweiter und Häberlin dritter. Noch vor Ablauf der Pause kam Erdmanns⸗ dörffer zu Scheidemann und legte ihm nahe, die Antisemiten, die häufig sein Referat durch Zwischen⸗ rufe unterbrochen hatten,gehörig vorzunehmen. Scheidemann erklärte, daß er am heutigen Abend eine besondere Veranlassung nicht hätte, mit den Anti⸗ semiten abzurechnen, es komme ihm heute in erster Linie auf eine kraftvolle Demonstration gegen die Zuchtbaus⸗ vorlage an. Außerdem sei er erster Diskusstonsreduer, würde einer der Antisemiten vor ihm zum Wort ge⸗ kommen sein, so sei nicht daran zu zweifeln, daß dieser Stoff genug geliefert hätte, auf den hin man nebenbei die Antisemiten abfertigen könne. Herr Erdmaunnsdörffer ging zum Büreau und der nationalsoziale Vorsitzend e verkündete:Herr Harmony hat das Wort. Harmony protestierte aber es half nichts. Es sei so in der Ordnung, wurde vom Büreau verkündet; nach Harmony sprach Häberlin und zum Schluß kam dann erst der sozialdemokratische Redner zum Worte.

Und Leute, die mit solchen Mitteln arbeiten, die in der tendenziösesten Weise Versammlungsberichte ab⸗ fassen, die die Rednerliste in der geschilderten Weise handhabten, solche Leute haben die Stirn, unseren objektiven Bericht, an dem sie trotz unserer Aufforderung seither nicht ein einziges Wort als unwahr nachweisen konnten,perfid undunwahrhaftig zu nennen.

Haben wir übertrieben, als wir von nationalsozialer Unverschämtheit sprachen? Gewiß nicht.

Nach der großen Flunkerei der Nationalsozialen bei der Stichwahl in Leipzig jetzt diese kleinliche Flunkerei in Marburg.

Wir werden in Zuknnft nicht mehr von national sozialen Unverschämtheiten reden, sondern von unver schämten Nationalsozialen, oder ganz kurz und zutreffend, von

Flun ker sozialen!