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Nr. 8 1 i*
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
am Mitwoch in Potsdam gehalten hat. Besonders groß
in Jerusalem schudert Frhr. v. Mirbach wie folgt:
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Des Kaisers Jerusalemfahrt
hat den Teilnehmern eine große Enttäuschung be⸗ reitet. Das geht klar hervor aus dem Vortrag, den der Oberhosmeister der Kaiserin, Frhr. v. Mirbach,
war nach diesen Schilderungen, von denen man wohl annehmen darf, daß sie den Anschauungen des Koiserpaares entsprechen, die Ernüchterung vor und in Jerusalem.„Unwillkürlich drängt sich das Gefühl auf: noch heute lastet ein Fluch auf diesem Lande“, sagt Frhr. v. Mirbach von der Gegend vor Jerusalem und berichtet dann weiter, daß der„Kaiser und die Kaiserin in weißen Sonnenmänteln auf Schimmeln“ dem Zuge voranritten!„Wir sind vor Jerusalem“, sagt er, die starke Musikkapelle eines türkischen Bataillons zerhadt in ohrenzerreißenden Tönen den herrlichen Choral: Tochter Zion freue Dich. Aber:„Wo ist denn Je⸗ rusalem?“ so fragten wir alle. Nachdem man jetzt alles gesehen und durchlebt hat, möchte man heute am liebsten antworten:„Das Jerusalem, von dem Du seit Deiner Kindheit gehört, von dem Du geträumt, das zu schauen Du Dich gesehnt hast, das Jerusalem i st nicht mehr— es ist im Himmel.“
Auf dem Gange zur Grabeskerche mußte das Kaiser⸗ paar„etwa sechs Minuten lang eine nur wenige Schritt breite Gasse durchschreiten. Das Gewühl war entsetzlich und geradezu lebeusgefährlich. Zu beiden Seiten dieses Engpasses standen die Menschenmassen dicht gedrängt vor uns in den Gewölben und die Stodwerke der Häuser selbst waren bis oben von Schaulustigen vollgepfropft. In diesem Augenblick hatten gar viele von uns das Gesühl, daß hier zu einem verb recherischen Attentat allzu leichisinnig Gelegenheit gegeben sei.“
Den Eindruck des Kaiserpaares auf die Einwohner
„Der freundliche Gruß eines mächtigen Kaisers und seiner Gemahlin reißt die Leute wie eine übernatürliche Erscheinung vollständig fort.“
Für die Abkürzung der Raise ist bisher bekanntlich ausschließlich die unerträgliche Hitze als Grund angegeben worden. Frhr. v. Mirbach erzählt auch: In Ramleh wurden 32 Grad Reaumur im Schatten und über 40 Grad in der Sonne gezählt, fügt aber unmittelbar darauf hinzu:„In Sarong war es, wo zum erstenmal an den Kaiser einige Depeschen ernsten politischen Inhalts ge⸗ langten, die mit dazu beitrugen, daß die ganze Reise abgekürzt wurde“
Interessant ist auch, was der Oberhofmeister von der Einfahrt des Katers in Konstantinopel sagte:
„Einsam und allein suhr die„Hohenzollern“ in stolzer langsamer Fahrt in die Nähe des Marmorpalastes des Sultans Wie ganz anders war diese Einfahrt, als die vor neun Jahren! Damals schaukelten Tausende von Fahrzeugen um uns herum— heute war alles still und leer. Mit eiserner Strenge waren weit hinten die Absperrungsketten gezogen. Nur wenige Schiffe, so die für den Empfang zurückgebliebene„Bohemia“, dursten sich in angemessener Entfernung aufhalten. In Konstantinopel waren alle Straßen neu gepflastert, alle Häuser neu angestrichen, von oben bis unten geschmückt und alles ferngehalten, was das Auge des Kaisers und der Kaiserin irgendwie hätte beleidigen können. Es war ein Absperrungssystem, wie man es sich praktischer und schöner nicht denken kann.“
Still und leer! Wie ganz anders klingt diese Nachricht des Oberhosmeisters doch als die Tartaren⸗ nachricht des„Gießener Anzeiger“, der bekanntlich über den großartigen Empfang in Konstantinopel berich⸗ tete, als der Kaiser noch eine gute Tagereise von der türkischen Metropole entfernt war.
