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digen. Strafe dieser Arbeiter:
Nr. 16.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
1 Auslöschung ihres Lebens durch eine qualvolle Zuchthaus⸗ strafe von insgesamt 53jähriger Dauer!
Wer zweifelt da noch daran, daß gegen den „Arbeiterterrorismus“ ein ganz besonderes Zucht— hausgesetz vonnöten ist?
Ein kleiner Merkzettel.
Ueber das Rechnungsjahr 1899 giebt uns der Reichshaushalt die Ziffern der Aus- gaben für Kriegsheer und Kriegsflotte
Es betrugen für das Rechnungsjahr 1899 die Gesamtausgaben für die
Verwaltung des Reichs⸗ heeres. 642,792,981 Mk. 5 der Marine 120,120,868„
Die Reichs schuld hatte eine Zinsenlast von 75,613,309 Mk. Der Ertrag der Zölle und Verbrauchssteuern, die durchgängig drückende Auflagen auf die Lebensbedürfnisse der großen Masse sind, beläuft sich für das Rechnungsjahr 1899 auf 749,260,960 Mk. Die Summe der Reichs einnahmen überhaupt ist 1,5 77,867,893 Mk.
Was thut's, wenn Heeres⸗ und Flotten⸗ lasten schon unerträglich sind, neue Flotten⸗ pläne fordern neue ungeheuere Milliarden⸗ ausgaben, die Schraube ohne Ende dreht sich unaufhörlich, und die Brotwuchergefahr, eine Erhöhung des Getreidezolles, steht vor der Thür, bei der argrarischen„Revision“ der 1903 1 5 9 Handelsverträge. Merk's deutscher Michel!
Lohnbewegung der Pfarrer.
In eine Lohnbewegung sind die lutherischen Pfarrer des Harzes eingetreten. Auf der Herbstkonferenz der„lutherischen Vereinigung für den Harz“ in Tanne sprach Pastor Teich⸗ mann⸗Remlingen über die Regelung der Pfarr⸗ gehälter und vertrat folgende Forderungen: „A) Die Pfründe bleibt Eigentum der Einzel⸗ pfarre. Die das Diensteinkommen des Geist⸗ lichen überschreitenden Ueberschüsse werden in die Alterszulagekasse abgeliefert. b) Alle Ueber⸗ schüsse aus den Pfarrpfründen, sowie die Zu⸗ schüsse aus den Klosterfonds werden in eine Alterszulagekasse gezahlt, deren Verwaltung allein den kirchlichen Behörden untersteht. c) Das Anfangsgehalt ist auf 2400 Mark, das Eudgehalt auf 6000 Mark nebst Haus und Garten festzusetzen. Dabei ist es erstrebenswert, daß bei der Penstionierung das Haus wie in Anhalt zum Mietwerte der Einkommensteuer mitgerechnet wird. d) Der Zuschuß aus dem Klosterfonds muß in der Weise erhöht werden, daß die Reform durchführbar wird; da nämlich die Abzüge von den Stellen über 600 Mark erst mit Neubesetzung jener Stellen zu heben sind, so ist eine zweckentsprechende Erhöhung des Zuschusses aus dem Kloster⸗ fonds durchaus notwendig. e) Alle Stellen — auch die Patronatstellen— müssen unter das Gesetz gestellt werden. Die Versammlung war einstimmig mit diesen Ausführungen ein⸗ verstanden.“
Hoffentlich kommt es nicht zum Streik. Wie viele dieser Herren Pfarrer mögen wohl über die„unverschämten Forderungen der Arbeiter“ losziehen, wie viele gegen die Arbeiterbewegung agitieren? Wir erinnern an die Predigten kurz vor der Reichstagswahl gegen die sozialdemo⸗ kratische Arbeiterbewegung von der Kanzel herab. Recht bescheiden im Gegensatz zu den Geistlichen sind die Lehrer, die eine weit ver⸗ antwortlichere und anstrengendere Thätigkeit verrichten müssen, als die Geistlichen mit ihren paar Stunden Arbeit die ganze Woche. Die Lehrer sollten sich mit ihren Forderungen die Geistlichen zum Muster nehmen. Vornehmlich aber empfehlen wir den Arbeitern eine Nacheiferung der Geistlichen in dieser Beziehung.
Gegen den Krieg.
