Ausgabe 
10.12.1899
 
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Seite. J.

WMitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung.

N 2 14

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Nr. 30. **

Die Gewerbeordnungs⸗Novelle wurde schließlich noch

in zweiter Lesung zu Ende beraten. *

Am Mittwoch stand der Antrag Bassermann auf der Tagesordnung: Aufhebung des Koalitionsverbotes für politische Vereine.(Siehe unter Rundschau: Notiz: Onkel Chlodwig.) Fürst Hohenlohe, des mächtigen Reiches gewaltiger Kanzler, gab namens der verbündeten Regierungen die Erklärung ab, daß fie dem Antrag Bassermann zustimmen. Lange genug hat diese Erklärung auf sich warten lassen.

Von Nah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten alle

zum Druck bestimmten b nur auf einer Seite zu eschreiben.

Ein komplizierter Prozeß.

*Der Schriftsetzer Paul Scheibe hat vor mehreren Monaten unseren verantwortlichen Redakteur wegen Beleidigung durch die Presse verklagt. Da Scheidemann alle Behauptungen, durch die Herr Scheibe sich beleidigt fühlte, aufrecht erhielt und den Wahrheitsbeweis anbot, zog sich die Sache in die Länge, weil auswärtige Zeugen vernommen werden mußten. Endlich konnte am Freitag, den 24. November, die Verhandlung vor dem Gießener Schöffen⸗ gericht stattfinden. Für Scheibe war als Ver⸗ treter Rechtsanwalt Weidig anwesend, Scheide⸗ mann verteidigte sich selbst. Er beantragte seine Freisprechung von Strafe und Kosten, dagegen eine Verurteilung des Herrn Scheibe, gegen den er Widerklage wegen Be leidigung erhoben hatte, zu der geringsten zulässigen Geldstrafe. Es komme ihm(Scheide⸗ mann) nicht darauf an, seinen Ankläger Scheibe hart bestrast zu wissen; aber einen Denkzettel müsse er haben, damit er in Zukunft weniger voreilig bei Klageerhebungen und vorsichtiger in seinen Aeußerungen sei. Rechtsanwalt Weidig beantragte eine Geldstrafe gegen Scheidemann. Das Urteil sollte acht Tage später, am Frei⸗ tag, den 1. Dezember, verkündigt werden, zwei Tage vor dem Termin wurde jedoch den Be⸗ teiligten mitgeteilt, daß die Urteilsverkündigung erst am Dienstag, den 5. Dezember, stattfinde. Am Dienstag wurde jedoch wieder kein Urteil gefällt, sondern der Gerichtsbeschluß verkündet, daß die Beweisaufnahme noch einmal eröffnet werden müsse. Es soll ein in Bayern wohnen⸗ der Zeuge noch einmal kommissarisch vernommen werden. Wir werden über den Ausgang dieses Prozesses noch ausführlicher berichten. Heute sei nur festgestellt, daß Herr Scheibe, der dem harmonieduseligen Verband der deutschen Buchdrucker den Rücken kehrte, um der an⸗ geblich streng sozialdemokratischen Buchdrucker⸗ gewerkschaft beizutreten, auf die Frage des Vorsitzenden, ob er sich noch zur Sozialdemo kratie bekenne, mit Nein antwortete. Damit wird das Verhalten des Herrn Paul Scheibe immer rätselhafter. Wir haben ihn bekanntlich schon vor Monaten in jenem Artikel, durch den er sich schwer beleidigt fühlte, als nicht zu uns gehörig hingestellt; wir mußten aber er⸗ warten, daß Here Scheibe auf Befragen an Gerichtsstelle antworten würde, er sei seiner Ueberzeugung nach Sozialdemokrat, denn wie kann er sonst noch der angeblich streng sozialdemokratischen Buchdruckergewerk schaft angehören?

Noch ein Opfer der Ueberseepolitik.

* Ein braver, junger Mann aus Wieseck, der Zimmerer Karl Eisenhut, ist am 22. Oktober d. J. in Tsintau(Kiautschau) dem Fieber erlegen so wie dieser tückischen Krank⸗ heit im vorigen Jahre unser Heuchelheimer Ge⸗ nosse Adolph, ein Freund Eiseuhuts, erlag, wie ihr viele andere junge Leute erlagen und noch er liegen werden. Karl Eisenhut trat am 4. Nov. 1897 bei dem Seebataillon in Wilhelmshaven in Dienst und wurde schon wenige Wochen später, im Dezember, nach Kiautschau eingeschifft. Er verblieb bort während seiner ganzen Dienst⸗ zeit, war dann im Herbst d. J. einige Wochen fieberkrauk und starb, wie der bedauernswerten Familie amtlich aus Tsiutau gemeldet wurbe, am 22. Oktober an Darmtyphus. Im Februar

