Ausgabe 
15.10.1899
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr 42.

Politische Rundschau. Gießen, den 13. Oktober.

Die Feigheit der bürgerlichen Presse. Außer etwa einem halben Dutzend demo⸗

kratischer und Zentrums⸗ Blätter hat sich die

gesamte bürgerliche Presse über die furchtbaren Magdeburger Urteile gegen unsere Genossen Schmidt und Müller ausgeschwiegen. Sie hat kurz Notiz davon genommen,, daß an dem und dem Tage das und das Urteil gefällt wurde; damit ist für die Bourgeois Presse die Sache erledigt. Sie weiß kein Wort der Entrüstung zu sagen kein Wort, daß es unerhört ist, am Ende des 19. Jahrhunderts zwei Ehrenmänner wegen einer Majestäts⸗ beleidigung auf mehr als 7 Jahre in's Ge⸗ fängnis zu sperren. Wie gesagt, kein Wort der Entrüstung. Damit vergleiche man das jahrelange Gewimmer und Gewinsel über Dreyfus, das unschuldige Opfer französi⸗ scher Militärjustiz. Allerdings Dreyfus ist ein Bourgeois, er gehört einer reichen Familie an, seine Stammesgenossen sind vielfach ton⸗ angebend in der Presse Europas. Müller und Schmidt aber pah! ein paar arme Teufel, dazu Sozialdemokraten. Wer wird ihretwegen sich wohl aufregen. Und dann ist es ja die deutsche Justiz, der Stolz eines jeden teuto⸗ nischen Bierbankpolitikers, die hier in Frage kommt. Wer wird denn gegen ein deutsches Gericht, gegen deutsche Institutionen etwas sagen! Was geht das die bürgerliche Presse an! Sie hat besseres zu thun. Sie hat, nach⸗ dem der Dreyfusprozeß beendigt, sich als Hüterin der Moral und der Gerechtigkeit zu erheben gegen die Hallunkenjustiz in Serbien, wo wegen angeblicher Beteiligung an einem Attentat und wegen Majestätsbeleidigung die Führer der Oppositionspartei im Kerker begraben werden. O, diese tapfere, wahrheits⸗ und gerechtigkeits⸗ liebende, deutsche Presse! Wie wußte sie tapfer zu schmähen über die Generalstabs⸗Banditen in Rennes und wie gießt sie die Schale ihres Zornes aus über Milans Bluthunde in Belgrad! Aber für eine ruhige, sachliche Erörterung, ja, nur für eine ausführliche Darstellung der beiden Magdeburger Majestätsbeleidigungs-Prozesse fehlt der Anlaß und fehlt der Raum.

Es sind sechsunddreißig Jahre verflossen, seitdem Ferdinand Lassalle imBastiat⸗Schulze über die bürgerliche Presse schrieb:Unser Hauptfeind, der Hauptfeind aller gesunden Entwicklung des deutschen Volkstums, das ist heutzutage die bürgerliche Presse! Diese Presse ist in dem Entwicklungsstadium, auf dem sie angelangt ist, der gefährlichste, der wahre Feind des Volkes, ein um so gefährlicherer, als er verkappt auftritt. Ihre Lügenhaftigkeit, ihre Verkommenheit, ihre Unsittlichkeit werden von nichts anderem überboten als viel⸗ leicht von ihrer Unwissenheit!

Das hat die bürgerliche Presse in der Magde⸗ burger Majestätsbeleidigungsaffaire wieder voll⸗ inhaltlich bewiesen, nur mit dem Unterschied, daß diesmal nicht ihre Unwissenheit, sondern ihre Feigheit den Ausschlag gab.

Ein frommer Stoßseufzer.

Ueber den famosen Spieler-Prozeß der Harmlosen, von dem wir bereits in voriger Nummer kurz Notiz nahmen, schreibt der frumbeReichsbote des Pastor Engel. Das heilige Blatt ist ganz entsetzt über die Schlechtig⸗ keit dieser argen Welt und thut so, als habe es von all diesen Schändlichkeiten bisher auch nicht die blasseste Ahnung gehabt. Wir lesen:

