Ausgabe 
9.7.1899
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 28.

wollen, daß das Ministerium jedoch vorgezogen hätte, daraufhin selbst zurückzutreten. Denn

daß ein Mann von so trotziger Sinnesart wie

Herr Vandenpeereboom freiwillig einen Schritt rückwärts thut, ist ganz aus geschlossen. Die Krone steht diesmal auf dem Spiel.

Unbeschreiblich waren die Kammersitzungen, die den Straßendemonstrationen vorausgingen. Bemerkt sei ausdrücklich, daß sämtliche Oppo⸗ sitionsparteien in Belgien, Christl.⸗Soz., Sozial⸗ demokraten und Liberale zusammenstehen gegen die Regierung und die Pfaffenpartei, die Ultramontanen. Laßen wir nun einmal dieKöln. Ztg. über eine Kammersitzung vom 27. Juni berichten:Zum Beginn wurde ab gestimmt, wann die Verhandlungen über das Wahlrecht stattfinden sollen. Am Anschluß daran schlossen sich lebhafte Ausfälle der Oppo sitionsführer gegen den Minister Vandenpeere boom, die zu immer tumultuöseren Szenen Anlaß gaben. Schließlich erhob sich die ganze Linke und setzte einen unbeschreiblichen Rumor ins Werk. Demblon(Sozialdem.) ruft zuerst: Es lebe die Republik! Nieder mit Pourbaix(dem Polizeispitzel, der vor 12 Jahren dem klerikalen Kabinet zum Aufbauschen einer revolutionären Verschwörung behülflich war.) Andere rufen: Nieder mit der Paffenmütze! Die Linke bleibt stehen und schreit eine Viertel⸗ stunde lang. Da erinnert sich plötzlich der Präsident, daß er da ist und unterbricht die Sitzung. Nach der Wiederaufnahme macht sich der Klerikaldemokrat Renquin daran, zu dem Eisenbahnbudget zu sprechen. Die Linke, die kurz vorher unter den Klängen der Mar⸗ seillaise und der Carmagnole den Saal ver⸗ lassen hatte, ist in sehr erregter Stimmung und hebt eine Katzenmusik an, so betäubend, daß wir auf der Tribüne auskneifen, um dem Getöse zu entgehen. Die Sozialisten schlagen mit den Pultdeckeln, rasseln mit den Löffeln in den Zuckerwassergläsern, man schlägt mit Akten⸗ bündeln und Bündeln darauf los und singt das Grablied:O Vandenpeereboom und ruft da zwischen: Hoch die Republik! Die Rechte sieht mit verschränkten Armen zu. Das dauert eine volle Stunde. Renquin spricht immer weiter in den Rumor hinein, unverständlich. Gegen 5 Uhr ist es so weit, daß die Trinkgläser in Scherben gehen. Vandervelde(Sozd.) erinnert sich der rauhen Brüsseler Studentenzeit und wirft dem Vorsitzenden einen Knäuel Papier an den Kopf. Ein anderes Geschoß dieser Art trifft den unermüdlichen Redner. Die Erregung ist aufs höchste gestiegen. Der Vorsitzende er⸗ klärt die Sitzung für geschlossen, aber die Linke weicht nicht, sondern ruft: Wir bleiben! Es scheint, als ob die Linke sich des Vorstands⸗ sitzes bemächtigen wolle, um eine Volksver sammlung in den geheiligten Räumen zu ver anstalten. Der Vorstand ruft die bewaffnete Macht zu Hilfe und läßt die öffentlichen Tri bünen räumen. Das Volk aber will das Schauspiel weiter genießen. Auch die Bericht⸗ erstatter lassen sich nicht vertreiben. Immer wieder ertönen Hochrufe auf die Republik, namentlich währenddem die Rechte den Saal verläßt.

Genosse Vandervelde in Brüssel kommt in einer längeren Zuschrift an denVorwärts zu folgendem Schluß:

Die Lehre, die aus den letzten Ereignissen in Belgien zu ziehen ist, ist die, daß da, wo die sozialistische Propaganda das ganze Volks⸗ leben durchdrungen hat, die öffentliche Meinung eine Macht ist, an der jeder reaktionäre Anschlag zerschellen muß, auch der Appell an die brutale Gewalt der Waffen.

Die drei Bürgermeister von Lüttich, Brüssel und Antwerpen wurden am Sonnabend vom Könige empfangen. Sie erklärten ihm und haben diese Erklärung öffentlich bekannt gegeben, daß die Polizei und Gendarmerie nicht im stande seien, die Ordnung aufrecht zu erhalten, und daß andererseits das Eingreifen des Militärs das Signal zur Revolution bedeuten würde.

