Ausgabe 
12.3.1899
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. II.

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8. aus- höchstens 12 ausgezeichneten

Staatsbürgern, welche der Groß⸗ herzog auf Lebenszeit beruft.

Es wird niemand zu bestreiten wagen, daß die Erste Kammer aus sehr auserlesenen Menschen besteht. Unserem beschränkten Unter⸗ thanenverstand will es allerdings absolut nicht einleuchten, daß gerade Prinzen, Standesherren, Adelige und Geistliche die geeignetsten Vertreter und Gesetzgeber des Volkes sein sollen. Daß Leute aus den genannten Ständen die Interessen der Bevorrechteten mit Eifer und Ausdauer zu vertreten befähigt sind, daran ist keinen Augen⸗ blik zu zweifeln. N Wir halten die Erste Kammer für eine ganz und gar überflüssige Körperschaft und be⸗ dauern aufrichtig, daß die Zweite Kammer nichts beschließen und durchsetzen kann, ohne die Zu⸗ stimmung derErsten.

Sehen wir uns nun die

Zweite Kammer an. Dieselbe besteht aus: a. 10 Abgeordneten der Städte Darmstadt und Main(je 2 Abg.), Gießen, Offenbach, Friedberg, Alsfeld, Worms und Bingen (ie 1 Abg.); b b. 40 Abgeordneten aus den einzelnen Wahl⸗ bezirken des Großherzogtums. Die Provinz Starkenburg umfaßt 17, Rhein⸗ hessen 10 und Oberhessen 13 Landtagswahl⸗ bezirke. Der Wahlkreis Gießen⸗Land

ist der fünfte Oberhessische und umfaßt die Ge⸗

markungen Allendorf a. L.(1), Garbenteich(1), Großen⸗ Linden(3), Hausen(1), Heuchelheim(3), Klein⸗Linden(2), Langgöns(2), Leihgestern (2), Watzenborn und Steinberg(3), Alten⸗ Buseck(2), Annerod(1), Daubringen⸗Hei⸗ bertshausen(1), Großen⸗Buseck(3), Lollar (2), Mainzlar(1), Oppenrod(1), Rödgen und Trohe(1), Ruttershausen mit Kirchberg (1), Staufenberg mit Friedelhausen(1) und Wieseck(5.

Die Wahl zur Zweiten Kammer ist eine indirekte. Es müssen zunächsvt Wahlmänner gewählt werden. Wieviel Wahlmänner jeder Ort zu wählen hat, ist oben hinter den Orts⸗ namen in Klammern angegeben. Die Zahl der Wahlmänner richtet sich nach der Einwohnerzahl. Gemeinden mit weniger als 250 Einwohnern bilden mit einer Nachbargemeinde zusammen einen Wahlbezirk, z. B. Trohe und Rödgen. Bis zu 500 Einwohnern ist ein Wahlmann zu wählen. Für jede weitere 500 Seelen wird ein weiterer Wahlmann gewählt.

Wer kann Wahlmann werden? Wahlmann kann nur der werden, der ver⸗ schiedene Voraussetzungen erfüllt. Er muß zu⸗ nächst Hesse und 25 Jahre alt sein. Außer⸗ dem muß er mindestens 90 Mk. Steuer⸗ kapital versteuern. Das heißt mit anderen Worten, er muß pro Ziel mindestens 2 Mk. 10 Pfg. direkte Staatssteuern zahlen. Das ergiebt sich aus folgendem: Es werden er⸗ hoben pro Jahr an direkten Staatssteuern für eine Mark Gewerbe⸗Steuer⸗Kapital. 16 Pfg. Grund⸗Steuer⸗Kapital.. 14 Kapitalrenten⸗Steuer⸗Kap. 17 Einkommen⸗Steuer⸗Kapital 16 Nehmen wir nun an, es müßte jemand versteuern 25 Mk. Gew.⸗St.⸗Kap.= 25& 16 Pfg.= Mk. 4. 40 Mk. Grund⸗St.⸗K.= 40& 14 Pfg.= Mk. 5.60 25 Mk. Eink.⸗St.⸗Kap. 25 X 16 Pfg.= Mk. 4. 90 Mk. Steuerkapital jährliche Steuern Mk. 13.60 Auf das einzelne Ziel berechnet(6 im Jahre) ergiebt das Mk. 2.26 resp. Mk. 2.27. Würde nun jemand lediglich 90 Mk. Grundsteuer⸗ kapital zu versteuern haben, so zahlte er (90 X 14 Pfg.: 6), pro Ziel Mk. 2.10. Es wird also nicht danach gefragt, welcher Art das Steuerkapital ist, sondern Bedingung ist nur, daß derjenige, welcher Wahlmann werden will, 90 Mk. Stenuerkapital versteuert, pro

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Ziel also mindestens Mk. 2.10 direkte Staats⸗ steuern zahlt. Wer ist Urwähler?

