Ausgabe 
11.6.1899
 
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Seite 6. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. 5 Nr. 21. 5 er furchtsame Blicke nach rechts und Iints auf Hessischer Landtag e die weißen abgezehrten Gesichter der 250 1

Steuerdebatten.

* Die Regierung hat sich wieder einmal belehren lassen müssen, daß sich die Kammer doch nicht immer einschüchtern läßt. Der Antrag der Sozialdemo⸗ kraten, auch alle Gesellschaften, welche das Recht der juristischen Person haben, zu besteuern, wurde nach längerer Debatte angenommen, trotzdem Staatsrat v. Krug erklärte, die Regierung werde einen solchen Beschluß nicht annehmen. Gemildert wurde die Annahme durch ein gegen die Stimmen der Sozial⸗ demokraten gutgeheißenes Amendement des Abgeordneten Friedrich, wonach neben Staat und Kommune Kirchen, Schulen und milde Stiftungen von der Ver⸗ mögenssteuer befreit sein sollen. Nach eingehender Dis⸗ kussion wurde mit 19 gegen 17 Stimmen ein Antrag unserer Genossen abgelehnt, der dahin ging, kostbare und luxuriöse Wohnungseinrichtungen, Gemälde, Juwelen u. s. w., der Vermögens steuer zu unterwerfen, wenn der Wert 5000 Mk. übersteizt. Abg. Friedrich schlug vor, statt 5000 Mk. zu sagen 8000 Mk. Der nationalliberale Advokat Jöckel von Friedberg malte das rote Gespenst an die Wand. Der sozialdemokratische Antrag bedeute einen Schritt auf dem Weg, der zur Vermögenskonfiskation führe.(Huhu! Hat der Mann Angst!) Der Antrag Friedrich wurde mit 20 gegen 16 Stimmen angenommen!

Bei Artikel 13, der die Steuerklassen festlegt, haben die Sozialdemokraten eine wesentlich here Pro⸗ gression vorgeschlagen. Bei dieser Gelegenheit hielt Gen. Ulrich eine finanz⸗ und steuerpolitische Rede, der mit Aufmerksamkeit zugehört wurde. Geh. Staatsrat v. Krug erklärt, daß eine Skala, wie sie vom Abg. Ulrich vorge⸗ schlagen worden, für die Regierung unannehmbar sei. Es wurde ein Antrag vom Abg. Weidner eingebracht, den Artikel 13 zurückzustellen, bis die Stempelsteuer⸗ vorlage an das Haus gelangt sei. Dieser Antrag wird nach längerer Diskussion, an der sich noch Gen. David beteiligte, angenommen. Die übrigen Artikel bis zum Schluß des Gesetzes werden ohne Debatte nach den Aus⸗ schußanträgen erledigt.

Klasseulotterie.

In der Beratung des Gesetzentwurfs über Einfüh⸗ rung einer staatlichen Klassenlotterie halten die Abgg. Dr. Schröder und Ulrich ihre prinzipiellen Be⸗ denken aufrecht. Letzterer kann sich selbst durch das Ge⸗ schäft, das die Staatskasse machen werde es soll von einem Unternehmer das Angebot von Mk. 700 000 ge⸗ macht worden sein, also weit mehr, als man annahm nicht für die Lotterie gewinnen lassen. Die Abgeordneten Pennrich, Molthan und Brentauo vertreten den Cen⸗ trums standpunkt und werden aus praktischen Gründen für die Lotterievorlage stimmen. Staatsminister Rothe verwahrt sich Namens der Regierung ganz entschieden gegen die Behauptung, die Lotterie sei unmoralisch. Nach ausgedehnter weiterer Debatte wird das Lotterie⸗ gesetz mit großer Mehrheit angenommen.

Der Entwurf des Hundesteuergesetzes, dessen Beratung nunmehr vorgenommen wird, findet nach ein⸗ gehender Erörterung ohne wesentliche Aenderung An nahme.

Preußen in Hessen.

Eine Anfrage das Abg. Köhler-Langsdorf über das Verbot des Verkaufs von Preßerzeugnissen auf den hessischen Bahnhöfen beantwortet Ministerialrat Ewald dahin, daß ein solches Vorgehen der preußisch⸗-hessischen Gemeinschaftsverwaltung durch die Bestimmungen des § 17 des Gemeinschafts⸗ Vertrages gerechtfertigt werde. Die Abgg. Köhler, Dr. David, Ulrich und andere sprechen sich entschieden gegen das Verbot des Verkaufs bestimmter Zeitungen auf den Bahnhöfen aus. Genosse Dr. David hält das Verbot für einen treffenden Aus⸗ druck der reaktionären Strömung, die von Berlin aus sich nach allen Richtuvgen ausbreite und an Censurmaßregeln und Polizeiüberwachungen das Menschenmögliche leiste. Jetzt treffe das Verbot vor⸗ nehmlich die sozialdemokratische Presse. Unter gegebenen Verhältnissen aber werde man sich nicht scheuen, auch alle übrigen Parteien zu treffen.

