Ausgabe 
16.7.1899
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 29.

werbe⸗Ordnung handelte. Im Streik der Firma Sommer hatte der Maschinenarbeiter Hafen⸗ meister den Arbeitswilligen gespielt. Trotzdem besaß er die Dreistigkeit, am Maifeste der Fürther Arbeiterschaft, als der Streik noch im Gange war, einen Verkaufsstand mit Zucker⸗ waren ꝛc. auf dem Festplatze aufzustellen. Weimann entdeckte dasGeschäft und empfahl es bei den Festteilnehmern auf das angelegentlichste, wobei er sich auch des Wortes Streikbrecher bedient haben soll. Die Folge war eine Anklage auf Grund des§ 153 und W. wurde, obwohl nicht festgestellt ist, daß das Wort Streikbrecher fiel und der Angeklagte dies auch in Abrede stellte, zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt.

Man behalte im Auge: Dort zwei Unter- nehmer die mit einem Streikenden wegen des Streiks einen Streit provozieren und dann in Gemeinschaft mit Arcbeitswilligen über den einzelnen herfallen und ihn blutig schlagen sie erhalten wegen einfacher Körperverletzung geringe Geldstrafen. Hier ein Streikender, der sich nur bemüht hat, zu verhindern, daß ein Arbeitswilligerdie Groschen der klassenbewußten Arbeiter nach Hause trage er muß 14 Tage ins Gefängnis!

Des Kaisers Schwager, Ernst Günther, Herzog von Schleswig-Holstein, hat im Dezember 1897 eine nicht für die Oeffentlichkeit bestimmte Broschüre geschrieben, in der er den Wert eines geordneten Arbeits- Nachweises und wohlorganisierter Arbeits-Ver⸗ mittelung bespricht. Jetzt ist dieLeipz. Volks⸗ zeitung, unser Bruderorgan, in den Besitz einer solchen Broschüre gekommen und spricht sich sehr anerkennend darüber aus. Sie empfiehlt der Regierung die Arbeit des Schwagers des deutschen Kaisers, der die Rede zu Oeynhausen hielt und den Zuchthausgesetzentwurf sanktio⸗ nierte, auf das wärmste! Sie werde zwar kein Material zu irgendwelchenDenkschriften oder dergleichen kulturfeindlichen Scherzen liefern, aber ihr immerhin zeigen, daß es auch in den höchsten Regionen noch eine Person ohne den Geist der Scharfmacher giebt; leider aber werde sie uns mit Recht entgegenhalten können, daß eine Schwalbe noch keinen Sommer mache.

Ahlwardt über die Antisemiten.

Der grrroße Ahlwardt schreibt in seinem Deutschen Schwert, daß an den Mißerfolgen derherrlichen Bewegung, die vor sechs Jahren einzig und allein durch sein Zuthun das ganze deutsche Volk ergriffen habe und für die er drei Mal im Strafgefängnis, zwei Mal im Unter suchungsgefängnis sitzen durfte, nicht die Juden schuld sind:

Nein, Deutsche sind es, die diese Arbeit verrichtet haben, die aus selbstsüchtigen Gründen die herrliche Bewegung zertrüm merten, den eigentlichen Kämpfern in den Rücken fielen, um sich ein ungestörtes Aus beuten der judengegnerischen Bewegung zu sichern. Den großen Weltbrand suchten sie auseinander zu reißen, um ein kleines Feuerchen zu haben, an dem sie sich ein kräf⸗ tiges Süpplein kochen konnten. Heimtücke, Verrat und falsches Spiel der angeblichen Freunde haben meine Lebensarbeit fast all r wegen vernichtet und diese sogenannten Antisemiten bildeten daher eine bessere Judenschutztruppe als alle übrigen Juden⸗ schutztruppen zusammengenommen.

Also die Böckel, Liebermann, Köhler u. s. w. Mitglieder der besten Judenschutztruppe. Auch nicht übel.

Daher der Marinekoller.

Zahlreiche Zeitungen befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis teils Behörden, teils mächtigen Privatpersonen gegenüber. Selbstver⸗ ständlich müssen diese Blätter so tanzen, wie ihre Herren pfeifen. Warum z. B. eines der sich am marinetollsten gebärdenden Zeitungen, dieBerl. Neueste Nachr. ganz aus dem Häus chen sind in Bezug auf die Flottenfrage wird sehr verständlich, wenn man erfährt, daß in das Gesellschaftsregister eingetragen sind als Besitzer derBerliner Neuesten Nachrichten die Herren Graf Guido Henkel von Donnersmark zu Neudeck,

Geh. Kommerzienrat Julius van der Zypen in Köln, Krupp in Essen, der Besitzer mächtiger Schiffswerften, jeder mit einem Anteil von 134000 Mark. Geschäftsführer ist der Chef⸗ redakteur Viktor Schweinburg, derbe⸗ rühmte Galizier, der aus seinem Neben amte, der täglichen Beschimpfung der Arbeiter in den offiziösen BerlinerPol. Nachr. vom Zentralverband der Industriellen jährlich die Kleinigkeit von 12000 Mark bezieht. Dieses Namensverzeichnis giebt die Erklärung für die Begeisterung, mit der die BerlinerNeuesten Nachrichten in fast jeder Nummer für immer neue Schiffsbauten eintreten.

