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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 2.

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Unterhaltungs⸗CTeil.

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Freie Bresse.

Wer ist's der im wogenden Geisterstreit Uns liefert die Waffen, die blanken? Wer ist's der im Ringen der gärenden Zeit Die Bahn bricht den neuen Gedanken? Wer schleudert die Blitze mit aller Gewalt Herab auf die Kuechtschaft in jeder Gestalt? Das sind die Blätter, die unverzagt Sich stellen in Schlachtenreihe, Zu schützen das arme, zertretene Volk, Das ist die Presse, die freie.

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dia isbs, der da duldet in Kerkernacht,

Der Freiheit fern und dem Lichte? Wer ist's, der beherzt an den Pranger gebracht Die volksausbeutenden Wichte? Wer legt die Finger trotzig und hart In die klaffenden Wunden der Gegenwart? Das sind die Männer, die kämpfend steh'n In vorderster Schlachtenreihe,

* Das sind die Redakteure des Volks,

Das ist die Presse, die freie.

Die freie Presse, sie kämpft und ficht

Für uns're erhabene Lehre,

Sie trägt in die Hütten der Wahrheit Licht

Und sammelt der Schaffenden Heere,

Sie streitet und wirbt ohne Unterlaß

Und trotzet der Gegner fauatischem Haß.

Drum kämpfe auch Du, mein schaffend Volk,

Für Deine Presse, die freie, Die stets für Dich und Dein heiliges Recht Gestritten in vorderster Reihe. 85 Ernst Klaar.

vom Stamm gevissen. Roman von E. Langer.

. Ein scharfer Ostwind fegte die Straßen und Plätze der alten Haupt⸗ und Residenzstadt Königsberg. Zuweilen trieb er dichte Schauer körnigen Schnees vor sich her, der die Gesichter der gegen ihn Ankämpfenden wie mit Nadelspitzen stach und Mäntel, Hüte, Bärte und Schleier mit einer Eiskruste überzog. Die Häuser, welche mit ihren unregelmäßigen Hinterseiten sich längs dem Pregel hinziehen, trugen auf jedem Mauer⸗

vorsprung, jedem Gesimse und Vorbau ein weißes Ornament, das ihnen in dem beginnenden Dunkel des trüben Januartages ein phantastisches An⸗

sehen gab. Auf der festen Eisdecke des Flusses zeichneten sich die Rümpfe der überwinternden

Schiffe wie mächtige Schatten ab, über denen das angeschneite Takelwerk gespenstisch zu den sturmgepeitschten, grauen Wolken aufragte.

Im zweiten Stockwerk des Hauses, welches neben einer über den Fluß führenden Hauptbrücke stand, saß ein junges Mädchen, halb noch Kind, am Fenster. Ein Buch, in dem es gelesen, war ihm unbeachtet in den Schoß gesunken; mit großen Augen schaute es gedankenvoll auf das ihm vertraute winterliche Flußbild hinaus. In der Stube war es bereits dunkel, nur in dem Ofen glühte ein Torffeuer, in dessen Widerschein eine kummervoll zusammengesunkene weibliche Gestalt in einem großen Lehnstuhl sichtbar wurde. Von Zeit zu Zeit ließ dieselbe ein Aechzen hören, und jedesmal blickte dann das Mädchen traurigen Auges nach ihr hin. Endlich verließ es seinen Platz am Fenster und setzte sich auf ein Bänkchen zu den Füßen der Frau, sich zärtlich an deren Kniee schmiegend.

Sie kommt ja wieder, Mutter, sagte sie tröstend.Es ist ja nicht für immer! Es ist besser so für uns alle, besonders für Dich. Der

Vater wird Dich jetzt nicht mehr quälen

Der Vater! Schweig' mir vom Vater! unterbrach Frau Stern heftig der Tochter Trost⸗ worte.Er hat sie aus dem Hause gejagt, meinen Stolz, mein Alles er ist verrückt verrückt, sage ich Dir! Ich sollte so nicht

zu Dir reden, setzte sie nach einer Pause be⸗

schämt hinzu,allein, was hülfe es? Du hast von Kindheit auf das Elend mit angesehen diesen ewigen Kampf gegen die Despotie und Verschrobenheit des Alten, und noch dazu die täglichen Sorgen um die Existenz. Das war nur zu ertragen, so lange sie mir zur Seite stand. Was jetzt, was jetzt?

Und hast Du nicht noch mich, Mutter? fragte die Kleine mit schüchterner Zärtlichkeit.

