Ausgabe 
15.1.1899
 
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Nr. 3.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Deite 3.

D N Ein Freisinnsmann vor'm Königsthron.

Der freisinnige Mannesmut hat beim Empfang des Reichstags⸗Präsidiums durch den Kaiser sich in eigenartigem Lichte gezeigt. Die Neuesten Nachrichten in Elberfeld, mit denen, nach der BerlinerVolksztg., der dort wohnende zweite Vizepräsident des Reichstags, Herr Rein⸗ hard Schmidt, zuweilen Fühlung sucht, berichtet darüber u. a.:

Herr Graf Ballestrem schritt, ohne die Vor⸗ stellung als freier Bürger und Repräsentant einer souveränen Körperschaft abzuwarten, sofort, als er des Kaisers ansichtig wurde, auf diesen zu, schlug seine schweren Kürassierstiefel dröhnend an⸗ einander und meldete sich und das übrige Prä⸗ sidium in der militärischen Form, die sonst wohl üblich ist, wenn ein im Dienstrange niedriger Stehender seinem Vorgesetzten einen Rapport er⸗ stattet, mit dem Einleitungswort:Ein Offizier und zwei Unteroffiziere zur Stelle.

...Der Kaiser hat sich dann, wie bekannt, über die Militärvorlage geäußert. Er wies auf Rußland hin und bemerkte bei Er⸗ wähnung der dortigen Heeresreformen, in wie ungleich günstigerer Situation sich doch der Zar ihm gegenüber befinde. Der Zar be⸗ fehle einfach und dann würde ohne weiteres aus geführt, was er im Interesse seines Landes für nützlich und notwendig erachte; er aber könne das nicht, er müsse erst den Reichstag fragen, ob er auch ausführen dürfe, was er für Deutsch⸗ lands Größe und Machtstellung für erforderlich halte. Da antwortete der freisinnige zweite Vize⸗ präsident, Herr Reinhard Schmidt, daß in Bezug auf die Opferbereitschaft für Heereszwecke die nationale Gesinnung bei allen Par⸗ teien des Reichstages die gleiche sei, keine Partei könne einen besonderen Vorzug hinsichtlich des monarchischen Bewußtseins und ihrer dynastischen Anhänglichkeit in Anspruch nehmen, aber er erachte es für die Pflicht des Parlaments, gewissenhaft zu prüfen, ob das Volk die geforderten Lasten auch tragen kann. Das Elberfelder Blatt versichert ausdrücklich, daß dieser Bericht vollkommen zuverlässig sei. Es fügt hinzu, Graf Ballestrem und Herr v. Frege hätten bei dieser Erklärung des Herrn Schmidt⸗Elberfeld sehr verdutzt darein gesehen. Der Kaiser sei über die Aeußerungen Schmidts einigermaßen verwundert gewesen. Eine Erwiderung sei Herrn Schmidt nicht geworden.

Ob Graf Ballestrem und Herr von Frege verdutzt gewesen sind, weil überhaupt ein Frei⸗ sinniger zu reden gewagt oder über den Inhalt der Rede, wird nicht gesagt. Im letzteren Falle ist das zu begreifen, denn die Bemerkung Schmidts paßte absolut nicht in die Situation. Wollte er etwas sagen, dann mußte die Antwort auf den Hinweis auf russische Zustände schon anders lauten. Die besondere Betonung des monarchischen Bewußtseins und der dynastischen Anhänglichkeit war da recht wenig am Platze. Es bleibt abzuwarten, ob Herr Schmidt die Angaben bestreiten wird.

Jawohl! Er hat's gethan das heißt, bestritten. In denElb. N. N. erklärt Herr R. Schmidt:

Ich muß Wert darauf legen, in der Oeffentlich⸗ keit festzustellen, daß ich zu dem Artikel in keinerlei Beziehungen stehe und daß die in demselben ge⸗ gebenen Schilderungen ebenso unrichtig und ent⸗

tellt sind, wie die den Beteiligten, so auch mir in en Mund gelegten Aeußerungen. Ich kann über das Erscheinen des Artikels nur meinem tiefsten Bedauern Ausdruck geben.

Schade, daß Herr Schmidt nicht erklärt, wie sich der Empfang abgespielt hat. Was ist denn unrichtig undentstellt an dem Bericht? Hat der Reichstagspräsident nicht mit den Kürassierstiefeln zusammengeschlagen? Hat der Freisinnsmann nicht vondynastischer Anhäng⸗ lichkeit undmonarchischem Bewußtsein ge⸗ sprochen???

Ausländisches.

