Ausgabe 
6.8.1899
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Winter nicht allein seinen Altersgenossen entsprechend, sondern über dieselben hinausgehend zu. Das Früh⸗ stück, bestehend aus abgekochter, warmer Milch und Brödchen, konnte 70 Schülern gereicht werden. Die Auswahl derselben wurde derart bewerkstelligt, daß die Lehrer eine größere Zahl bedürftiger Kinder dem Schularzt vorstellten, aus welchen der letztere die schlechtgenährten und kränklichen heraussuchte. Die auch schon in früheren Jahren geübte Verabreichung des Frühstücks wirkte so ausgezeichnet, daß es zu bedauern ist, daß aus Mangel an Mitteln diese Wohlthat nicht einer größeren Zihl von Kindern gewährt werden kann. Ja, klingt denn das nicht ganz sozialdemokratisch? Man lese irgend ein von Sozialdemokraten aufgestelltes Kommunalprogramm und bestimmt wird man die Forderung finden: Verabreichung von Frühstück an bedürftige Schulkinder!

Wie berechtigt diese Forderung ist, hat Herr Schul⸗ arzt Dr. Tjadden nachgewiesen. Er hat nicht nur ermittelt, daß eine Anzahl Kinder in der denkbar schlechtesten Verfassung waren, er hat auch konstatiert, daß dieselben Kinder binnen wenig Monaten sich ganz überraschend erholt und entwickelt haben, nachdem man ihnen täglich eine Tasse Milch und ein Brödchen gespendet hat! Wie erbärmlich müssen diese bedauerns⸗ werten Kinder daheimernährt werden, welche traurige Zukunft steht diesen Aermsten bevor, denen schon mit täglich einer Tasse Milch geholfen werden könnte!

Ja könnte! Aber leider fehlen die Mittel für diese Wohlthat, wie sich Herr Tjadden ausdrückt. Und leider schlummern noch bei den meisten kommunalen Körper⸗ schaften sozialpolitisches Verständnis und Gewissen.

Wir verstehen es auch, warum gar vielfach schon Bedenken erhoben werden, wenn nur die Anstellung eines Schularztes verlangt wird. Mit dem Schularzt fängt's an, sagt sich wohl mancher manchesterlich gesinnte Stadtvater, mit der Lieferung der Lehrmittel wird's fort⸗ gesetzt und mit der Speisung bedürftiger Kinder hört's noch nicht auf!

Ganz recht so. Daß der Schularzt unentbehr⸗ lich ist, geht aus Dr. Tiadden's Bericht hervor. Durch seine Untersuchungsresultate werden viele Eltern in die Lage versetzt, für ihre Kinder, von deren Gebrechen Gehör⸗, Gesichts⸗, Herz⸗ und sonstige Fehler sie viel⸗ leicht gar keine Ahnung hatten, Abhilfe zu beschaffen. Daß die Lehrmittel um sonst an alle diejenigen Kinder geliefert werden, deren Eltern Anspruch darauf machen, ist eine ganz selbstverständliche Konsequenz des Schulzwanges und daß für arme, schlecht genährte Kinder, die dauerndem Siechtum entgegengehen, wenn ihnen keine Milch und keine Brödchen geliefert werden, Frühstück, eventuell auch Mittagsbrot beschafft werden muß, ist Menschenpflicht.

Und mit wie geringen Mitteln wäre diese schöne Pflicht zu erfüllen! Wählen wir ein Beispiel aus Gießen. Zu dem letzten Schützenfest bewilligten die Stadt⸗ verordneten für einige Schießprämien 1200 Mark trotz des Protestes der sozialdemokratischen Stadtverord neten. Hätte man diese Summe verweigert kein Fest⸗ teilnehmer wäre deshalb ausgeblieben, kein Glas Bier oder Wein wäre deshalb weniger getrunken! und hätte die 1200 Mark für Frühstück für arme und kranke Schulkinder verwendet, wie viel hätte man damit für die Gesundung der bedauernswerten Kinder thun können und wie würde sich zweifellos Herr Dr. Tjadden freuen, wenn er im nächsten Jahre nicht zu schreiben brauchte:

.. die Verabreichung des Frühstücks wirkte so ausgezeichnet, daß es zu bedauern ist, daß aus Mangel an Mitteln diese Wohlthat nicht 3 größeren Zahl von Kindern gereicht werden ann.

Rechnen wir einmal nach:/ Liter Milch kostet 4, ein Beödchen 3 Pfg., demnach eine Portion 7 Pfg.

Mk. 1200,00: 7= 17142 Portionen! Nehmen wir an, daß nur an etwa 120 Wintertagen Milch und Brödchen verabfolgt würden, so ergiebt sich, daß für 1200 Mark 17142 Portionen an 120 Tagen für 142 Kinder verabreicht werden könnten.