Der Pariser Gemeinderat, in dem bekannt⸗ lich die Sozialdemokratie sehr stark vertreten ist, nahm folgende Resolution an:
„In Erwägung, daß jeder Krieg die materiellen und moralischen Interessen der Menschheit beeinträchtigt und unter der Ver⸗ sicherung seiner vollen Sympathie für die Buren, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen,
spricht der Gemeinderat sein Bedauern
darüber aus, daß die europäischen Mächte
nicht durch ihr Eingreifen dem Konflikte vorgebeugt haben, der das Blutvergießen in
Südafrika zur Folge hat, und giebt gleich⸗
zeitig dem Wunsche Ausdruck, daß der Frieden
schnell geschlossen und nicht mehr gestört werde, da er ein Unterpfand ist in der Ver⸗ brüderung der Völker, ihrer fortschrittlichen
Entwickelung und ihrer Freiheit.“
Alle Welt ist entrüstet über das Vorgehen Englands gegen die Buren. In Deutschland, wo man sich vielleicht am meisten entrüstet, werden jedoch die ungeheuerlichsten Flotten⸗ forderungen aufgestellt, damit gleichfalls à la England Eroberungs⸗, Uebersee⸗, Weltpolitik getrieben werden kann. Wenn wir das nachher thun, ist das natürlich ganz etwas anderes. Selbstverständlich! Wir—„pachten“ bloß. Früher wurde geraubt, später„annektiert“ und jetzt„gepachtet“. Gewiß ein großer kultureller Fortschritt.
Der Krieg in Südafrika.
Die Engländer spielen eine ziemlich traurige Rolle im Kampf mit den Buren. Die letzteren zeigen sich— trotzdem sie weder in Kasernen gedrillt wurden, noch langsamen Schritt oder Parademarsch gelernt haben— als vortreffliche Soldaten. Jedenfalls werden sie den Eng⸗ ländern noch viel zu schaffen machen.
Fromme Wünsche.
Die Königin von England hat in der Thron⸗ rede, mit der sie das Parlament vertagte, dem Vertrauen Ausdruck gegegen, daß der gött— liche Segen auf dem Bemühen des Parla⸗ mentes und des Heeres ruhen werde, Frieden und gut Regiment in Südafrika wieder her⸗ zustellen und die Ehre Großbritanniens zu wahren.
Wie immer man zu dem Krieg zwischen England und Transval stehen mag, unzweifel⸗ haft ist, daß die Engländer den Krieg brutal provozierten. Fest steht ferner, daß die Boeren mindestens ebenso fromme Leute sind wie die Engländer und daß es der Präsident Krüger an Büibelfestigkeit mit der Königin von England aufnimmt. Nun beten beide Parteien zu ein und demselben Gott um Sieg, beide versichern, daß ihre Ehre auf dem Spiele und das gute Recht auf ihrer Seite stehe; was soll da der gute Gott thun? Vielleicht macht er es diesmal, wie einst der„alte Dessauer“ in einem Gebet vor der Schlacht bei Höchstädt(1704) ihm riet. Damals betete der„alte Dessauer“ vor der Front seiner Soldaten also:„Herr Gott im Himmel, hilf mir auch diesmal, daß ich meine Feinde schlage; willst Du mir aber nicht helfen, so hilf auch den Hundsföttern von Feinden nicht, sondern sieh' zu wie es kommt!“
Versuche an lebenden Menschen.
Der bekannte Nervenarzt Dr. Albert Moll führt in der„Zukunft“ eine Reihe von Fällen an, in denen Aerzte auf das brutalste an lebenden Menschen gewissenlose„Experimente“ vorgenommen haben. Ein russtscher Arzt stu⸗ dierte an Versuchspersonen die Uebertragbarkeit typhöser Fieber durch Impfung. Es gelang ihm nicht, Unterleibs- und Flecktyphus zu über⸗ tragen, wohl aber das Rückfallfieber. Ein süd⸗ deutscher Arzt injizierte(einspritzte) einem sechs⸗ undvierzigjährigen Geisteskranken, der in kürzester Zeit sterben mußte, Gonokokken(Tripperkokken), um künstlich eine Ansteckung zu erzeugen und deren Entwickelung zu beobachten.
Ein Kliniker von Ruf unternahm Ver⸗ suche am Herzen einer Frau, das iafolge einer Operation frei lag. Die Frau war mittellos und wurde dafür, daß sie sich die Ausübung eines Druckes auf das Herz und die Lungenarterie, die Kompression peripherer Ge⸗ fäße, elektrische Reizung der Zwerchfellnerven und des Herzens u. s. w. gefallen ließ, un⸗ entgeltlich verpflegt.
