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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
wird die Lage der Landwirte so vorteilhaft, wie nur möglich, gestalten, ihnen gestatten, die Hypothekenzinsen statt in Geld, durch Naturalien zu begleichen, und ihnen, weit entfernt, sie zu enteignen, die vollkommensten Produktionsmittel zur Verfügung stellen. Wo der Kleinbetrieb vorteilhafter, als der Großbetrieb ist, wird er erhalten bleiben; wo es der genossenschaftliche Großbetrieb ist, wird er von den Landwirten schließlich selbst gefordert werden.„Die Bauern“, sagt Kautsky a. a. O, S. 446,„haben von der Sozialdemokratie nichts zu fürchten, sie haben alles von ihr zu hoffen. Allerdings, in der heutigen Gesellschaft kann sie keineswegs alle ihre Wünsche erfüllen, aber nicht deswegen, weil es ihr an gutem Willen mangelt, sondern weil viele dieser Wünsche fromme Wünsche bleiben müssen, die auch eine andere Partei nicht im Stande ist, zu erfüllen. In Ver⸗ sprechungen kann die Sozialdemokratie mit den agrarischen Parteien nicht konkurriren, was aber für die Landbevölkerung in der heutigen Gesellschaft zu thun ist, das thut sie, das kann nur sie allein in vollem Maaße thun, weil sie dem Kapital rücksichtsloser entgegentreten kann, als irgend eine der bürgerlichen Parteien. Weit mehr noch, als von der Sozialreform im Rahmen der heutigen Gesellschaft, haben die Bauern vom Uebergang zur sozialistischen zu erwarten. Die Enteignung, das ist die kapita⸗ listische Methode, den Uebergang von niedrigen zu höheren Betriebsformen zu vollziehen.“ Heute muß sich der Bauer gegen jeden Fortschritt wehren und damit langsam verkommen, der Sozialismus wird ihn der gesellschaftlichen Fortschritte teilhaftig machen, ihm nicht die Ent⸗ eignung, sondern den sichersten Schutz davor bringen. Ebensowenig wird der Sozialismus das eigene Heim aufheben. Der Sozialismus beruht auf dem Gemeineigentum an den Pro⸗ duktionsmitteln, nicht auf dem an den Genuß⸗ mitteln. Diese bleiben Privateigentum. Und hierzu gehört als eins der wichtigsten, vielleicht das wichtigste: das eigene Heim. Kautsky schließt sein Werk über diesen Punkt mit den Worten:„Dem Bauern braucht um sein Haus nicht bange zu sein. Das sozialistische Regime wird nicht ohne Spuren daran vorbeigehen, aber die Aenderungen, die es mit sich bringt, werden nicht zum Nachteil des bäuerlichen Heims ausfallen. Vielleicht nirgends äußert sich der Niedergang der Bauernschaft so deutlich, wie in ihren Häusern. Und doch hat der Bauer Sinn für Reinlichkeit und Schönheit; überall, wo er in Wohlstand lebt, tritt das zu Tage. Das bäuerliche Haus der Vorzeit ist das Entzücken der Architekten. Es bedarf jedoch nur des Wohlstandes und der Muße, um den Bauern wieder zum Künstler zu machen. Das siegreiche Proletariat wird sie ihm bringen.“
Wir sind am Ende. Was wir aus Kautskys Werk geboten haben, war nur ein schwacher Ab⸗ glanz, eine Wie ergabe hauptsächlicher Gesichts⸗ punkte, die trotz aller Sorgfalt, mit der sie vorgenommen, lückenhaft und unvollständig bleiben mußte. Bei der Fülle der neuen Ge⸗ danken und des gebotenen Materials ließ sich nur schwer die richtige Auswahl auf engem Raume treffen. Zweck unserer Zeilen war, die Leser zum Studium des Werkes anzuregen.
Elenchus.
Politische Rundschau.
Gießen, den 9. Juni.
Im Zeichen des Zuchthauses.
In entschiedener Weise hat sich die gesamte Arbeiterpresse gegen die Zuchthausvorlage ge— äußert. Hundertfältig wird der Nachweis er— bracht, daß es sich um ein Ausnahmegesetz schlimmster Sorte handelt. Keiner unserer Leser zweifelt an diesem Ausnahmecharakter der Zucht⸗ hausvorlage, deshalb sehen wir von der Wieder⸗ gabe sozialdemokratischer Preßäußerun zen ab, wollen dagegen die Stellungnahme der bürger⸗ lichen Presse des Näheren prüfen.