Ein Freund unseres Blattes schreibt uns noch zu derselben Sache: Herr Schweinburg, welcher neben seiner Commisstelle bei oben ge nanntem Verband, auch noch Commis bei Herrn Krupp geworden ist, ist einer der Hauptmacher des sogenanntenFlottenvereins und es ist gewiß nur reiner Zufall, daß die außergewöhn liche Begeisterung dieses sehr mangelhaft ge tauften Galiziers fürDeutschlands Seemacht, für seinen Chef, Herrn Krupp, welcher Kriegs- schiffe baut, so außerordentlich vorteilhaft ist. Die Arbeiter wollen aber wohl beachten, in welch engem Verhältnis Patriotismus und Geschäft manchmal, wie gesagt, nur rein zufällig stehen; auf alle Fälle empfehlen wir aber bei allen diesenbegeisterten Reise⸗ aposteln für Flottenvermehrung einen nicht zu kleinen Prozentsatz vom ContoPatriotismus auf das ContoRebbach zu übertragen, wie auch nachstehende Auslassung der gewiß unver dächtigen hochkonservativenKeeuzzeitung zeigt:

Wer ein wenig hinter die Koulissen sieht, der ge⸗ wahrt, daß den Schiffsbau-Interessenten in Deutschlaud schon jetzt bange um die Zukunft wird. Sie fürchten, dem blanken Nichts gegenüberzustehen, sobald die nach dem festgelegten Flottenplan in Auftrag gegebenen Kriegs- schiffe vom Stapel gelaufen sind, da neue Aufträge nicht in naher Aussicht stehen. Mit fieberhaftem Eifer suchen sie deshalb im Volke und im Parlamente Stimmung zu machen für eine im jetzigen Tempo anhaltende Vermehrung unserer Kriegsflotte. Der Mittellandkanal, wenn er be⸗ willigt wird, kann den großen Schiffswerften natürlich keinen Ersatz bieten, da er nur kleiner Schlepper und einfacher Lastkähne bedarf. Soviel wir sehen, herrscht aber in maßgebenden Kreisen vorläufig wenig Neigung, unseren Werften neue Aufträge über das von den Ver bündeten Regierungen verlangte Maß hinaus zu erwirken.

Der Majestäts verbrecher Quarck

hat nunmehr mit der reichsgerichtlichen Urteils- begründung die Aufforderung erhalten, in wenigen Tagen für vier Monate im Preunges⸗ heimer Staatsgefängnis seine Strafe anzutreten. Unser bekannter Frankfurter Genosse soll die Majestätsbeleidigung begangen haben durch eine Besprechung der Thron rede. Das Urteil der Frankfurter Strafkammer erregte damals gerade so großes Aufsehen, wie es jetzt die reichs gerichtliche Entscheidung thut. Festgestellt ist von den Gerichten nichts als die zu Gunsten des Angeklagten sprechende Thatsache, daß in dem unter Anklage gestellten Artikel die Person des Kaisers gänzlich unerwähnt ge blieben ist. Die Verurteilung unseres Genossen Quarck ist unseres Erachtens eine durchaus rechtsirrtümliche, weil die Richter die Anschauung vertreten, daß in der Thronrede wenigsteus teil weise die persönlichen Meinungen des Kaisers zum Ausdruck kommen. Neulich sprach im Reichstag noch ein Minister das Wort: Deutsch land ist das Land der vollendeten Rechts garantien. Millionen denken anders über unsere Rechtszustände. Möge unser wackerer Genosse Quarck die ihm zudtiktierten vier Monate gut überstehen.

Der deutsche Kaiser

hat kürzlich ein französisches Kriegsschiff, das er auf seiner gegenwärtigen Nordlandsreise an⸗ traf, besucht. Er schickte dem französischen Präsi denten ein Begrüßungstelegramm, das dieser wieder ebenso freundlich beantwortete. Dazu schreibt der russisch-offiziöse Petersburger Herold:

Noch vor zwei Jahren hätte die Pariser Presse beim Empfange einer solchen Nachricht Verrat geschrien, heute wird die Mehrzahl der Blätter darin nichts Ungewöhaliches und ein Teil vielleicht die Vorbereitung für den Besuch

der Weltausstellung durch den Kaiser sehen, wobei bemerkt werden muß, daß von einem

solchen Besuch zuerst in Paris und nicht in

Berlin gesprochen worden ist.