Urwähler ist jeder 25 Jahre alte Hesse, der spätestens seit Anfang des Jahres, in dem die Wahl stattfindet, zur Steuerzahlung heran⸗ gezogen ist. Hier besteht keine Vorschrift über die Höhe des Steuersatzes. Wenn der Be⸗ treffende auch den niedrigsten Steuersatz zahlt, so ist er wahlberechtigt.

Don Nah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise find jederzeit willkommen.

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste ewissenhaftigke t

dei Uebermittelung von Kachrichten Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Abendunterhaltung derEintracht.

n. Einen recht gelungenen Verlauf nahm die am Samstag im Cafs Leib stattgefundene Abendunterhaltung. Die Aufführung des drei⸗ aktigen LustspielsJesuit und Freidenker erntete den lebhaftesten Beifall. Bezüglich der Gesänge wäre dem Verein zu empfehlen, bessere Auswahl in Zukunft zu treffen. Für derartige Abend⸗ unterhaltungen dürften sich etwas lebhaftere Kompositionen besser eignen, wie die zu Gehör gebrachten. Den Herren Sängern hätten wir übrigens mehr Feuer und größere Sicherheit gewünscht. Sangeskundige Genossen sollten sich derEintracht anschließen, um dieselbe zu kräf⸗ tigen. Einige tüchtige Sänger könnten in jeder einzelnen Stimme noch gebraucht werden. Infolge des umfangreichen Programms konnte der Tanz erst um 1 Uhr beginnen, für die tanzlustige Jugend, besonders die weibliche, viel zu spät. Der Kapelle könnte eine Revision ihres Tanz⸗ albums empfohlen werden. Der heutigen Jugend sind die altväterlichen Tanzweisen nicht mehr flott genug. Die zahlreichen Theilnehmer an der Abendunterhaltung amüsierten sich vortrefflich.

Oeffentliche Bücher⸗ und Lesehalle.

el. Im Monat Februar wurden ins⸗ gesamt ausgeliehen 1329 Bände(1330 im Januar). Davon entfallen auf Erzählungslitte⸗ ratur 640, illustr. Zeitschriften 490, Natur⸗ wissenschaften und Technologie 40, Jugendschriften 80, Kriegslitteratur 34, Länder⸗ und Völker⸗ kunde 25, Biographieen 12, ausländische Litte⸗ ratur 8 Bände. Diese verteilen sich auf die einzelnen Berufsklassen wie folgt: Es wurden verliehen a) an Männer: Handwerker 560, Arbeiter 120, Kaufleute 120, Beamte 155, Schüler und Studenten 90, ohne Berufsangabe 8 Bände; b) an Frauen: Hausfrauen und Töchter 210, Gewerbetreibende 36, Dienstmädchen und Arbeiterinnen 30 Bände. An außerhalb Gießens wohnende Arbeiter und Arbeiterinnen wurden verliehen 55 Bände(gegen 57 im Jan.). Im Anschluß hieran machen wir darauf auf⸗ merksam, daß in den Monaten März und April der Leseraum versuchs⸗ weise bis 10 Uhr abends(statt 9 Uhr) geöffnet bleibt. Bei genügender Benutzung wird diese Einrichtung eine dauernde werden. Es wäre sehr zu wünschen, daß in einem späteren Monatsberichte dieHandwerker nach den verschiedenen Branchen angeführt würden. Sicherlich sind die meisten der 560Hand⸗ werker doch Gesellen gewesen; durch die jetzigen Angaben erhält man kein klares Bild. Es ist nur von 120Arbeitern die Rede. während höchstwahrscheinlich die weitaus große Mehrzahl der 560Handwerker mit unter der RubrikArbeiter zu buchen wäre.

Barthel Turaser.

* Wie die Theater⸗Direktion mitteilt, wird demnächst in einer Volksvorstellung das Drama Barthel Turaser, mit Herrn Bauer von Frankfurt a. M. in der Titelrolle als Gast, aufgeführt werden. Die Preise sind jedoch für diese Vorstellung erhöht worden. Ein Logen⸗ platz kostet 1, Mk., ein Platz im Parterre (Sperrsitz, 1. und 2. Parkett, Estrade) 60 Pfg., Gallerie 30 Pfg. Wir können den Besuch dieser Vorstellung bestens empfehlen. InBarthel Turaser wird ein Stück echtes Proletarierlos aufgerollt.