Die freisinnig demokratische Presse ist für Ablehnung. Die„Freisinnige Zeitung“
Eugen Richters und das„Berliner Tageblatt“ des Herrn Mosse drücken dies allerdings sehr
lahm aus. Energischer ist die„Berliner Volks⸗ zeitung“. Diese schreibt:„Diese Vorlage ist ein Gelegenheitsmachwerk schlimmster Art und ein sozialpolitischer Rückschrittsversuch, den der Reichstag nun und nimmermehr sanktionieren darf.“ Die Frankf. Ztg. haben wir schon in voriger Woche zitiert. Sie verhält sich strikte ablehnend.
Die Nationalliberalen winden und drehen sich kläglich wie immer. Am offensten ist ihre„Köln. Ztg.“, die schließt:„Mit be⸗ sonderer Genugthuung begrüßen wir die neuen Bestimmungen, welche sich gegen die ge⸗ werbsmäßigen Agttatoren und Hetzer in einem Arbeitskampfe richten... Im großen Ganzen können wir hiernach unser Urteil dahin zu⸗ sammenfassen, daß der Gesetzentwurf in der vorliegenden Form eine brauchbare und will⸗ kommene Grundlage zur Verbesserung des sozialpolitischen Friedens und zur Erhöhung des berechtigten Schutzes der Arbeitswilligen bildet.“ Die„Nationalztg.“ sagt, der Entwurf„bewege sich auf einem Gebiet, über das sich diskutieren lasse“!
Die Zentrumspresse teilt sich in zwei Richtungen. Die„Germania“ in Berlin seil⸗ tänzert, wohingegen die„Köln. Volkszeitung“, das größere Zentrumsblatt, die Erwähnung der Unternehmer in der Vorlage, wie wir, als „Dekoration“ bezeichnet, und die Dehnbarkeit der Paragraphen, sowie voraussichtliche ein⸗ seitige Handhabung gegen die Arbeiter scharf hervorhebt.
Die konservativen Blätter, voran der große Schleifstein des Königs Stumm, die „Post“ sind entzückt von der Vorlage. Das Stummblatt verlangt Auflösung des Reichstags, wenn dieser die Vorlage ablehne.
Die antisemitische, oder wie sie sich auch nennt, die deutsch-soziale Reformpartei, ist, wie die„Staatsbürgerzeitung“ bekundet, mit der Vorlage sehr zufrieden. Uebrigens hat die„Staatsbürgerztg.“ den Gesetzentwurf gar nicht verstanden, denn sie meint, die soge⸗ nannten schwarzen Listen der Arbeitgeber für Arbeiter würden künftig unmöglich sein. Gerade umgekehrt sind in der Begründung die schwarzen Listen ausdrücklich als zulässig bezeichnet worden. — Die„Wacht“ des Antisemiten Zimmer⸗ mann darf bei dem reaktionären Jubelgesang nicht fehlen.„Wir begrüßen als Freunde ehr⸗ licher Arbeit den Entwurf mit Freuden“, ruft das Antisemitenorgan triumphierend aus. Dann faselt dasselbe Blatt, das kürzlich noch mit dem Grafen Pückler zum Totschlagen der Juden aufforderte und unausgesetzt den denkbar größten Terrorismus predigt, ein Langes und Breites vom Terrorismus der Arbeiter gegen die Ar⸗ beitswilligen. Ueberraschen kann dies von dem Organ einer Partei nicht, die sich längst mit Haut und Haaren der Reaktion verkauft hat und stets an der Spitze der preußischen Konser— vativen, der Junker zu finden war, wenn es galt, das arbeitende Volk zu schröpfen.——
Aus all diesen Preßäußerungen geht hervor, daß sich das arbeitende Volk nur auf sich selbst verlassen kann. Die Gegner aus bürger⸗ lichen Vereinen sind unsichere Kantonisten und haben wenig oder gar keinen Einfluß.
Protestversammlungen gegen die Zucht⸗ hausvorlage sollen im ganzen Reiche sofort ver⸗ anstaltet werden. Am Mittwoch Abend haben in Berlin bereits 19 Versammlungen stattge⸗ funden. Eine Flugschrift, die das arbeitende Volk über das neue Knebelgesetz aufklären soll, wird in Millionen verbreitet werden.
Im Gothaischen Landtag hat unser Genosse Bock am Dienstag schon der Regierung den Kopf gewaschen von wegen der Zuchthaus⸗ vorlage. Er beantragt, den koburg⸗-gothaischen Vertreter im Bundesrat dahin zu instruieren, daß er gegen die sog. Zuchthaus vorlage stimme. Staatsminister von Strenge widersprach dem Antrag. Nachdem sich darauf alle Redner für den Antrag Bock ausgesprochen hatten, wurde die Sitzung infolge einer heftigen Szene vertagt, die dadurch hervorgerufen wurde, daß Staatsminister von Streuge bestritt, vor 14 Tagen gesagt zu haben, daß dem Bundesrat noch gar keine Zuchthausvorlage gemacht sei.
Das erste Opfer.