hätte Eisenhut wieder in die Heimat zurück⸗ befördert werden müssen. Es sollte nicht sein. Die Grüße und sonstige Aufträge, die ihm im Vorjaht der sterbende Adolph für die Heimat anvertraute, konnte der junge Zimmerer nicht überbringen. Beide ruhen in fremder Erde, fern von ihren Angehörigen, die der Uebersee⸗ politik den geliebten Sohn, den Trost für das Alter, opfern mußten. Unserm jungen Wiesecker Freund möge diegepachtete chinesische Erde so leicht sein, wie wir es im vorigen Jahre unserm Heuchelheimer Freund Adolph wünschten. Die Eltern, die Braut und die Geschwister Eisenhuts mögen einigermaßen Trost finden in dem Bewußtsein, daß der Verstorbene in dem Gedächtnis aller derer, die ihn kennen, achten und lieben lernten, fortleben wird. Sein An⸗ denken wird unvergessen bleiben.

Der 9 Uhr⸗Ladenschluß.

* In Gießen haben die Geschäftsleute unter sich seit Jahr und Tag den 9 Uhr⸗Laden⸗ schluß vereinbart und durchgeführt. Denjenigen Ladeninhabern, die sich an die sehr vernünftige Abmachung nicht kehrten, wird demnächst von gesetzeswegen Mores gelehrt. Im Reichstage wurde nämlich bei der zweiten Lesung der Ge⸗ werbeordnungsnovelle auch die Frage des ge⸗ setzlichen Ladenschlusses behandelt. Die Regierungsvorlage hatte einen fakul⸗ tativen Ladenschluß auf Antrag von zwei Drittel der beteiligten Geschäftsin⸗ haber vorgeschlagen. Entweder sollten zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens, oder von 9 Uhr abends bis 7 Uhr morgens die Geschäfte geschlossen werden. Die Kommission hatte den obligatorischen 9 Uhr⸗Ladenschluß fest⸗ gelegt und einen fakultativen 8 Uhr⸗Laden⸗ schluß anf Antrag der Beteiligten zugelassen. Auf Antrag von mindestens einem Drittel der beteiligten Geschäftsinhaber hätte die höhere Verwaltungsbehörde die beteiligten Geschäfts⸗ inhaber zur Entscheidung über die Frage des 8 Uhr-Ladenschlusses aufzurufen. Stimmten zwei Drittel dafür, so sollte die Behörde eine dahingehende Anordnung erlassen können.

Den Freisinnigen() wie einzelnen Konservativen unter Führung des Abg. v. Stumm gingen diese Vorschläge der Kommission zu weit. Sie verlangten Wiederherstellung der Regierungsvorlage. Die Sozialdemokraten aber wollten über die Kommissionsbeschlüsse noch hinausgehen, um den Achtuhr⸗ Ladenschluß allgemein gesetzlich festzu⸗ legen, außerdem aber in allen gewerblichen Betrieben an den Sonnabenden nachmittags 4 Uhr Beendigung der Thätigkeit einführen.

Die vierstündige Debatte, an der sich unsere Genossen Pfannkuch, Bebel und Rosenow be⸗ teiligten, änderte eigentlich nichts am Resultat. Nur eine Bestimmung der Kommission, welche auch einen zeitweisen Schluß der Geschäfte um die Mittagszeit zuließ, wurde ausgemerzt, im übrigen blieb es bei dem oben skizzierten Kommissionsvorschlag. Allem Anschein nach wird auch in dritter Lesung die Kom⸗ missionsfassung, so wie wir sie oben angeführt haben, angenommen werden; das heißt: der gesetzliche Neunuhr⸗Ladenschluß wird herbei⸗ geführt.

Zur Jahrhundertwende

giebt unsere Partei⸗Buchhandlung Vorwärts in Berlin eine illustrierte Agitationsnummer: Das Jahrhundert, heraus, in Format und Ausstattung wie dieMai⸗Zeitung. Ein prächtiges Titelbild(Ehronos ebnet der ge fesselten Freiheit den Weg zum Ziel) und ein Doppelbild(Triumph des Friedens über den Militärismus), ausgeführt von dem Maler Sieben, der das schöne Titelbild zur letzten März⸗Zeitung gezeichnet hat, bilden den illu⸗ strativen Teil. Der textliche Teil giebt ein Bild der Entwicklung von der Bastille bis zum Zuchthaus, über die Arbeiterbewegung, die politischen Kämpfe, die Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts ꝛc. Das Feuilleton ist der Satire gewidmet und ein schwungvolles Leit⸗ gedicht von R. Lavant eröffnet den hoffnungs⸗ reichen Ausblick auf die Zukunst.

