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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
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Unterhaltungs⸗Ceil.
72 Ein Bettelgang im Herbste.
In Lumpen gehüllt, ein Kind auf dem Arm, Das Antlitz durchwühlet von bitterem Harm, So wanket dahin ein Bettelweib;
Kaum tragen die Füße den müden Leib.
So schwankt sie bis zu des Reichen Naus, Er schaut gerade zum Fenster heraus: „Das trägt doch am liebsten den Bettelsack, Das faule, das unnütze Cumpenpack.“
„„Ach Herr, erbarmet Euch meiner Not! Ihr wißt es, mein lieber Mann ist nun tot, Das Schwungrad hatt' ihn zu gut erfaßt— Die Rippen entzwei! Nun ist er erblaßt,
Als er noch lebte— ich denke zurück An unser bescheidenes stilles Glück— Da hatten wir Aleider, da hatten wir Brod! Das schreckliche Schwungrad! Er ist nun tot.
Und meine drei Würmchen, nun vaterlos,
Und das vierte, das noch in meinem Schooß, Sie sind nun dem Nunger, dem Elend preis, Dem Laster vielleicht und der Schande, wer weiß!
Mein Mann ist verunglückt in Eurer Fabrik, Fahrlässig, so schien es des Richters Blick— Ich bin nun elend, bin nun in Not—
O Herr gebt mir, gebt den Kindern Brod!
Des Winters denket, der nun vor der Thür, Und denket der Kinder— Ihr habt ja schier Millionen auf Sinsen, Ihr seid so reich, Erbarmet Euch meiner, seid mild und weich!““
Und siehe, des Reichen Herz ist erweicht.
Er dreht sich zur Kasse um und er reicht— Ein blinkendes Goldstück gar? Ei beileib'— Nein, Einen Kreuzer dem weinenden Weib.
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Michael Kohlhaas.
Historische Erzählung von H. von Kleist.
(13. Fortsetzung.)
Der Kurfürst von Brandenburg, dem in dieser Angabe mancherlei zweideutig und unklar schien, antwortete ihm:„daß der Nachdruck, mit welchem der Anwalt kaiserlicher Majestät ver⸗ führe, platter dings nicht erlaube, dem Wunsch, den er ihm geäußert, gemäß, von der strengen Vorschrift der Gesetze abzuweichen. Er bemerkte, daß die ihm vorgelegte Besorgniß in der That zu weit ginge, indem die Beschwerde, wegen der dem Kohlhaas in der Amnestie verziehenen Verbrechen ja nicht von ihm, der demselben die Amnestie ertheilt, sondern von dem Reichsober⸗ haupt, das daran auf keine Weise gebunden sei, bei dem Kammergericht zu Berlin anhängig gemacht worden wäre. Dabei stellt er ihm vor, wie nothwendig bei den fortdauernden Ge⸗ waltthätigkeiten des Nagelschmidt, die sich sogar schon mit unerhörter Dreistigkeit bis aufs branden⸗ burgische Gebiet erstreckten, die Statuirung eines abschreckenden Beispiels wäre, und bat ihn, falls er dies alles nicht berücksichtigen wolle, sich an des Kaisers Majestät selbst zu wenden, indem, wenn dem Kohlhaas zu Gunsten ein Machtspruch fallen sollte, dies allein auf eine Erklärung von dieser Seite her geschehen könne.“
Der Knurfürst, aus Gram und Aerger über alle diese mißglückten Versuche, verfiel in eine neue Krankheit; und da der Kämmerer ihn an einem Morgen besuchte, zeigte er ihm die Briefe, die er, um dem Kohlhaas das Leben zu fristen, und somit wenigstens Zeit zu gewinnen, um des Zettels, den er besäße, habhaft zu werden, an den Wiener und Berliner Hof erlassen. Der Kämmerer warf sich auf den Knieen vor ihm nieder, und bat ihn, um Alles was ihm heilig und teuer sei, ihm zu sagen, was dieser Zettel enthalte? Der Kurfürst sprach, er möchte das Zimmer verriegeln, und sich auf das Bett niedersetzen, und nachdem er seine Hand er⸗ griffen, und mit einem Seufzer an sein Herz gedrückt hatte, begann er folgendergestalt:„Deine
