Ausgabe 
14.5.1899
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 20.

Politische Rundschau.

Gießen, den 12. Mai.

Ein Reichs ⸗Wohnungsgesetz

ist in Vorbereitung. Die StummschePost verweist dabei auf die Erklärung eines Kom⸗ missars in der Sitzung des Abgeordnetenhauses bei der Verhandlung über die Leutenot zu dem konservativen Antrag, der dahin ging, die Ge meinden zu ermächtigen, neu anziehende Personen auszuweisen, wenn sie nicht den Nachweis einer den sittlichen und hygienischen Anforderungen entsprechenden Wohnung beibringen. Der Re⸗ gierungskommissar aus dem Ministerium des Innern, Geheimrat Holtz, erklärte nach dem Bericht des Reichsanzeigers, daß im Schoße der Regierung kommissarische Beratungen darüber staltfänden, wie den vorhandenen Mißständen wirksam zu begegnen sei. Diese Erwägungen bezögen sichsowohl auf die Wohnungsfrage wie auf die Beseitigung der Aus wüchse der Freizügigkeit.

Danach ist der Verdacht mehr als begründet, daß es sich um einen Versuch handelt, unter der falschen Firma eines Reichswohnungsgesetzes die Freizügigkeit zum Nutzen der ostelbischen Agrarier einzuschränken. Nach den Andeutungen der Post steckt hinter diesem nied⸗ lichen Anschlage auf eines der wichtigsten Rechte der Arbeiterschaft in Stadt und Land Herr von Miquel, der seinen Freunden, den Agrariern, zuliebe, die Sachsengängerei einschränken möchte.

Der Pfarrer Blech.

Ein Pfarrer Namens Blech veröffentlicht in der konservativenElbinger Zeitung einen Artikel:Unsere Antwort auf Samoa, in dem er allen Ernstes verlangt:

40 Schlachtschiffe, sofort auf Stapel zu setzen und in drei Jahren fertig. Das sei unsere Antwort auf Samoa.

Herr Pfarrer Blech schmiedet herrliches Blech! Schade nur, daß dievierzig Schlacht schiffe nicht aus Blech gebaut und mit Blech bezahlt werden können. Der Herr Pfarrer dürfte übrigeus wenig Lust haben, selbst in die Tasche zu greifen und recht kräftig mit für den Bau dieser schönen Flotte zu blechen.

Die Flottenpatrioten an der Arbeit. Immer unverfrorener wird das Behaben der Ueberseer, ein ganzes offiziöses Aufgebot von Agitatoren sucht die öffentliche Meinung zu gunsten einer neuen Flottenvorlage zu beeinflussen. Ein Flotteuverein nach dem anderen unter obrigkeitlichem, oberbürgermeister lichem, offiziellem Protektorat ersteht, eine Hand voll abhängiger Leute oder profitlüsterner In teressenten und Streber thut sich als Filiale der Flottenapostel auf, um das Evangelium der Weltpolitik, das heißt einen neuen Beutezug gegen die Steuerzahler ins Werk zu setzen. An⸗ gesichts dieses Treibens ist es am Platze, wieder einmal die Summen ins Gedächtnis zurück zurufen, die uns bereits jetzt Heer und Marine kosten. Für Deutschland sind im Etat 1898/99 die Ausgaben für Landheer, Flotte, Pensionen auf 820 Millionen Mark gestiegen. Man vergesse ferner nicht, daß die Hauptbedeutung des im vorigen Jahre angenommenen Flotten gesetzes in dem Ausbau der Schlachtflotte und nicht in dem Schutze des Seehandels und den Auslandsschiffen liegt. Von den Schiffs- neubauten, die von 1898 nach dem Gesetze in Angriff genommen werden sollen, entfallen mindesteus 350 Millionen auf die Schlacht flotte und nur etwa 70 Millionen auf die Auslandsflotte für Ueberseegebiete. Auch die Erhöhung der Personalstärke und die Aus dehnung der Indiensthaltungen fällt zum aller⸗ größten Teile auf die Schlachtflotte. Die ganze im Flottengesetze vorgesehene Verstärkung ent⸗ fällt auf die heimische Schlachtflotte, zu der nach dem Flottengesetze in sechs Jahren 7 neue Linienschiffe, 2 große, 7 kleine Kreuzer hinzu kommen sollen. Die Schlachtflotte sollte dem nach in Zukunft bestehen aus 1 Flottenflagg⸗ schiff, 2 Geschwadern zu je 8 Linienschiffen, 2 Divisionen zu je 4 Küstenpanzerschiffen, 6 großen Kreuzern, 16 kleinen Kreuzern als Aufklärungs⸗ schiffen, und dazu eine Materialreserve von 2

Linienschiffen, 3 großen und 4 kleinen Kreuzern. Insgesamt sind für die deutsche Kriegs⸗ marine von 1872 bis 1897/98 1322,23 Mil⸗ lionen ausgegeben worden. Die gesamten Ausgaben beliefen sich im Jahre 1872 auf 31 Millionen, 1887/88 auf 51 Millionen.

