Ausgabe 
14.5.1899
 
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Nr. 20.

Gießen, Sonntag, den 14. Mai 1899.

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Mitteldeutsche

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Zur Agrarfrage. V. Der Schutz der Landbevölkerung.

Man hat den Sozialdemokraten vorgeworfen, sie lrieben Bauernfang, sie machten den Bauern Versprechungen, die sie weder halten könnten noch wollten. Nun, was die Versprechungen betrifft, so sind wir ehrlich genug, einzugestehen, daß wir darin mit den Agrariern und den Nationalsozialen nicht wetteifern wollen. Die Gewissenlosigkeit der Agrarier in diesem Punkte ist bekannt genug, und wenn die Nationalsozialen sich als neueste Bauernpartei aufspielen und die Verstaatlichung des Hypothekenwesens fordern, so halsen sie damit der Gesamtheit Lasten auf, die einen Teil der Bevölkerung bedrücken. Für beide Parteien bildet eben die Landwirt⸗ schaft ein selbständiges Ganzes, während sie für die Sozialdemokratie nur ein Teil eines Orga⸗ nismus ist. Während nun die Agrarier von ihrem Standpunkt aus folgerichtig den übrigen Klassen, namentlich dem industriellen Proletariat, feindlich gegenüberstehen, wollen die National⸗ sozialen auch hier Feuer und Wasser vereinigen. Die Folge wird sein, daß sie sich glücklich zwischen zwei Stühle setzen. Die Haltlosigkeit dieses Standpunktes einsehend, hat ein so logischer Denker, wie Pastor Göhre, sich von der national⸗ sozialenPartei losgesagt, ein Schlag für Herrn Naumann, für den er sich dadurch tröstet, daß er Leute zu Anhängern seiner Partei stempelt, die völlig andere Ansichten als er haben. So hat er nach einander unsere Genossen Schippel, Vollmar, Heine, David für seine Partei reklamiert und wirbt neuerdings um den Genossen Bernstein. Willst du nicht willig, so brauche ich Gewalt, denkt Herr Naumann. Anhänger und Zuwachs muß er haben, an politischen Nullen ist ihm nichts gelegen, die großen Massen bleiben ihm fern, folglich macht er zwangsweise Gegner zu Parteigenossen, ein Verfahren, das ohne Zweifel den Anspruch auf Neuheit erheben darf, weniger schon den An⸗ spruch auf politische Ehrlichkeit.

Doch kehren wir zu unserm Thema zurück. Die Bereicherung der Stadt auf Kosten des flachen Landes ist, wie Kautsky ausführt, die not⸗ wendige Folge der Anhäufung des Kapitals, das sich und den gesamten Mehrwert, auch den⸗ jenigen aus landwirtschaftlicher Arbeit, immer mehr in den Städten zentralisiert. Diese Tendenz wird erst mit der kapitalistischen Ge⸗ sellschaft schwinden; die Landbevölkerung hat daher ein weit größeres Interesse an dem Kommen der sozialistischen Gesellschaft als die städtische. Durch Erhöhung der Preise der Lebensmittel und der Rohstoffe würde nur die Grundrente erhöht und damit die Lage der Grundbesitzer, nicht der Landbevölkerung, die von Lohnarbeit lebt, verbessert werden. Der wirkliche Grundbesitzer ist aber der Hypotheken⸗ gläubiger, den die Nationalsozialen zu einem Staatspensionär machen wollen, indem sie ihm die Zinsen sichern durch Verstaatlichung des Hypothekenwesens.

Alle Parteien, die sozialdemokratische aus⸗ genoumen, stehen auf dem Boden des gegen⸗ wärtigen Staats, d. h. des Polizei- und Militär⸗

staats: Die Agrarier voll und ganz, die National⸗

* Siehe Nr. 8, 11, 14 und 17 der M. S. ⸗Ztg.

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Bei mindestens

sozialen mehr auf dem Boden des letzteren. Nur die Sozialdemokratie erstrebt lernstlich die Umwandlung dieses Staats in einen Kultur⸗ staat, eine Umwandlung, bei der die ländliche Bevölkerung am meisten zu gewinnen hat. Die Selbstverwaltung in Provinz, Kreis und Ge meinde würde der Bevorzugung, welche der Großgrundbesitz genießt, z. B. bei der Bemessung der Gemeindeabgaben, der Abschätzung des Wildschadens, ein Ende bereiten. Der Mili⸗ tarismus verlangt von der Landbevölkerung die schwersten Opfer. Er entzieht dem Lande, sehr häufig für immer, die jungen kräftigen Leute, die von den Bauern durch Zwangs⸗ steuern erhalten werden müssen. Dazu kommen die Ausgaben, welche der Vater für den Sohn im Waffenrock freiwillig zu tragen hat. Dem Bauern muß bei dem Kampf gegen den Militaris⸗ mus klar gemacht werden, daß es sich nicht darum handelt, das Vaterland wehrlos zu machen. An Stelle des stehenden Heeres soll das Milizheer, die Volkswehr treten. Das stehende Heer ist das kraftvollste aller Herrschafts⸗ mittel, die stärkste Stütze der herrschenden Klassen, das Mittel, jeden Versuch einer friedlichen Be⸗ freiung der arbeitenden Klassen im Keime zu ersticken. Das Milizsystem stellt wohl eine Be⸗ lästigung des einzelnen für die Zeit, während welcher er seiner Beschäftigung entzogen ist, dar, ist aber keine Belastung der Produktion. Eine weitere Entlastung der Landbevölkerung hat einzutreten durch Uebernahme der Kosten für das Schulwesen, die Armenpflege, die Ge⸗ sundheitspflege und das Verkehrswesen von der Gemeinde auf den Staat. Arme Gemeinden werden von diesen Kosten geradezu erdrückt und können doch nur Unzulängliches leisten. müssen ferner Einrichtungen geschaffen werden, die es auch den Unbemittelten ermöglichen, sein Recht zu suchen, d. h. es ist für solche Fälle die Unentgeltlichkeit der Rechtspflege und des Rechtsbeistandes einzuführen.