Frau Stern streichelte den Kopf des Kindes. Gewiß, ich habe Dich, und wäre ich ohne Dich? Aber Du bist noch so jung. Mit Valeska war es doch anders. Sie mit ihrer Energie war mir Stütze und Halt, wenn sie mir auch zu schaffen machte mit dieser unseligen Liebe, aus der ja nie etwas werden kann. Hübsch sein und klug sein und den Mund voll Weltbeglückungs⸗ phrasen haben genügt nicht, um einen Hausstand zu gründen. Aber sie läßt nun einmal nicht von ihm, ob sie hier oder bei den Hottentotten ist, und darum kann ich dem Vater nicht ver⸗ zeihen, daß er ein solches Halloh gemacht und sie aus dem Hause getrieben hat.

Schwere Tritte unterbrachen das Gespräch

in der mittlerweile völlig dunkel gewordenen

Stube. Sie kamen die schmale, gewundene Treppe herauf, tappten den Hausflur entlang und näherten sich der Thür. Mutter und Tochter fuhren in die Höhe, die erstere machte sich am Ofen zu thun, der schon längst ausgebrannt war und murmelte dabei nichts weniger als zärtliche Worte. Jetzt ward die Thür geräuschvoll ge öffnet und eine polternde Stimme fragte herein, warum man noch kein Licht angezündet hätte? Was das Hocken im Dunkeln bedeuten sollte?

Es war Herr Stern, welcher seinen kleinen Schnittwarenladen, den er an der Wasserseite des Hauses hielt, geschlossen hatte und nun, wie alle Abende, in den Schoß seiner Familie zurück⸗ kehrte. Die Tochter zündete eilig und ohne ein Wort zu erwidern, die Lampe an.

Herr Stern war eine mittelgroße, gedrungene Gestalt; der schon kahle Kopf saß auf einem kurzen, gewölbten Nacken, lebhafte blaue Augen schauten durch die Brille über die von Kälte und Schnupftabak gerötete, starke Nase hinweg. Der dicklippige Mund, der wie das ganze Ge⸗ sicht des Mannes eine auffallende Beweglichkeit besaß, wurde durch keinen Bart verhüllt. Die schmale, zurückstehende Stirn schien auf einen Phantasten zu deuten. Im ganzen war das Gesicht mehr grotesk als einnehmend, und doch hatte dieser Mann in seiner Jugend manches Mädchenherz erobert, auch das seiner Frau. Sie hatte ihn aus Liebe geheiratet und um dieser Liebe willen mit den Ihrigen sogar einen harten Kampf gekämpft. Adolf Stern, der zwar auch damals keine Schönheit, aber doch von einem ganz gefälligen Aeußeren gewesen, als die Stirn noch von dichtem Haar umlockt und die Nase noch nicht mit Schnupftabak in Berührung gekommen war, hatte das Herz von Fräulein Luise Großmann zumeist durch den Umstand ge⸗ wonnen, daß er der einzige Mensch gewesen, der nicht von Geld mit ihr geredet hatte. Ihr Vater, ihre Brüder, ihr ganzer Umgangskreis schlugen kein anderes Thema an. Geld machen, erwerben, das war der Inhalt ihres Lebens, ihrer Gedanken. Stern war Kaufmann wie sie, aber gegen alles, was Erwerb hieß, völlig gleich⸗ giltig. Für ihn existierten nur Bücher, besonders Romane, je romantischer je besser, und höchstens noch Musik.

Luise, eine schwärmerische Natur, welche trotz ihrer kostspieligen Erziehung nur Halbbildung besaß, aber gerade deshalb die Sehnsucht nach etwas höherem, geistigem empfand, sah in dem jungen, romantischen Stern die Verwirklichung ihres Ideals. Mit ihm glaubie sie sich in eine reinere Sphäre, von der sie bisher nur geträumt, erheben zu können. Dazu war Adolf Stern von liebenswürdigster Galanterie gegen die Damen, junge wie alte, eine Eigenschaft, die er auch jetzt noch nicht gänzlich eingebüßt hatte.

Aber diese Eigenschaften hatten den einen großen Magel nicht aufwiegen können, den Adolf Stern in den Augen Herrn Großmanns, Luisens Vater und Chef eines alten Handlungshauses,

besessen, nämlich den, daß er bei seinem wenig kaufmännischen Sinn keine Garantie für die Zukunft seiner Tochter bot. Stern war nicht

mittellos und hatte sein Vermögen in dem Ge⸗

schäft seines älteren Bruders, bei dem er auch die Stelle eines Kommis bekleidete, angelegt.