Wie sehr sich die hessische Regierung in Abhängigkeit von Preußen fühlt, ging aus den Außerungen des Ministerialrats E wlald und des Ober finanzrats Rohde hervor. Ersterer meinte: Die Regierung sei durch die Bestimmung des Staatsvertrags gebunden und sei der Meinung, daß sie in dieser Sache einen Einfluß nicht ausüben könne. Ihre Pflicht habe sie nicht vergessen. Und letzterer erklärte: Die Frage, ob die Regierung die hessische Landeshoheit vertreten wolle, bedürfe keiner Antwort. Die Verwaltungsbehörde(natürlich ist die preußische gemeint!) sei im Recht, die Regierung habe gar nicht hineinzureden. f

Der Unwillen des Volkes mit dem Verhalten der hessischen Regierung in den Fällen Dettweiler und Küchler, sowie auch jetzt gegenüber Preußen wird bei den kommenden Wahlen im Herbst dieses Jahres zum Ausdruck kommen. Für diejenigen, die mit der Regie⸗ xung unzufrieden sind, muß die Parole lauten: Mehr Sozialdemokraten in den Landtag!

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Unterhaltungs⸗TCeil.

Aus den Liedern des Mirza Schaffp.

Ich liebe, die mich lieben Und hasse, die mich hassen So hab' ich's getrieben Und will davon nicht lassen.

Dem Mann von Kraft und Mute Gilt dieses als das Rechte: Das Gute für das Gute, Das Schlechte für das Schlechte!

Man liebt, was gut und wacker Man kost' der Schönheit Wange, Man pflegt die Saat im Acker Doch man zertritt die Schlange.

Unbill an Ehr' und Leibe Verzeihet nur der Schwache Die Milde ziemt dem Weibe, Dem Manne ziemt die Rache!

Friedrich Bodenstedt.

Der Krankenwärter des Tata.

Erzählung von Edmondo de Amicis.

Am Morgen eines regnerischen Märztages meldete sich ein bäurisch gekleideter, vom Regen ganz durchnäßter und beschmutzter Knabe mit einem Bündel Kleider unter dem Arme, beim Thürsteher des großen Spitals in Neapel und fragte nach seinem Vater, indem er einen Brief vorwies. Er hatte ein ovales, bräunliches aber bleiches Gesicht, nachdenkende Augen und zwei volle halbgeöffnete Lippen, die schneeweiße Zähne sehen ließen. Er kam aus einem Dorfe in der Umgebung von Neapel. Sein Vater, der vor einem Jahre von Hause weggereist war um in Frankreich Arbeit zu suchen, war nach Italien zurückgekehrt und vor einigen Tagen in Neapel ans Land gestiegen, wo er plötzlich erkrankt, kaum Zeit hatte, eine Zeile an die Familie zu schreiben, um ihr seine Rückkehr anzukündigen und ihr mitzuteilen, daß er in das Spital ein⸗ treten müsse. Seine Frau, trostlos ob dieser Nachricht und nicht im stande von zu Hause wegzugehen, weil sie ein krankes Mädchen und einen Säugling hatte, schickte ihren ältesten Sohn mit einigen Soldi nach Neapel, um seinem Vater, dem Tata, wie man dort sagt, beizustehen. Der Knabe hatte zehn Meilen Weges gemacht.

Nachdem der Thürhüter einen Blick in den Brief geworfen, rief er einem Krankenwärter und sagte ihm, er solle den Knaben zum Vater führen.

Wer ist der Vater? fragte der Kranken⸗ wärter.

Der Knabe, zitternd vor Furcht, eine traurige Antwort zu vernehmen, nannte den Namen.

Der Krankenwärter erinnerte sich dieses Namens nicht.

Ein von auswärts gekommener alter Arbeiter? fragte er.

Arbeiter ja, anwortete der Knabe, immer ängstlicher werdend;nicht so sehr alt. Von auswärts gekommen, ja.

Wann in das Spital getreten? fragte der Krankenwärter.

Der Knabe warf einen Blick in den Brief 15 antwortete:Vor fünf Tagen glaube ich.

Der Krankenwärter dachte ein wenig nach; dann, als ob er sich plötzlich erinnere: Ah! sagte er,im vierten Saal im letzten Bette.

Ist er schwer krank? Wie befindet er sich? fragte der Knabe ängstlich.

Der Krankenwärter betrachtete ihn ohne zu ü- Dann sagte er:Komm mit mir.

