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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

K Nr. 33.

traten die Konservativen unter Führung des Abg. v. Leipziger, das Centrum unter Führung des Abg. Dr. Bachem, die Stumm⸗Krupp⸗Partei durch den Abg. v. Kardorff die antisemitische durch den Abg. Dr. Förster, die Regierungen durch den Staatssekretär Grafen v. Posadowsky lebhaft entgegen. Den vollen Beifall der Konservativen errang die Ausführung des Grafen Posadowely, daß mit 120 Mark jährlich vollkommen arbeitsunfähige Kriesteilnehmerauf dem Lande ein wenn auch sehr bescheidenes, sehr dürftiges, doch von der öffentlichen Wohlthätigkeit unabhängiges Leben führen könnten. Es blieb bei den 120 Mark. Und auch eine in diesem Jahre socialdemokratischerseits gegebene Anregung, diesen Betrag zu erhöhen, wurde von den in patriotischen Phrasendrescherein so gern sich ergehendenOrdnungsparteien abgelehnt. Dieselben Parteien hatten einige Jahre zuvor das Einkommen des Reichskanzlers auf 100 000 M. jährlich festgesetz, das der Staatssekretäre von 24 auf 30000 M. erhöht.

Ein zweiter erheblicher Fehler des Gesetzes vom 22. Mal 1895 bestand darin, daß durch dies Gesetz zu wenig Mittel bereit gestellt waren, um auch nur die Bei⸗ hilfe von 120 M. jährlich allen bedürftigen Kriegs⸗ teilnehmern zuwenden zu können. Die Abhilfe dieses Fehlers wurde in diesem Jahre einstimmig vom Reicks⸗ tag verlangt. Die Regierung kam diesem Verlangen durch Vorlegung eines Gesetzentwurf entgegen, der eine allerdings wohl abermals nicht ausreichende Er⸗ höhung der Mittel für Beschaffung von Beihilfen vor⸗ sieht. Dieser Entwurf ist am 1 Juli d. J. Gesetz ge⸗ worden und am 10. Juli veröffentlicht.

Von Uah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗

haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten alle

zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Zur Landtagswahl in Hessen.

*Die erste offizielle Bekanntmachung des Kreisamts in Gießen betreffend die bevorstehende Landtagswahl ist nunmehr erfolgt. Die Bürger meister der in Betracht kommenden Wahlorte werden aufgefordert, bis zum 1. September die Urwählerlisten aufzustellen. Demnach können die Wahlen frühestens im zweiten Drittel des September stattfinden.

Gießener Wahlverein.

* Am vergangenen Samstag hat der Gießener Wahlverein eine Generalversammlung abgehalten. Leider war dieselbe nur mäßig besucht. Ein⸗ stimmig wurden wiedergewählt der Vorsitzende Beckmann und der Kassirer Petersen. Die Kassenführung des letzteren war von den Revi soren in bester Ordnung befunden worden. Als Delegierte zur Kreis konferenz in Lollar wurden Beckmann, Dahmer und Lotz, für die Landeskonferenz in Mainz Scheidemann gewählt. Angenommen wurde folgender An trag an das Landeskomité:Die Generalver sammlung des Wahlvereins Gießen beantragt, daß die Landeskonferenz Stellung nehmen möge zu den die Partei beschäftigenden faktischen Streilfragen. Es dürfte sich empfehlen, einen besonderen Referenten für diesen Punkt zu er⸗ nennen. Es wäre sehr erwünscht, wenn sich dem Gießener Wahlverein immer mehr neue Mitglieder anschließen würden. Wer das 18. Lebensjahr vollendet hat, kann Mitglied werdeu. Der monatliche Beitrag beträgt 20 Pfg. Derselbe kann in den regelmäßigen Versamm lungen entrichtet werden, wird aber auch auf Wunsch in der Wohnung abgeholt. Anmel⸗ dungen nimmt jedes Mitglied des Wahlvereins, sowie Expedition, Redaktion und sämtliche Aus⸗ träger der M. S.⸗Ztg. entgegen.

Gewerkschaftsfest in Gießen.

n. Zu Gunsten der ausgesperrten Arbeiter in Dänemark findet diesen Sonntag ein Gewerk⸗ schaftsfest im Cafe Leib statt. Neben dem löb lichen Zweck des Festes ist der Besuch auch des⸗ halb sehr zu enpfehlen, weil der große Saal und der schattige Garten des Café Leib in jetziger Zeit treffliche Aufenhaltsorte sind. Mögen sich nicht nur die Arbeiter und deren Familien aus Gießen zahlreich einfinden, sondern auch die benachbarten Orte recht gut vertreten

sein. Zur Affaire Schiller.