Unter dem neuen Regiment haben wir diesen

Aufstieg: Mill. Mk. Mill. Mk. 1889/90 54,9 1894/95 78,5 1890/91 71,8 1895/96 85.9 1891/92 85,4 1896/97 E 1892/93 90,4 1897/98 116,9 1893/94 81,2

Die offiziösen Tintenkulis krebsen auch nach den Reichstagsverhandlungen über Samoa gleich den Lehr und Konsorten mit dem Samoa abenteuerchen. Sie sordern nicht mehr und nicht weniger als eine deutsche Schlachtflotte, die der helle Wahnwitz! jeder an deren, also auch der Flotte der Weltseemacht England gewachsen sei. So frivol mit Gut und Blut, mit Wohlfahrt und Sicherheit des deutschen Volkes gespielt. Die ungeheueren Bürden, die auf der großen Masse wuchten, die drohenden neuen Steuerlasten, sie verschlagen nichts gegenüber der Politik des Flottenkollers, der Deutschland in die innere und äußere Krisis hineinhetzt.

Vom Excellenzenkonventikel.

Die Versammlung von Sozialpolitikern, die am 3. Mai im Berliner Architektenvereinshause über die vorbereitenden Schritte zur Beteiligung an der Bildung eiuer internationalen Ver⸗ einigung für Förderung des Arbeiter⸗ schutzes beriet, war von etwa siebzig Personen besucht, die den verschiedensten Parteien und Richtungen angehörten; nur die Sozial⸗ demokraten fehlten. An der Besprechung nahmen unter anderem teil Professor Schmoller, Professor Waguer, Hitze, Stöcker, Schmidt⸗ Elberfeld, Bassermann, Max Hirsch, Rösicke, Fischbeck, Lieber, Goldschmidt, Pachnicke, Prof. Delbrück, Pfarrer Naumann, Leopold Sonne⸗ mann. Der frühere Minister v. Berlepsch er öffnete die Sitzung. Professor Schmoller über⸗ nahm dann den Vorsitz. Professor Sombart

bemerkte, daß er von den sozialdemokratischen

Führern, die sich um den Arbeilerschutz besouders verdient gemacht hätten, gern einige eingeladen hätte. Er hoffe, daß sich die Mißverständnisse beheben ließen, die zur Weigerung der Sozial demokratie geführt hätten, sich an der Konferenz zu beteiligen. Gegen die Heranziehung der Sozialdemokratie sprachen sich u. a. die frei sinnigen Abgeordneten Fischbeck und Max Hirsch aus, ebenso Abg. Bassermann, dafür v. Gerlach, v. Berlepsch, Schmoller und Sombart. Auf Vorschlag Schmollers wurde beschlossen, ein provisorisches Komitee einzusetzen, das u. a. die Aufgabe hat, die Mißverständnisse wegzu räumen, damit eine Beteiligung der Sozial demokratie erzielt werde. Ein Vorort der Konferenz soll in der Schweiz ermittelt werden.

DieseFreie Vereinigung bürgerlicher Politiker und Oekonomen ist wirklich der aller⸗ spaßigste sozialpolitische Seiltänzerklub.

Der höfische Konservative Schmoller, der beim Ausgange des Scozialistengesetzes die Deportation(Verbannung) der Sozialdemo⸗ kraten in die deutschen Ferienkolonien Afrikas empfahl, der Manchestermann Herr Max Hirsch, der Beaustragte der Papierberufsgenossenschaft Herr Fischbeck und Herr Leopold Sonnemann, Werner Sombart, der Bergwerks- und Handels- minister a. D. v. Berlepsch, der Industriefeudale von Heyl, der jetzt in Sozialpolitik macht, und der Hofprediger a. D. Stöcker, Herr Basser mann, der seine Ansicht wechselt je nach dem Kreise, wo er kandidiert, Konservative, Antise miten, Nationalliberale, Freisiunige, Katheder sozialisten, Zentrum, das sind in der That die zuverlässigsten Bürgen für den Arbeiterschutz, den nationalen oder internationalen.