Des Kaisers Antwort.

Nachdem das Herrenhaus gegen die Behand lung der Zuchthaus vorlage protestiert, hat jetzt auch der Kaiser Stellung zum Reichs⸗ tag genommen. Das amtliche Telegraphen⸗ bureau verbreitet die Nachricht, daß der Kaiser an Geheimrat Hinzpeter, der ihm über das Anbringen einer Erinnerungstafel an der Sparrenburg Mitteilung gemacht hatte, folgendes Telegramm gesandt:

Von der hervorragend gelungenen Statue des Großen Kurfürsten für die Siegeshalle beabsichtige ich eine Reproduktion in Bronze der Stadt Bielefeld zu scherken und auf dem Sparrenberge im Burggarten aufzustellen. Sie soll ein Zeichen sein dankbarer Erinnerung für die Aufnahme seitens der Stadt und ein Mahnzeichen bleib en, daß gleich wie in diesem Ahn auch in mir ein unbeugsamer Wille ist, den einmal als richtig er⸗ kannten Weg allem Widerstand zum Trotz unbeirrt weiterzugehen.

Wilhelm I. R.

Der Große Kurfürst hatte es in dieser Be ziehung allerdings leichter: zu seiner Zeit gab es noch keinen Reichstag, nicht einmal einen Bundesrat. DerVorwärts bemerkt zu dem neuen Kaisertelegramm: Das Volk weiß nun, daß wir nicht am Ende des Kampfes gegen die Zuchthaus vorlage stehen, sondern an seinem Anfang. Nicht minder wird der Reichstag trotz der Fälschung des Stenogramms, die kaiserliche Meinung an seinem eigenen Willen und Denken messen.

Die Zuchthaus vorlage wird in ihrem die Zuchthausstrafe enthaltenden § 8 schon von der Post preisgegeben. In einer Polemik gegen den Abg. Bassermann, der gerade in diesem Paragraphen eine Bedrohung der Koalitionsfreiheit erblickt, schreibt das Herrn v. Stumm gehörende Organ:

Diese Auffassung ist nicht einwandsfrei, sicher aber ist, daß, wie die Erklärungen des Dr. Arendt im Reichstage und die Rede des Herrn v. Levetzow zu dem Antrage Mirbach im Herrenhause beweisen, gerade dieser Teil der Vorlage von keiner Seite verteitigt wird und daher die Beseitigung dieses ohne⸗ hin mit den übrigen Teilen der Vorlage nur in losem Zusammenhange stehenden Satzes völlig außer Zweifel ist.

Die Zuchthaus strafe will Stumm also fahren lassen, um die übrigen Paragraphen, die die Koalititionsfreiheit gründlich ver⸗ nichten würden, um so sicherer zu retten. Der Plan ist einfach. Es ist Sache der Arbeiterschaft Deutschlands, den Entwurf auch ohne den§ 8 zu vernichten.

Nationalliberal.

Bekanntlich hat ein großer Teil der National⸗ liberalen im Reichstag unter Führung von Bassermann gegen die Kommissionsberatung der Zuchthausvorlage gestimmt. Im preußischen Herrenhaus, in dem Herr von Mirbach eine Zustimmungserklärung zur Zuchthansvorlage eingebracht hatte, die auch mit großer Mehrheit angenommen wurde, führte der nattonalliberale Oberbürgermeister von Köln, Abg. Becker, aus: Ich habe namens meiner Fraktion eine kurze Erklärung abzugeben: Die große Mehrzahl derselben ist ein verstanden mit den Ten⸗ denzen des Gesetzentwurfs(Zuchthausvorlage). auf welchen sich der Antrag Graf Mirbach be zieht. Wir wünschen die ee gesetz⸗ lich zu schützen, so weit dazu ein Bedürfnis nachgewiesen ist, ohne uns damit für die Einzel⸗ heiten des Entwurfs aussprechen zu wollen, über den wir ja als Mitglieder des Herrenhauses nicht zu beschließen haben und dessen Grund⸗ lagen wir nicht kennen. Aber die Gesamt⸗ heit meiner Fraktion ist der Auffassung, daß für den Antrag Mirbach zur Zeit ein Grund nicht vorliegt; sie hält ihn nicht für zeit⸗ gemäß. Der Antragsteller hat selbst betont, daß die Regierung ihre Stimme im Bundesrat

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