Ausgabe 
15.10.1899
 
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Nr. 12.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

Nun traf es sich, daß der Kämmerer meh⸗ rerer beträchtlichen Güter wegen, die seiner Frau aus der Hinterlassenschaft des abgesetzten und bald darauf verstorbenen Exgrafen Kall⸗ heim in der Neumark zugefallen waren, nach Berlin reisen wollte; dergestalt, daß, da er den Kurfürsten in der That liebte, er ihn nach einer kurzen Ueberlegung fragte: ob er ihm in dieser Sache freie Hand lassen wolle? und da dieser, indem er seine Hand herzlich an seine Brust drückte, antwortete:denke, du seist ich, und schaff mir den Zettel! so beschleunigte der Kämmerer, nachdem er seine Geschäfte abgegeben, um einige Tage seiner Abreise, und fuhr mit Zurücklassung seiner Frau, bloß von einigen Bedienten begleitet, nach Berlin ab.

Kohlhaas, der inzwischen wie schon gesagt, in Berlin angekommen, und auf einen Special⸗ befehl des Kurfürsten in ein ritterliches Gefäng⸗ nis gebracht worden war, das ihn mit seinen fünf Kindern, so bequem es sich thun ließ, empfing, war gleich nach Erscheinung des kaiser⸗ lichen Anwalts aus Wien, auf den Grund wegen Verletzung des öffentlichen kaiserlichen Landfriedens, vor den Schranken des Kammer⸗ gerichts zur Rechenschaft gezogen worden; und ob er schon in seiner Verantwortung einwandte, daß er wegen seines bewaffneten Einfalls in Sachsen, und der dabei verübten Gewaltthätig⸗ keiten, kraft des mit dem Kurfürsten von Sachsen zu Lützen abgeschlossenen Vergleichs, nicht belangt werden könne: so erfuhr er doch zu seiner Belehrung, daß des Kaisers Majestät, dessen Anwalt hier die Beschwerde führe, darauf keine Rücksicht nehmen könne: ließ sich auch sehr bald, da man ihm die Sache auseinander setzte und erklärte, wie ihm daher von Dresden her in seiner Sache gegen den Junker Wenzel von Tronka völlige Genugthuung widerfahren werde, die Sache gefallen.

Demnach traf es sich, daß grade am Tage der Ankunft des Kämmerers das Gesetz über ihn sprach, und verurteilt ward mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht zu werden; ein Urteil, an dessen Vollstreckung gleichwohl, bei der verwickelten Lage der Dinge, seiner Milde ungeachtet, niemand glaubte, ja, das die ganze Stadt, bei dem Wohlwollen, das der Kurfürst für den Kohlhaas trug, unfehlbar durch ein Machtwort desselben in eine bloße, vielleicht beschwerliche und langwierige Gefäng⸗ nisstrafe verwandelt zu sehen hoffte.

Der Kämmerer, der gleichwohl einsah, daß keine Zeit zu verlieren sein möchte, falls der Auftrag den ihm sein Herr gegeben, in Erfüll⸗ ung gehen sollte, fing sein Geschäft damit an, sich dem Kohlhaas, am Morgen eines Tages, da derselbe in harmloser Betrachtung der Vor⸗ übergehenden am Fenster seines Gefängnisses stand, in seiner gewöhnlichen Hoftracht genau und umständlich zu zeigen; und da er aus einer plötzlichen Bewegung seines Kopfes schloß, daß der Roßhändler ihn bemerkt hatte, und be⸗ sonders mit großem Vergnügen einen unwill⸗ kürlichen Griff desselben mit der Hand auf die Gegend der Brust, wo die Kapsel lag, wahr nahm: so hielt er Jas, was in der Seele des⸗ selben in diesem Augenblick vorgegangen war, für eine hinlängliche Vorbereiturg, um in dem Versuch, des Zettels habhaft zu werden, einen Schritt weiter vorzurücken. Er bestellte ein altes, auf Krücken herumwandelndes Trödel⸗ weib zu sich, das er in den Straßen von Berlin unter einem Troß andern, mit Lumpen han⸗ delnden Gesindels bemerkt hatte, und das ihm, dem Alter und der Tracht nach, ziemlich mit dem, was ihm der Kurfürst beschrieben hatte, übereinzustimmen schien; und in der Voraus⸗ setzung, der Kohlhaas werde sich die Züge der⸗ jenigen, die ihm in einer flüchtigen Erscheinung den Zettel überreicht hatte, nicht eben tief ein⸗