Prof. Schiller hat Gießen verlassen. Wer noch im Zweifel war über die Persönlichkeit des Gemaßregelten, der lese das Organ des Abge ordneten Köhler, in dem es heißt:

Se. Großmäuligkeit, Herr Professor Doktor Paraphrasius Aureolus Bombastus

Hermann Schiller, zu Zeit aber Gott sei

Dank baldweiland in Gießen u. s. w.

Prof. Schiller war uns persönlich gänz⸗ lich unbekannt. Da er von dem Köhlerblatt in oben wiedergegebener Weise angeflegelt wird, sind wir überzeugt, daß Schiller, dessen Ruf als Gelehrter fest begründet ist, auch ein hochachtbarer Charakter ist.

Krieg im Frieden.

* Das Infanterie-Regiment Nr. 116 hält am 14., 15. und 16. August Schießübungen in oberhessischen und Wetzlarer Gemarkungen ab. Wem sein Leben lieb ist, der bleibt den ge fährdeten Gegenden fern.

Ein kriegsmäßiger Distanzritt, wie er in der geplanten Ausdehnung bei der deutschen Armee zu Friedenszeiten noch niemals vor⸗ genommen wurde, wird in vierzehn Tagen von Gießen aus seinen Anfang nehmen und durch etn ganzes Kavallexieregimet zur Ausführung gebracht werden. In Aussicht genommen ist das Königsulanenregiment(Nr. 13) in Hannover. Es begibt sich in fünf Sonderzüge nach Gießen. Nachdem es dort zusammengezogen ist, erfolgt der Ritt zunächst über Butzbach, Nauheim, Fried⸗ berg, Vilbel. In der Nähe von Frankfurt wird dann die erste größere Rast gemacht. Von hier aus wird der Marsch über Darmstadt bis nach Straßburg fortgesetzt.

Versicherungsschwindel.

Den Versicherungsagenten Ferdinand Sch. aus Winkels im Oberlahnkreise hat eine Anklage wegen versuchten Betrug und Untreue, begangen in 16 bezw. 6 Fällen, vor die Schranken der Strafkammer geführt. Angeklagter war seit dem 1. August 1897 in dem Dienste der Ver⸗ sicherungsgesellschaftVictoria in Berlin als Agent angestellt und zwar gegen eine feste Be⸗ zahlung. Da nun Sch. schlechte Geschäfte machte, so kündigte ihm die Gesellschaft unter der Be⸗ willigung des Zugeständnisses, daß die Kündigung als nicht geschehen angesehen werden solle, wenn es Sch. gelinge, bis zu einem bestimmten Zeit⸗ punkt fur 10/00 Mark Versicherungen abzu schließen. Um diese Summe zu erreichen hat der Angeklagte eine Reihe gefälschter Ver⸗ sicheruagsabschlüsse angefertigt und die auf Grund derselben zu erhebenden Prämien ꝛc. in Ab⸗ wesenheit der Männer bei deren Frauen zu er⸗ heben versucht. Der Angekla te, ist geständig. Das Urtheil lautet auf 1 Jahr Gefängniß.

Elend auf dem Lande.

Wie den Vorschriften des Gesetzes über den Unterstützungswohnsitz von den Armenverbänden entgegengehandelt wird, zeigt folgender Fall: Auf dem Bahnhof in Osterode(Kreis Osterode) traf dieser Tage eine schwer erkrankte Frau ein, die außer stande war zu gehen und die nach dem Wartesaal geführt werden mußte. Auf polizeiliche Veranlassung wurde sie in Privat- pflege untergebracht. Als die Frau vernommen wurde, gab sie an, mit einem 72 jährigen Ar- beiter verheiratet und in einem einige Meilen entfernten Dorfe wohnhaft zu sein. Als sie vor Wochen schwer erkrante, stellte ihr Mann, der mittellos und außer stande war, ihr die nötige Pflege angedeihen zu lassen, bei dem Ge⸗ meindevorstand wiederholt den Antrag, die Auf nahme der Frau ins Krankenhaus zu Osterode zu veranlassen. Der Gemeindevorstand weigerte sich, dem Antrage stattzugeben unter Hinweis auf die der Gemeinde entstehenden Kosten. Die Frau hatte infolge des schlechten Lagers, der ungenügenden Pflege und der Hitze in der kleinen Wohnung entsetzliche Qualen auszustehen. Schließlich konnte sie dieselben nicht mehr er ertragen. Sie verkaufte für 50 Pfg. ihr ein⸗ ziges Paar Schuhe; ein Besitzer fuhr sie zur nächsten Bahustation, nachdem sie ihm versprochen, nach ihrer Genesung dafür ein paar Tage zu arbeiten. Für die gelösten 50 Pfg. konnte die Frau sich die Fahrkarte bis Osterode kaufen, wo sie halbtot ankam. Dem Besitzer bleibt sie die Arbeit schuldig, da sie im Kreislazarett, wohin sie gebracht werden mußte, bald nach ihrer Einlieferung starb. Bei genügender

Pflege und rechtzeitiger ärztlicher Behandlung

wäre die erst 50 Jahre alte Frau aller Wahr⸗

scheinlichkeit nach am Leben geblieben. Der alte, erwerbsunfähige Ehemann und ein sieben Jahre alter Sohn haben nun eine recht trübe Zukunft vor sich.