Auch ein Jubiläum.

Am Montag jährte es sich zum fünfzigsten Male, daß weiland Ludwig III., Erbgroßherzog und Mitregent von Hessen, die sogenannten Freiheitsgulden schlagen ließ. Auf der Vorderseite ist der Kopf des nachmaligen Groß⸗ herzogs Ludwig III., der in jener großen Zeit der Begeisterung dem Freiheitsdrange seines Volkes Rechnung tragen mußte, zu sehen, während auf der Rückseite der Münze nachfolgende Errungen⸗ schaften eingeprägt sind:

Preßfreiheit Volksbe waffnung Schwurgericht Religionsfreiheit Deutsches Parlament 6. März 1849.

Mit der Preßfreiheit ist es heute, nach 50 Jahren, recht traurig bestellt. Volksbewaffnung is nich. Die Schwurgerichte werden nur mit sehr wohlhabenden Leuten besetzt, sie sind keine wirklichen Volksgerichte. Religionsfreiheit giebt's nicht. Und das deutsche Parlament sieht seine Hauptaufgabe darin, neue Mordwerkzeuge zu be⸗ willigen. Das sind 50 Jahre deutscher Ent⸗ wickelung infolge der jämmerlich⸗feigen Haltung des Bürgertums. s

Verwandte Seelen.

*Nicht allein der heilige Paasche hat es den Antisemiten angethan, sondern auch der in letzter Zeit so schnell bekannt gewordene Graf Pückler. Dieser hat einige Reden gegen die Juden ge⸗ halten und diese Reden dann drucken und als Flugblätter verbreiten lassen. Leider sind die Flugblätter und die antisemitische Staatsbürger⸗ Zeitung, welche die Flugschriften beilegte, kon⸗ sisziert worden. Wir bedauern das aufrichtig. Denn es wäre wirklich gut, wenn die Geistes⸗ Produkte der Antisemiten allgemein bekannt wür⸗ den. Hier eine Probe aus den Graf Pückler schen Flugblättern und Reden:

Frisch auf, ermanne Dich endlich und werde ein Held; tritt in die Reihen der christ⸗ lichen Streiter und fasse den Juden am Kragen mit Deiner bärenhaft starken] Faust und haue ihm die Jacke voll, daß die Knochen im Leibe krachen, dann wird der Mann jämmerlich um Gnade schreien und wieder Respekt bekommen vor der deutschen Kraft. Bleiches Entsetzen wird die Juden erfassen; sie werden plötzlich ihr Hab und Gut zusammenpacken und in Scharen die deutschen Grenzen verlassen. Hinterher erschallt das Hurra der Deutschen. Die wahre Humanität besteht darin, daß wir die Juden⸗ bande jetzt endlich hinauswerfen, um das eigene Volk zu retten, es ist besser, daß 600,000 Juden auf der Strecke liegen, als daß die ganze Nation zu Grunde geht. Jeder ist sich selbst der Nächste, wir handeln nur in Notwehr, wenn wir uns energisch wehren gegen dieses fremde Gesindel.

Das klingt zwar nicht besonders christlich, ist aber echt antisemitisch. Wie gut es den Anti⸗ semiten gefällt, zeigt folgende Notiz, die wir im Organ des Abg. Köhler finden:

Frankfurt a. M. In der starkbesuchten Monatsversammlung des Deutschen Ver⸗ eines(das ist der Verein der Frankfurter Antisemiten. Red. d. M S.⸗Z.), wurde ein⸗ stimmig der Beschluß gefaßt, nachstehende Zu⸗ stimmungserklärung an den Grafen Pückler zu jenden:

Für die mannhaften, echt patriotischen Worte, die Sie dem bei uns hausenden Fremdvolke in die Zähne geschleudert haben, erlaubt sich der Deutsche Verein zu Frankfurt a. M. wärmsten Dank und begeisterte Zustimmung auszusprechen.

Verwandte Seelen, in der That.

Arbeiter⸗Sänger⸗Konferenz.

Am 26. Februar tagte in Frankfurt a. M. eine Konferenz von Arbeitergesangvereinen zwecks Gründung eines Arbeiter⸗Sänger⸗ bundes für den Rhein⸗ und Maingau. Besucht war dieselbe von 39 Gesangvereinen aus

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