Was ist das fur eine Jugend! Mit Spiel, Weibern und Pferden vergeudet sie ihre Zeit, ihr Geld und, was mehr ist, ihre Sittlichkeit, ihr Gewissen und brüstet sich dabei noch mit gewissen Ehrbegriffen. Wo ist da noch Platz für edles Thun, für Fortbildung, für ernste wissenschaftliche Arbeit? Und nun deuke man sich, daß solche Leute vielleicht einmal hohe Beamte werden, die im Auftrage des Staates für Sitte, Religion und Ordnung ein⸗ treten sollen! Wie kann das dann mit

wirklichem, sittlichem Ernst geschehen und muß es nicht das Gegenteil bewirken, wenn dahinter ein böses Gewissen steht, welches dann überall durchblickt und vom Volke empfunden wird! Und was sind das für Eltern, die ihren leichtsinnigen Söhnen das Geld scheffelweise in den Schoß werfen zur Weiterführung ihres liderlichen Lebens! Was sollen da so manche arme Leute denken, die in harter Arbeit nicht einmal so viel erringen können, womit sie ihre Familien kümmerlich zu ernähren vermögen, wenn sie hier sehen und hören, wie von solchen jungen Leuten Zehntausende für Spiel, Maitressen und üppiges Leben weggeworfen werden! So harmlos, wie diese Leute denken, ist dieses frivole Spiel in unserer Zeit nicht und ihr herausforderndes Benehmen vor Gericht, aus dem man überall heraushörte:was geht das Euch eigentlich an, was wir mit unserer Zeit und unserem Gelde anfangen, macht den Ein⸗ druck nur um so widerwärtiger.

Zehn Jahre Zonentarif.

Zehn Jahre sind verflossen, seit der unga⸗ rische Minister Gabriel Baroß den Versuch wagte, den Zonentarif für den Eisenbahnverkehr einzuführen und damit eine bahnbrechende Reform des Verkehrswesens einzuleiten. Heute kann man sagen, daß dieser Versuch glänzend ge⸗ lungen ist und daß diese That des Handels⸗ ministers eines sonst sehr rückständigen Landes das Verkehrsleben mächtig gefördert hat. Be⸗ deutende Theoretiker des Verkehrswesens waren gegen das Wagnis, und es schien fast, als ob sich Ungarn in ein kostspieliges Abenteuer stürze, das von ganz falschen Erwägungen diktiert sei und in seiner Durchführung das Staatsbudget schwer schädigen werde. Anfangs machte sich die Sache auch so, als ob die Warner Recht behalten sollten trotz der wesentlich bil⸗ liger gewordenen Fahrpreise hob sich der Ver⸗ kehr nicht. Aber schon in wenigen Monaten änderte sich das Bild. Der Verkehr hob sich in ungeahnter Weise. Im Jahre 1888 wurden von den ungarischen Bahnen 5047500 Personen befördert, im Jahre 1896 aber nicht weniger als 33 146 400. Die Einnahmen aber stiegen während dieser Zeit von 6811 000 fl.

auf 21472000 fl. Der Erfolg des Zonen⸗

tarifs ist also ein durchschlagender, und er wird allerorten, wo man heute dem Beispiel Ungarns schon gefolgt ist, um so größer werden, je konsequenter man die einmal betretene Bahn einhält. Bei uns hört man von der Absicht, ebensolche Fortschritte zu machen, nichts. Die Reaktionäre fürchten den Revolutionär Eisenbahn. Und sie haben Recht. Um so mehr thut Not, 1 die Herrschaft der Reaktionäre gebrochen wird.

Die Junkertrabauten.

Mit dem Verlauf des antisemitischen Parteitags ist die Junkerpresse einver⸗ standen und das führende Organ der Agrarier, dieDeutsche Tagesztg. Die letztere schreibt:

Das Hauptergebnis des deutschsozialen Parteitages scheint uns die bedeutsame Rede des Abg. Liebermann von Sonnenberg zu sein. Dadurch, daß der Parteitag ihn fast einstinmig wieder zum Vorsitzenden wählte, hat er sich zu den von Liebermann ent⸗ wickelten Grundsätzen bekannt; denn Abg. von Liebermann hatte ausdrücklich gebeten, daß nur diejenigen ihm ihre Stimme geben möchten, welche mit seinen Ausführungen einverstanden seien. Es wäre ein großer Segen, wenn diese Liebermannschen Ge⸗ danken allenthalben in Thaten umgesetzt würden.... Das, was sie von den Konser⸗ vativen trennt, ist so wenig, daß eine Verständigung wohl möglich sein müßte. Der Bund der Landwirte hat zu den Führern der deutschsozialen Reformpartei und auch zur Partei selbst fast immer in einem freundschaftlichen Verhältnis gestanden.

And diese antisemitische Gesellschaft, mit denen die Junker, die preußischen Schnaps⸗ brenner, Wahlrechts feinde und Zuchthaus⸗ freunde so zufrieden sind, bewerben sich

um ein Mandat im Gießener Landkreis, der fast ausschließlich von Industriearbeitern und Kleinbauern bewohnt ist!.

