Ausgabe 
15.1.1899
 
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her auch nur zu denken gewagt?

Seite 2

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 3.

Tage des Erscheinens der betreffenden Nummer des Blattes nicht in der Redaktion anwesend gewesen sei. Trotzdem hielt ihn damals das Gericht für verantwortlich. Nach unserer Ueber⸗ zeugung ist hier ein Unschuldiger verurteilt worden. Aber davon abgesehen, ist die verhän ate Strafe von einer solchen Härte, daß sie selbst in der Aera der Majestätsbeleidigungen einzig dasteht. Ein offiziöses Blatt, dieMünchener Allgem. Ztg., schrieb kürzlich:Die Häufung der Majestätsbeleidigungsprozesse ist kein Ruhmesblatt in der politischen Entwickelung des neuen Reiches. Die Häufung der Verurteilungen wegen Majestätsbeleidigung ist noch weniger ein Ruhmes⸗ blatt. Von all diesen Verurteilungen beleuchtet aber keine so grell die politische Reaktion in Deutschland wie diese des Genossen Müller. Dumme Minister.

Dumm sein darf ein Privatmann kaum, aber dumme Minister zu haben und ihre Dummheiten nicht zu erkennen, ist das größte Unglück, das einen Fürsten treffen kann Diese Meinung soll Bismarck in jetzt veröffent⸗ lichten Unterhaltungen mit Lothar Bucher zum Besten gegeben haben. Allerdings läßt Bismarck die Sentenz nur für Oester reich gelten:

Andrassy war ein Mensch mit klarem Kopf und warmem Herzen, aber nachher ist es immer mehr bergab gegangen, und wenn es so weiter geht, dann kommen noch Premier- minister in Oesterreich zum Vorschein, die so dumm sind, daß sie gar nicht einmal wissen, daß sie dumm sind armes Oester⸗ reich, ich glaube, deine Tage sind gezählt, und wenn wir es auch nicht mehr erleben werden, daß der große Krach stattfindet, kommen wird er vielleicht noch eher, als man glaubt! Wenn in Oesterreich ein neues Ministerium gebildet werden soll, so fällt mir immer das Wort ein, das einst ein oberschlesischer Landrat an die zur Schulzenwahl versammelte Ge⸗ meinde richtete:Meine Herren, es ist nicht unbedingt nötig, daß man immer gerade das größte Rindvieh zum Schulzen macht! Es giebt also wirklich dumme Minister wer hat einen so umstürzlerischen Gedanken bis⸗ Dumme Minister es klingt wie Majestätsbeleidi⸗ gung und Gotteslästerung zusammengenommen. Und dabei sind diese Minister, deren Dummheit Bismarck geradezu als Berufspflicht darstellt, nicht etwa Parlamentsminister, sondern Staats⸗ diener, die die Weisheit eines Monarchen von Gottes Gnaden erkürt. Köller's Triumphzug. Flaggenschmuck. Illumination. Feste und Fest⸗ reden in Hadersleben und anderswo. Und Er Selbst hat gesprochen. Köller der Große! Wie jener römische Gesandte den Karthagern in der einen Falte seiner Toga den Krieg, in der anderen den Frieden brachte so trug Köller der Große in der einen Rocktasche den Krieg und die Ruthe, in der anderen den Frieden und das Zuckerbrot. Und also sprach Köller der Große auf dem Huldigungsfest in Hadersleben vor seinen in Ehrfurcht erschauernden Unterthanen!

Er sei gerade jetzt gern nach Hadersleben gekommen, um sich persönlich davon zu über⸗ zeugen, wie die Verhältnisse der Stadt lägen. Für die Weiterentwicklung der Stadt sei viel gethan, wofür er den Kollegien danke. Wenn zur Zeit strengere Maßregeln nötig geworden seien, um Friedenzu schaffen, so hoffe er, daß dies nur vorübergehende Maß⸗ nahmen wären, die zum Frieden führen würden. Die Maßregeln seien nicht gegen die ruhig im Lande lebenden Ausländer gerichtet, sondern lediglich gegen die Leute, die durch die Presse, Vereine und Versammlungen die Gemüter beunruhigten, das Vertrauen der Bevölkerung zur Regierung untergrüben und keinen Frieden haben wollten. Das könne und werde die Regierung nicht dulden.

Nun wissen es die Schleswiger: wer sich nicht muckst und Alles gut findet, was die Regierung

Gnade teilhaftig, wer aber sich muckst, und es nicht in der Ordnung findet, daß Köller Dutzende von Menschen der Existenz beraubt, blos weil es im Lande Leute giebt, die an die Gottähnlich⸗ keit Köller's nicht glauben, derfliegt hinaus also hat es in seiner unergründlichen Weis⸗ heit verfügt Köller der Größte.