Wohlhabende Schützen haben jetzt infolge der Noblesse der Stadt Gießen Silbersachen im Schrank liegen. Aber der Gießener Schularzt bedauert es und wir mit ihm Vaß nicht allen bedürftigen und kranken Kindern der Voltsschulen Milch gegeben werden konnte.

Von Nah und Lern.

Parteiliche Flurschädenabschätzung?

* Amtlich veröffentlicht der Kreisrat Bechtold an die großherzogl. Bürgermeister im Kreise Gießen eine Ermahnung betr. die Abschatzuug der Flurschäden auf Grund des Nataralleistungsgesetzes. Es wird gesagt:

Bei der Vorabschätzung von Flurschäden in Gemäßheit der Vorschriften des Abs. 35 der Ausführungsverordnung zu§ 14 des Natural⸗ leistungsgesetzes sind nach vorliegenden Mit⸗ teilungen Mißstände zu tage getreten.

Namentlich haben die Ortsvorstände von der Befugnis, die Aberntung der Felder vor dem Eintreffen der Abschätzungskommission anzu⸗ ordnen, stellenweise in Fällen Gebrauch gemacht, in denen diese Maßnahme zur Verhütung eines höheren Schadens nicht erforderlich war.

Die Angaben der Orts vorstände und der zugezogenen Ortseingesessenen über den Umfang des Schadens ließen ferner mitunter die notwendige Unparteilichkeit und Zuverlässigkeit vermissen....

Das ist für die in Frage kommenden Bürger⸗ meister keine besondere Schmcichelei.

Der Gesangverein Eintracht

macht am heutigen Sonntag einen Ausflug nach Klein⸗Linden in den Hinterlang'schen Restaurationsgarten. Alle Freu de des Vereins, besonders auch die Sanges- und Arbeitsbrüder aus Kleinlinden werden freundlichst zur Teil nahme eingeladen.

25jähriges Jubiläum.

* Der Redakteur Hartmann von der konser⸗ vativenOberh. Ztg. in Marburg feierte am 1. August sein Silberjubiläum als Redakteur in recht merkwürdiger Weise. Er wurde nämlich Knall und Fall seines Scharfmacherpostens ent⸗ hoben! Wie hatte der für die Zuchthaus vorlage und für die Beseitigung des Reichs⸗ wahlrechts Propaganda gemacht! Und nun dieser Lohn an seinem Ehrentag. Wenn er nun blos nicht die konservativen Redakteure in Preußen auffordert, sich mit ihm solidarisch zu erklären und damit gewissermaaßen zum Streik anreizt! Schade übrigens, daß Hartmann die Marburger Fleischtöpfe verlassen muß. So wie er hatte dieOberh. Ztg. noch Keiner redigiert. Allerdings glich sie mehr einem unfreiwilligen Witzblatt, aber als solches konnte man sie doch wenigstens lesen. Wenn sie jetzt wieder ernsthaft werden will, wird sie wieder ungenießbar.

Wahlvorbereitungen.

* Die Nationalliberalen und die neuerdings unter der FirmaHessischer Bauernbund hau⸗ sierenden Antisemiten machen schon für die kommenden Landtagswahlen mobil. Der Landes Ausschuß der nationalliberalen Partei für das Großherzogtum Hessen trat am Sonntag zu einer Sitzung in Darmstadt zusammen. Aus allen Teilen des Großherzogtums waren Ver treter erschienen. Zur Beratung kamen die bevorstehenden Landtagswahlen. Die Anti⸗ semiten halten diesen Sonntag, am 6. August für den Kreis Nidda-Ortenberg eine Vertrauens⸗ männer⸗Versammlung in Dauernheim ab, um einen Kandidaten aufzustellen.

E. A. V.

* Ueber den Evangelischen Arbeiter-Verein zu Gießen wurde auf der Delegierten-Versamm⸗ lung in Altona folgender Bericht erstattet:

Am 31. Dezember 1898 waren 291 Mit⸗ glieder der verschiedensten Gesellschaftsklassen, vom Universitäts- und Gymnasial pro⸗ fessor bis zum einfachen Taglöhner. Der Zusammenhalt ein sehr loser. 2 General⸗ versammlungen. 6 Vorträge. Feste, Wald ausflug u. s. w. 100 Bäude der Bibliothek mit geringer Benutzung. Bau⸗Genossen⸗ schaft mit 6 Häusern; nicht obligatorische

Sterbekasse, auch für Frauen und Witwen

von Mitgliedern. Gemeinsamer Kohlenbezug.

Famose Arbeitervereine, in denen Pro fessoren, Pastoren und Fabrikanten den Ton angeben. Die wirkliche! Arbeiter sind in diesem Evangelischen Arbeiter-Verein wohl zu meist nur deshalb Mitglieder, weil sie irgend einem einflußreichen Herrn einen Gefallen damit zu erweisen glauben. Kein Wunder, daß der

Zusammenhalt einsehr loser ist und die 100 Bände der Zuckerwasser-Bibliothek wenig(wie wenig wohl?) benutzt werden.

