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Nr. 29.
Gießen, Sonntag, den 16. Juli 1899.
5. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, eee
Sonnt
Mitteldeutsche
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Redaltionsschluß⸗ Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
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Ab ounementspreis:
Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in 1 Sonnenstraße 25, die Direkt durch[Druckerei, Schloßg. 13, die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.
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Hessen.
-d- Für den Spießbürger ist jeder Hand— werksbursche schlechtweg ein Faullenzer, ein Landstreicher. Denn, so argumentieren sie: wer arbeiten will, findet immer Arbeit. Unsere Leser wissen, daß es dem arbeitslosen Hand— schuhmacher nichts nützt, wenn Schuhmacher ver— langt werden, daß dem arbeitslosen Bauhand⸗ werker nicht damit gedient ist, wenn ein Buch⸗ druckereibesitzer Schriftsetzer sucht.
Bei der heutigen kapitalistischen Wirtschafts⸗ weise wird es immer Arbeitslose geben, selbst wenn, wie es seit Jahren in Deutschland der Fall, die Industrie in üppiger Blüte steht. Je nich der Blüte oder dem Darniederliegen der Industrie ist die Zahl der Arbeitslosen eine größere oder kleinere.
Ein Blick in die hessische Statistik beweist uns, wie sehr die Bettelei steigt und fällt mit dem jeweiligen Stand der Industrie. Seit Mitte der 90er Jahre hat sich die Geschäfts⸗ lage dauernd gehoben und im selben Tempo ist die Zahl der in Hessen wegen Bettelei Be⸗ straften gesunken. Folgende Ziffern aus den letzen 5 Jahren mögen das des Näheren beweisen.
Es wurden wegen Bettelns im Großherzog— tum Hessen bestraft:
in gg ies e Sor sg: Starkenburg 1179 972 857 806 671 Oberhessen 389 453 390 202 368 Rheinbessen 1178 1158 997 860 713
Zusammen: 2746 2583 2214 1968 1658
Wenn dieses Beispiel noch nicht genügt, der sehe sich folgende Ziffern an:
Es wurden wegen Bettelns in Hessen be⸗ straft vom 1. Dezember 1897 bis dahin 1898:
Winter(Dezember— Februar) 676
Frühling(März—- Mai) 379 Sommer(Juni— August) 300 Herbst een e er 368
Je schlechter die Arbeitsgelegenheit, je größer die Zahl der Bestraften. Hätten die Spießbürger Recht mit ihren Behauptungen von der Faul⸗ lenzerei und Landstreicherei, so müßten die zuletzt angeführten Ziffernachweise(nach Jahreszeiten) das gegenteilige Bild zeigen. Gewiß würden dann in den schönen Sommermonaten die meisten„Faullenzer“ zu finden sein, während sich in den unwirtlichen Wintermonaten jeder unter Dach und Fach zu bringen suchen würde.—
Steht nun aber fest, daß die Arbeitslosen als Opfer der heutigen Verhältnisse zu betrachten sind— und für keinen einsichtigen Menschen steht das in Frage— so müssen die Strafbe— stimmungen für die bei der Bettelei abgefaßten Personen, besonders aber der§ 362 R.⸗St.⸗G.⸗B. als ganz unverhältnismäßig hart bezeichnet werden.
Der 8 362 lautet in seinem zweiten Abschnitt:
„Bei der Verurteilung zur Haft kann zu⸗ gleich erkannt werden, daß die verurteilte Person nach verbüßter Strafe der Landespolizeibehörde zu überwiesen sei. Die Landespolizeibehörde er⸗ hält dadurch die Befugnis, die verurteilte Person entweder bis zu zwei Jahren in ein Arbeitshaus unterzubringen oder zu gemeinnützigen Arbeiten zu verwenden.“
Bettler und Landstreicher in
Bestellun gen
sowie jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.)
Diesen mug Bestimmungen kann
jeder zum Opfer fallen, der innerhalb drei Jahren auch nur zwei Mal beim Betteln abgefaßt wird. Und das sind leider ziemlich viel. In Hessen wurden 1898 auf Grund des § 362 nicht weniger als 274 Fersoßen der Landespolizeibehörde überwiesen. Für 227 giebt die Statistik nur die Strafdauer an. Es wurden „untergebracht“:
für die Dauer von 3 Monaten und weniger 8 mehr als 3 bis zu 6 Mongteenngn 88 mehr als 6 Monaten bis zu 2 Jahren 78 57 7% 2 Jahren auf unbestimmte Beit 3 14
Für ihr ganzes Leben sin d diese 2 100 lücklichen Opfer gebrandmarkt. Ihr Vergehen bestand darin, daß sie aus Not ein Stück Brod bettelten Arbeit konnte ihnen Niemand geben. Wir wollen zugeben, daß sich unter ihnen auch einzelne wirkliche Stromer befanden. Aber wodurch sind sie zu Stromern geworden? Durch die heutige anarchistische Produktionsweise.
Unsere Leser werden im Handwerksburschen nicht allgemein den Landstreicher seyen, sondern das vom Mißgeschick verfolgte Opfer der gegen⸗ wärtigen Mißwirtschaft. Die heutige Gesellschaft kann wohl ihre unglücklichen Opfer bestrafen, sie ins Gefängnis bringen, aber ste ist nicht im Stande, die Arbeitslosigkeit selbst zu beseitigen. Das kann nur der Sozialismus, dem wir zum Sieg verhelfen wollen!
Politische Rundschau.
Gießen, den 14. Juli.
Wahlsiege in Bayern.
