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Nr. 41.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
ein Bein verrenkt und blieb den ganzen Sommer über der Politik fern. Der Kanalhandel scheint ihn nicht nur geographisch, sondern auch pelitisch von Berlin entfernt zu haben. Stumm ist kein Geg⸗ ner des Kanals und darum ist die bisher sehr einflußreiche Persönlichleit offenbar in Un⸗ gnade gefallen.
Zu Ehren des scheidenden Landrats von Saarbrücken, Bake, fand am letzten Sonnabend ein Festessen statt. Freiherr v. Stumm brachte den Toast auf den Kaiser aus, in dem er— nach einem Bericht der„St. Johann⸗Saar⸗ brückener Volkszeitung“— den guten Willen des Kaisers hervorhob,„wenn man sich auch nicht immer mit seinem Thun ein⸗ verstanden erklären könne.“
Selbst Herr v. Stumm giebt also zu, daß man z. B. die Oeynhausener Rede nicht zu billigen braucht. Einst freilich— zur Zeit des Feldzuges gegen die Pastoren— berief sich Frhr. b. Stumm auf das Wort des Kaiser wie auf ein Evangelium. Es ist eben alles wandelbar.—
Warum übrigens Herr v. Stumm Gegner des Ka albaues ist, das enthüllt die Kölnische Volkszeitung:„Wird der Mittellandkanal ge— baut, so kann auch der Mosel- und Saarkanal nicht ausbleiben, und die niederrheinischen Hoch— öfen würden dann die lothringischen und luxem— burgischen Erze auf dem Wasserwege so billig beziehen können, daß sie den Werken des Herrn v. Stumm die empfindlichste Konkur— renz bereiten könnten.“
Na also, dann wird der Kanal eben nicht gebaut, weil es Stumm nicht haben will.
Goldene Worte eines Geistlichen.
In Göppingen(Württemberg) sprach der sozialdemokratische Gemeinderat Thiele über die Arbeit der Frauen in Fabriken. In der seinen sachlichen Ausführungen folgenden Diskussion sprach auch der Pfarrer Blumhardt aus Boll. Seine trefflichen Worte verdienen weiteste Verbreitung. Hier sind sie:
Ich erkläre, daß mir als Ideal eine neue menschliche Gesellschaft voranschwebt, ich fühle mich verwandt mit den Leuten, denen man vorwirft, daß sie einer Utopie nachjagen, ich fühle mich mit diesen verbündet und stehe nicht an, dies öffentlich auszusprechen. Ich bin streng religibhs aufgezogen, aber
ich erachte eine Religion als wertlos, wenn sie nicht die Gesellschaft um ändert, wenn sie nicht schon das Glück auf
Erden verschafft. So habe ich meine
Bibel, so meinen Christus verstanden. Möge
die Zeit kommen, in der es gelingt, die
Gesellschaft anders zu ordnen, wo nicht
mehr das Geld, sondern das Leben der
Menschen Hauptsache ist. Es muß ein
Tag in unseren Herzen leuchten, dann
können wir Verbesserungen schaffen, ein Tag
der Liebe, der Geist der großen Mensch— heits⸗Idee.
So spricht ein Geistlicher, der sein Christen⸗ tum ernst nimmt.
Ausländisches.
Italien. Die Kom munalwahlen, die seit eintgen Monaten in den verschiedenen Teilen Italiens vor sich gehen, bringen immer neue Siege für die Sozialdemokratie. Im ganzen hat unsere Partei bis jetzt in 156 Ge⸗ meinden 463 Sitze und außerdem 36 Mandate für die Provinzialräte errungen. In Sizilien, wo früher die sozialistische Bewegung sehr weit zurück war, sind 30 Sitze in den Gemeinde⸗ räten unserer Partei zugefallen.—
Krieg in Südafrika.
Die Haager Friedenskomödie ist kaum zu Ende, da wetzt England schon wieder das Schlachtmesser, um die die Transvaalrepublik bewohnenden Buren zu vergewaltigen. England hat den Buren— der Präͤsident derselben heißt
Krüger— eine Reihe Bedingungen gestellt, auf die die Buren nicht eingehen wollen. Die eigent⸗ liche Triebfeder ist auch hier wieder der Kapi⸗ talismus, der Geldhunger.