Ein buntes Durcheinander von Parteien und Richtungen, sind sie einig nur darin, der Sozialdemokratie das Wasser abzugraben, oder wie ein bürgerliches Blatt schreibt, die sohiale Revolution zu bekämpfen durch die Sozial- reform. Wir boffen, daß unsere Genossen

auch dann dieser Gesellschaft schlechter Musikanten fern bleiben, wenn dieMißverständnisse weg⸗

geräumt sind. Wer ernstlich etwas thun will 8 die Arbeiter, der hat Gelegenbeit genug azu. zu unterstützen.

Den Höhepunkt überschritten?

Im zweiten, erst jetzt herausgegebenen Teil der Reichstagswahlstatistik finden wir die fol⸗ gende Zusammenstellung, aus der hervorgeht, wieviel Stimmen seit 1871 jedesmal im ersten Wahlgang auf die sozialdemokratischen Kandi⸗ daten fielen:

Prozentsatz Stimmen der abgegeb.

gültig. Stim men 1871 123 975 3,19 1874 351 952 6,78 1877 493 288 9,13 1878*³* 431 158 7,59 1881 311 961 6,12 1884 549 990 971 1887 763 128 10,12 1890 1427 298 19 1893 1786 738 28,28 1898 2 107 076 27,18

Und angesichts dieser Ziffern fabeln allerlei Einfaltspinsel davon, daß die Sozialdemokratie ihren Höhepunkt überschritten hat. Gewiß, bei jeder Neuwahl überschreiten wir den zuletzt er⸗ reichten Höhepunkt. Die Zahl unserer Anhänger wird immer größer, bis die große Masse des Volkes, die naturgemäß zu uns gehört, auch in unseren Reihen steht. Mehr als ein Viertel aller Wähler zählt schon zu uns. Arbeiten wir, auf daß wir bald drei Viertel haben.

Eine Grabschändung.

Das Massengrab der Opfer der sächsischen Mairevolution in Dresden war vor einiger Zeit mit ca. 300 Tulpenzwiebeln besetzt worden, da mit am 50. Todestage der Gefallenen ihre Ruhestätte würdig geschmückt sein sollte. Diese 300 jetzt zur Blüte gelangten Tulpen sind, wie dieSächsische Arbeiterztg. berichtet, vor eini⸗ gen Tagen sämtlich ausgerissen worden. Dem Aufsichtspersonal scheint diese standalose Gräberschändung vollständig entgangen zu sein; auch der Polizeibericht weiß noch nichts davon zu melden. DieS. A.⸗Ztg. fordert Auf⸗ klärung und dies ist in der That dringend er wünscht.

Die dümmsten Arbeiter sind die besten.

Im preußischen Abgeordnetenhaus haben die liberalen und konservativen Rückwärtser wieder einmal ihren schulfeindlichen und profitwütigen Ansichten Ausdruck gegeben. Sie gebrauchen die billige Kinderarbeit, deshalb nimmt ihnen der erteilte Schulunterricht zu viel Zeit in Anspruch. Und da ihnen der ungebildetste, der dümmste Arbeiter am liebsten ist, weil er sich am leichtesten wie ein Stück Vieh ausnützen und mißhandeln läßt, deshalb ist ihnen auch der Lehrplan zu umfangreich. Abgesehen von einigen Rednern aus der freisinnigen Volks⸗ partei blies die ganze Sippe in ein Horn: Konservative, Nationalliberale, Zentrümler und freisinnige Vereinigungsmänner. Verdummung und Fesselung an die Scholle das ist ihr soziales Programm.

Liberale Wahlrechtsfreunde.

Ueber das Wahlrecht zurBürgerschaft in Bremen schreibt dieVoss. Ztg.:

Die Sozialdemokratie brachte den Antrag ein, allgemeines Stimmrecht auch für die Bürgerschastswahl einzuführen, erhielt aber nur wenige Stimmen. Das allgemeine Stimmrecht hätte schon ganz andere El folge errungen, wenn nicht die Sozialdemokratie ihm viele Feinde erweckt hätte.

Das ist doch noch ein Liberalismus, der das allgemeine Wahlrecht ohne weiteres preis-

giebt, wenn es einer gegnerischen Partei

zu gute kommt. Und mit dem Liberalismus sollte unter Umständen die Sozialdemokratie kompromisseln? Ach ne!

Weil's zu einträglich ist.

Die englischeWestminster-Gazette schreibt: Der Herzog von Connaught hat niemals

* Beginn der Sozjalistenhat.* Kartellwahlen.

Er braucht nur die Sozialdemokratie

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