Unsere Genossen in Bayern haben am Montag einen glänzenden Sieg davon getragen. In verdoppelter Anzahl werden die Vertreter des Proletariats in den bayerischen Landtag ein⸗ ziehen. Die Liberalen, die bisherige Regierungs⸗ par ei, sind kräftig aufs Haupt geschlagen. Von den Schlägen die sie gestern erhielten, werden sie sich nimmer erholen. Vergebens auch, daß die löbliche Münchener Polizei am Vorabend der Wahl unser Münchener Parteiorgan konfis⸗ zierte, vergebens, daß sie ein Strafverfahren gegen eine Anzahl Genossen wegen groben Un⸗ fugs eialeitete, alle diese alten Polizeipraktiken konnten die Niederlage der Regierungspartei nicht aufhalten. Der Sieg unserer bayerischen Ge⸗ nossen bei den Urwahlen zum Landtage ist um so bedeutungsvoller, weil die Wahl indirekt und die Wahlberechtigung in Bayern an die Be— dingung der Entrichtung direkter Staatssteuern geknüpft ist, wodurch ein erheblicher Teil unserer Anhänger von vornherein von der Wahl aus⸗ geschlossen ist. Der bayerische Landtag ist eine Klassenvertretung bester Sorte. Seine Rechte sind nur gering. Aber trotzdem haben es unsere 5 Genossen verstanden, nachdrücklichst und ent⸗ schieden in dieser reaktionären Körperschaft die Interessen des Proletariats zu vertreten. Der Erfolg ist denn auch nicht ausgeblieben, das be⸗ weisen die Wahlen. Die Klassenherrschaft der Liberalen ist gebrochen. Das Zentrum erhält die Mehrheit in der Kammer, die Sozial⸗ demokraten 1011 Mandate. Welche Riesen⸗
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fortschritte unsere Partei gemacht hat,
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zeigt folgende Nachricht aus Nürnberg:
Eiuschließlich der Nachwahlen wurden im Stadtbezirk Nürnberg 162 sozialistische und 58 nichtsozialistische Wahlmänner(1893: 135 und 91) gewählt, mit dem Landbezirk sind es wahr⸗ scheinlich 170 sozialistische, 91 liberale und 6 konservative. Im Stadibezirk wurden 17700 sozialistische, 8900 liberale und 620 zünftlerische Stimmen abgegeben(1893: 12 300 sozialistische und 8300 nichtsozialistische).
In München gingen von 86 zu wählenden Wahlmännern 83 sozialdemokratische als Sieger hervor, gegen nur 48 im Jahr 1893. Ein Bravo! unseren Genossen in Bayern.
Rechisprechung. Unsere Leser erinnern sich des Berichts über die Rohheiten, die in den Pfingsttagen in Jena einige Korpsstudenten verübt hatten, indem sie das Mobiliar einer ganzen Hoteletage demolierten und auf die Straße warfen, den Staatsbeamten, die dem Uafug ein Ende machen wollten, schärfsten Widerstand leisteten, mehrere Polizeibeamte verletzten, große Menschenansammlungen veranlaßten und stundenlang die Nachtruhe des friedlichen Jenas in der tollsten Weise störten. 1121 Jurist war darüber im Zweifel, daß hier alle Merkmale der Körperverletzung, des Widerstands gegen die e und des schweren Landfriedens⸗ bruchs vorlagen. Natürlich wurden die Herrn verhaftet und sofort unter Anklage gestellt, wird der naive Leser meinen. Kein Gedanke! So gehen die Behörden nur gegen Arbeiter vor; unsere Studenten blieben auf freiem Fuß, einige von ihnen erhielten Strafmandate von je 50 Mark und es wird gegen sie eine Anklage überhaupt nicht erhoben werden. Ihre Karriere ist nicht gestört und in wenigen Jahren werden dieselben Herren als Richter brave Ar— beiter, die sich, von den edelsten Motiven beseelt nach schwerster Provokation zu Un ibesonnen iheiten hinreißen lassen— wie ihre Dresdner Kollegen zu 53 Jahren Zuchthaus, 8 Jahren Gefängnis und 70 Jahren Ehrverlust— verurteilen. Zwei Urteile.
Das Schöffengericht in Fürth fällte zwei Urteile unmittelbar aufeinander, die in dieser Gegenüberstellung sehr drastisch wirken. Im ersten Falle waren angeklagt die Fabri⸗ kanten G. und M. Bernhardt, bei denen die Holzarbeiter seit Wochen 1 und die Ar⸗ beiter Pfeiffer und Zucker, zwei Arbeits⸗ willige, wegen Körperverletzung. Die beiden Brüder trafen in der Nacht zum 12. Mai den streikenden Politurarbeiter Hopfengärtner, mit dem sie in Streit gerieten und den sie dann in Gemeinschaft mit den herzueilenden Arbeits— willigen ordentlich verprügelten, wobei H. zwei blutende Kopfwunden und eine zerschundene Nase davontrug.
M. Bernhardt, der die ganze Hauerei an⸗ gestiftet hatte, erhielt 20 Mark Geldstrafe, eben⸗ soviel der Arbeitswillige Zucker, weil er die kräftigste Klinge geführt hatte. G. Bernhardt wurde mit 10 Mark und der andere Arbeits- willige Pfeiffer mit 5 Mk. bestraft.
Nach der Verkündigung des Urteils wurde der Fall des Schreiners IJ. Weimann aukge⸗ rufen, in dem es sich um ein angebliches Ver— gehen wider den berüchtigten§S 153 der Ge⸗


