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Nr. 32.

Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung.

Seite 3.

der Richtigkeit seiner Behauptung fast alle Ein⸗ wohner von Wulfshöfen als Zeugen laden. Der Wahlvorstand erklärte, daß die Wahl ge⸗ setzmäßig geleitet worden sei. 28 Zeugen be⸗ kundeten unter dem Eide, den Genossen Haase gewählt zu haben. Vorgefunden wurden da⸗ gegen in der Urne nur 24 auf Haase lautende Stimmzettel. Ueber den Verbleib der fehlenden Stimmzettel konnte nichts ermittelt werden. Der Staatsanwalt hatte eine geradezu geniale Idee, wie die Differenz an Stimmen erklärt werden könne. Er sagte, es sei eine Verwechselung seiiens der Wähler nicht ausgeschlossen, da sie am Wahltage mehr oder weniger betrunken gewesen seien. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Jakoby, war dagegen der Ansicht, daß der Wahr⸗ heitsbeweis gelungen, der Angeklagte daher frei⸗ zusprechen sei. Der Gerichtshof hielt den Wahr⸗ heitsbeweis nicht für erbracht. Die Wahl sei nach den Zeugenaussagen ordnungs mäßig erfolgt, die Stimmendifferenz, die sich herausgestellt habe, könne nur aus den vom Staatsanwalt ange⸗ gebenen Gründen erklärt werden. Gedanken sind zollfrei! Ein mißglückter Kuhhandel.

Mährend die Konservativen nicht genug über das Centrum zetern konnten, daß es mit den Sozialdemokraten in Bayern Kuhhandel getrieben, stellt sich jetzt heraus, daß die Konservativen selbst versucht hatten das Geschäft abzuschließen.

Die konservativeSüddeutsche Landpost giebt zu, daß nicht nur der Führer der Bauern- bündler, Lutz, den Socialdemokraten ein Wahl- bündnis für die bayrischen Landtagswahlen im Wahlkreise Fürth brieflich angetragen hat, son⸗ dern daß auch der Bürgermeister Scharrer von Hohenstedt persönlich bei dem Socialdemokraten Segitz war, um sich über ein solches Kompromiß zu besprechen, ferner daß der Redakteur der Südd. Landp. selbst von Scharrer nach Fürth eingeladen wurde, wo über diese Bündnisse dann endgültig beschlossen werden sollte.

Das Kompromiß kam zwar nicht zu stande, der Fall beweist aber, daß auch die Konservativen mit dem Umsturz sich gernverbinden. Es geht ihnen, wie den Franzosenfressern, die keinen Wälschen leiden mögen, aber ihre Weine mit Vergnügen trinken.

Majestätsbeleidigungs⸗Prozesse.

Nach einer Zusammenstellung derBerl. Volks⸗Zeitung kamen im Juli 16 Fälle zur gerichtlichen Verhandlung. Dreimal erfolgte Freisprechung, in dreizehn Fällen wurde auf zusammen 81 Monate und eine Woche Ge⸗ fängnis erkannt, das sind etwas über Jahre. In den verflossenen sieben Monaten dieses Jahres hat das Blatt insgesamt 218 Fälle von Majestätsbeleidigungen mitgeteilt, in denen auf ungefähr 71¼ Jahre Gefängnis und etliche Festungsstrafen erkannt worden ist.

Zur Parteikrise in Frankreich.

Die Rede, in welcher Genosse Liebknecht sich gegen die Haltung der französischen Sozial⸗ demokraten Jaures und Millerand in der Affäre Dreyfus aussprach, weil sie dieAffäre zur Parteisache gemacht, ist in Paris von den Antisemiten und Nationalisten mit hoher Freude begrüßt und nachdem sie gehörig verarbeitet war entsprechend ausgenutzt worden. DerIntransigeant bringt sie in den fettesten Lettern unter der UeberschriftMille⸗ rand und Jaures gebrandmarkt von Liebknecht. DieLibre Parole betont besonders, daß Liebknecht gesagt habe, Millerand und Jaures hätten ihm geschrieben, sie wollten durch die Affäre Dreyfus den Militarismus vernichten. Man ahnte lange, sagt das Blatt Drumonts, daß der Internationalismus an Hochverrat streifte. Liebknecht giebt uns den Beweis. Merci, Liebknecht! 1

Hierzu erklärt Gen. Liebknecht im Vorwärts:

Ich habe weder von Millerand noch von Jaurés gesagt, sie hätten mir Derartiges erklärt.

Daß Militarismus und Armee zwei ganz verschiedene Dinge sind, brauche ich nicht zu er⸗ wähnen.

DerDank der Herren Drumont und Kon⸗ sorten ist sicher nicht angenehm, aber er ist auch nicht unangenehmer als für die Gönner des

Ministeriums Waldeck⸗Rousseau⸗Galliffet der Dank der Kreuzzeitung, daß Galliffet den richtigen militärischen Geist in der französischen Armee so kraftvoll wieder herstellt.