eprägt haben, beschloß er, das gedachte Weib tatt ihrer unterzuschieben, und bei Kohlhaas, wenn es sich thun ließe, die Rolle, als ob ste die Ziegeunerin wäre, spielen zu lassen. Dem gemäß, um sie dazu in Stand zu setzen, unter⸗ richtete er sie umständlich von Allem, was zwischen dem Kurfürsten und der gedachten Zigeunerin in Jüterbock vorgefallen wan, wobei

er, weil er nicht wußte wie weit das Weib in

ihren Eröffnungen gegen den Kohlhaas gegangen war, nicht vergaß, ihr besonders die drei ge⸗ heimnisvollen, in dem Zettel enthaltenen Artikel einzuschärfen; und nachdem er ihr auseinander⸗ gesetzt hatte, was sie auf abgerissene und um⸗ ständliche Weise fallen lassen müsse, gewisser Anstalten wegen, die man getroffen, sei es durch List oder durch Gewalt, des Zettels, der dem sächsischen Hofe von der äußersten Wichtig⸗ keit sei, habhaft zu werden, trug er ihr auf, dem Kohlhaas den Zettel unter dem Vorwand, daß derselbe bei ihm nicht mehr sicher sei, zur Aufbewahrung während einiger verhängnisvollen Tage abzufordern.

Das Trödelweib übernahm auch zugleich gegen die Verheißung einer beträchtlichen Be⸗ lohnung, wovon der Kämmerer ihr auf ihre Forderung einen Teil im voraus bezahlen mußte, die Ausführung des besagten Geschäfts; und da die Mutter des bei Mühlberg gefallenen Knechts Herse, den Kohlhaas mit Erlaubnis der Regierung zuweilen besuchte, diese Frau ihr aber seit einigen Monaten her bekannt war, so gelang es ihr an einem der nächsten Tage, vermittelst einer kleinen Gabe an den Kerker⸗ meister, sich bei dem Roßkamm Eingang zu verschaffen.(Forts. folgt.)

Gemeinnütziges.

Gegen das Nasenbluten giebt es ein Mittel, das, so einfach es ist, sich doch keiner großen Verbreitung erfreut; das tiefe Einatmen. Dabei muß man darauf sehen, daß durch die Nase bei geschlossenem Mund tief eingeatmet und dann durch den offenen Mund ausgeatmet wird. Man wird die Beobachtung machen, daß die Blutung fast augenblicklich zum Still⸗ stand kommt; je tiefer die Inspiration, um so schneller der Erfolg. Durch das starke Ein⸗ atmen wird nämlich das Blut aus der Nase in den Brustraum zurückgesaugt und die Schleim⸗ haut der Nase auf diese Weise blutleer gemacht. Zugleich wird dadurch, daß die Luft mit Gewalt in den Nasenraum hineinströmt, das aus⸗ fließende Blut sozusagen an der Nasenöffnung zurückgehalten, und so schließt es diese, indem es gerinnt. Hierbei sei jedoch bemerkt, daß nicht etwa blos die Luft das Blut zum Ge⸗ rinnen bringt, wie vielfach, auch bei anderen Wunden, angenommen wird, vielmehr ist in dem normalen Blut eine eiweißartige Substanz, Fibrin, enthalten, die in den Blutgefäßen durch bestimmte, diesen zukommende Eigenschaften am Gerinnen verhindert wird. Wenn nun das Blut aus den Gefäßen austritt, so hören diese auf, ihren Einfluß geltend zu machen, und die Folge ist, daß das Fibrin schon nach wenigen Minuten sich in Flocken aus dem Blutserum ausscheidet und die Wunde verschließt. Es giebt bekanntlich Menschen, deren Blut sehr schwer gerinnt. Diese haben es natürlich mit dem Blutstillen nicht so einfach. In solchen Fällen muß die Nasenhöhle tamponiert werden. Entweder genügt es dabei schon, von vorn die Nasenlöcher zu verschließen, oder es muß auch die gegen den Schlund gerichtete Nasenöffnung noch verschlossen werden. Ein einfaches Mittel für nicht zu starkes Nasenbluten ist das Ein⸗ ziehen von Eiswasser aus der hohlen Hand in die Nase oder Eiswasserumschläge um die äußere Nase. Das wertvollste und beste Mittel aber bleibt starkes und tiefes Einatmen.

Sprüche zur Lebensweisheit. Keine große Wahrheit, einmal entdeckt, ist je wieder verloren gegangen und keine wichtige Entdeckung ist jemals gemacht worden, die nicht am Ende alles mit sich fortgerissen hätte.