Es war bei seinem unpraktischen Sinn das beste, was er thun konnte. Der Bruder, das völlige Gegenteil von ihm, war ein sehr betrieb⸗ samer Mann, das Geschäft florierte, Adolfs Kapital trug gute Zinsen, und dieser konnte sich seinen romantischen Neigungen sorglos überlassen. Um nun den Widerstand Herrn Großmanns gegen die Verbindung seiner Tochter mit Adolf zu besiegen, hatte des letzteren Bruder, der die Vorteile einer solchen Verschwägerung erkannte, Adolf zu seinem Kompagnon gemacht. Dies und die Beharrlichkeit Luisens hatten denn auch glücklich zum Ziele geführt: Herr Großmann hatte im Vertrauen auf den älteren Stern, den er als Kaufmann hochschätzte, schließlich seine Einwilligung gegeben. Das Geschäft der Ge⸗ brüder Stern nahm denn auch von Jahr zu Jahr einen immer größeren Aufschwung, und das junge Paar verlebte die ersten Jahre seiner Ehe in ungetrübtem Glück, welches durch die Geburt mehrerer Kinder noch erhöht wurde.

Plötzlich starb aber der Bruder und nun fiel

Adolf die ganze Last der Geschäftsführung zu. Kein Wunder, daß er sich derselben nicht ge⸗ wachsen zeigte. Einige Zeit rollte das in gutem Geleise befindliche Räderwerk weiter fort, aber bald stockte es hier und dort; das Vermögen Luisens, welches sie bei ihres Vaters Tod, der bald nach ihrer Heirat erfolgte, erhalten hatte, wurde wiederholt angegriffen, der Rest ins Ge⸗ schäft gesteckt, und als sich trotz alledem immer und immer wieder Unterbilanzen zeigten, mischte sich die Vormundschaftsbehörde hinein und ver⸗ kaufte das Geschäft für Rechnung der von dem älteren Stern hinterlassenen beiden unmündigen Söhne. Frau Stern appellierte umsonst um Hilfe an ihre Brüder. Sie hatten die Heirat der Schwester durchaus mißbilligt, und so mochte diese nun sehen, wie sie mit ihremWolkengucker zu⸗ rechtkäme.

Zu dieser Zeit erlitt das eheliche Verhältnis den ersten Stoß. Bisher hatte sich die junge schwärmerische Frau über die Verfahrenheit und Energielosigkeit ihres Gatten noch selbst zu täuschen gesucht. Jetzt konnte sie die Augen nicht länger dagegen verschließen. Statt die Hände für seine anwachsende Familie zu rühren, lag er auf dem Sopha und las von morgens bis abends, und die Frucht dieses Lesens war, daß seine jüngste Tochter, die in dieser Zeit ge⸗ boren wurde, den Namen Tusnelda erhielt, da Herr Stern sich gerade mit der Kleist'schen Hermannschlacht beschäftigte und infolge dessen sehr patriotisch gestimmt war. Seine Frau ließ es achselzuckend geschehen. Sie machte in kleinen Dingen nicht Opposition, dafür war sie in großen Angelegenheiten um so hartnäckiger. Auf ihr Betreiben bequemte sich denn auch endlich ihr sorgloser Gatte, mit dem aus dem Verkauf des Geschäfts geretteten Vermögensrest ein neues, wenn auch auf viel bescheidenerem Fuße, zu er⸗ öffnen. Aber auch dieses Geschäft ging stetig abwärts, weil Herr Stern auch jetzt noch für alles andere sich mehr interessierte, als für seinen Handel, die Kunden durch lange, namentlich politische Vorträge verscheuchte und sich von jedermann übervorteilen, betrügen und bestehlen ließ. Es war dabei fast ein Glück zu nennen, daß das zweite und dritte seiner Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, kurz hintereinander starben, sodaß die Sorge für die beiden noch übrigen Töchter, die älteste und jüngste, deren Erziehung der Mutler allein zufiel, weniger schwer auf ihren Schultern lastete. Welche Eat⸗ behrungen die Familie sich aber auch auferlegen mußte, die Bildung der Töchter war nicht ver⸗ absäumt worden. Frau Stern hatte heimlich und oft bis in die Nacht für Geld feine Arbeiten angefertigt, um nur den Sprach- und Musik⸗ unterricht der beiden Mädchen bezahlen zu können. Valeska, um vier Jahre älter als Tussy, wie die kleinere allgemein genannt wurde, hatte früh

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