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Nr 32.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 8.
die gewerkschaftliche Organisation zu stärken. Reicher Beifall lohnte die Ausführungen des Referenten. — Eine Diskussion fand leider nirgends statt. In einstimmig angenommenen Resolutionen sprachen die Versammlungen ihr Einverständnis mit den Ausführungen des Redners aus und protestierten energisch gegen die Zuchthausvor— lage. Mit begeistert aufgenommenen Hochs auf die Sozialdemokratie schloß Gen. Fauth, der Kreisvertrauensmann die vorzüglich verlaufenen Versammlungen.
n e bei Wetzlar ist der Landwirt Philipp Berghäuser IV. unmittelbar nach dem Begräbnis seiner 17 jährigen Tochter verhaftet worden. Das Mädchen soll vom Vater mißhandelt worden sei, weil es über die erlaubte Zeit von Hause fortgeblieben ist.
Fromme Sünder.
* Ein Vorstandsmitglied des evangeli⸗ schen Bürgervereins in Krefeld und Mitglied des Vereins zur Hebung der Sittlichkeit, der Fabrikant W. Freischlader, hatte sich vor der Strafkammer unter der Anklage des Ver⸗ gehens gegen die§§ 174,1 und 177,3 des Straf⸗
esetzbuches zu verantworten. Der Angeklagte atte sich als Vormund seiner noch nicht vier⸗ zehnjährigen Halbschwestern gegen diese ver⸗ augen. Das Gericht erkannte auf eine Zucht⸗ ausstrafe von drei Jahren.—
Der Stadtmissionar Jagdstein von Wiesbaden, der sich an schulpflichtigen Mäd⸗ chen in unsittlicher Weise vergangen hat, ist ent⸗ flohen und wird steckbrieflich verfolgt. Er hat die Kinder unter dem Vorwand, Botengänge durch sie besorgen lassen zu wollen, in seine Wohnung bestellt und durch kleine Geldgeschenke und Naschereien zum Schweigen veranlaßt. Als er sich endeckt sah, ist er entflohen. Jagdstein, der ledig ist, spielte in den Wiesbadener evangelisch⸗kirchlichen Vereinen eine große Rolle. Die Affaire erregt großes Aufsehen.
Nun schnell ein Ausnahmegesetz für Stadt⸗ missionäre und Sittlichkeitsvereinler— müßte Herr v. Posadowsky verlangen, wenn er konse⸗ quent und logisch handeln wollte. Denn ganz zweifellos ist der Prozentsatz unsittlicher Mucker ein bedeutend größerer, als der Prozentsatz streikender Arbeiter, die irgendwie gegen die Gewerbeordnung fehlen.
Folgen antisemitischer Verhetzung.
Die Verhandlung gegen zwölf Ziegelarbeiter in Wien, welche den französischen Arbeiter Rosseau auf der Straße bei Wienerneudorf brutal mißhandelt haben, weil sie ihn für einen Juden hielten, der den Kindern Blut ab⸗ nehmen wollte, endete mit der Verurteilung von zehn Angeklagten zu einem Monate Kerkers. Der Staatsanwalt bedauerte, daß Diejenigen, welche solchen Irrwahn nähren, nämlich die antisemitischen Kindsköpfe, nicht vom Arme der Gerechtigkeit erfaßt werden können.
Ich, der Polier!
Ein Richtfest wurde kürzlich nach der „Arnsw. Ztg.“ in einer bekannten Stadt der Mark begangen. Dabei hielt der Herr Maurer⸗ polier folgende Rede:„Meine Herren! Nachdem det Haus nu fertig ist, ist es auch recht und billig, det wir Derer gedenken, die det schöne Jebäude uffgeführt haben. Hier ist erstens zu nennen: der Theoretiker, der verstehts, aber kanns nich; zweetens: der Praktiker, der kanns, aber verstehts nich; drittens: der praktische Theoretiker, der verstehts und kanns auch, det is nämlich der Maurerpolier und det bin ick — er lebe hoch! hoch! hoch!“
Ein guter Ratschlag.
