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Nr. 24.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
ein wenig nachdenkend, dann sagte er:— „Fahret fort, wie bisher.“
Nun faßte der Knabe Mut und sagte mit weinenlicher Stimme:—„Was hat mein Vater?“
„Fasse Mut, mein Sohn,“— antwortete der Arzt, ihm die Hand wieder auf die Schulter legend.—„Er hat die Gesichtsrose. Es ist gefährlich, aber es ist noch Hoffnung vorhanden. 12 5 ihn. Deine Gegenwart wird ihm gut
un.“
—„Aber er erkennt mich nicht!“— rief der Knabe in hoffnungslosem Tone aus.
—„Er wird Dich erkennen... morgen vielleicht. Hoffen wir das Beste, fasse Mut.“
Der Knabe hätte gern mehr gefragt; aber er wagte es nicht. Der Arzt ging weiter. Und nun begann er sein Amt als Krankenwärter. Da er nichts weiteres thun konnte, so legte er dem Kranken die Decken zurecht, hielt fast immer dessen Hand, scheuchte ihm die Fliegen fort, beugte sich bei jedem Seufzer über ihn und wenn die Schwester zu trinken brachte, nahm er das Glas oder den Löffel aus der Hand und reichte es an ihrer Statt dem Kranken; dieser betrachtete ihn einigemal; aber er gab kein Zeichen, daß er ihn kenne. Doch blieb sein Blick immer länger auf ihm haften, besonders wenn er das Taschentuch an die Augen hielt.
So ging der erste Tag vorüber. Während der Nacht schlief der Knabe auf zwei Stühlen in einem Winkel des Zimmers und am Morgen begann er sein liebevolles Werk wieder. Heute schien es, als ob die Augen des Kranken ein Zurückkehren der Besinnung verrieten. Bei der liebkosenden Stimme des Knaben schien ein un⸗ bestimmter Ausdruck von Dankbarkeit in seinen Augen zu glänzen, und einmal bewegte er die Lippen, als ob er etwas sagen wolle. Nach jedem kurzen Schlummer schien es, als suche er seinen kleinen Krankenwärter. Der Arzt, der zweimal vorbeigekommen war, bemerkte eine kleine Besserung. Gegen Abend, als er dem Munde des Kranken ein Glas näherte, glaubte der Knabe auf den geschwollenen Lippen ein leichtes Lächeln schweben zu sehen. Jetzt faßte er neuen Mut und begann zu hoffen. Und in der Hoffnung, verstanden zu werden, wenn auch unvollständig, fing er an zu erzählen; er erzählte ihm weitläufig von der Mutter, von den kleinen Schwestern, von der Rückkehr nach Hause, und er ermahnte ihn mit warmen und liebevollen Worten, Mut zu fassen. Und obgleich im Zweifel ob er auch wirklich verstanden werde, erzählte er doch, denn es schien ihm, daß der Kranke, wenn er auch den Sinn der Worte nicht fasse, seine Stimme, diesen ungewohnten Klang voll Zuneigung und Mitgefühl, mit einem gewissen Wohlgefallen anhöre. Und in dieser Weise verstrich der zweite Tag und der dritte und der vierte, während leichte Besserungen mit plötzlichen Rückfällen wechselten; und der Knabe war von seiner Pflege so in Anspruch genommen, daß er nur zweimal des Tages ein wenig Brot und ein Stückchen Käse kaute, welche im die Schwester brachte; sonst sah er fast nichts von dem, was um ihn vorging, weder die sterbenden Kranken, das plötzliche Herbeilaufen der Schwestern in der Nacht, das Weinen und die Verzweiflung der Besuchenden, welche ohne Hoffnung fortgingen, noch alle diese schmerzlichen und düsteren Szenen eines Tageslaufs im Spital, welche ihn sonst erschreckt und ergriffen hätten. Die Stunden, die Tage gingen vor⸗ über und er war immer bei seinem Tata, auf⸗ merksam, vorsorgend, zitternd bei jedem seiner Seufzer und bei jedem seiner Blicke, ruhelos und in Aufregung zwischen dem Schimmer einer Hoffnung, die ihm die Seele erhob und der bangen Sorge, die ihm das Herz zusammenpreßte.
Am fünften Tage verschlimmerte sich plötz⸗ lich der Zustand des Kranken.