Hirschels Beweise.
* Vor wenigen Wochen schrieb der ehemalige Architekt Hirschel in seinem Lügen- und Denunzierblatt, daß die
„... Sozialdemokratie, die in dem Freihandel das revolutionäre Prinzip bewundert und mit allen Kräften dauach strebt, durch Unterstützung des Judentums, das ihr auch wacker dafür klingenden Lohn auszahlt, den kleinen Handwerker und Bauer zu vernichten— denn um so näher ist ja der Zukunfts— staat!“
Wir erklärten darauf den Hirschel für einen Lügner und Verleumder, bis er den Beweis der Wahrheit für seine ehrabschneiderische Behauptung erbringe. Daraufhin versucht nun der berühmte Eier-Politiker die Beweisführung. Er fragt erstens, ob es der„Oberbonze Bebel“ jemals geleugnet habe, daß ihm in den 70er Jahren Löb Sonnemann in Frankfurt ein Dar— lehn für seine Thürklinkenfabrik gegeben habe? Und zweitens: Der„jüdische Bankier Höch— berg“ habe die Sozialdemokratie mit großen Geldmitteln unterstützt und bei seinem Tod der Partei 300000 Mark testamentarisch vermacht. Und drittens: Der Braunschweiger Volks— freund habe dortigen Genossen den Vorwurf() gemacht, sie hätten einigen jüdischen Geldprotzen einen Liebesdienst erwiesen, indem sie für eine antisemitische Versammlung agitiert und dort Radau gemacht hätten, anstatt die sozial⸗ demokratische Versammlung zu besuchen. Und endlich: Das in Wien erscheinende „Jüdische Volksblatt“ habe geschrieben: Seien wir vorsichtig, daß die breiten Massen nicht merken, daß die Sozial demokratie eine Juden— schutztruppe ist.
Das die Hirschelschen Beweise. Abgesehen davon, daß das Cität aus dem„Jüdischen Volksblatt“ eine antisemitische Fälschung ist, wie soeben im„Hamburger Echo“ festgestellt wird,— was geht es denn uns an, was irgend ein übergeschnappter Jude in seinem Wiener Leiborgan zusammenschmiert? Herr Hirschel wird doch nicht etwa behaupten wollen, daß es nur übergeschnappte Antisemiten giebt.
Daß der Braunschweiger Fall gegen Hirschel spricht, merkt der ehemalige Architekt gar nicht. Aber nun kommen die„schweren“ Fälle: Daß Höchberg Bankier gewesen sei, ist zunächst wieder eine antisemitische Un wahrheit. Karl Höchberg war Gelehrter, ein Schüler des Marburger Professors Friedrich Albert Lange. Hochberg war Sozialdemokrat und hat als solcher seine Partei unter der schmachvollen Zeit des Sozialistengesetzes nach Kräften unterstützt. Er selbst wurde 1888 aus Berlin auf Grund des Sozialistengesetzes ausgewiesen. Und aus dem Verhalten dieses trefflichen Menschen, der für seine Partei nach Kräften Opfer brachte, will der Hirschel beweisen, daß„das Judentum der Sozialdemo—⸗ kratie klingenden Lohn auszahlt, damit die kleinen Handwerker und Bauern vernichtet werden.“ Pfui Teufel!