DieAffaire hat eben in den Geistern eine gar seltsame Verwirrung angerichtet.

31. Juli 1899. W. Liebknecht.

Das belgische Ministerium hat demissioniert. Der Kleber Vandenpeereb om hat doch schließlich eingesehen, daß auf die Dauer der Wille des Volkes nicht unberück sichtigt bleiben kann. Ein neues Ministerium ist bis jetzt noch nicht gebildet. Hebung des Handwerks!

Ein Kleinhandwerker in der Provinz, der Frau und fünf Kinder zu ernähren hatte, konnte zwei Wechsel, einen im Betrage von 21,55 M. und einen im Betrage von 46,85 M., nicht rechtzeitig einlösen. Die Firma, eine Aktien⸗ gesellschaft, gewährte keine Frist, sondern übertrug die Sache einem Rechtsanwalt in Berlin. Der Prozeß begann 1895 und hatte nuch zwei Jahren folgendes Gesicht:

55 tinnen. Berechnete Zinsen bis zu den einzelnen Zahlungen,80 Wechselkosten Hiaen ennie 45 Vollstreckungsgebühr, Schreibgebühr und Porto

des Rechtsanwalts.%% Urteilsvollstreckung 2.,50 II. A e,, 46,85 Zinsen bis zu den einzelnen Zahlungen. 1 Wechs elena. 9,40 Vollstreckungsgebühr und Porto des Rechts⸗ ün walt! ß ⅛èqö 1185, Urteilszustelung gg 9 Pfändungskosten und Leistungsgebühr. 31011 Postanweisungen und Briefporto 1,70, IXI. Festgesetzte Prozeßkosteen. 30,35 Kosten der zwei Beschlüsse 1 120. Zustellung derselben 1.40 Vollstreckungsgebühr und Porto des Rechts⸗ anwalts. 2 00f, Postanweisunge n60 Pfändungskosten und Leistungsgebühr 2,60 Briefporto. 0, 134,35 M.

20.9. 95: 1. Zahlung an d. Gerichtsvollzieher 10, M.

2 9 i. n 3.. 77 37 17 4. 7 1. 77. 6 5.. 7 14 0. 6. 7 u.. 195 57 5%.* 5 7 8. 7 7 9. 9.. 1 10, 10. 1 57 5. 144105 un 1 8 1 12. 77. 1 107 77 13. 7* 1 14. 1 5 15.,.7 107 10 4 3. 97 16. 15 5,35 134,35

Um also ca. 70 M. in Raten abzahlen zu können: Gerichtsverhandlungen, Pfändungen, Versteigerungsandrohungen, Kosten. Und wenn der Mann seinen ehrlichen Willen, zu zahlen, zur Aus führung bringen und seine Familie vor öffentlicher Kränkung be⸗ wahren konnte, so verdankte er es der Nach⸗ sicht und Güte des Gerichts voll⸗ ziehers!

Ein Einzelbildchen aus der kapitalistischen Schuldknechtschaft.

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Der Bericht eines Schularztes.

d- Wie so viele andere Forderungen der Sozial⸗ demokratie wurde auch deren Verlangen nach der An⸗ stellung von Schulärzten vielfach bekämpft. Nur ganz allmählich sickerte das Verständnis für diese hochwichtige Forderung durch. Bei allen Stadtverordnetenwahlen in Gießen haben die Sozialdemokraten die Anstellung eines Schularztes auf ihrem Programm gehabt. Seit vorigem Jahre ist ein Schularzt angestellt.

Der erste Bericht des Herrn Dr. Tjadden über die Zeit vom 1. Juli 1898 bis zum 1. April 1899 liegt nunmehr vor. Und wem seither das Verständnis für

die dringende Notwendigkeit der ärztlichen Kontrole der Schulen resp. der Schulkinder fehlte, der mag sich in den Bericht des Gießener Schularztes vertiefen. Wer nach dem Studium dieses Berichts auf dem Standpunkt verharrt, daß die schulärztlichen Visitationen überflüssig sind, dem ist nicht zu helfen.

Stellen wir zunächst kurz die Untersuchungsresultate des Gießener Schularztes zusammen. Dr. Tjadden hat eine Dreiteilung seiner Aufgabe vorgenommen:

1. Die Hygiene der Schulgebäude.

2. Die Hygiene der Schulkinder.

3. Die Hygiene des Unterrichts.

Am interessantesten sind natürlich die Mitteilungen über Punkt 2 und der Kürze wegen wollen wir uns auch auf diesen Punkt beschränken.