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Politische Rundschau.

Gießen, den 7. Juli.

Eine unerhörte Fälschung.

Graf Ballestrem, der Reichstagspräsident, hat kürzlich dem wildliberalen Abg. Roesicke gegenüber den Grundsatz aufgestellt, und später auf eine Einwendung des Ministers Brefeld auch diesem gegenüber ausdrücklich aufrechterhalten, daß Aeußerungen des Kaisers im Reichstag besprochen werden dürfen, wenn sie im Reichsanzeiger ver⸗ öffentlicht worden sind. Doch legen wir den Sachverhalt in aller Genauigkeit noch mals dar: Der Präsident hatte in der Sitzung vom 21. Juni, in der er den übereifrigen Handelsminister Brefeld zur Ordnung verwies, den Abg. Roesicke ersucht,Aeußerungen des Monarchen, die uns nicht beglaubigt zugegangen sind, nicht in den Bereich seiner Ausführungen zu ziehen. Als Herr Roesicke darauf erwiderte, daß die von ihm angezogene Bielefelder Rede des Kaisers im Staatsanzeiger gestanden habe, erklärte der Präsident:Dann ist dies etwas anderes; dann können Sie sie in ange⸗ messener Weise erwähnen.

Im stenographischen Berichte ist zwischen diese beiden Sätze aber der weitere Satz ein- geschoben worden:Vorausgesetzt, daß es der amtliche Teil des Blattes war.

Das ist eine ganz ungeheuerliche Fälschung. Der Präsident des Reichstages, Graf Ballestrem, veröffentlichte denn auch sofort folgende Be richtigung des stenographischen Berichts über die 98. Sitzung des Reichstages:

Der gedruckte stenographische Bericht über die Sitzung vom 21. Juni enthält als von mir gesagt folgende Worte: vorausgesetzt, daß es der amtliche Teil der Blattes war. Diese Worte habe ich nicht gesprochen, auch später in den stenographischen Bericht weder selbst hineingesetzt, noch deren Hinzufügung direkt oder indirekt veranlaßt. Dieselben sind ohne mein Wissen unbefugterweise in dem Bureau des Reichstags hinzugefügt worden. Von der Hin⸗ zufügung erhielt ich erst Kenntnis, nachdem der steno⸗ graphische Bericht bereits gedruckt und verteilt war.

Berlin, 29. Juni 1899. Ballestre m.

Wer ist der Fälscher? Wenn wir, so meint derVorwärts, bedenken, wie nangenehm die Aeußerung des Grafen Ballestrem allen Höflingen und sonstigen Reaktionären war, wie sie den Wünschen dieser Kreise ent⸗ gegentrat, alle persönlichen Akte des Kaisers, seien sie auch noch so polemischer und partei⸗ politischer Natur, im Reichstag als Rühr mich⸗ nichtan zu betrachten, so fällt es uns nicht schwer, die Regionen zu erraten, in welcher die Urheber dieses unerhörten Skandals, dieser beispiellosen Fälschung zu suchen sind, einer Fälschung die zwar anderen, aber gewiß nicht sittlicheren Beweggründen zuzuschreiben, und nicht minder zu verdammen ist, wie die Fälschungen der Henry und Konsorten in Frank⸗ reich. Der unerhörte Skandal wird sein Nachspiel haben. Der Schuldige muß entdeckt und zur verdienten Strafe gezogen werden. Der Reichstag hat dafür zu sorgen, daß nicht blos die unmittelbar Schuldigen, sondern auch deren Hintermänner gebührend zur Verantwortung gezogen werden.

Dieser unerhörte Eingriff ist auch ein Zeichen der Zeit, auch ein Glied in der langen Kette: Sozialistengesetz, Umsturzvorlage, Lex Recke, Hau- und Schießerlaß, Zuchthausvorlage. Es wird wahrlich immer schöner in Preußen-Deutsch⸗ land: die Arbeiter in's Zuchthaus und für den Reichstag der Maulkorb.

Der Landesvater gefunden.

Die guten Koburg-Gothaer können wieder ruhig schlafen; sie haben wieder einenange stammten zukünftigen Landes vater, wenn er auch erst 15 Jahre zählt. Der gemeinschaftliche Landtag des Herzogtums nahm in seiner Sitzung am Montag den von der Verfassungskommission vorgelegten Gesetzentwurf gegen die Stimmen der Sozialdemokraten an. Danach ist für die

Thronfolge der Herzog Karl Eduard von Albany bestimmt. Stirbt dieser ohne Nachkommen oder erlischt sein Mannesstamm, so wird Prinz Arthur

von Connaught zur Regierung berufen. Unter den gleichen Voraussetzungen gelangt eventuell die Nachkommenschaft des Prinzen von Wales zur Regierung. Der Herzog von Albany muß seinen wesentlichen Aufenthalt im Lande nehmen.

