Nr. 10.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
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war längere Zeit verschollen und es wurde schon befürchtet, daß der prachtvolle Dampfer, der erst im vorigen Jahr gebaut ist, untergegangen sei. Glücklicherweise ist das Schiff gerettet. Es hat unter schrecklichen Stürmen furchtbar leiden müssen, ist aber schließlich ohne fremde Hilfe in einen schützenden Hafen gelaufen. Der Kapitän der„Bulgaria“, Schmidt aus Hamburg, hat seiner Direktion folgenden Bericht eingeschickt:
„Bulgaria“ ist ohne fremde Hilfe in Ponta Delgada eingetroffen; über den Verlauf der Reise berichte folgendes: In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar während eines heftigen Orkans wurde das Schiff steuerlos und drehte in den Wind. Eine enorme Welle überflutete das Schiff und schlug die Luken 1 und 2 ein, wodurch große Mengen von Wasser ins Ober⸗ deck strömten. Bald darauf waren im Raum Nr. 4 16 Fuß Wasser. Das Schiff legt sich stark nach Backbord über. Infolge der gewal⸗ tigen Erschütterung wurden die Ballast⸗Tunks undicht und liefen auf. Die Lenzrohre des Raumes 4 waren durch Getreide verstopft. 108 Pferde verendeten, konnten aber infolge des anhaltend schlechten Wetters erst am sech sten Tage über Bord geworfen werden. Am Morgen des 2. Februar, während der Orkan von neuem einsetzte, brach der Dampfsteuerapparat und später auch das Handsteuer. Durch das schwere Arbeiten des Steuers lösten sich die Bolzen in der Kuppelung und gingen schließlich gänzlich verloren. Erst nach tagelanger Arbeit gelang es, die Kuppelung wieder zu befestigen, und nachdem die Platten von den Seitenwänden des Ruderhauses losgenietet waren, konnte das Schiff mit Bäumen auf Ruderkopf gelasch gesteuert werden. Wir waren gezwungen, um das Schiff aufzurichten, von der Ladung zu werfen und, als der immer stärker werdende Orkan ein Offenhalten der; Luken nicht mehr gestattete, Ladung zu ver⸗ brennen. Eine Sturzsee brach über das Bootdeck, nahm sämtliche Boote von der Backbordseite weg und schlug das Deck ein. Alle Reelings und Treppen gingen verloren. Sämtliche Thüren in den Aufbauten eingeschlagen. Der Matrose Wilhelm König wurde über Bord gewaschen und konnte des schweren Wetters wegen nicht gerettet werden. Sonst Alles wohl an Bord. Erwarte Ihre Befehle. Schmidt, Kapitän.
Der Umstand, daß der Kapitän der fast übermenschlichen Anstrengung, mit der er selbst und die übrige Schiffsbesatzung für die Rettung des Schiffes thätig gewesen sind, in so schlichten Worten gedenkt, zeugt von der großen Befcheiden⸗ 7 dieses Seemannes, dessen Tüchtigkeit sich in iesen Tagen glänzend bewährt hat.
Partei⸗Nachrichten.
Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, den 5. März:
Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr auf der Pfefferhöhe.
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Kommunales aus Gießen. III. Schulwesen.
ps. Nach der summarischen Uebersicht des Verwaltungsberichts der großh. Bürgermeisterei wurden im Rechnungsjahre 1897/98 von der Stadt Gießen ausgegeben 198 935,05 Mk. * Schulzwecke. Mitgerechnet sind dabei
ie Ausgaben für die Fortbildungs⸗ und die Aliceschule, für die Handwerkerschule und den Lokalgewerbeverein.
Eingenommen wurden nur 38 425,37 Mk. Demnach hätte die Stadt als baren Zuschuß rund 160 000 Mk. für die Schulen zu leisten. Interessant ist es nun, festzustellen, wie sich die Zuschüsse der Stadt 41 die einzelnen Schulen und auf die Schüler verteilen. Wir brauchen keine eigenen Berechnungen aufzustellen, da der Verwaltungsbericht unter seinem Ab⸗ schnitt VII:„Allgemeiner Bericht“ jede wünschenswerte Auskunft erteilt.
Die Vorschule des Gymnasiums er⸗ forderte einen Zuschuß von 79 4,36 Mk. Das Realgymnasium, die Realschule und die gemeinsame Vorschule erhielten 34 562,15 Mark Zuschuß von der Stadt(außerdem noch 19 723,82 Mk. vom Staat).
Die höhere und die erweiterte Mäd⸗ chenschule erforderten 31 742,89 Mk. Zuschuß.
Die Volksschulen endlich, die Stadt⸗ Knaben⸗ und Stadt⸗Mädchenschule, machten einen städtischen Zuschuß von 85 120,47 Mark erforderlich. An den Volksschulen wird kein Schulgeld erhoben.