„Steckt Eure Nase in sozialdemokratische Schriften!“ Diesen beachtenswerten Rat gab dieser Tage ein Ulanenoffizier den müßig dasiehenden Zuschauern, welche die Pionierübung in der Vahrenwalder Haide sich ansahen. Ver⸗ fluchte Bagage! scheert Euch hier weg und steckt die Nase in Eure sozialdemokratischen Schriften!“ so machte der Offizier seinem gepreßten Herzen Luft. Natürlich waren die also Behandel⸗ ten gerade nicht sehr erbaut von einer solchen Anrede, und als einer von ihnen sich erlaubte, dem Herrn Lieutenant vom Königs⸗Ulanen-Re⸗
giment zu bemerken, daß er auch Soldat ge⸗ wesen sei und mit den Sozialdemokraten nichts zu thun habe, da sollen Titulaturen gefallen sein, die man sonst nur in der Zoologie an⸗ wendet. Unser Hannoversches Bruderorgan be⸗ merkte hierzu: Selstverständlich billigen wir die geschilderte Behandlung nicht und wür den, so sehr wir anch sonst ein Feind davon sind, zum Kadi zu laufen, es in diesem Falle doch für ganz angezeigt erachten, wenn dem Herrn Lieu⸗ tenant von anderer Seite aus ein etwas weni⸗ ger„schneidiges“ Vorgehen empfohlen würde; aber der Rath des Offiziers, die Nase lieber in sozialdemokratische Schriften zu stecken, als den militärischen Uebungen zuzusehen, können wir nur voll unterstützen. Es ist gewissermaßen beschämend für die in Frage kommenden Per⸗ sonen, daß sie von einem hochadligen Ulanen⸗ offizier auf ihre Pflichten aufmerksam gemacht, bezw. an ihre Klassenbewußtsein erinnert werden mußten.
Kleine Mitteilungen.
* Als Nachfolger des gemaßregelten Pro⸗ fessors Schiller ist zum Gymnastaldirektor in Gießen der seitherige Gymnasial- und Realschul⸗ direktor Dr. Schädel in Offenbach ernannt. — Professor Schiller siedelt demnächst nach Leipzig über, um sich dort als Privatdozent für Pädagogik zu habilitieren.— Der Professor der Rechtswissenschaft Dr. Frank in Gießen, den Arbeitern bekannt durch sein Bekenntnis, früher„auch“ Sozialdemokrat gewesen zu sein, hat einen Ruf nach Halle bekommen. Professor Frank ist der glückliche Neffe des be⸗ kannten Reichstagskandidaten„Onkel Frank“.— In den Nächten des 8. bis 12. August erscheint der große Sternschnuppenschwarm der Persciden am Himmel. Diese winzigen Welt⸗ körper beginnen bei 150—160 Kilometer Höhe über uns infolge größerer Reibung in der dichteren Atmosphäre zu glühen und zu leuchten und bei 80 bis 85 Kilometer Entfernung wieder zu dunkeln. Oft zerplatzen sie und die herab⸗ fallenden Stücke geben die gefürchteten Stein⸗ regen.
Arbeiterbewegung. Die Dachdeckergesellen in Gießen sind in eine Lohnbewegung eingetreten. Sie verlangen höheren Lohn.
Stuttgart. Die hiesigen Möbeltischler haben einen glänzenden Sieg errungen. Sie erzielten unter anderem die 9stündige Arbeits⸗ zeit, eine Lohnaufbesserung für Accord⸗ und Lohnarbeit um 7%, sowie Aufschläge für Ueber⸗ stunden in der Woche 25%, Sonntags 500%.
Die dänischen Unternehmer haben weitere 20 000 Arbeiter ausgesperrt. Die Arbeiter sollen zu Kreuze kriechen. Helft den dänischen Brüdern! Was ihnen heute, kann uns morgen passieren. Ihr Sieg ist auch unser Sieg, ihre Niederlage müßten auch wir schwer mitbüßen. Beiträge sind zu senden an A. Bock, Gießen, Damm⸗ straße.
Der dänische Abgeordnete Olsen, der Deutschland bereist, um über die große Aus⸗ sperrung in Dänemark Aufklärung zu geben, durfte in Dresden und München nicht sprechen. In Dresden wurde ihm angekündint, daß er sofort aus ganz Sachsen ausgewiesen würde, wenn er sich nur in einer Versammlung blicken ließe. Deutsche Polizei!
Zur Landtagswahl im Kreise Gießen Land.
(Ausschneiden und aufbewahren.)