Sie stiegen eine Treppe hinauf, gingen durch einen breiten Korridor und befanden sich vor der Thüre eines Saales, in dem zwei Reihen Betten standen.Komm, sagte der Kranken⸗ wärter, indem er eintrat. Der Knabe nahm

seinen Mut zusammen und folgte ihm, indem

warf, von denen die einen mit geschlossenen Augen wie tot dalagen, andere dagegen er⸗ schrocken in die Luft starrten. Mehrere wim⸗ merten wie Kinder. Das Zimmer war dunkel, die Luft mit einem durchdringenden Geruch von Arzneien geschwängert. Zwei barmherzige Schwestern gingen mit Fläschchen in der Hand umher. Am Ende des Zimmers angekommen, stand der Krankenwärter beim Kopfende eines Bettes still, zog den Vorhang und sagte: Hier ist Dein Vater.

Der Knabe brach in Thränen aus, ließ seinen Bündel fallen, lehnte den Kopf auf die Schulter des Kranken und ergriff mit einer Hand den Arm, den jener unbeweglich auf der Decke ausstreckte. Der Kranke rührte sich nicht.

Der Knabe erhob sich und betrachtete den Vater und fing von neuem an zu weinen. Nun heftete der Kranke einen langen Blick auf ihn und es schien, als ob er ihn erkenne. Aber seine Lippen bewegten sich nicht.Armer Tata,

wie sehr hatte er sich verändert! Der Sohn

hätte ihn nie erkannt. Die Haare waren weiß geworden, der Bart war gewachsen, das Gesicht geschwollen und ganz gerötet, mit gespannter und brennender Haut, die Augen waren kleiner, die Lippen wulstig, das Aussehen ganz verändert: nichts war mehr gleich als die Stirne und der Bogen der Augenbrauen. Er atmete mit Mühe.Tata mein Tata! sagte der Knabe.Ich bin es, kennt Ihr mich nicht? Ich bin Ciccillo, Euer Ciccillo, vom Dorfe hereingekommen, die Mutter hat mich geschickt. Sehet mich doch an, erkennt ihr mich nicht? Sagt mir nur ein Wort.

Aber nachdem ihn der Kranke aufmerksam betrachtet hatte, schloß er die Augen.

Tata! Tata! was habt Ihr? Ich bin Euer Sohn, Euer Ciccillo.

Der Kranke bewegte sich nicht mehr und fuhr fort schwer zu atmen.

Nun nahm der Knabe weinend einen Stuhl, setzte sich und wartete, ohne den Blick vom Gesichte seines Vaters abzuwenden. Ein Arzt wird bald vorbeikommen, wenn er Besuche macht, dachte er. Er wird mir etwas sagen. Und er versenkte sich in seine trau⸗ rigen Gedanken, erinnerte sich an so vieles von seinem guten Vater, an den Tag der Abreise, als er ihm an Bord des Schiffes das letzte Lebewohl zugerufen hatte, an die Hoffnung, welche die Familie auf diese Reise gesetzt, an die Trostlosigkelt seiner Mutter bei der Ankunft des Briefes; auch an deu Tod dachte er; er sah seine Mutter im Trauerkleide, die Familie im Elend. Und er blieb lange so. Als eine leichte Hand seine Schulter berührte, fuhr er auf: es war eine Nonne.Was hat mein Vater? fragte er sie rasch.Ist es Dein Vater? fragte die Schwester mit süßer Stimme.Ja, meine Mutter sandte mich zu ihm: Was hat er?Mut, Knabe! antwortete die Schwester;bald wird der Arzt kommen. Und sie entfernte sich, ohne etwas anderes zu sagen. Nach einer halben Stunde hörte er den Ton einer Glocke und sah den Arzt, begleitet von einem Assistenten, ins Zimmer treten; die Schwester und ein Krankenwärter folgten ihnen. Sie begannen die Besuche, indem sie bei jedem Bett stehen blieben. Dieses Warten schien dem Knaben eine Ewigkeit und bei jedem Schritt des Arztes wuchs seine Angst. Endlich langte er bei dem benachbarten Bette an. Der Arzt war ein hoher, aber gebeugter Greis mit ernstem Gesicht. Bevor er von dem benachbarten Bette wegging, erhob sich der Knabe und begann zu weinen, als er sich näherte. f

Der Arzt betrachtete ihn,Es ist der Sohn des Kranken, sagte die Schwester, er ist diesen Morgen aus seinem Dorfe hierher gekommen.

Der Arzt legte ihm eine Hand auf die Schulter, dann neigte er sich auf den Kranken, griff ihm den Puls, berührte ihm die Stirne und stellte einige Fragen an die Schwester, welche antwortete:Nichts Neues. Er blieb

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