Lehrerelend.
Das fast sprüchwörtliche Lehrerelend erfährt jetzt wieder durch einen Fall in Dresden eine recht deutliche Illustration. Dort starb ein mit einer starken Familie gesegneter Lehrer und im Nachlasse befanden sich an barem Gelde im ganzen fünf Pfennige vor. Der sehr solide Mann hat, wie berichtet wird, stets mit Noth und Sorgen zu kämpfen gehabt und konnte sich nur mit Hilfe von Unterstützungen und Vorschüssen von befreundeter Seite über Wasser halten. Für die in bitterster Noth zurückgelassene Wittwe und 0— acht Kinder— hat die Dresdener
ehrerschaft nunmehr 1200 M. zusammengebracht. So konnte den Aermsten wenigstens durch das Mitleid anderer noch eine Weihnachtsfreude bereitet werden.— Im Lande der Dichter und Denker werden die Volksbildner gar niedrig ge⸗ wertet. Wenn es sich um militärische Erzieher handelte, wäre man oben weniger knauserig.
Unersättliche Profitgier. Einem Arbeiter in Altona, der einem ver⸗ letzten Kollegen während der Arbeitszeit einen Nothverband angelegt hatte, wurde der Lohn für die darauf verwandte Zeit vom Wochenlohn abgezogen. Harmonie zwischen Kapital und Arbeit! i Auch ein Bismarck.
Die Affaire eines Herrn Rudolf von Bis⸗
Köhler, mit der er ein Kind hatte, sitzen ließ, hat jetzt zwei Nachspiele gefunden. Fräulein Köhler war zu sechs Wochen Gefängniß verur⸗ teilt worden, weil sie dem treulosen Vater ihres Kindes aufgelauert, ihn beleidigt und so bedroht hatte, daß er hinter einem Zaun Zuflucht suchte. Sie legte gegen das Urteil Revision beim Reichs— gericht ein, ist aber damit nicht durchgedrungen, sie muß also die Strafe verbüßen, wenn nicht etwa im Gnadenwege ihr Nachlaß wird. Der Lieutenant Rudolf v. Bismarck, der sich hinter den Busch versteckt hatte, hat inzwischen seinen Abschied erhalten.
Arbeiterbewegung.
Zentrum und Zuchthaus vorlage. Eine Protestversammlung der katholischen Ber⸗ liner Arbeitervereine nahm nach Referaten der Reichstagsabgeordneten Hille und Schmidt-War⸗ burg eine Resolution an, in der zum Schluß gesagt wird:
„Die organisierten christlichen Arbeiter er⸗ warten von allen Abgeordneten des deutschen Reichstages, welche auf dem Boden der christ⸗ lichen sozialen Reform stehen, eine entschiedene Ablehnung jeder Beschränkung der be⸗ stehenden Rechte des arbeitenden Volkes.“
Das ist eine unzweideutige Kundgebung gegen den Zuchthauskurs, die dadurch an Wert gewinnt, daß sie unter der Leitung zweier Zent⸗ rums⸗Abgeordneten erfolgt ist. Nimmt die „regierende Partei“ in ihrer Gesamtheit die gleiche Stellung ein, so wird das kasserliche Ver⸗ sprechen, daß jeder, der zum Streik anreizt, ins Zuchthaus gesperrt werden solle, auf dem Wege der Gesetzgebung nicht zur Erfüllung gelangen. Indessen ist man leider niemals sicher, wie sich das Zentrum im entscheidenden Augenblick ver⸗ halten wird, und so darf man in dem Kampfe um Sicherung und Erweiterung der Koalitions⸗ freiheit nicht nachlassen.—
Krefeld, 3. Januar. Bisher kündigten die Sammetweber in acht mechanischen Webereien zum 15. ds. Mts. In zwei Sammetwebereien sind die Weber bereits aus⸗ ständig. Die Arbeitgeber ihrerseits kündigten, als die Kündigung seitens der Weber erfolgte, den zahlreichen Hilfsarbeitern.