Zu denjenigen Kreisen, in welchen demnächst Neuwahlen stattzufinden haben, gehört auch der fünfte oberhessische. Derselbe besteht aus 20 Wahlbezirken, die zusammen 37 Wahl⸗ männer zu wählen haben. Die Zahl der Wahlmänner, die in jedem Wahlbezirke zu wählen sind, richtet sich nach der bei der letzten Volkszählung ermittelten Einwohnerzahl. Auf je 500 Einwohner kommt 1 Wahlmann. Aus
der nachstehenden Tabelle ist zu ersehen, welche Wahlbezirke zum 5. oberhessischen Kreis (Gießen⸗Land) gehören, wieviel Einwohner die einzelnen oder zu Wahlbezirken vereinigten Gemarkungen am 1. Dezember 1895 hatten und wie viel Wahlmänner demnach jeder Wahlbezirk zu wählen hat:
Einwohner Zu wählende Wahlbezirk: am Wahl⸗ 1. Dez. 1895: männer: 1. Allendorf a. Lahn. 646 1 2. Alten⸗Buseck. 1193 2 3. Annerod 539 1 4. Daubringen 692 1 5. Garbenteich 706 1 6. Großen⸗Buseck 1664 3 7. Großen-Linden 1560 3 8. Hausen 391 1 9. Heuchelheim 1973 8 10. Klein⸗Linden. 1297 2 11. Langgöns 1474 2 12. Leihgestern. 1158 2 13. Lollar 1410 2 14. Mainzlar. 5 449 1 15. Oppenrod 311 1 16. Rödgen und Trohe 811 1 17. Ruttershausen⸗Kirchbg. 426 1 18. Staufenbg. m. Friedelhs. 650 1 19. Watzenborn⸗Steinberg 1585 3 20. Wieseck. 2502 5
Wer ist Urwähler?
Urwähler ist jeder 25 Jahre alte Hesse, der spätestens seit Anfang des Jahres, in dem die Wahl stattfindet, zur Steuerzahlung heran⸗ gezogen ist. Hier besteht keine Vorschrift über die Höhe des Steuersatzes. Wenn der Be⸗ treffende auch den niedrigsten Steuersatz zahlt, so ist er wahlberechtigt.
Wer kann Wahlmann werden?
Wahlmann kann werden jeder 25 Jahre
alte Hesse, der mindestens pro Ziel 2 Mk. 10 Pfg. direkte Staatssteuer zahlt.
Partei⸗Nachrichten.
Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 5. August: Wahlverein Gießen. Abends 9 Uhr: Gene⸗ ral⸗Versammlung bei C. Orbig. Tages⸗ ordnung: 1. Abrechnung. 2. Vorstandswahl. 3. Die bevorstehenden Kreis⸗ und Landes⸗ Konferenzen. 4. Die Landtagswahl.— Es wird dringend um zahlreiches Erscheinen ersucht. Sonntag, 6. August: Friedberg. Wahlvereins⸗Versammlung bei Gast⸗ wirt Kühn zur„Stadt Newyork“.
Die hessische Landes konferenz wird am 10. September in Mainz stattfinden. Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda findet Ende August in Lollar statt. Näheres darüber in nächster Nummer. Die Genossen mögen schon jetzt Stellung zu den Konferenzen nehmen und Delegierte wählen.
Die
August Geibs zwanzigjähriger Todestag war der 1. August 1899. Vor nunmehr zwanzig Jahren, am 1. August 1879, schloß August Geib seine Augen für immer. Sein Andenken wird in der Partei fortleben als das eines Mannes, dessen ganzes Fühlen und Den⸗ ken der Arbeitersache gewidmet war. Was die Sozial⸗ demokratie, namentlich in Hamburg, seiner aufopferungs⸗ vollen Thätigkeit verdankt, ist mit unvergänglichen Lettern in der Geschichte der Sozialdemokratie verzeichnet.
Briefkasten der Expedition. Quittungen. Schw. Grgn. 3.80. R. Fr. 1.80. Ges. Ver. Germ. Altb. 5.—. Frch. Gbg. 3.—. M. Ekh. 4.60. D. S.—.60. Bt. Llr. 41.80. Hchst. K. 6.—. Th. Rhe. 3.60. Mhl. G. 50.70. Fth. Wtzl. 25.—. Pths. L. 4.20. Rg. Etbch. 28.80. M. Bdgn. 3.60. M. Verb. G. 5.—. Sch. G. 9.—. Kr. G. 1.—. Sgfr. Abck. 12,60. G. Z. 6.—. Pf. G. 6.—. Pf. Wtzb. 5.80. W. Lbch. 6.—. Wck. L. 28.60. H. Lbg. 10.—. L. G. 35.—. L. Gbg. 6.20, R. H. Ins. 6.—. W. J. G. 3.—. Kch. Kfd. 39.20. B. u. Kr. 62.40. C. C.⸗ G. 44.—. Oestr. A. 1.—. Htlg. Mbg. 34.80. Dbl. Mbg. 1.80. Schmpf. All. 2.—. Hfm. Großl. 2.—. Krgr. Ghsn. 39.40. Fth. Wtzlr. 25.—. W. Bst. 2.40. Gen. G. 11.25. Schm.
Wbg. 1.—. Th. R. 1.20. N. Ab. B.—.40.