Studentische Rüpeleien. * Aus Marburg. Der Stud. med. Joseph Klette aus Frankfurt a. M. war am 11. e pril d. J. von seinen Kommilitonen in einem Restau⸗ rant ein wenig aufgezogen worden. In ärger⸗ licher Stimmung wollte er das Lokal verlassen. Er pfiff seinem Hund, doch der arme Dackel kam nicht sofort. Das machte den Herrn Studiosus noch ärgerlicher.In fünf Minuten könnt ihr einen toten Hund sehen rief er seinen Freunden zu und verließ mit dem inzwischen gegriffenen Hund das Lokal. Draußen schlug der gefühlvolle Herr thatsächlich den Hund auf das Straßenpflaster auf und verletzte ihn tötlich. Er warf das noch zuckende Opfer seiner Helden⸗ that dann in das Wirtslokal, wo er ihm auch den Gnadentritt gab. Geohrfeigt wurde der Student nicht, aber er wurde wegen Tier⸗ quälerei angezeigt und vom Schöffengericht in Marburg freigesprochen! Gegen diese Freisprechung wurde Berufung angemeldet, und von der Strafkammer wurde der teutsche Mann zu 40 Mk. Geldstrafe verurteilt.

Am 29. Juli ließ sich ein Student von einem Kutscher stundenlang in der Stadt umher⸗ fahren. Als dem Kutscher die Geschichte ver⸗ dächtig vorkam, verlangte er Bezahlung. Statt dieser offerterte der Studiosus dem Rosselenker eine Explosionszigarre und begann in dem Augenblick, als diese explodierte, dem ahnungs⸗ losen Kutscher den Rücken zu verbläuen. Damit war aber des Kutschers Geduld erschöpft. Er warf den Studiosus aus dem Wagen und ver⸗ feen ihn. Ein gerichtliches Nachspiel wird folgen.

In der Nacht vom Samstag zum Sonntag verübten Studenten auf dem Markt einen un⸗ beschreiblichen Lärm.

Aus Gießen. Eine Studenten-Kra⸗ kehlerei größeren Stils fand in der Nacht zum Sonntag wieder am Ludwigsplatz statt. Es kam schließlich zu einer solennen Keilerei zwischen Korpsstudenten und Turnern. Im Polizeibericht wird die Hoffnung ausgesprochen, daß, um denleider recht häufig vorkommenden nächtlichen Scenen zu steuern, einmal empfind⸗ liche Strafen verhängt werden möchten. Diese Hoffnung können wir leider nicht teilen.

Aus dem Kreis Wetzlar.

f. Am Sonntag hielt der Reichstagsabg. Gen. Edm. Fischer aus Dresden in Krof⸗ dorf und Naunheim gut besuchte Versamm⸗ lungen ab. Redner verbreitete sich in ein⸗ einhalbstündigem fesselnden Vortrage überDie Thätigkeit des deutschen Reichstages in letzter Tagung. Seinen Ausführungen sei Folgendes entnommen: Was der Reichstag Positives ge⸗ schaffen hat, ist sehr wenig im Verhältniß zu den Mühen und Kosten, die die einzelnen Par⸗ teien für das Parlament aufbringen. Es wird häufig gesagt, im Reichstag würde zu

viel geredet: das ist richtig, aber es ist auch

notwend'g, weil wir im deutschen Reiche keine eigentliche Preß-Freiheit haben. Weil in der Presse das nicht gesagt werden darf, was notwendig ist, müssen die Abgeordneten die Redefreiheit im Parlament benutzen, um Kritik zu üben an den Verhältnissen, die durch die jeweilig vorliegenden Gesetzenwürfe zur Sprache gebracht werden. Man denke nur an den Militäretat. Hier hat es sich nament⸗ lich Genosse Bebel zur Aufgabe gemacht, jedes Mal die im Heere vorkommenden Soldaten⸗ mißhandlungen scharf zu rügen, und nur dieser ständigen Rüge ist es zu danken, daß diese schändlichen Mißhandlungen, wenn auch nicht ganz aufgehört haben, so doh wesentlich einge schränkt wurden. So ist unsere Fraktion aber auch auf allen anderen Gebieten der Etatsbe⸗ ratung eifrig thätig gewesen. Der Redner geht nun die verschiednen Vorlagen durch, mit denen sich der Reichstag in seiner verflossenen Tagung beschäftigt hat: das Hypothekenbankgesetz, das Fleischschaugesetz, Invalidengesetz, das Zucht⸗ hausgesetz usw. Nachdem der Redner sich noch über Allgemein es betreffend den Reichsta verbreitet, forderte er die Anwesenden auf, fest an der sozialdemokratischen Partei zu halten, der politischen Organisation beizutreten und

Nr. 32.

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