Auf die einzelnen Schüler berechnet, ergiebt sich— immer nach dem Verwaltungsbericht— dann folgendes Bild:
Die Stadt Gießen wendet auf für jeden Schüler resp. jede Schülerin der
Vorschule des Gymnasium e.. Mk. 7,79
Realschule u. des eb„ 52,05 (dazu kommt noch der Staats⸗ zuschuß mit 29,70 Mk., sodaß auf jeden Besucher dieser Schulen ein Zuschuß kommt von 81,75 Mark!)
Höhere und erweiterte Mädchen⸗ d„ 64,85
Volksschnl e„ 46,11.
Sehen wir ab von dem minimalen Beitrag für die Gymnasialvorschüler, der vielleicht gänzlich gespart werden könnte, wenn man diese Schüler an die Vorschule des Realgymnasiums und der Realschule oder, wenn die Eltern absolut für ihre Söhnchen eine Extrawurst ge⸗ braten haben wollen, an Hauslehrer ver⸗ wiese, so ergiebt sich auch hier wieder die alte Geschichte, daß der Nichtbesitzende, sagen wir der Kleine, immer erst in letzter Linie und am geringsten bedacht wird, der Besitzende da⸗ gegen, der Große, auch dort in erster Linie empfängt, wo die Allgemeinheit Opfer zu bringen hat.
Im allgemeinen sind doch diejenigen Leute, die ihre Kinder in Realschulen und höhere Töchter⸗ schulen schicken, wohlhabend, die Eltern der Volksschüler aber unbemittelt. Das ist eine Binsenwahrheit.
Es ist deshalb eine Ungerechtigkeit, daß man die größere Unterstützung nicht den ärmeren, sondern den reicheren Bevölkerungsschichten zuweist.
Wer in der Lage ist, jährlich für eine „höhere Tochter“ etwa 100 Mark Schulgeld zahlen zu können, der bekommt aus dem Stadt⸗ säckel eine Extrazuwendung von 64 Mk. 85 Pfg., und wer der Vater eines hoffnungs⸗ vollen Realschülers oder Realgymnasiasten ist, für den er jährlich ca. 100 Mk. Schulgeld aus⸗ geben kaun, dem giebt die Stadt Gießen einen Zuschuß von 52,05 Mk. und der Staat noch einmal extra 29.70 Mk., insgesamt erhält er also 81,75 Mk. Zuschuß!
Bist du aber ein armer Teufel, dem man zwar auch direkte Steuern für Staat und Gemeinde abnimmt, und den man bei den in⸗ direkten Steuern, die Reich, Staat und Ge⸗ meinde(Oktroi) erheben, dem Reichsten gleich⸗ stellt, so bekommst du ganze 46,11 Mark städtischen Schulzuschuß.
Natürlich entspricht den für die Schüler auf⸗ gewendeten Mitteln auch das Gebotene. Man vergleiche den Lehrplan der höheren Schulen doch mit den dürftigen Stundenzetteln der Volks⸗ schule! Dort Naturwissenschaften— hier biblische Geschichte; dort alte und moderne Sprachen, alte und neue Geschichte— hier Bibelsprüche und Gesangbuchsverse; dort die Erziehung zum selb⸗ ständigen methodischen Denken— hier die Er⸗ ziehung zur Demut; dort durch die ganze Be⸗ handlung Erziehung zur Selbständigkeit— hier Entwickelung des Gefühls der Abhängigkeit!
Das soll nicht speziell von den Gießener Schulen gesagt sein. Das sind Wahrheiten, die mehr oder weniger auf das gesamte Schul⸗ wesen des Reiches zutreffen. Daß die Gießener Volksschulen lange nicht die schlechtesten sind, wissen wir.
Wir Sozialdemokraten und mit uns viele der besten Pädagogen halten es für eine schreiende
Ungerechtigkeit, daß heutzutage nicht danach ge⸗
fragt wird, ob ein Kind die nötige Intelligenz besitzt, um eine höhere Schule mit Erfolg zu absolvieren und dann zu studieren, sondern daß heutzutage auch in dieser Frage nur der Geld⸗ beutel entscheidend ist. Tausende intelligente, aber arme Kinder läßt man geistig verkümmern, Tausende reicher Dummköpfe werden durch An⸗ wendung aller erdenklichen Mittel zur Qual ihrer Lehrer durch die Klassen geschleift, um dann mit Ach und Krach ihre Examina machen zu können. Arme Menschheit, was mußt du z. B. leiden durch viele auf dich losgelassene Aerzte, die vielleicht auf dem Gebiete der Schuhmacherei oder Weißbinderei hätten Großartiges leisten können!