Herr v. Kotze ist vom Kaiser wieder empfangen worden, und derFall Kotze ist damit erledigt so be⸗ richten die Zeitungen. Der Fall Kotze mag er⸗ ledigt sein, denn es mag sein, daß es Herrn v. Kotze gelungen ist, seine volle Unschuld an der Herstellung jener Briefe schmutzigsten Inhalts nachzuweisen, die vor Jahr und Tag in der Hofgesellschaft kursierten. Wenn aber Kotze un⸗ schuldig ist, wer ist denn dann der Schuldige? Und lebt etwa der Zotenschreiber noch heute in der Hofgesellschaft? Vergessen darf auch nicht werden, daß diesem Kotze⸗Skandal ein Menschen⸗ leben zum Opfer fiel. Derselbe Herr v. Kotze, der vom Kaiser empfangen wurde, hat bekanntlich seinen Kollegen v. Schrader im Duell er⸗ schossen.

Nicht schuldig des Wohlwollens!

Durch die Presse liefen kürzlich einige an⸗ gebliche Aeußerungen des Großherzogs von Baden über soziale Probleme, die zwar kein Verständnis für die Sozialdemokratie verrieten, aber ein gewisses soziales Wohlwollen zeigten. Die Wendungen klangen im Munde des äußerst kriegervereinlich gesonnenen Groß⸗ herzogs, der in Stumm seinen Ratgeber verehrt, recht verdächtig. In der That wird nun auch badisch⸗offiziös erklärt, daß jene Veröffentlichung einem Gespräch entnommen sei, dessen Zusammen⸗ hang ein anderer war als der mitgeteilte, und dessen Sinn nicht richtig wiedergegeben wird. Die Publikation könne deshalb nicht als authen⸗ tisch betrachtet werden. Also nicht! Von den Aeußerungen waren besonders die National- Sozialen arg entzügt, deren monarchistische Gesinnung zur Zeit ja auf so schwere Proben gestellt wird. Sie werden sich nun unter den Bundesfürsten einen anderen aussuchen müssen, an dem sich ihr Glaube an die soziale Monarchie emporranken kann. Hoffentlich hat der Redakteur Erdmannsdörfer der in Marburg erscheinenden national⸗sozialen Zeitung dem Großherzog von Baden kein blau angestrichenes Exemplar seines Blattes geschickt, in dem er am 1. Januar den Wunsch aussprach, der Großherzog möge seine Rede noch einmal halten.

UnserePatrioten.

Während unsere ostelbischen Junker der Aus⸗

weisungspolitik des Herrn v. Köller begeistert zu⸗ stimmen, sind sie auf der anderen Seite eifrigst bemüht, derLeutenot durch Heranziehung pol⸗ nischer, russischer und galizischer Arbeiter abzu⸗ helfen. All die Arbeiter slavischer Abkunft, die Czechen, die Polen, die Russen, die sonst als die größtenFeinde des Deutschtums verschrieen werden, sind den Großgrundbesitzern des Ostens hochwillkommen, wenn sie nur bereit sind, billiger und mehr zu schuften, als die einheimischen Arbeiter. In der Thatsache, daß die in der Kultur viel niedriger stehenden Slaven den Osten mehr überschwemmen, erblickt eine in derKöln. Ztg. veröffentlichte Einsendung einenationale Gefahr. Als Abhilfe empfiehlt der Einsender die Heranziehung von italienischen Arbeitern, die ja per Sonderzüge nach dem Osten gebracht werden könnten das Letztere, um den Fahr⸗ preis zu ermäßigen. Ganz recht! Für die Lebensmittel die Grenzen gesperrt, damit die lieben deutschen Landsleute ordentlich geschröpft werden können, für ausländische Arbeits räfte Staatsunter⸗ stützung durch Gewährung billiger Eisenbahn⸗ fahrten, damit sie um so billiger den Junkern zu frohnden vermögen, im Inlande aber mög⸗ lichste Beschränkung der Freizügigkeit, hohe Fahr⸗ preise, um den ländlichen Arbeitern dieFlucht in die Stadt möglichst zu erschweren, Knebe⸗ lung der Arbeiterklasse durch Ausnahmegesetze das sind in Kurzem die Wünsche unserer Pa⸗ trioten.