Als er den Arzt fragte, schüttelte dieser den Kopf, als wolle er sagen, alles sei zu Ende und der Knabe ließ sich auf den Stuhl sinken, indem er in Schluchzen ausbrach. Immerhin tröstete ihn etwas. Obschon sich der Zustand des Kranken verschlimmerte, glaubte der Knabe zu bemerken, daß er langsam seine Besinnung wieder gewinne. Er betrachtete den Knaben
immer fester und mit einem Ausdruck wachsen⸗ der Zärtlichkeit, wollte von niemand als von ihm einen Trunk oder eine Arznei annehmen und öfters zwang er die Lippen zu einer Be⸗ wegung, als wolle er ein Wort aussprechen, und er machte es oft so deutlich, daß der Sohn, von einer plötzlichen Hoffnung belebt, heftig seinen Arm ergriff und ihm mit fast freudigem Aus⸗ druck sagte:—„Mut, Mut, Tata, Du wirst genesen, wir werden nach Hause gehen und zu der Mutter zurückkehren, noch ein wenig Mut!“
Es war 4 Uhr abends, und der Knabe hatte sich gerade einem dieser Stürme von Zärtlich⸗ keit und Hoffnung hingegeben, als er von der Thür des nächsten Zimmers her ein Geräusch von Schritten und dann eine Stimme hörte, nur drei Worte:—„Auf Wiedersehen Schwester!“ — die ihn mit einem unterdrückten Schrei auf⸗ springen machten.
Im gleichen Augenblick trat ein Mann mit
einem Bündel in der Hand von einer Schwester
gefolgt in das Zimmer. Der Knabe stieß einen durchdringenden Schrei aus und blieb aufseinem Platze wie angewurzelt.
Der Mann kehrte sich um, betrachtete ihn und stieß auch einen Schrei aus:—„Ciccillo!“— und stürzte auf ihn zu.
Der Knabe fiel erschöpft in die Arme seines Vaters.
Die Schwestern, die Krankenwärter, der Assistent eilten herbei und standen voll Er⸗ staunen da.
Der Knabe konnte kein Wort hervorbringen.
—„O, mein Ciccillo!“ rief nach einem aufmerksamen Blick auf den Kranken der Vater aus, indem er seinen Sohn küßte und wieder küßte.—„Ciccillo, mein Sohn, wie kommst Du hierher! Sie haben Dich an das Bett eines anderen geführt. Und ich fürchtete schon, Dich nicht mehr zu sehen, als mir die Mutter schrieb: ich habe ihn geschickt. Armer Ciccillo! Seit wie viel Tagen bist Du hier? Wie war diese Verwechslung möglich? Ich hatte mich binnen kurzem erholt. Ich bin jetzt gesund, weißt Du! Und die Mutter? Und Concettella? Und unser Nesthäkchen? Wie geht es ihnen? Ich verlasse nun das Spital. Komm', laß uns gehen. O großer Gott! Wer hätte das je gedacht?“
Der Knabe konnte nur mit Mühe einige Worte stammeln und Nachrichten von der Familie geben.—„O wie bin ich so froh! Welch' böse Tage habe ich verlebt!“— und er konnte nicht aufhören seinen Vater zu küssen. Aber er wich nicht von der Stelle.—„So komm,“— sagte der Vater zu ihm.—„Wir können noch heute Abend zu Hause sein. Gehen wir.“— Und er zog ihn zu sich.
Der Knabe kehrte sich um und betrachtete seinen Kranken.
—„Nun.. kommst Du oder kommst Du nicht?“— fragte ihn der Vater verwundert.
Der Knabe warf noch einen Blick auf den Kranken, der in diesem Augenblicke die Augen öffnete und ihn fest ansah.
Nun löste es sich von seinem gepreßten Herzen in einem Strom von Worten.—„Nein, Tata, warte.. nein ich kann nicht. Da, sieh' den Alten an. Seit fünf Tagen bin ich hier. Er betrachtet mich immer. Ich glaubte, Du seiest es. Ich liebte ihn sehr. Er schaut mich an, wenn er trinken will, er will mich immer um sich haben, jetzt geht es ihm sehr schlecht, habe Geduld, ich habe nicht den Mut, ich weiß nicht, es geht mir zu sehr zu Herzen, ich werde morgen nach Hause kommen, laß mich noch ein wenig dableiben, es geht nicht an, daß ich ihn jetzt verlasse, sieh, wie er mich betrachtet, ich weiß nicht wer er ist, aber er verlangt nach mir, er würde allein sterben, laß mich hier, lieber Tata!“
—„Braver Junge!“ rief der Assistent.
Der Vater sah den Knaben verwundert an; dann betrachtete er den Kranken.—„Wer ist's?“ fragte er.
—„Ein Bauer wie Ihr,“— antwortete der Assistent,„von auswärts gekommen, welcher am gleichen Tag wie Ihr in das Spital ein⸗ getreten ist. Sie trugen ihn besinnungslos hier⸗ her und er konnte nichts sagen. Vielleicht hat
er eine ferne Familie, Söhne. Er wird glauben, der Eurige sei einer der seinigen.“
Der Kranke betrachtete immer den Knaben.
