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Seite 4.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 16.
Von Nah und Fern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen.
Die Chre unserer Sache gebict⸗t natürlich strengste Gewissen⸗
haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle
zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Gießener Lokalnachrichten.
P.-B. Am Sonntag Vormittag ertrank die 4 Jahre alte Helene Röder von hier im Lohmühlbach an den Bleichen. Das Kind hatte sich in einem unbewachten Augenblick von seiner Großmutter entfernt und war jedenfalls beim Passieren des Stegs ausgeglitten.— Seit ver— gangenem Samstag Nachmittag wird eine Frau Mandler, wohnhaft Schützenstraße 18, ver— mißt. Es wird vermutet, daß derselben ein Unglück zugestoßen. Jeden Hinweis über den Verbleib der Vermißten wolle man der Polizei mitteilen.— In der Sonntags Nacht entstand auf dem Kreuzplatz zwischen drei Studenten und vier Arbeitern eine heftige Schlägerei. Die Studenten wurden mit blutigen Köpfen heim⸗ geschickt. Später wurde einer der an der Schlägerei beteiligten Arbeiter von den drei Studenten in der Weidengasse erwischt und durchgebläut.— In der Sonntags⸗Nacht wurde in der Hammstraße seitens eines Studenten wegen der jene Straße frequentierenden Kellner⸗ innen ein Streit veranlaßt. Steine und Spalier⸗ latten dienten als Waffen.— Verhaftet wurde am vergangenen Samstag ein hier be— schäftigter Friseurgehilfe wegen Unterschlagung von Kundengeldern in 15 Fällen.— Ebenfalls verhaftet wurde ein hiesiger vorbestrafter Dachdeckergehilfe wegen Urkundenfälschung und Unterschlagung.—
Neue Aussichtstürme. Im Laufe des Sommers we den in der Nähe Gießens zwei Aussichtstürme errichtet, von denen aus man einen prachtvollen Ausblick sowohl über das Lahnthal, wie auch nach dem Vogelsberg, der Wetterau, dem Taunus u. s. w. genießt. Der eine Turm wird auf dem im Kreise Wetzlar belegenen Dünsberg, der in einer halben Stunde mit der Bieberthalbahn zu erreichen ist, erbaut, der andere im Gießener Stadtwalde auf der sog. Hochwarte, zu dem man durch schattigen Wald in einer Stunde bequem von hier aus geht.
Parteiversammlung in Gießen.
*Nach zweimonatlicher Pause findet am Samstag, den 15. April zum erstenmal wieder eine Versammlung des sozialdemokratischen Vereins statt, zu der natürlich alle Partei⸗ genossen Zutritt haben.
Abgeblitzter Denunziaut.
* Dem städtischen Arbeiter(Straßenkehrer) W. Lang in Gießen scheinen die zweifelhaften Lorbeeren, die sich die Fischer, Lorentzen e tutti quanti im heiligen Kampfe gegen die Sozial⸗ demokratie holten, keine Ruhe gelassen zu haben. Auch er war lorbeerlüstern, ging zum besoldeten Beigeordneten der Stadt Gießen, Herrn Wo ff, und gab dort zu Protokoll:
An die Ortskrankenkasse. Gießen, den 23. Januar 1899.
Es erscheint heute der frühere städtische Tagelöhner W. Lang und bringt vor:
Am Tage der Stadtverordnetenwahlen, es war dies zu einer Zeit, als ich Unterstützung von der Kranken⸗ kasse bezog, war ich bis nachts 2 Uhr in der Wirt⸗ schaft zum Ritter.
Der Controleur Beckmann, dessen Aufgabe es ist, zu kontrollieren, daß sich die Kranken nicht in den Wirtschaften umhertreiben, war gleichfalls in der Wirt⸗ schaft. Ich bin wegen dieses Wirtshausbesuches nicht angezeigt. Beckmann sagte zu mir, sei nur ruhig, ich zeige Dich nicht an, entweder fällst Du oder ich falle hinein. Beckmann äußerte zu mir auf meiner Woh⸗ nung, diejenigen, welche rot sind und die„Mitteld. S.⸗ Ztg.“ halten, bleiben bei mir und werden nicht an⸗ gezeigt. Da ich nicht länger dulden kann, daß die Mitglieder von dem Controleur verschieden behandelt werden, bringe ich dies vor und erkläre noch, daß ich alle diese Aussagen beschwören kann.
Vorgelesen!
f Unterschrift: W. Lang.