Untersucht wurden die 1800 Kinder der städtischen Knaben⸗ und Mädchenschule zweimal und zwar im Herbst 1898 und im Frühjahr 1899. Die Untersuchung erfolgte iu Beisein der Lehrer resp. Lehrerinnen in den Konferenzzimmern der Schulen. Die Kinder wurden nach der Größe gemessen, gewogen, auf die Seh- und Gehörleistung, auf Reinlichkeit und allgemeinen Er⸗ nährungszustand geprüft. Für jedes Kind ist eine Kon⸗ troll⸗Karte angelegt, in die alle Untersuchungsresultate eingetragen werden. Die Karte begleitet das Kind von Klasse zu Klasse bis zur Schulentlassung und giebt so ein getreues Spiegelbild der körperlichen Entwicklung des Kindes.

Nun einiges über die Resultate selbst. Da ist zu⸗ nächst die interessante Thatsache zu erwähnen, daß die Mädchen in den letzten Schuljahren in der Größe so⸗ wohl wie auch im Gewicht die Knaben überholten, durchschnittlich um 2 om in der Größe und um 4,5 kg im Gewicht.

Die Sehleistungen der Knaben sind als besser wie die der Mädchen ermittelt worden. Mit nur/ der normalen Sehweite wurden der Knaben, aber 11,5% der Mädchen ermittelt, nur die halbe Sehweite wurde festgestellt bei 4% der Knaben und 7,5% der Mädchen. Mit nur/ der normalen Sehweite fand der Schularzt bei Knaben 1,5%, bei den Mädchen 1,80%, Die Ursache dieses ungünstigen Verhältnisses bei den Mädchen dürfte zurückzuführen sein auf die weiblichen Handarbeiten und auf die in der Mädchenschule nicht in allen Sälen 5 1 Belichtung der Plätze wie in der Knaben⸗ schule.

An Gehörstörungen litten bei den Knaben 2,50%, bei den Mädchen 2,2%. Zumeist waren diese Gehör⸗ störungen zurückzuführen auf eitrige Mittelohrentzündungen.

In der Nase zweier Mädchen wurden Polypen ge⸗ funden.

Die Zahnunt ersuchung ergab, daß bis zu 40% aller Schulkinder kranke Zähne hatten.

Stotterer wurden unter den Knaben 2,6, bei den Mädchen 0,6% ͤ ermittelt.

Bruchanlagen hatten 1,5% der Knaben. Bei zwei Mädchen wurde beginnende Nierenentzündung, bei einem Kind beginnende Schwind sucht konstatiert. In diesen Fällen wurden die Eltern besonders aufmerksam gemacht.

Abnormitäten der Wirbelsäule fanden sich bei 90% der Kinder. Im Herbst wurden 12, im Frühjahr 16% der Mädchen und 0,7 resp. 2,1% der Knaben blutarm befunden. 28 Kinder waren krophulös und tuberkulös. 7 Kinder, 4 Knaben und 3 Mädchen, waren herzleidend.

Die Reinlichkeit ließ häufig viel zu wünschen übrig. Mit Läusen behaftet wurden 13 bis 29% der Kinder gefunden. Man geht wohl nicht fehl in der An⸗ nahme, daß einige wenige Kinder, denen zu Haus nicht die nötige Körperpflege zu Teil wird, oft eine ganze Klasse mit Ungezieferversorgen. Die Eltern solcher Kinder, bei denen Läuse gefunden werden, werden sofo rt benachrichtigt und aufgefordert, für Reinigung zu sorgen. Es wird gleichzeitig angegeben, Essig zum Kopfwaschen zu benützen. Derselbe ist im übrigen für die Haare un⸗ schädlich, tötet die kleinen Bestien und verrät durch den Geruch dem Lehrer, ob die Eltern wirklich den Ratschlag befolgt haben. Bei einem Kinde wurde auch Krätze konstatiert.

Am bemerkenswertesten sind die Ausführungen des Schularztes über die allgemeinen Ernährungszustände der Kinder.

Was Dr. Tjadden darüber sagt, ist so bemerkenswert, das wir es wörtlich zitieren müssen:

Abgeschätzt wurde die Ernährung nach der Ent⸗ wickelung des Fettpolsters und der Muskulatur des Oberkörpers. Während im Herbst bei den Knaben 44,8 und bei den Mädchen 50,3% als gut bezeichnet werden konnten, find es im Frühjahr 71,8 resp 73,5%, Die schlecht genährten(Fehlen jeglichen Feltpolsters und schlaffe, welke Muskulatur) Kinder machten im Herbst bei den Kuaben 5,8%, bei den Mädchen 4,3% aus, im Frühjahr dagegen 1,4 resp. 1,5%. Zu der wesentlichen Verminderung der Zahl der als schlecht bezeichneten Kinder trug ohne Frage das aus der Konrad Koch⸗Stiftung diesen gewährte Früh stück mit bei; ein großer Teil dieser Kinder nahm im