Die Petroleumskanue.

* Der unsinnigen Sitte, Petrole um auf das glimmende Feuer zu schütten, ist wiederum ein blühendes Menschenleben zum Opfer gefallen. Die Bewohner des Hauses Rohrstraße 3 in Offenbach hörten am Samstag gellende Hilf rufe aus einer Wohnung dringen. Als die beiden Frauen, die allein im Hause anwesend waren, die Thür der Wohnung öffneteu, aus der das Schmerzengeschrei drang, bot sich ihnen ein Entsetzen erregendes Bild. Die Hausfrau stand wie eine große Feuersäule vor ihnen und hielt mit der Hand krampfhaft die Petroleumkanne umklammert. Die Frauen waren von dem schrecklichen Anblick wie versteinert und flüchteten in ihre Wohnung zurück, von wo sie laut um Hilfe riefen. Als die Hilfe anlangte, war es bereits zu spät. Nachdem der Beklagenswerthen die noch brennenden Kleider vom Leibe gerissen worden, mußte man konstatiren, daß an einzelnen Körperteilen das Fleisch bis auf die Knochen verkohlt war, so daß man an die Erhaltung ihres Lebens nicht mehr denken konute. Die Verunglückte wurde nach dem Krankenhause verbracht, wo sie durch den Tod von ihren Qualen erlöst wurde. Das Unglück ist dadurch entstanden, daß beim Gießen von Petroleum auf's glimmende Feuer die Petroleumkanne Feuer fing und explodirte, wodurch der Boden der Kanne herausgerissen wurde und das bren⸗ nende Petroleum sich über die Frau ergoß. Wieviel Meuschen werden noch diesen Marter⸗ tod erleiden müssen, bis die Frauen den unver⸗ antwortlich leichtsinnigen Petroleummißbrauch am Herde unterlassen?

Ein großes Brandunglück

hat kürzlich Marienburg heimgesucht. Dabei hat auch der auf der Nordlaudreise befindliche Kaiser seine bes andere Teilnahme telegraphisch kundgegeben. Landgraf von Glasenapp in Marien⸗ burg empfing nach derDanziger Zeitung aus Nordjordeidet in Norwegen folgendes Tele⸗ gramm:

Erfahre Brand Marienburgs. Sofort telegrapischen Bericht. Schloß vor allem schützen. Wilhelm.

Die Gesammtzahl der abgebrannten Gebäude beziffert sich auf 49, davon sind 17 Wohnhäuser und 32 Hintergebäude bezw. Lagerhäuser. Ob⸗ dachlos geworden sind im Ganzen etwa 200 Personen, für deren Unterkunft jedoch schon hinreichend gesorgt ist. Das Schloß kam nicht

in Gefahr. Billige Kleider.

Ein Gewebe, zart und duftig wie Battist und aus Kiefernholz hergestellt, zeigte gelegent⸗ lich des Ausfluges der Teilnehmer an der Jahres versammlung des oberschlesischen Städtetages nach Schloß Neudeck Graf Henckel von Donnersmarck auf Neudeck seinen Gästen. Es ist dies ein nach patentirtem Verfahren her⸗ gestellter Stoff aus Celluloid, welcher be⸗ stimmt scheint, in die Mannfaktur⸗ und Schnitt⸗ warenbranche einschneidende Veränderungen zu bringen. Graf Henckel hat in England das Patent zur Herstellung dieses Stoffes für 100 000 Mk. erworben neben zwei anderen Patenten für die Celluloid⸗Fabrikation und wird demnächst in seiner Holzstofffabrik Stahl- hammer mit der Herstellung dieses neuen Stoffes beginnen. Das vorgelegte Muster stellte einen Kleiderstoff dar, welcher vortrefflich waschbar und ebenso haltbar ist, wie Nessel⸗ oder sonstiges Gewebe und pro Meter nur 2 Pf. kostet. Für China werden schon jetzt in Eng- land zahlreiche derartige Stoffe gefertigt, von denen Anzüge hergestellt werden, die sich auf 17 Pf. stellen.

Kleine Mitteilungen.

* Gießen. Ein auswärtiger Kolporteur, der hier für einWeltmachts blatt Abonnenten sammelte, wurde wegen Sittlichkeitsverbrechen verhaftet. Gleichfalls eingesperrt wurde eine Anzahl armer Frauen, die sich des Kohlen⸗

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