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Erst zweifeln, dann untersuchen, dann ent⸗ decken. Der Zweifel veranlaßt zum Forschen, das Forschen zum Fortschritt, zum 10

uckle.

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Die volle Wahrheit geht nicht aus den Händen des Individuums, sondern aus den Händen der Zeit hervor.

Riel.

Wenn eine überraschende wissenschaftliche Wahrheit entdeckt wird, so sagen die Menschen zuerstes ist nicht wahr, alsdannes streitet gegen die Religion; zuletzt:das hat man schon lange gewußt. Lyell.

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Ueberall geht ein frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus. A. v. Humboldt.

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Die Autorität verewigt im Einzelnen, was einzeln vorübergehen sollte und lehnt ab und läßt an sich vorübergehen was festgehalten werden sollte. Sie trägt hauptsächlich die Schuld, daß die Menschheit nicht vom Flecke kommt..

Der Mensch muß bei dem Glauben beharren, daß das unbegreiflich erscheinende, begreiflich sei; er würde sonst nicht forschen. Goethe.

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Ein Augenblick kann Alles umgestalten. Wieland.

Humoristisches.

Eine Vergnügungsreise. Der Wind peitscht den Regen klatschend an die Koupeefenster, der Zug fährt mit einer Verspätung von zwei Stunden, die Mutter zankt mit den Kindern und der Papa, bereits über die Maßen unwirsch, giebt seinem Jüngsten ein⸗ Ohrfeige. Heulend flüchtet sich derselbe zwischen die Knie eines Mitreisenden.Laß gut sein, sagte der⸗ selbe, ihn beruhigend,der Papa hats nicht so schlimm gemeint, Buberl! Wo fahrt ihr denn hin? Der Kleine(weinerlich):Wir wir machen eine Ver⸗ gnügungsreise!

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Ein höflicher Augenblick. Ein deutscher Fürst spazierte am Hamburger Hafen entlang und fragte bei dieser Gelegenheit einen Seemann:Lieber Freund, wie heißt das große Schiff da?

Der Seemann, der sich andere Augen als die seinigen nicht vorstellen konnte, antwortete:Sparr doch die Oogen open un kik selbs too!

Gleich darauf trat ein anderer Herr an den Seemann heran und fragte:

Wissen Sie auch, mit wem sie soeben gesprochen haben?

Nee, versetzte jener. l

Das war der Großherzog von M.

Sooo? meinte der Biedere.Junge, Junge, denn is jo man good, dat ick ni groff(nicht grob)

wor'n bin! *

Schneidige Mahnung. Barbier(nachdem sich ein Kunde entfernte.Hat der noch immer nicht sein Rasier⸗Abonnement bezahlt?

Gehilfe:J bewahre! Ich habe ihn geschnitten, daß er geschrien aber gezahlt hat er doch nicht!

Neu eingelaufene Schriften.

Besprechung wichtigerer Erscheinung behalten wir uns vor.

Arbeiter⸗Notiz⸗ Kalender. Soeben ist im Verlage der Buchhandlung Vorwärts, Berlin, der Ar⸗ beiter⸗Notiz⸗Kalender für 1900 zum alten Preise von 60% erschienen. Der Inhalt ist auch in diesem Jahre ein sehr vielseitiger. Für die Parteigenossen von ganz besonderem Interesse dürfte die Statistit der letzen Reichstagswahlen nach den amtlichen Zahlen sein, welche die in jedem einzelnen Wahlkreise für jede Partei ab⸗ gegebenen Stimmen enthält, sowie die vergleichenden Prozentziffern der für die Sozialdemokratie 1893 abge⸗ gebenen Stimmen. Eine tabellarische Uebersicht zeigt das Wachstum der Partei seit 1871 in den einzelnen Ländern und Provinzen. Eine wesentliche Bereicherung hat der Kalender erfahren durch die Portraits und die Biographien der sozialdemokratischen Abgeordneten, sowie durch die Aufführung der in den einzelnen Bundes⸗ staaten gewählten sozialdemokratischen Landtag sabge⸗ ordneten. Aber auch für die Gewerkschaften erweist sich der Kalender durch die Adressen aller deutschen Gewerk⸗ schaftsvorstände, der Fabrikinspektoren mit Angabe ihrer Amtsbezirke, Adressen der Arbeitersekretariate, populäre Darlegung des Werk⸗(Arbeits-) Vertrages und der übrigen für den Arbeiter wissenswerten Abschnitte aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch, Portotarife ꝛc. zu einem praktischen, empfehlenswerten Nachschlagebuch für jeden Arbeiter.

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