thut, der wird des Zuckerbrots der Köller'schen

Wenn die Sozialdemokratie den Handwerkern und kleinen Händlern offen sagt, daß sie der Konkurrenz der Großindustrie und der Groß⸗ bazare werden weichen müssen und daß man gegen diese Entwicklung, die einen natürlichen Fort⸗ schritt bedeute, nicht ankämpfen könne, so dient das den Konservativen und verwandten Seelen immer zu der lügnerischen Behauptung, wir wollten den Mittelstand ruinieren und gleich⸗ zeitig rühmen sie dabeiih re mittelstandsretterischen Wunderrezepte. Es ist deshalb sehr interessant, zu lesen, was dieKreuzztg. in ihrer Nr. 1 schreibt:

Als eine der nächsten gesetzgeberischen Auf⸗ gaben auf gewerblichem Gebiete stellt sich der Schutz des kaufmännischen Mittelstandes gegen die Schleuderbazare dar. Man kann es sehr gut verstehen, daß sich die soliden großen Warenhäuser energisch dagegen verwahren, mit ihnen gleich behandelt zu werden. Sie stellen einen technischen Fortschritt des Detailvertriebes dar, von dem die Fabrikanten und die Verbraucher einen wesentlichen Vorteil haben. Daher können auch wir nicht glauben, daß man gut daran thut, sie durch eine hohe Steuer zur Liquidation zu zwingen

Uebrigens ist es keineswegs der Kleinbetrieb im Warenhandel allein, der unter einer erdrücken⸗ den Konkurrenz des Großbetriebes zu leiden hat. Wohin wir blicken, finden wir dasselbe Bild: im Bankgeschäft, in der Fabrikation, im Hand⸗ werk, in der Landwirtschaft. Ueberall können die technischen Fortschritte, die mit elementarer Gewalt ihre Einführung durchsetzen, nur in den mit reichlichem Be⸗ triebskapital ausgestatteten Betrieben nutzbar ge⸗ macht werden. Nun also, womit rettet man dann den Mittelstand?

Nationalliberale Politik.

Auf dem soeben abgehaltenen phälzischen nationalliberalen Parteitag teilte Reichstagsab⸗ geordneter Dr. Weinhardt mit, daß die national⸗ liberale Fraktion in wirtschaftlichen Fragen zu völliger Verständigung gelangt sei. Der frühere Abgeordnete Dr. Bürklin warnte vor allzu raschem Fortschreiten in der Sozial⸗ politik. Bei Beratung der Organisationsfrage sprachen fast alle Redner für eine Einigung mit dem Bund der Landwirte. Und so was nennt sich liberal und findet vielfach die Unterstützung der Freisinnigen.

Wieder ein Beitrag zur Zuchthaus⸗ vorlage.

Die Allgemeine Acetylen⸗Gesellschaft Prome⸗ theus, Gesellschaft mit beschr. Haftung zu Leipzig, hat in ihrer Arbeitsordnung, die vom Rat der Stadt Leipzig geprüft und für zulässig befunden wurde, unter§ 10 folgende Bestimmung:

Außer den gesetzlich vorgeschriebenen Ent⸗ lassungsgründen ist für uns noch Grund zur sofortigen Entlassung: Dit Mitglied⸗ schaft beimMetallarbeiterverbande und 150 Beiwohnung einer Versammlung des⸗ elben.

Diese Arbeitsordnung ist mit dem 1. Nov. 1898 in Kraft getreten. Wir sind, so meint die bürgerlich⸗-demokratische Frkf. Ztg., überzeugt, daß die öffentliche Meinung, soweit sie durch die Presse jenseits der demokratischen Grenzlinie repräsentiert ist, darüber sich nicht aufregen und wohl gar keine Notiz davon nehmen wird. Nun stelle mau sich aber einmal denselben Fall in umgekehrtem Sinne vor. Nehmen wir an, alle hier etwa in Betracht kommenden Arbeiter seien⸗organisiert und würden beschließen:

Außer.. ist für uns noch Grund zur sofortigen Arbeitsniederlegung: Die Mitgliedschaft der Gesellschaft Premetheus bei einem Unter⸗ nehmerverbande und die Beiwohnung einer Ver⸗ sammlung desselben.

Welch ein Geschrei gebe es da! Wie würde man nach einer doppelt und dreifach verschärften Zuchthausvorlage rufen! Und doch wäre dieser Fall im Wesen ganz dasselbe, wie jener, den die Konservativen ꝛc. gewiß goutieren werden. Si duo faciunt idem, non est idem Wenn

zwei dasselbe thun, so ist das nicht dasselbe.

Die Konservativen und der Mittelstand.

die Elb Der

bei 2e