Frau hat dir wie ich höre schon erzählt, daß der Kurfürst von Brandenburg und ich, am dritten Tage der Zusammenkunft, die wir in Jüterbock hielten, auf eine Zigeunerin trafen; und da der Kurfürst, aufgeweckt wie er von Natur ist, beschloß, den Ruf dieser abenteuer⸗ lichen Frau, von deren Kunst eben bei der Tafel auf ungebührliche Weise die Rede ge⸗ wesen war, durch einen Scherz im Angesicht alles Volks zu nichte zu machen, so trat er mit verschränkten Armen vor ihren Tisch, und sorderte der Weissagung wegen, die sie ihm machen sollte, ein Zeichen von ihr, das sich noch heute erproben ließe, vorschützend, daß er sonst nicht, und wäre stie auch die römische Sybille selbst, an ihre Worte glauben könne. Die Frau, indem sie uns flüchtig von Kopf zu Fuß maß, sagte, das Zeichen würde sein, daß uns der große gehörnte Rehbock den der Sohn des Gärtners im Park erzog, auf dem Markt worauf wir uns befanden, bevor wir ihn noch verlassen, entgegenkommen würde. Nun mußt du wissen, daß dieser für die Dresdener Küche bestimmte Rehbock in einem mit Latten hoch verzäunten Verschlage, den die Eichen des Parks beschatteten, hinter Schloß und Riegel aufbewahrt ward, dergestalt, daß, da überdies anderen kleineren Wildes und Ge⸗ flügels wegen, der Park überhaupt und obenein der Garten, der zu ihm führte, in sorgfältigem Beschluß gehalten ward, schlechterdings nicht ab⸗ zusehen war, wie uns das Thier, diesem sonder⸗ baren Vorgeben gemäß, bis auf den Platz wo wir standen, entgegen kommen würde; gleich⸗ wohl schickte der Kurfürst aus Besorgnis vor einer dahinter steckenden Schelmerei, nach einer kurzen Abrede mit mir, entschlossen auf unab⸗ änderliche Weise Alles was sie noch vorbringen würde des Spaßes wegen zu Schanden zu machen in's Schloß, und befahl, daß der Reh⸗ bock augenblicklich getödtet, und für die Tafel an einem der nächsten Tage zubereitet werden solle. Hierauf wandte er sich zu der Frau, vor welcher diese Sache laut verhandelt worden war, zurück, und sagte: nun, wohlan! was hast du mir für die Zukunft zu entdecken? Die Frau, indem sie in seine Hand sah, sprach: Heil meinem Kurfürsten und Herrn! Deine Gnaden wird lange regieren, das Haus aus dem du stammst lange bestehen, und deine Nach⸗ kommen groß und herrlich werden, und zu Macht gelangen vor allen Fürsten und Herren der Welt!
Der Kurfürst, nach einer kurzen Pause, in welcher er die Frau gedankenvoll ansah, sagte halblaut mit einem Schritte den er zu mir that, daß es ihm jetzo fast Leid thäte, einen Boten abgeschickt zu haben, um die Weissagung zu nichte zu machen; und während das Geld aus den Händen der Ritter, die ihm folgten, der Frau haufenweise unter vielem Jubel in den Schooß regnete, fragte er sie, indem er selbst in die Tasche griff und ein Goldstück dazu legte: ob der Gruß, den sie mir zu eröffnen hätte, auch von so silbernem Klang wäre, als der seinige? Die Frau, nachdem sie einen Kasten, der ihr zur Seite stand, aufgemacht, und das Geld nach Sorte und Menge weitläufig und umständlich darin geordnet, und den Kasten wieder verschlossen hatte, schützte ihre Hand vor die Sonne, gleichsam als ob ste ihr lästig wäre, und sah mich an; und da ich die Frage an sie wiederholte, und auf scherzhafte Weise, während sie meine Hand prüfte, zum Kurfürsten sagte: mir, scheint es, hat sie nichts das eben angenehm wäre zu verkündigen: so ergriff sie ihre Krücken, hob sich langsam daran vom Schemel empor, und indem sie sich mit ge⸗ heimnisvoll vorgehaltenen Händen dicht zu mir heran drängte, flüsterte sie mir vernehmlich ins Ohr: nein!— So, sagt' ich verwirrt, und trat einen Schritt vor der Gestalt zurück, die sich mit einem Blick kalt end leblos wie aus mar⸗ mornen Augen, auf den Schemel, der hinte⸗ ihr stand, zurücksetzte: von welcher Seite her droht meinem Hause Gefahr? Die Fran, indem sie eine Kohle und ein Papier zur Hand nahm und ihre Kniee kreuzte, fragte: ob sie es mir aufschreiben solle? und da ich, verlegen in der That, blos weil mir unter den bestehenden