sich um außerordentlich hohe Summen handelt, ist klar, deshalb vernachlässigt ja auch der Staat die Ausführung aller Kulturaufgaben:

Würde das Volksschulwesen auf diejenige Höhe

jährliche Ausgabe von 1500 Millionen für das deutsche Reich verursachen; dagegen verblassen sogar die Zahlen des Militärbudgets. Dazu kämen die bedeutenden Summen für die Ver⸗ staatlichung des Armenwesens, der Gesundheits⸗ pflege, des Verkehrswesens, der Rechtspflege usw. Die Verwaltung dieser öffentlichen Angelegen⸗ heiten erfordert tüchtige Fachmänner, im Neben⸗ amt lassen sich die Arbesten nicht erledigen. Es sind mithin gut zu bezahlende Kräfte für die verantwortungsvollen Posten heranzuziehen. Wenn auch eine Abrüstung große Summen freimachen würde, so wären doch noch nicht ausreichende Mittel vorhanden. Woher aber das Geld nehmen? An der Lösung dieser Auf⸗ gabe scheitert die bürgerliche Steuerpolitik. Sie will die Staatsbedürfnisse nicht decken aus den Einkommens⸗, Vermögens⸗ und Erbsteuern, sondern aus der Besteuerung der Notdurft des Volkes, d. h. aus indirekten Steuern. Die Sozialdemokratie erstrebt eine Ueber- wälzuug der Steuern auf die trag

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fähigen Schultern, eine stufenweis steigende Einkommens⸗ und Vermögenssteuer und eine Erbschaftssteuer, stufenweis steigend nach dem Umfang des Erbguts und dem Grade der Ver⸗ wandtschaft. Da die Summen aus diesen Steuern die Kosten des Kulturstaates auf die Dauer nicht decken werden, so wird der Staat, sobald die arbeitende Klasse in den Besitz der politischen Macht gelangt ist, die Bergwerke, großen Verkehrsmittel, Beleuchtungsanlagen usw. zu seinem Nutzen in eigenen Betrieb nehmen. Elenchus.

Das nützt die Organisation.

Der Verband der Zimmerleute Amerikas wurde im Jahre 1881, also vor 18 Jahren, gegründet.

Damals ward allenthalben noch zehn Stunden gearbeitet.

Heute haben

105 Orte den Achtstundentag,

424 Neunstundentag,

23 noch den Zehnstundentag.

nit dieser Verkürzung der Arbeitszeit ging, wie das immer der Fall ist, Hand in Hand eine Lohnerhöhung, und zwar ward in 70 Prozent aller Städte mit Zimmerer ⸗Organi⸗ sationen eine Lohnerhöhung von 2 Mk. pro Woche erzielt. Also wöchentlich 6 oder auch gar 12 Stunden Arbeitszeit weniger und 2 Mk. Wochenlohn mehr!

Bei nur acht Monaten Arbeitszeit im Jahre ergab sich diese Lohnerhöhung für die Gesamt⸗ heit der Zimmerer Amerikas im Durchschnitt der letzten 12 Jahre eine Summe von

18 Millionen Mark Mehrlohn.

Oder also 216 Millionen Mark wanderten

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Woher sollen nun die Mittel zur Bestreitung dieser Ausgaben genommen werden? Daß es

gebracht, die wir erstreben, so würde das eine auch die Streits so gründlich hassen.

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er hat nur Geld für die Armee und die Flotte.

in diesen 12 Jahren mehr in die Lohntasche der Arbeiter statt in die Profittasche der Unternehmer.

An Streikunterstützung wurden während derselben Zeit gezahlt:

1 Million 417172 Mark,

ein klarer Beweis, wie gut angebracht die Opfer sind, welche die Arbeiter zur Durchführung ihrer wirtschaftlichen Kämpfe bringen müssen. Das Dutzendfache müssen die Unternehmer an Mehrlohn zahlen. Sie sind es, die die Kriegskosten aufbringen müssen und deßhalb

Die amerikanischen organisierten Zimmerer haben in den letzten Jahren seit 1882 nicht weniger als 1026 Streiks geführt.

Von dtesen 1026 Streiks wurden 898 gewonnen, 67 gütlich geregelt, 61 verloren.

Endlich haben die Zimmerer durch die er⸗ reichte Verkürzung der Arbeitszeit noch

13 130 arbeitslosen Kollegen Arbeit geschaffen.

Arbeiter, wollt Ihr noch einen klareren Beweis für die Zweckmäßigkeit der Organi⸗ sation? Was soll man aber von Menschen denken, welche die nahe Planke, auf welcher sie sich aus dem Meere des Elends retten können, deutlich vor Augen sehen, ja mit Händen greifen können und doch aus mangelnder Energie lieber sich hinabsinken lassen ins Meer der

stumpfsinnigsten Gleichgiltigkleit?!

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