Ein Geistlicher Sozialdemokrat.

Die DrontheimerDagsposten, das größte Blatt der Stadt, bringt einen Artikel von Pastor Heiberg, worin derselbe seinen An⸗ schluß an die Sozialdemokratie erklärt, da die kapitalistische Ausbeutung abgeschafft werden müßte. Die vereinigten und kampfbe⸗ reiten Kapitalisten der ganzen Welt führten einen Kampf gegen die arbeitenden Klassen, wobei sie sich auf die Gesetzgebung, die Polizei und das Militär stützen könnten. Die letzte Ursache zu diesem offenen Auftreten des Geist⸗ lichen ist das Verfahren der dänischen Arbeit⸗ geber in der großen Arbeiteraussperrung.

Aus dem Kohlenrevier.

DieRheinisch-Westfälische Zeitung, das Organ der Kohlenbarone, stellt in einem Artikel über den Streik und die Ausschreitungen in Herne und den umliegenden Gruben fest, daß fast nur Polen in Betracht kommen. Es heißt wörtlich in jenem Artikel:

Unsere sämtlichen Berichterstatter und entsandten Redakteure stimmen darin überein, daß bis jetzt sozu⸗ sagen ausschießlich die Polen in die Bewegung eingetreten sind. Es ist keinem unserer sechs Bericht⸗ erstatter gelungen, auf den Straßen von seiten der feiernden Arbeiter auch nur ein einziges deutsches Wort zu hören, überall Polen und nicht zum wenigsten auch polnische Frauen.

Dann heißt es aber weiter:

Die Ansicht der Behörden, daß es sich um einen Putsch sozialdemokratischer Polen handelt, ist außerordentlich wahrscheinlich. Nur glauben wir, daß es sich sehr schwer zwischen Sozialdemo kraten und sonstigen Polen unterscheiden läßt. Die Polen sind überwiegend, ja nicht sozialdemokratisch, sondern besitzen jene Religiosität, welche rasch mit anderen Gefühlen schwankt.

Kann man sich eine größere Niederträchtig keit denken? Trotzdem feststeht, daß jene in den Streik getretene junge Leute unorganisierte Polen sind, die kein Wort deutsch reden, und trotzdem feststeht, daß die organisiertendeutschen Bergarbeiter und unsere westfälischen Partei⸗ blätter dringend von dem Streik abgeraten haben hilft alles nichts, die Sozialdemo⸗ kraten sind doch schuld! Ja, das wäre auch ein gefundenes Fressen für die Scharfmacher, wenn sie nur den geringsten Zusammenhang konstruseren könnten zwischen der Sozialdemo⸗ kratie und den uns meist feindlich gesinnten streng katholischen Polen. Das wäre prächtiges Material für die Zuchthaus vorlage.

Sehr treffend charakterisiert dieFrankf. Ztg. das schofle Verhalten der Kohlenbarone und ihrer schleifsteindrohenden Helfershelfer. Sie schreibt:

Zuerst zieht man Polen in den rheinisch westfälischen Industriebezirk; dann handeln die jungen Polen ihrer Natur gemäß: sie exzedieren; und nun nicht genug damit, daß man den deutschen Arbeitern Lohndrücker auf den Hals gehetzt hat, benützt man noch die von den herbeigeholten Polen ausge gangenen Unruhen, um daraus einen Strick zur Erdrosselung des Koalitionsrechtes auch der deutschen Arbeiter zu drehen! Wenn das keine Perfidie(abscheuliche Handlungs⸗ weise) ist, dann giebt es keine. Im Uebrigen können wir nur wiederholen, was wir gestern sagten: Weit entfernt, daß die Vorgänge in Herne für die Zuchthausvorlage sprechen, sind gerade sie dazu angethan, Material gegen die Vorlage zu bilden. Es zeigt sich hier wieder, daß die organisierten Arbeiter, denen die Vorlage an den Leib gehen will, die ruhigen, besonnenen Elemente sind, und daß es weder zum Streik noch zu Exzessen ge kommen wäre, wenn die Organisierten bereits genügenden Einfluß hätten. Das Einzige also, das man in dieser Hinsicht aus den Unruhen im westfälischen Kohlenrevier lernen kann, ist: Stärkt die Organisation eln der Arbeiter!

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