Umständen nichts anderes übrig blieb, ant⸗ wortete: i das thu! so versetzte sie:„wohlan! dreierlei schreib ich dir auf: den Namen des letzten Regenten deines Hauses, die Jahreszahl, da er sein Reich verlieren, und den Namen dessen, der es durch die Gewalt der Waffen an sich reißen wird.“
Dies vor den Augen alles Volks abgemacht, erhebt sie sich, verklebt den Zettel mit Lack, den sie in ihrem welken Mund befeuchtet, und drückt einen bleiernen, an ihrem Mittelfinger befind- lichen Siegelring darauf. Und da ich den Zettel, neugierig, wie du leicht begreifst, mehr als Worte sagen können, erfassen will, spricht sie:„mit nichten, Hoheit!“ und wendet sich und hebt ihrer Krücken eine empor:„von jenem Mann dort, der mit dem Federhut auf der Bank steht hinter allem Volk, am Kirchenein⸗ gang, lösest du, wenn es dir beliebt, den Zettel ein!“ Und damit, ehe ich noch recht begriffen was sie sagt, auf dem Platz vor Erstaunen sprachlos, läßt sie mich stehen; und während sie den Kasten, der hinter ihr stand zusammen⸗ schlug und über den Rücken warf, mischte sie sich, ohne daß ich bemerken konnte, was sie thut, unter den Haufen des uns umringenden. Volks. Nun trat, zu meinem in der That herzlichen Trost, in eben diesem Augenblick der Ritter auf, den der Kurfürst ins Schloß ge⸗ schickt hatte, und meldete ihm mit lachendem Munde, daß der Rehbock getötet, und durch zwei Jäger vor seinen Augen in die Küche ge⸗ schleppt worden sei. Der Kurfürst, indem er seinen Arm munter in den meinigen legte, in der Absicht mich von dem Platz hinwegzuführen, sagte: nun, wohlan! so war die Prophezeiung eine alltägliche Gaunerei, und Zeit und Gold,
die sie uns gekostet nicht wert! Aber wie groß
war unser Erstaunen, da sich noch während dieser Worte ein Geschrei rings auf dem Platze erhob, und aller Augen sich einem großen, vom Schloßhof herantrabenden Schlächterhund zu⸗ wandten, der in der Küche den Rehbock als gute Beute beim Nacken erfaßt, und das Tier drei Schritte von uns, verfolgt von Knechten und Mägden, auf den Boden fallen ließ: der⸗ gestalt, daß in der That die Prophezeiung des Weibes, zum Unterpfand alles dessen, was sie vorgebracht, erfüllt, und der Rehbock uns bis auf den Markt, obschon allerdings tot, entgegen gekommen war. Der Blitz, der an einem Wintertag vom Himmel fällt, kann nicht ver⸗ nichtender treffen, als mich dieser Anblick, und meine erste Bemühung, sobald ich der Gesell⸗ schaft in der ich mich befand überhoben, war gleich den Mann mit dem Federhut den mir das Weib bezeichnet hatte, auszumitteln; doch keiner meiner Leute, unausgesetzt während drei Tage auf Kundschaft geschickt, war im Stande mir auch nur auf die entfernteste Weise Nach⸗ richt davon zu geben: und jetzt, Freund Kunz, vor wenig Wochen, in der Meierei zu Dahme, habe ich den Mann mit meinem eigenen Augen gesehn.“—
Damit nun ließ er die Hand des Kämmerers fahren; und während er sich den Schweiß ab⸗ trocknete, sank er wieder auf das Lager zurück. Der Kämmerer, der es für vergebliche Mühe hielt, mit seiner Ansicht von diesem Vorfall die Ansicht die der Kurfürst davon hatte, zu durchkrenzen und zu berichtigen, bat ihn, doch irgend ein Mittel zu versuchen des Zettels hab⸗ haft zu werden, und den Kerl nachher seinem Schicksal zu überlassen; doch der Kurfürst ant⸗ wortete, daß er platterdings kein Mittel dazu sähe, obschon der Gedanke ihn entbehren zu müssen, oder wohl gar die Wissenschaft mit diesem Menschen untergehen zu sehen, ihn dem Jammer der Verzweiflung nahe brächte. Auf die Frage des Freundes: ob er denn Versuche gemacht die Person der Zigeunerin selbst aus⸗ zuforschen? erwiderte der Kurfürst, daß das Gubernium auf einen Befehl, den er unter einem falschen Vorwand an dasselbe erlassen, diesem Weibe vergebens bis auf den heutigen Tag in allen Plätzen des Kurfürstentums nach⸗ spüre: wobei er aus Gründen, die er jedoch näher zu entwickeln sich weigerte, überhaupt 17 daß sie in Sachsen auszumit⸗ eln sei.