Andere Forscher unternahmen Impfversuche mit syphilitischem Material an Müttern, die ein
vom Vater her syyphilitisches Kind geboren hatten, obgleich man die Folgen davon schlechter— dings nicht voraussehen konnte.
Um die Uebertragbarkeit der Malaria festzu⸗ stellen, wurde Malartakranken Blut entnommen und anderen Patienten, die von dieser Krank⸗ heit frei waren, eingeimpft. Ein Arzt, der eine Kultur eingezüchteter Mikrokokken auf den normalen Bindehautsack eines menschlichen Auges übertragen hatte, erklärte selbst:„Ich muß gestehen, daß ich diesen Versuch mit einigem Zagen unternommen habe, weil ich fürchten mußte, daß etwa ein sehr fulminanter Prozeß zur Entwickelung kommen würde, indem ich gewissermaßen ein konzentriertes Material ein⸗ geimpft hätte.“ Dies war zwar nicht Fall, doch entstand bald danach ein typisches Augen⸗ leiden, das erst nach längerer Zeit geheilt werden konnte.
Ein Patient kommt mit einer schweren Hautaffektion— infolge von Antipyringenuß— in eine Klinik. Nach einiger Zeit ist er geheilt. Nach der Heilung wird ihm aber ohne sein Wissen wiederum Antipyrin gegeben, um den ursäch⸗ lichen Zusammenhang derartig intensiver Ver⸗ giftserscheinungen mit dem Genuß von Anuti⸗ pyrin experimentell festzustellen. Schmerzen beim Schlucken, Schwellung der Lippen, starke Speichelabsonderung, Schüttelfrost, Blaufärb⸗ ung, Schwellung an Händen und Füßen und auch allerlei Ausschläge traten ein; die Tem⸗ peratur steigt auf einundvierzig Grad; erst nach ungefähr vierzehn Tagen konnte der Patient zum zweitenmal geheilt entlassen werden.
„Das sind,“ sagt Moll,„nur einige Bei⸗ spiele von Versuchen, zu denen sich gelegentlich Aerzte in Kraukenhäusern für berechtigt halten.“
Die Opfer sind durchgängig mittellose Kranke, Proletarier, die fur diese scham⸗ losen Experimente benutzt werden, die nichts sind als schwere Vergehen gegen die Personen.
Pon Nah und Lern.
Mitteilungen aus unsexem Leserkreise sind je derzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle
zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Die Nokare.
* Die Ernennung von Notaren in Darm⸗ tadt, Offenbach und Gießen ist erfolgt und zwar anscheinend ohne Rücksicht auf die politische Ueberzeugung. So wurden neben den bekannten Nationalliberalen Osann und Weber⸗Offenbach die Freistnnigen Gallus, Schübler, Metz⸗ Gießen, der Ultramontane v. Brentano er⸗ nannt. In Gießen wurden weiter zu Notaren ernannt die Rechtsanwälte Römheld und Katz.
Wählerversammlungen.
* Zwei gut besuchte Volksversammlungen hielt der Landtagsabgeordnete Dr. David am vorigen Sonntag n Garbenteich und Großen⸗Linden ab. Redakteur Scheide⸗ mann sprach am Samstag Abend in Dau- bringen, am Sonntag in Staufenberg, Montags in Klein⸗Linden und am Dienstag Abend in Heuchelheim. Arbeitersekretär Müller⸗Darmstadt sprach am Dienstag Abend in Wieseck. Sämtliche Versammlungen waren gut besucht.
Der Landrat als Ofenvermittler.
k. In Nr. 84 des Kreisblattes für den Oberwesterwald findet sich folgende amtliche Bekanntmachung:
L. Nr. 11776 Marienberg, den 18. Oktober 1899.
Bei meiner Kreisbereisung habe ich gefunden, daß in den meisten Schulen unzweckmäßige Oefen aufgestellt sind, welche das Heizmaterial sehr schlecht verwerten und deshalb im Brand den Gemeinden unverhältnismäßig teuer zu stehen kommen. Ich ordne daher zur Ver⸗ meidung von Neubeschaffungen unzweckmäßiger Oe fen hierdurch an, daß die Herren Bürgermeister vor der Neubestellung von Oefen für Schulsäle oder Lehrer— wohnungen mir jedesmal Anzeige erstatten. Da bei muß mir Länge, Breite und Höhe des betreffenden zu heizenden Raumes in Metern zugegeben werden. Ich stehe mit einer leistungsfähigen Firma in Verbindung, die solide, zweckmäßige Oefen zu mäßigen Preisen liefert. In diesen Oefen