Die Feinde der Republik in Frank⸗ reich wittern Morgenluft. Immer frecher wagt sich die monarchische Agitation hervor. Der Matin veröffentlicht eine Unterredung mit einem hervorragenden Teilnehmer an der jüngst zum Prinzen Victor nach Brüssel entsandten bonapartistischen Abordnung, welcher erklärte, daß Prinz Victor zur Aktion entschlossen sei,

einen Gewaltstreich vorbereite und sobald die Ereignisse eintreten, welche in kürzerer Zeit, als man glaube, zu erwarten seien, sich an die Spitze der Bewegung stellen werde. Die Gerüchte be⸗ züglich Zwistigkeiten zwischen dem Prinzen Victor und dem Prinzen Louis seien unbegründet. Prinz Louis, welcher demnächst General Bonaparte heißen werde, werde sich am Tage der Aktion an der Seite des Prinzen Victor befinden.

Dreyfus waren vom Kassationshof tele graphisch einige Fragen unterbreitet worden, die er alle klar und bestimmt beantwortet hat. Das Mitglied des Kassationsgerichtshofes, Quesnay de Beaurepaire, hat sein Amt nieder⸗ gelegt und ist zu den Beschützern der Fälscher sippe übergegangen.

Aus dem Reichstag.

Die beiden ersten Sitzungen, welche der Reichstag im neuen Jahre abhielt, wurden durch die Besprechung der von den Agrariern ein⸗ gereichten Anfrage an die Regierung, betreffend die angebliche Fleischnot, ausgefüllt. Abg. v. Wangenheim, der Vorsitzende des Bundes der Landwirte, führt aus, daß die Fleischpro⸗ duktion und der Fleischkonsum gestiegen sei. Die landwirtschaftlichen Kreise wünschten die Aufrechterhaltung und die Ausdehnung der Grenzsperre. In den letzten Jahren war das Angebot im allgemeinen größer als die Nachfrage. Die Preissteigerung für alle Fleisch⸗ sorten war außerordentlich gering. Wir bitten dringend, die Grenzen nicht weiter zu öffnen. Die deutsche Viehzucht bedarf noch immer des Schutzes. Von einer Fleischnot könne keine Rede sein. In ähnlicher Weise sprachen nicht nur mehrere agrarische Abgeordnete, sondern auch zwei leibhaftige Minister. Demnach wäre es also nicht wahr, daß eine Fleischnot existiert, daß das Fleisch teurer geworden ist. Nicht weniger, sondern mehr Fleisch wird gegessen nach den Ausführungen dieser Herren. Daß die Herren Minister und Großgrundbesitzer sich nichts abziehen, ist ohne weiteres zu glauben. Aber die kleinen Leute auf dem Lande sowohl wie in der Stadt wissen sehr genau, wie es sich mit ihrem Fleischgenuß verhält. Nicht nur im Magen, sondern auch im Portemonnaie ver⸗ spüren sie es sehr wohl, daß das Fleisch teurer geworden ist. Von unseren Genossen kamen in der zweitägigen Debatte zum Wort Stolle und Dr. Haase. Ersterer führte ungefähr folgendes aus: Wenn die Konservativen und sonstige Agrarier die Interessen der Produzenten verträten, so sei es Pflicht seiner Partei, die Interessen der Konsumenten zur Geltung zu bringen. Daß ein Minderverbrauch von Fleisch namentlich in den größeren Städten eingetreten sei, sei offenkundig; die Schlachtungen in den Schlachthäusern der großen Städte haben um Tausende abgenommen. Die Preise des Fleisches, namentlich des Schweinefleisches, sind so ge⸗ stiegen, daß im Königreich Sachsen kaum noch ein Arbeiter dieselben erschwingen kann. Die Landwirte wollen allerdings die Schuld für die Verteuerung des Fleisches auf die Metzger und die Viehhändler abwälzen, aber dafür sind durchaus keine Beweise zu erbringen. Die Ar⸗ beiter müssen sogar Pferdefleisch und Hunde⸗ fleisch essen.(Widerspruch rechts.) Ja, Sie haben das freilich nicht nötig, Sie haben ja das größte Portemonnaie!(Heiterkeit.) Die Sperrung der Grenzen hat hauptsächlich den Bauern zum Schaden gereicht. Der kleine Bauer kann nicht mehr das Magervieh vom Auslande zur Mästung kaufen. Die Seuchengefahr ist nicht die Ursache der Grenzsperre, die lediglich zur Wahrung der Interessen der Großgrund⸗ besitzer und der Viehzüchter dient. Die Regie⸗ rung sollte im Inlande Maßregeln gegen die Viehseuche ergreifen und nicht immer bloß auf das Ausland hinweisen. Es ist kein Wunder, wenn in den östlichen Provinzen Preußens ein Mangel an Arbeitern vorhanden ist, denn dort sind die Wohnungen zum größten Teil viel schlechter als die Viehställe.