Nach§ 1 der Zuchthaus vorlage wird mit Gefängnis bis zu einem Jahre bedroht, wer es unternimmt, durch Drohung Arbeit-.
geber oder Arbeitnehmer von der Teilnahme an solchen Vereinigungen oder Verabredungen abzuhalten, die eine Einwirkung auf Arbeits⸗ oder Lohnverhältnisse bezwecken.
Nun hat Herr von Podbielski, der Post⸗
gewaltige, dieser Tage vier Vertreter des Post⸗
und Telegraphen-Unterbeamten⸗Ver⸗ bandes bei sich empfangen, um sie zu be⸗
stimmen, ihre Koalition aufzulösen. Er sagte
dabei: Falls man jener Verfügung, die seinem
Wunsche Ausdruck gab, nicht genügen zu können glaube, so werde schon für diejenigen, die sich nicht fügten, und für die, bie beim Ver⸗ bandstage als Redner gegen seinen Wunsch auftreten würden, eine Antwort erfolgen, die den Betreffenden gewiß nicht angenehm sein werde. Herr v. Podbielski führte namentlich denen, die Familie haben, vor Augen, daß es ihnen doch gewiß recht fatal sein würde, wenn sie plötzlich von Berlin nach„Nimmersatt“ versetzt würden.
Der Staatssekretär drohte also offen mit Maßregelung. Er suchte als Arbeitgeber, Arbeitnehmer von einer gesetzlich erlaubten Koa⸗ lition durch eine sehr nachdrückliche Drohung abzuhalten resp. abzubringen. Eine solche Hand⸗ lungsweise ist ohne Zweifel nach 8 1 der Zucht⸗ hausvorlage straffällig. Und zwar soll dies Vergehen mit Gefängnis bis zu einem Jahre geahndet werden.
Der Reichs⸗Postsekretär darf froh sein, daß die Zuchthausvorlage noch nicht Gesetz ist! Die Post⸗Unterbeamten haben thatsächlich infolge der Drohungen ihres Vorgesetzten ihren Verband aufgelöst.
Antisemitische Redakteure.
Die antisemitischen Hetzreden des Grafen Pückler-Tschirne beschäftigten am Sonnabend die 9. Strafkammer des Berliner Landgerichts I. Auf die Anklage der Auf⸗ reizung verschiedener Bevölkerungsklassen zu Gewaltthätigkeiten hatten sich der Redakteur der antisemitischen„Staatsbürgerzeitung“ Wil⸗ berg, der Geschäftsführer dieser Zei ung Bruhn, der Verleger des antisemitischen„Deutschen Generalanzeigers“ Karl Sedlaczek und der frühere Redafteur des letzteren Schür kämper, zu verantworten. Sedlaczek wurde freigesprochen, die anderen zu Geldstrafen veructeilt. Bruhn erklärte offen, daß er bei der Verbreitung der Sonderabdrücke der„Staatsbürgerztg.“ mit den gräflichen Reden lediglich geschäftliche Reklamezwecke in Auge gehabt habe. Von Schürkämper erzählte der Staatsanwalt, daß er Vorstrafen wegen Urkundenfälschung, Unterschlagung, Betruges und Obdach⸗ losigkeit erlitten hat. Es sei verwunderlich, daß ein Mann, der so etwas auf dem Kerbholz hat, als Vorkämpfer und Verfechter des Deutsch⸗ tums auftritt.— Irgend welcher Kommentar ist hier überflüssig.
Neue wertlose Kolonien.
Mit wertlosem Kolonialbesitz ist Deutschland schon überreichlich versorgt. Diese Gebiete um⸗ fassen in Afrika und Australien schon den fünffachen Umfang des Deutschen Reiches. Gleichwohl soll dieser wertlose Be⸗ sitz, der nur Unkosten verursacht und, gelegent⸗ lich zu allerlei internationalen Verwickelungen Anlaß giebt, noch weiterhin vermehrt werden. Offizibs wurde aus Madrid gemeldet, daß in der Thronrede zur Eröffnung der spanischen Cortes (Kammer) ein Gesetzentwurf ne wird behufs Abtretung der Karolinen⸗, Palao⸗ und Marianneninsel an Deutschland. Das vorige Kabinet sei der Ansicht gewesen, heißt es in der spanischen Thronrede, es sei nicht rat⸗
sei deshalb wegen der Abtretung ein Abkommen mit dem Deutschen Kaiser unterzeichnet worden. Wie weiter berichtet wird, soll Deutschland für diese Karolinen und Marxiannen an Spanien 16 bis 17 Millionen Mark zahlen!
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ein Geschäft für das bankerotte Spanien! Es
würde den wertlosen Plunder los und steckte dafür die deutschen Millonen in den gänzlich
leeren Säckel. Die in Frage kommenden Insel⸗
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