Kleine Mitteilungen.
— Ein Professor verloren. Professor Dr. Otto Harnack von der technischen Hoch⸗ schule in Darmstadt, welcher seit Weihnachten zum Besuche seines Schwiegervaters, Geheimen Ober⸗Justizrat Reichau in Berlin war, wird seit dem 30. v. M. vermißt. Er ging an dem genannten Tage nach 11 Uhr abends durch den Tiergarten und ist in seinem Absteigequartier nicht eingetroffen. Auf den Nachweis über den Verbleib des Professors Harnack ist eine Be⸗ lohnung von 500 Mank gesetzt.
— Familiendrama in Frankfurt. Der Sattlermeister Reineboth, ein fleißiger stiller Mann, der ein kleines Sattlerlädchen in der Gr. Bockenheimerstraße hatte, wurde am Montag Morgen in seiner Wohnung in der Staufenstraße erhängt aufgefunden. Seine beiden Söhne im Alter von 11 und 5 Jahren lagen tot im Bett mit auffallenden Strangulations⸗Merkmalen. Es steht zweifellos fest, daß Reineboth erst seine Kinder und dann sich selbst getötet hat. Miß⸗ liche Vermögensverhältnisse sollen das Motiv der That sein. Die Frau war schon seit längerer Zeit tot.
— In Lauterbach(Oberhessen) wurde die 18 Jahre alte Marie Ehrer, als sie am Sylvesterabend zum Fenster hinausschaute, von einem Schuß getroffen und sank ohnmächtig zu Boden. Der Schuß hatte das linke Auge ge⸗ streift und den Vorderschädel zertrümmert. Der Zustand des Mädchens ist hoffnungslos. Der Schuß war von dem 18 Jahre alten Adam Leib
aus einem alten Militärgewehr abgefeuert. Leib wollte das neue Jahr anschießen. Er wurde sofort verhaftet. Eine böse Absicht liegt nicht vor. mmm. ̃˙7—i⅛i!P“
Parteigenossen! Werbt unablässig Abonnenten für Euer
Partei⸗ Nachrichten.
Versammlungs⸗Kalender.
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Samstag, den 7. Januar: Gießener Wahlverein bei Orbig. Tages⸗ ordnung: 1. Vortrag des Stadtverordneten Gen. Ed. Krumm: Rückblick auf das verflossene und Ausblick auf das neue Jahr. 2. Diskussion.— Zahlreich erscheinen! Heuchelheim. A.⸗B.⸗V. bei Ludw. Mandler⸗
Erwerbt die hessische Staatszugehörigkeit! Unsere in den Landtagswahlkreisen Gießen-Land und Vilbel ansässigen nichthessischen Genossen müssen die hessische Staatszugehörigkeit erwerben!
Kurhessen und Waldeck.
An die Vertrauensleute und Parteigenossen der Provinz. Im Einverständnis mit dem Preßausschuß berufen
wir hiermit den 9. Parteitag für Hessen und Waldeck auf Sonntag, den 29. Januar d. J., vormittags 11 Uhr, nach Cassel in das Buchbach'sche Lokal, Schäfergasse Nr. 14, ein.— Pro visorische Tagesordnung: 1. Bericht der Agitationskommission. 2. Organisation und Agitation. 3. Bericht der Preßkommission. 4. Unsere Presse. 5. Die Gemeindewahlen. 6. An⸗ träge der Delegierten, soweit selbige nicht durch die voraufgegangenen Punkte erledigt sind. N
Jeder Ort hat das Recht, einen oder mehrere Dele⸗ gierte zu entsenden. Die Kosten sind nach Möglichkeit am Orte selbst aufzubringen resp. kann die Agitations⸗ kommission nur für einen Delegierten die Kosten⸗ deckung übernehmen. In Anbetracht der Punkte 4 und 5 ist die Anwesenheit der Kolporteure des„Weg⸗ weisers“ und„Volksblattes“, sowie der bei den letzten Gemeindewahlen durch unsere Genossen gewählten Gemeindevertreter dringend erforderlich. Wir ersuchen dies besonders zu beachten. Anträge und Ergebnis stattgefundener Delegiertenwahlen sind an Unterzeich⸗ neten einzureichen.