Eine unverschämte Lüge.

In der Zeitung der Herren Köhler und

Hirschel wird von den Koalitionsanträgen unserer Partei im Reichstag gesagt:

Der Antrag Albrecht bezweckt nicht mehr und nicht weniger, als das Koalitionsrecht für Arbeitgeber zu verbieten, die nicht in allen Fragen den Sozialdemokraten zu Willen sind.

Wir stellen lediglich diese neue Unverschämt⸗ heit des Antisemitenblattes fest.

Aus Weilburg.

* Der Kaufmann Hehmann in Löhnberg, Spediteur derM. S.⸗Ztg., war von dem Löhnberger Hauptlehrer Jost Benner, dem Vorsitzenden des Kriegervereins, in zwei Briefen schwer beleidigt worden. Hehmann strengte Privatklage an und fand dieserhalb am Diens⸗ tag in Weilburg Termin statt. Es waren zahlreiche Zeugen geladen. Nach der Ver⸗ nehmung des ersten Zeugen, des Redakteurs Scheidemann aus Gießen, kam jedoch ein Ver⸗ gleich zwischen Hehmann und Benner zustande. Hauptlehrer Benner nimmt im Weilburger Tageblatt und in der Mitteld. Sonntags⸗Ztg. alle Beleidigungen und Verdächtigungen des Hehmann als unwahr und mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück; er übernimmt alle ge⸗ richtlichen und außergerichtlichen Kosten des Verfahrens und zahlt 50 Mk. an arme Kinder Löhnbergs zur Weihnachtsbescherung.

Wetzlar⸗Altenkirchen.

f. Sonntag den 3. Dezember fand im Lokale des Herrn Löb in Gießen eine gut⸗ besuchte Parteiversammlung statt, in welcher der Kreisvertrauensmann seinen Jahres- und Kassenbericht erstattet. Die Revisoren fanden alles in Ordnung und wurde Genosse Fauth einstimmig als Kreisvertrauensmann wieder ge⸗ wählt. Sodann berichtete Genosse Krumm über den Parteitag in Hannover. Seine treff⸗ lichen Ausführungen fanden allgemeinen Beifall. Folgende Resolution gelangte zur Annahme: Die heutige öffentliche Parteiversammlung er⸗ klärt sich mit den Beschlüssen des Parteitages, sowie der Thätigkeit unseres Delegierten Krumm einverstanden. Besonders wird sein Verhalten in der sogen. Bernsteinfrage anerkannt. Hierauf wurden einige Kreisangelegenheiten er⸗ ledigt und gegen 7 Uhr die Versammlung nach einem Apell des Gen. Fauth an das Pllicht⸗ gefühl der Genossen geschlossen.

Mittelalterlicher Hexenwahn.

v. Welche sträfliche Dummheit die Muckerei großzüchtet, zeigt ein Beispiel, welches sich in Oberschönau ereignete. In der Familie eines Arbeiters ist seit längerer Zeit ein Kind erkrankt. Statt nun einen Arzt zu Rate zu ziehen, wurde verschiedentlicher Hokuspokus ge⸗ macht und in finsterer Mitternachtsstunde das arme kranke Wurm unter verschiedenen Be⸗ schwörungen geräuchert. Wahrscheinlich wollte man, da alle Sympathiemittel nicht halfen, als letzte Rettung den Krankheitsteufel auszuräuchern versuchen. Blasses Entsetzen

aber schüttelte die Bethörten, als plötzlich in

ihrem Kreise eine mißgestaltete leibhaftige Hexe erschien und unter gräulichen Geberden ebenso plötzlich verschwand. Ein Spaßvogel hatte nämlich von der bevorstehenden Teufelaus⸗ treibung Wind bekommen und griff hilfreich und mit unerwartetem Erfolg in den vertrackten faulen Zauber ein. Von dieser programm⸗ widrigen Erscheinung waren die Beschwörer dermaßen erschreckt daß sie zähneklappernd vor Angst unter Hersagung zahlreicher Gebete den Morgen erwarteten. Dann erst wurden sie von ihren besser informierten Nachbarn über

das Lächerliche ihres Gebahrens und über die

bemitleidenswerte traurige Rolle, die sie selber bei der ganzen Affäre gespielt, aufgeklärt. Es

ist wahrlich unsagbar traurig, wenn man sieht,

daß der finsterste mittelalterliche Hexenwahn sich noch an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts breit machen kann. Kleine Mitteilungen. * Gießen. Der Schlachthausverwalter

Julius Möhl, der seinerzeit plötzlich seinen

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