Der Vater sagte zu Ciccillo:—„So bleibe da.“
—„Er muß nur noch kurze Zeit bleiben;“ murmelte der Assistent.
—„Bleibe,“ wiederholte der Vater.„Du hast ein Herz. Ich gehe sofort nach Hause, um die Mutter aller Angst zu entheben. Hier ist ein Thaler für Deine Bedürfnisse. Lebe wohl, mein braver Sohn. Auf Wiedersehen.“
Er küßte ihn, sah ihm scharf ins Gesicht, küßte ihn noch einmal auf die Stirne und ging.
Der Knabe kehrte zum Bette und der Kranke schien getröstet. Ciccillo fuhr wieder fort den Krankenwärter zu machen, zwar nicht mehr unter Thränen, aber mit gleicher Sorgfalt, mit der gleichen Geduld wie früher; er gab ihm wieder zu trinken, legte ihm die Decken zurecht, streichelte ihm die Hand und sprach ihm freund⸗ lich zu, um ihn zu ermutigen. Er pflegte ihn den ganzen Tag, die ganze Nacht und blieb auch noch den folgenden ganzen Tag bei ihm. Aber des Kranken Zustand verschlimmerte sich immer mehr; sein Gesicht wurde blau, der Atem rascher, die Unruhe wuchs, unartikulierte Laute entflohen seinem Munde, die Geschwulst nahm schrecklich zu. Am Abend sagte der Arzt bei seinem Besuche, daß er die Nacht nicht überleben würde. Und alsdann verdoppelte Ciccillo seine Pflege und verlor ihn keinen Moment aus dem Auge. Und der Kranke betrachtete ihn immer⸗ fort, und bewegte noch die Lippen von Zeit zu Zeit mit großer Anstrengung, als ob er etwas sagen wolle, und ein Ausdruck außerordentlicher Zaͤrtlichkeit lag in den Augen, die immer kleiner wurden und sich mehr und mehr ver⸗ schleierten. Und diese Nacht wachte der Knabe bei ihm, bis er das erste Dämmerlicht des kommenden Tages sah und die Schwester er⸗ schien. Die Schwester näherte sich dem Bette, warf einen Blick auf den Kranken und ging eiligen Schrittes fort. Wenige Augenblicke nachher erschien sie wieder mit dem Assistenten und einem Krankenwärter, der eine Laterne trug.
—„Er liegt in den letzten Zügen,“— sagte der Arzt.
Der Knabe ergriff die Hand des Kranken. Dieser öffnete die Augen, betrachtete ihn und schloß sie wieder.
In diesem Augenblick glaubte der Knabe, seine Hand werde gedrückt.—„Er hat mir die Hand gedrückt!“— rief er aus.
Der Arzt blieb einen Augenblick auf den Kranken geneigt, dann erhob er sich.„Die Schwester nahm ein Kruzifix von der Wand. —.„Er ist tot!“ rief der Knabe.
—„Gehe, mein Sohn,“— sagte der Arzt. „Dein heiliges Werk ist zu Ende. Gehe, und das Glück, das Du verdienst, sei mit Dir. Lebe wohl.“
Die Schwester, die sich einen Augenblick ent⸗ fernt hatte, kehrte mit einem Veilchensträußchen, das sie aus einem Glase auf dem Fenstergesimse genommen hatte, zurück und reichte es dem Knaben, indem sie sagte:—„Ich kann Dir nichts anderes geben. Nimm das als Andenken an das Spital.“
—„Dank,“— sagte der Knabe, indem er mit einer Hand das Sträußchen ergriff und mit der andern die Augen trocknete;—„aber ich muß so weit zu Fuß gehen... ich würde sie verderben.“ Und nachdem er das Sträuß⸗ chen aufgelöst hatte, streute er die Veilchen auf das Bett, indem er sagte:—„Ich lasse sie als Andenken meinem armen Toten. Dank, Schwester, Dank, Herr Doktor.“— Dann, in⸗ dem er sich zum Toten wandte:—„Addio“ ...— Und während er einen Namen suchte, den er ihm geben könnte, kam ihm vom Herzen der süße Name auf die Lippen, welchen er ihm während fünf Tagen gegeben hatte:—„Addio, armer Tata!“ 5
Als er dies gesagt hatte, nahm er sein Bündel unter den Arm und langsamen Schrittes, von der Müdigkeit erschöpft, entfernte er sich. Der Tag war angebrochen.