Abg. Nißler(Bayr. Bauernbund) wirft Stolle Unkenntnis vor! Die Sozialdemokraten

sprechen immer von den Interessen der Arbeiter, als ob die Bauern und Gutsbesitzer nicht auch Arbeiter wären. Das Elend der Industrie⸗ arbeiter habe aber andere Gründe. Sehen Sie nur des Sonntags die Wirtschaften auf dem Lande und in der Stadt.

Staatssekretär v. Posadowsky: Man könne keinesweg behaupten, daß die Preise für Rinder und Rindfleich ungewöhnlich hoch seien, vielmehr hielten sich dieselben im Allge⸗ meinen auf den Niveau der früheren Jahre. Dagegen seien die Schweinefleischpreise in einzelnen Gegenden sogar erheblich gestiegen. Der Fleischbedarf sei in den industriellen Gebieten ab⸗ solut und relativ gestiegen. Das hänge zusammen mit dem Wachstum der städtischen Bevölkerung, der größeren Wohlhabenheit der Städter und dem Steigen der industriellen Löhne. Auch auf dem Lande verlange das Gesinde jetzt mehr Fleischnahrung. Die meisten Regierungen sprächen sich dahin aus, daß von einer eigentlichen Fleisch⸗ not der Bevölkerung nicht die Rede sein könne und daß es im Interesse der Fleischver⸗ sorgung einer Vermehrung der Zufuhr vom Aus⸗ lande nicht bedürfe.

Genosse Dr. Haase führt aus: Ueber die Grenzsperre als Mittel gegen die Seuchengefahr lachen selbst die Grundbesitzer. Das gesamte statistische Material sei bedenklich, denn es rühre von interessierter Seite, namentlich auch von Landwirtschaftskammern her, wie von der ost⸗ preußischen Landwirtschaftskammer, deren Material durchaus ungenügend sei, sodaß man dasselbe mit Mißtrauen behandeln müsse. Es könne hier das Wort des Herrn von der Gröben Anwendung finden: Was soll aus einer Vereinigung von Unkenntnis, Mißgunst und Neid herauskommen? (Sehr richtig). Die gleichen Klagen kämen aus allen Teilen des Reiches, könne man da noch zweifeln an dem Vorhandensein eines Notstandes? Man suche seitens der Landwirte die Fleisch⸗ teuerung auf die Trebereien der Händler zurück⸗ zuführen. Der früher Abg. Iskraut habe sofort zur höheren Ehre des Antisemitismus die Königs⸗ berger Viehhändler, die besonders beteiligt ge⸗ wesen sein sollen, zu Juden gemacht. Der Herr habe sich jedoch getäuscht. Es sind lauter gute Christen. Gen. Haase stellt dann noch ausdrücklich fest, daß Ostpreußen durchaus seuchenfrei sei. Die russische Grenzsperre liege nur im Interesse der Großgrundbesitzer.

Nachdem noch der konservative Abgeordnete Schrempf das Vorhandensein einer Fleischnot bestritten hat, wendet sich Graf v. Po sa⸗ dowsky gegen Haase. Er bestreitet dessen Be⸗ hauptung, daß Ostpreußen seuchenfrei sei.

Damit ist die Interpellation erledigt.

*

* Die Agrarier können mit dem Verlauf dieser zwei Reichstagssitzungen zufrieden sein. Die Regierung sperrt auch in Zukunft die Grenzen, damit kein Fleisch hereinkommt, das die hohen Preise drücken könnte. Die große Masse des arbeitenden Volkes mag den Leibriemen immer enger schnallen. Aber die Reichsregierung soll sich über den Erfolg ihres Verhaltens nicht täuschen. Für das Volk ist die Fleischnot nicht damit aus der Welt geschafft, daß sie von Groß⸗ grundbesitzern und gräflichen Ministern, deren jährliches, vom Volke bezahlte Einkommen sich auf Zehntausende beläuft, bestritten wird. Die Frauen des arbeitendes Volkes, die mit wenigen Mark die Woche haushalten müssen, haben gut rechnen gelernt. Sie spüren es sehr wohl, daß das Fleisch teurer geworden ist und deshalb für sie immer seltener auf den Tisch kommt.

Die unteren Schichten des Volkes, die Mil⸗ lionen städtischen und ländlichen Arbeiter, die kleinen Handwerksmeister und Unterbeamten, die vielen Hunderttausende kleinen Geschäftsleute usw. sie sind es, die die Fleischteuerung am eigenen Leibe spüren. Sie werden nicht vergessen, daß auch in dieser Frage es die Sozialdmokratie ge⸗ wesen ist, die ihre Interessen vertreten hat. Wären sich die Kleinen in Stadt und Land so ein ig, wie es die Großen sind, dann würde es die Regierung bleiben lassen, eine Politik zu betreiben, die nicht im Interesse der großen Masse des Volles liegt.