Da sich diese Angaben— die er zu be⸗ schwören bereit war!— der Biedermann Lang samt und sonders aus den Fingern
gesogen hatte, so gingen der Controleur
Beckmann und der Vorsitzende der Krankenkasse, G. Dahmer, in die Wohnung Langs, um ihn zur Rede zu stellen. Er hielt seine bei dem Beigeordneten Wolff gemachten Angaben dreist aufrecht, worauf Beckmann erklärte:„Wir sprechen uns noch an anderer Stelle“. Beckmann und der Vorstand der Ortskranken⸗— kasse stellten sofort Strafantrag bei der Staats⸗ anwaltschaft. Letztere erhob auch Anklage gegen Lang, und in der Verhandlung, die vor wenigen Wochen stattfand, wurde festgestellt, daß Beck— mann am Tage der Stadtverordnetenwahl nur nachmittags gegen 4 Uhr, nachdem er sein Wahlrecht ausgeübt hatte, auf weuige Mi⸗ nuten im„Gasthaus zum Ritter“ anwesend war, dann aber, da er sich krank fühlte, heimging und seine Wohnung— von Nachmittag ab!— nicht mehr verließ! Er konnte also in der Nacht den Lang weder im Wirtshaus antreffen, noch mit ihm reden. Der Denunziant Lang wurde wegen Beleidigung des Controleurs Beckmann zu 40 Mk. Geld⸗ strafe event. 8 Tagen Gefängnis ver— urteilt.
Am Dienstag hatten sich nun Beckmann und Dahmer wegen angeblicher Beleidigung des W. Lang vor dem Schöffengericht zu verant⸗ worten. Lang hatte Privatklage erhoben, weil B. und G. in der Wohnung des Lang gesagt hätten:„Wir ließen uns nicht für ein Viertelchen Branntwein von den Nationalliberalen kaufen. Aber wir sprechen uns noch an anderer Stelle.“ Den ersten Satz hatte der Lang ebenso er⸗ funden, wie die angeblichen Aeußerungen, die Beckmann an jenem Wahltag in einem Wirts⸗ haus gethan haben sollte, obgleich er schon stundenlang krank zu Bett lag. Die von Lang mit zur Stelle gebrachte Belastungszeugin Feldhaus konnte denn auch unter Eid nur aus⸗ sagen, den letzten Satz gehört zu haben:„Wir sprechen uns noch ꝛc.“ Die Verhandlung vor dem Schöffengericht begann 6 Minuten vor 12 Uhr. Mit dem Glockenschlag 12 waren die Angeklagten von Strafe und Kosten frei— gesprochen und der Privatkläger W. Lang in die Kosten verurteilt.
Reptilchens Wahrheitsliebe.
* Das Gießener Reptilchen vergießt schon wieder Thränen. Es thut ihm so furchtbar leid, daß die Lagerhalter in sächsischen Konsum⸗ vereinen zu viel arbeiten müssen und zu schlecht bezahlt werden. Das Reptilchen spricht aber die Unwahrheit, wenn es für die schlechte Lage der Lagerhalter die Sozialdemokratie ver⸗ antwortlich macht, indem es die Konsumvereine als„sozialdemokratische Arbeitgeber“ bezeichnet. Jene Konsumvereine haben mit der Sozialdemokratie nichts zu thun. Sollte man das wirklich in der Schulstraße nicht wissen? Warum verschweigt denn das Reptilchen, daß es Sozialdemokraten waren, die das teilweise recht schofle Verhalten ver⸗ schiedener Konsumvereine brandmarkten? Warum verschweigt Reptilchen, daß es sozial⸗ demokratische Zeitungen waren, die das bekämpfenswerte Gebahren jener Konsumvereine an die große Glocke hängten, um dadurch Besse⸗ rung zu erzwingen? Aus sehr guten Gründen wird das verschwiegen, weil sonst der Sozial⸗ demokratie nichts in dieser Sache am Zeuge zu flicken wäre. So weit kann sogar ein Rep⸗ tilchen denken, daß man einer Partei nicht nachsagen kann, sie befürworte Mißstände, wenn man zugestehen muß, daß sie gerade es war, die die Mißstände erst aufdeckte und öffentlich brandmarkte. Es soll uns Freude machen, wenn das Reptilchen auch in Zukunft in Sozialistenfresserei macht, aber— hübsch bei der Wahrheit bleiben, sonst sind wir genötigt, das possierliche Tierchen aufs Schwänz⸗ chen zu treten.
Nach der Bibelstunde.
*. Der Zufall führt uns in die heiligen Hallen des Justizgebäudes. Die große Wand⸗ uhr schlägt gerade neun, der Zeiger weist jedoch auf halb neun Uhr. Das gefällt uns nicht. In diesem Hause sollte alles richtig gehen... Auf den langen Korridoren im Erdgeschoß wandeln zahlreiche Männer und Frauen hin und her. Viele sind ländlich gekleidet. Die
meisten tragen große Verlegenheit zur Schau, 1
sie scheinen sich hier nicht wohl zu fühlen.