Die Agitationskommission für Hessen und Waldeck, J. A.: H. Trilse, Cassel, Gartenstraße 23, I. I.
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Briefkasten der Redaktion.
Nach Alsfeld. Wir zweifeln durchaus nicht an der Richtigkeit Ihrer Mitteilung, veröffentlichen können wir dieselbe jedoch nicht. Wer will die Angaben Ihres Gewährsmannes, falls wir verklagt würden, bezeugen? „Gutes“ Heu und„schlechtes“ Heu— das sind gar zu dehnbare Begriffe. Schließlich„beweist“ der B. d. L.
noch, daß aus einer Mischung von„gutem“ und „schlechtem“ Heu„vorzügliches“ Heu wird. Lassen
wir lieber die Finger von dieser Heu-Mischgeschichte des bunten Landwirtes. Besten Gruß!
Marktberichte.
Gießen. Auf dem Wochenmarkte vom 5. Januar kostete: Butter per Pfund Mk. 0,700.90, Hühnereier 1 St. 7—10 Pfg., 0 Stück 00 Pfg., Käse per Stück 5—8 Pfg., Käsematte 2 Stück 5—6 Pfg., Erbsen pro Liter 20 Pfg., Linsen pro Liter 30 Pfg., Tauben pro Paar Mk. 0,60— 0,00, Hühner pro Stück Mk. 1,00— 1,20, Hahnen pro Stück Mk. 0,90—1,40, Enten per Stück Mk. 1,80— 2,50, Gänse pro Pfund 48 60 Pfg., Ochsenfleisch per Pfd. 68.—74 Pfg. Kuh⸗ und Rindfleisch 62—64 Pfg., Schweinefleisch 6876 Pfg., gesalzen 80 Pfg., Kalbfleisch 64—66 Pfg. Ham⸗ melfleisch 50—66 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kilo Mk. 6,00 bis 6,50, Zwiebeln pro Zenter Mk. 5,00 6,50, Milch per Liter 16 Pfg.
Amtlich ermittelte Preise der gewöhnlichsten Verbrauchsgegenstände.
Dezember 1898.
marck, welcher seine Geliebte, ein Fräulein
Parteiorgan, die„Mitteld. S.⸗Ztg.“!
In Gießen gezahlte Preise: 5 dualen
hochste drigste 1 Gr NN Weizen... 100 Kilo. 17.50 17.007.300 1748 Roggen„„ 15.50 15.001.250 14.74 Gerste..„„ 18.00 14.00 16.0] 16.61 Daerr„„ 160 14.001000 14.55 i„„ 6.00, 500 5.500 5.10 Su 0 0d 3.50 3.49 Kartoffelnn.„„ 7.00 5.50 6.25 5.84 Erbsen..„„ U 31.00,29.00 30.00 25.48 Bohnen„„ 36.00.34.00 35.000 26.21 Linsen.„„ 42 0040.004100 36.77 Weizenmehl.. 1 Kilo 0.42 0.36 0.39 0.37 Roggenmehl...„„ 0.36 0.34 0.35 0.28 Blitteßnr?, ene 2.12 Milcß 1 Liter 0.16 0.16 0.16 0.17 Ger 10 Stück 1.00 0.60 0.78 0.79 Brot, gen dio 0.21—.— Brot, Roggen..„„—.— LE= 0.24 0.24
mit ohne mit ohne
Beilage[Beilage[Beilage Beilage
Ochsenfleisch... 1 Kilo] 1.42 1.60 J 1.40 1.66
Kuh⸗ u. Rindfleisch,„ 1.28 1.40 1.28 1.48
albert 1.30 1.40 1.32 1.63
Hammelfleisch..„„ 1.00 1.20 J 1.21 1.46
Schaffleisch..„„ 1.00 1.10 0.99 1.13
Schweinefleisch.„„ 1.44 1.52 1.35 1.60