Nun der schwerwiegendste Beweis, den der Hirschel an erster Stelle anführt, damit er uns radikal zerschmettere. Der reiche Sonnemann soll unserm Genossen Bebel— nach Hirschel „Oberbonze Bebel“— in den Joer Jahren Geld für sein Geschäft geliehen haben. Wir wissen zwar nicht, ob das wahr ist, wollen aber die Richtigkeit dieser Behauptung annehmen. Wäre das etwas Schlimmes gewesen, wenn Bebel von einem reichen Partei⸗ genossen— Hirschel weiß natürlich nicht, daß auch Löb Sonnemann einmal Sozial⸗
demokrat war— Geld für seinen Ge⸗ schäftsbetrieb geliehen hätte? Der alte Langsdorfer Vorschuß verein würde
Bebel wahrscheinlich nichts geliehen haben, obwohl er sein Geld gewiß nicht sicherer hätte anlegen können. Denn davon sind wir fest überzeugt, daß Bebel keinem Menschen auch
nur einen Pfennig schuldig geblieben ist. Wie kann überhaupt ein Mann, der Anspruch darauf macht, daß man ihn nicht für blödsinnig oder böswillig hält, die Behauptung aufstellen,„das Judentum“ unterstütze„die Sozialdemo— kratie“, wenn der Drechsler meister Bebel vor rund 30 Jahren bei seinem damaligen Partei— genossen Sonnemann für geschäftliche Zwecke eine Anleihe aufnahm? Ist in den Augen Hirschels Herr Sonnemann„das Judentum“, ist Bebel bei ihm„die Sozialdemokratie“ und war das Bebelsche Thürklinkengeschäft eine In— stitution zur Vernichtung von Handwerkern und Bauern?—
Im Kopfe des früheren Architekten Hirschel muß es kunterbunt aussehen. Die krampfhaften Bemühungen des bedauernswerten Mannes, für seine Verleumdungen den Beweis der Wahr— heit zu erbringen, sind kläglich gescheitert. Sie mußten und müssen stets scheitern.
Ein Antisemit kann wohl behaupten, die Sozialdemokratie stehe im Judensold; und ein Spaßvogel kann sogar behaupten, Herr Hirschel sei ein nie mit demagogischen Mitteln arbeitender geistreicher Mann. Azer wenn's an's Beweisen geht, werden der Autisemit und der Spaßvogel kläglich verkracheu, weil sie beide gelogen haben.
Pon Nah und Lern.
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Die Fraktion Drehscheibe!
* Die Nationalliberalen erscheinen nun auch auf der Bildfläche. In einem Wahl⸗ aufruf, der in allen Amtsblättern des Groß— herzogtums veröffentlicht wird, verkündigen sie der staunenden Welt, was die Fraktion Dreh— scheibe alles im Landtag gethan hat und wis sie noch zu thun gedenkt. Dabei beruft sich die Partei der grundsätzlichen Charakter— losigkeit sogar auf ihre— Grundsätze! Wer lacht da nicht hell auf?!—
Weit besser als der offtzielle Wahlaufruf hat uns ein in derselben Nummer des Gieß. Anz. veröffentlichtes Eingesandt gefallen. Das⸗ selbe ist mit N gezeichnet und lautet:
Landtagswahl.(Eingesandt.) End⸗ lich erscheint der Wahlaufruf der nationalliberalen Partei. Sozialdemokratie und Centrum sind ihr in den Wahlvorbereitungen voraus, da sie über viel festere Organisationen verfügen. Eine Kundgebung der freisinnigen Volkspartei ist wohl für die nächsten Tage zu erwarten Ist sie, wie zu erwarten ist, ebenso maßvoll wie der vorliegende nationalliberale Aufruf(vergl. Annonce), so werden hoffentlich überall die bürgerlichen Parteien vereint den sozialdemokratischen Angriff zurück⸗ weisen. Auch im Wahlkreis Gießen-Land muß es durch die Wahl eines tüchtigen Kandidaten gelingen, Herrn Scheidemann dem Landtag fernzuhalten....“
Herr N. ist sich also wenigstens darüber klar, daß die nationalmiserable Partei im Gießener Kreis gänzlich bankerott ist. Er sucht des halb Anschluß bei den Freisinnigen, über die allerdings seit Jahren dank ihrer unvorsichtigen Geschäftsverbindung mit den Nationalmiserablen das Konkurs verfahren verhängt ist. Die einen bankerott, die andern im Konkurs! Und die Firma will den Sozialdemokraten Konkurrenz machen! Dem Herrn N. scheint die Geschichte selber nicht geheuer, er schielt deshalb auch nach den Antisemiten. Warum auch nicht! Herr Hirschel wäre ein würdiger Kandidat für die freisinnig-nationalliberale Firma in Liquidation. Die Arbeiter werden die Schmutzkonkurrenz am 8. November schon in die Brenn Neßlinge setzen.
Herr Hirschel kalt gestellt?
* Der„Kleinen Presse“ wird aus Gießen geschrieben:
„Wie wir aus zuverlässigster Quelle hören, soll als„liberaler“ Kandidat Herr Bürgermeister Leun
in Großenlinden aufgestellt werden. Er hat zwar seine Gegnerschaft zu dem Notariatsgesetz im Organ