Einzelne dagegen sind hier wie zuhause. Sie
weisen die Neulinge, die ängstlich herumsuchen, zurecht und geben allerlei Auskünfte mit einer Sicherheit, die ihnen die größte Hochachtung der Fragesteller einträgt. Sie kennen alle Gerichtsdiener, grüßen jeden Accessisten, Amts- und Landrichter und nennen jeden vorüber⸗ gehenden Anwalt mit Namen.„Doas iß'n Oos“ und„Der hott naut los“ werden die einzelnen Anwälte von den sachverständigen
Stammgästen und Kriminalstudenten den stau⸗
nenden Neulingen, die zagend der Dinge harren, die da kommen sollen, vorgestellt und charak⸗ terisiert.——
Im Erdgeschoß befinden sich das Amts⸗ und das Schöffengericht. Wir treten in den Zuhörerraum des Schöffengerichts ein. Der vorsitzende Richter, zur Linken und Rechten je einen Bauersmann als Laienrichter, ver⸗ eidigt gerade eine Frau, die als Zeugin vernommen werden soll. Mit hoch erhobener Rechten spricht sie leise und zögernd dem ernst dreinschauenden Richter die Eides⸗ formel nach:„Ich schwöre...“
Dann berichtet sie:„Mir koame groad aus d'r Biewelstunn. Kaum worrn m'r owwer uff d'r Stroß', do koam die Müllern und soachchd zur Schneidersche: Du brauchst aach in die Biewelstunn s'e gieh'n. Hätt'st läiwer d'ham Dein Dreck fege sille.“„Ei du Miß⸗ gewand, kimmer Dich im Dei Sache“„Woas', Du willst maich e' Mißgewand nenne, Du Mißgebort, aich huh ka'n Balg d'haam, für den aich ka'n Voatter huh.“ So gings hin und her, bis d'r Schäfersch Anton off emol uff uns zukoam. Der lebt schunn lang' mit d'r Wagnersche, däi mit ins aus d'r Biewelstunn koam, in Spekdoakel. Unn eins, zwei, drei, harre s'e säch dach schunn in de Hoarn.„Du gehörscht freilich in die Biewelstunn“ fing d'r an.„Däch gitt's naut oh“, soachchd die Wagnersche. Unn eh' m'r sich imguckt, hat d'r Schäfer die Wagnersche e poar mol in's Gesicht gehage, deß die Noase blut! U. s. w. U. s. w.
Jedenfalls ein recht unerbaulicher Abschluß der Bibelstunde.
Der Schäfer, wegen Körperverletzung schon einmal vor⸗ bestraft, bekam für seine Rohheit drei Wochen Gefängnis.
Hessischer Landtag.
Die Zweite Kammer ist auf Dienstag, den 18. April, einberufen. In Sachen der Steuer- reform hat die Regierung den Ständen noch nach Fertigstellung des Ausschußberichtes eine letzte Erklärung zugehen lassen, in der sie an dem heißumstrittenen Weinsteuerprojekt, gegen das ca. 250 Petitionen von Gemeinden, Körperschaften und Interessenten vorliegen, fest⸗ hält. Ohne Weinsteuer werde die ganze Steuerreform hinfällig, da keiner der ge⸗ machten Ersatzvorschläge(Erhöhung der Pro— gression der Einkommensteuer auf 5 Proz.; höhere Sätze für die Vermögenssteuer; Ver⸗ schärfung der Erbschaftssteuer) annehmbar sei. — Danach kommt es wohl zu einem erbitterten Kampf in der Kammer. An dem Zustande⸗ kommen der ganzen Vorlage zweifeln wir nicht. Wir sind überzeugt, daß die erforderliche An— zahl Abgeordneter für die Weinsteuer zu haben sein wird. Von denen, die bisher als Gegner der Weinsteuer auftraten, werden verschiedene rechtzeitig umfallen. Der bekannte Volksver⸗ treter Köhler aus Langsdorf hat seinen Umfall bereits augekündigt. In der von ihm veran⸗ laßten Bürgermeister⸗Konferenz hat Herr Köhler erklärt, daß er nie und nimmer seine Hand dazu bieten würde, der Weinsteuer wegen die ganze Steuerreform zu Falle zu bringen. Das heißt, Herr Köhler wird in der Weinsteuerfrage auf Seiten der Regierung stehen, die wohl den Bauern die Weinsteuer, nicht aber den großen Kapitalien fünf oder mehr Prozent Kapitalrenten- oder Einkommen- steuer zu bescheeren bereit ist. Uns wundert das nicht.
Das hessische Ausführungsgesetz zum Bürgerlichen Gesetzbuch ist im Ausschuß fertig⸗ gestellt und wird demnächst in der Zweiten Kammer zur Beratung kommen. Von sozial⸗ demokratischer Seite sind dazu eine Reihe von Abänderungsanträgen gestellt, die zum Teil auch vom Zentrum und von den Freisinni⸗ gen unterstützt werden. Sie beziehen sich auf die Erweiterung der Haftbarkeit des Staates für seine Beamten, die Rechte der Mutter hinsichtlich der religiösen Erziehung der Kinder, die Aufhebung der Fidei⸗
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