Doch zurück zum Verwaltungsbericht. Die Stadt Gießen also schießt den wohlhabenden Leuten für jeden Schüler oder jede Schülerin 52,05 Mk. resp. 64,85 Mk. zu, den geringen Leuten aber nur 46,11 Mk. Die wohlhabenden Leute werden aber selbst einsehen, daß das eine Ungerechtigkeit ist. Da nun vorläufig nicht daran zu denken ist, daß die sozialdemokratische Forderung verwirklicht wird:„Einheits⸗ schule und Unentgeltlichkeit der Lehr⸗ mittel und des Unterrichts“, so machen wir unseren Stadtvätern einen Vorschlag zur Güte. Sie mögen den Beschluß fassen, für die hiesigen Volksschulen freie Lehr⸗ mittel zu gewähren, selbstverständlich ohne daß das als eine Armenunterstützung anzusehen ist. Die Gerechtigkeit gebietet, daß eine Gemeinde ihre Glieder gleich behandelt. Wenn nun die Stadt seither den wohlhabenden Leuten jährlich pro Schulkind 6 Mk. bis 18 Mk. mehr zuschoß, als den Unbemittelten, so liegt doch der Gedanke sehr nahe, den Zu⸗ schuß für die Volksschulen entsprechend zu er⸗ höhen. Durch die Annahme unseres Vorschlags würde die Stadt nicht nur einen Akt der Ge⸗ rechtigkeit begehen, sie würde auch vielen Eltern eine große Erleichterung bereiten.
Briefkasten der Redaktion.
Für die Dresdener Zuchthausopfer gingen ferner bei der Redaktion ein: Arb.⸗Bildungs⸗Verein Heuchelheim 20,05 Mk. Von Gleiberg durch Leib 11.— Mk. In voriger Nummer quittiert 75,55 Mk. Zusammen jetzt 106,60 Mk.
Briefkasten der Expedition. Nach Burg bei Herborn: Wir können die Zeitung nicht mehr senden, da der dortige Spediteur seinen Verpflichtungen nicht nachkommt.
Qnittungen. Gt. B. 6.—. H. G. 10.—. N. Kch. 6.40. Sch. Schmk. 18.—. H. Gßl. 1.—. Kr. G.—.90. E. G. 1.—. Schn. Nda. 230. F. Wtzlr⸗ 25.—. G. C. W. 8.50. B. G. 15.—. Sch. Bch.—.90
Hel. Ob.—.70. Gge. Hoͤbgn. 8.—. D. H. M. Obsch. 4.80. M. Eckh. 2.40. M. G. 59.32. Sg. Hchst. 2.—
Marktberichte.
Gießen. Auf dem Wochenmarkte vom 2. März kostete: Butter per Pfund Mk. 080,— 0,90, Hühnereier 1 St. 6—7 Pfg., 0 Stück 0—0 Pfg., Käse per Stück 5—8 Pfg., Käsematte 1 Stück 5 Pfg., Erbsen pro Liter 20 Pfg., Linsen pro Liter 30 Pfg., Tauben pro Paar Mk. 0,80— 1,00, Hühner pro Stück Mk. 1,20— 1,70, Hahnen pro Stück Mk. 1,30— 2,00, Enten per Stück Mk. 1,80— 2,40, Gänse pro Pfund 00—00 Pfg., Ochsenfleisch per Pfd. 68—74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 62—64 Pfg., Schweinefleisch 68—76 Pfg., gesalzen 80 Pfg., Kalbfleisch 64—66 Pfg., Ham⸗ melfleisch 50— 70 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kilo Mk. 5,00 bis 6,50, Zwiebeln pro Zentner Mk. 8,00 9,00, Milch per Liter 16 Pfg.
Ce te Nachriehten.
Stumm's Autwort. Die Veröffentlichung der Stuumbriefe(siehe unter Politischer Rund⸗ schau: König Stumm als Pechvogel) durch den „Vorwärts“ beantworten die Stummschen Söld⸗ linge der„Post“ damit, daß sie sämtlichen „Vorwärts“⸗Redakteuren und Mitarbeitern den Staatsanwalt auf den Hals hetzten. Der„Vor⸗ wärts“„soll“ sich der Hehlerei schuldig ge⸗ macht haben, weil er Briefe veröffentlichte, die bei einem Einbruche gestohlen worden wären. Das ist natürlich Schwindel. Der„Vor⸗ wärts“ macht sich denn auch recht lustig über die Staatsaktion.
Der Kuhhandel ist fertig. Das Zen⸗ trum bewilligt die Militärvorlage und erhält dafür die Jesuiten. Auch soll ein weiterer Katholik ins Kultusministerium berufen werden.