Preußische Unglücksbahnen.

Das furchtbare Eisenbahn⸗Unglück auf dem Klosterthorbahnhof in Hamburg wird nicht in letzter Instanz auf die bei der Eisenbahn⸗Ver⸗ waltung obwaltendeSparsamkeit zurückge⸗ führt. Ein königlicher Stationsbeamter schrieb unserem Hamburger Parteiblatt nach dem furchtbaren Unglück:

Als das Entsetzliche geschehen war, hieß es unter allen Beamten des Bahnhofes Klosterthor:So muß es erst kommen! Das bedeutet Folgendes: Ich schwöre Ihnen, Herr Redakteur, daß ein mini⸗ sterieller Erlaß von diesem Sommer ausdrücklich vor⸗ schreibt:Alle im vorigen Jahre anläßlich der U n⸗

fälle mehr eingestellten Beamten sind thunlichst

wieder zurückzuziehen.

Infolge davon sind z. B. die drei Betriebs⸗ kontroleure der Direktion Altona seit längerer Zeit fast täglich unterwegs, um festzustellen, wo hier noch ein Stations⸗Assistent, dert ein Rangiermeister oder Weichensteller, hier wieder ein Portier ꝛc. zu ersparen ist! Bedenkt man dann, daß infolge der Bahnsteig⸗ sperre an den Zügen fast keine Schaffner mehr sind, so ist es geradezu ein Wunder, wenn unter dem unerhörten Sparsystem Miquel⸗ Thielen nicht noch viel mehr Unglück passiert! Ueber diesen Erlaß werden die etwa in den Anklage⸗ zustand versetzten Stationsbeamten demnächst vor Gericht befragt werden müssen, damit die wahren Schuldigen endlich einmal entlarvt werden.

Das ist ein trefflicher Beitrag zu den in unserm heutigen Leitartikel gemachten Aus⸗ führungen.

Die Bedeutungslosigkeit der Antisemiten.

In einem Rückblick auf den Hamburger Parteitag der Antisemiten schreibt dieNat.

Lib. Corresp.:Die Antisemiten haben bereits bei den Reichstagswahlen im Sommer 1898 ihren politischen Zusammenbruch erlebt. Ihre Wahlstimmen sind von 263 861 auf 242874 zurückgegangen; von 16 Kreisen ihres vorherigen Besitzstandes haben ste nur 11 behauptet, dazu haben sie 2 neue Kreise erobert; im ganzen be⸗ sitzen ste also 13 Mandate. Der Hamburger Parteitag ist das platte Zugeständnis des poli⸗ tischen Bankerotts. Man sucht vergeblich nach einem ähnlich skandalösen Abschied von den ernsthaften politischen Kreisen. Wenn wir sagten, daß der Besitzstand nach den Juniwahlen von 1898 noch auf 13 Mandate sich belief, so will damit nicht gesagt sein, daß die 13 ge⸗ wählten Antisemiten auch zusammengehöxren und zusammenpassen. Der Fraktion schlossen sich überhaupt nur zehn an, die anderen drei ordneten sich von vornherein keinem gemeinsamen Be⸗ kenntnis unter. Aber auch der zehn Fraktio⸗ nellen waren so viel Köpfe, so viel politische Sondergeister. Die verflosseue Reichstagssession hat allgemein erkennen lassen, daß diese inner⸗ lich durch nichts zusammengehaltene Gesellschaft auf parlamentarischem Arbeitsgebiet in jeder Hinsicht bedeutungslos geworden ist.

Das Urteil ist zutreffend, obwohl es von nationalliberaler Seite gefällt wird. An Zer⸗ fahrenheit, Waschlappigkeit und Uneinigkeit können sich die Nationalliberalen ganz gut mit den Antisemiten messen.

Unser Parteitag.

s. Zum 10. Male seit dem Fall des Sozialisten⸗ gesetzes ist der Parteitag der deutschen Sozialdemokratie zusammengetreten und zwar diesmal in Hannover. Die dortigen Genossen hatten zu Ehren der Delegierten am Sonntag im Konzerthaus des Palmengartens eine Begrüßungsfeier arrangiert, an der viele Tausend Partei⸗ genossen ans Hannover teilnahmen.

Der Reichstagsabg. für Hannover, Gen. Meister, begrüßte die Delegierten in herzlicher Weise und sprach den Wunsch aus, daß auch der heurige Parteitag einen würdigen Markstein für die deutsche Sozialdemokratie bilden möge.

Namens der Delegierten dankte der Abg. Froh me⸗ Altona für den herzlichen Empfang. Er wies auf die

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