Ausgabe 
5.3.1899
 
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Seite 2

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 10.

Politische Bundschau.

Gießen, den 3. März.

Die Scharfmacher. Die Post⸗Gesellschaft, eine Vesellschaft mit beschränkter Haftung, besteht aus folgenden Per⸗ sonen, in denen wir die Hauptscharfmacher zu begrüßen haben: Freiherr von Eckardstein (Prötzel, Bez. Potsdam), Freiherr v. Falken⸗ hausensche Erben(Bielau, Bez. Neisse), Für st von Hatzfeld⸗Trachenberg, Oberpräsident der Prov. Schlesien(Breslau), Freiherr Lucius v. Ball⸗ hausen, kgl. Staatsminister(Klein⸗Ballhauser), Graf v. Maltzan-⸗Militsch Excell.(Militsch, Lega⸗ tionsrat von Neumann(Gerbstädt), Für st von Pleß(Pleß Ober⸗Schlesien), Herzog von Ratibor(Randen bei Ratibor), Kons ul Stengel (Staßfurt), Für st zu Stolberg⸗Wernigerode (Wernigerode), Freiherr von Stumm⸗Halberg (Halberg bei Brebach), Freiherr von Zedlitz⸗ Neukirch, Geh. Ober⸗Reg.⸗Rat(Berlin). Das sind die reichsten Leute des deutschen Reichs, in derer Interesse in derPost scharf gemacht wird gegen die Kleinen. Dievornehmste Ge⸗ sellschaft hinter dem Blatt und die brutal ste Anschauung in dem Blatt welch grelles Seelen⸗ emälde bietet sich uns dar, wenn wir die Menschen nach der geistigen Koft beurteilen, die ihnen behagt. König Stumm als Pechvogel. Man sagt, daß ein Unglück selten allein komme. König Stumm muß das jetzt bitter erfahren. Erst die furchtbare Schlappe im Reichstag, wo der Oberscharfmacher das Dresdener Zuchthausurteil als noch zu milde bezeichnete und nun kommt der Vorwärts und veröffentlicht Briefe des Königs von Saarabien, die den geheimen Chefredakteur der Berliner ScharfmacherzeitungDie Post in geradezu bengalischer Beleuchtung zeigen. Bei der selbstherrlichen Natur des Freiherrn von Stumm war von vornherein anzunehmen, daß die Redakteure der von ihm mit schweren Geld⸗ opfern unterhaltenenPost im Grunde genom⸗ men nur höhere Kulis sind, die, falls sie nicht ganz den Weisungen ihres Brodherrn ent⸗ sprechen, ebenso auf die Straße fliegen, wie das einem seiner Arbeiter geschieht, der es wagen würde, ein sozialdemokratisches Blatt zu lesen oder einer Arbeiterorganisation anzugehören. Dies wird durch den Inhalt der veröffentlichten Briefe bewiesen. Aber auch noch eine andere in⸗ teressante Thatsache wird dadurch bekannt. Näm⸗ lich die, daß Herr von Stumm, der noch in der Reichstagssitzung am Donnerstag unserem Genossen Gradnauer gegenüber den bekannten Fink in Schutz nahm, bereits im Dezember 1897, unmittelbar nach den bekannten Vorgängen im Reichstage, wo Bebel den Fink alsRe⸗ dakteur der berüchtigten Korbmacher Fischer⸗ schen Sudelschrift gegen die Sozialdemokratie angriff und ihn als einen moral isch sehr bedenklichen Charakter hinstellte, sich über Fink vollkommen klar war. Er charakterisiert ihn in einer Weise, daß sein Zeugnis in dem noch immer schwebenden PreßprozeßFink kontra Bebel von erheblicher Wichtigkeit ist und zwar zugunsten Bebels. In einem der vom Vorwärts abgedruckten Briefe vom 19. Dezember 1897 schon klagt Frhr. von Stumm:Herr Fink hat mich veranlaßt, vor versammeltem Reichstag eine Lüge auszusprechen. Frhr. v. Stumm spricht weiter die Befürchtung aus, er werde genötigt sein, Herrn Finkals Lügner hinzu⸗ stellen, dessen Wahrheitsliebe mir in dieser ganzen Sache überhaupt in einem sehr schlechten Lichte erschienen ist. Schon damals schrieb Freiherr v. Stumm:Eine Schädigung der Post und der freikonservativen Partei durch diese Vorgänge ist unvermeidlich. In einem Briefe vom 29. Dez. 1897 heißt es:Auf die Dauer können wir nicht einen Mitarbeiter behalten, welcher mit der Wahrheit in einer Weise umspringt, wie das wieder in dem an Sie gerichteten Briefe der Fall ist. Und wie ist dieser Fink in den

Himmel gehoben, nachdem er die Verleumder⸗ schrift des Korbmachersredigiert hatte. Mit

der Gesellschaft, die bis jetzt die Sozialdemokratie alsBekehrte vernichtet oder wenigstensbloß⸗ gestellt haben soll, können die Preßkulis der Stumm und Konsorten keinen Staat machen: Fischer, Fink und Lorenzen eine feine Firma. Aber das Pech des Freiherrn v. Stumm ist noch nicht erschöpft. Die Blätter berichten, daß zahl⸗ reiche Arbeiter Stumm verhaftet wur⸗ den, die ihn jahrelang bestohlen haben. Das sind also dieguten Arbeiter, die das patriarchalische Verhältnis zeitigt. Das sind dieguten und zufriedenen Arbeiter, die weder einer Organisation angehören, noch ein sozial⸗ demokratisches Blatt lesen dürfen. Herr Stumm hat wirklich Pech, schließlich wird aus dem Eisen⸗ könig von Saarabien noch ein kompletter Pechkönig.

Posadowsky für die Organisation.

Graf Posadowsky, der grimme Hasser der Arbeiterorganisationen, hat am 20. Februar im Berliner Landwirt schaftsrat folgende Rede gehalten:

Ich freue mich, unter Ihnen zu sein und Ihren Verhandlungen folgen zu können. Es ist noch nicht allzulange her, daß sich die deutschen Landwirte zu fe sten Organi⸗ sationen verbunden und den Weg beschritten haben, der heutzutage der einzig rich⸗ tige ist zur Erreichung wirtschaft⸗ licher Zwecke, die Vertretung in der Oeffentlichkeit. Die deutsche Land wirtschaft verdankt ihrer solidarischen Haltung unzweifel⸗ haft schon manchen Fortschritt. Ich wünsche, die Regierung möchte in der Lage sein, in Zukunft noch manche schwebende Forderung der Landwirtschaft zu erfüllen.

Den reichen Großgrundbesitzern singt der Graf ein Loblied über den Wert der Vereinigung und den Arbeiterorganisationen will er den Garaus machen. Den Großen Unterstützung, den Kleinen das Zucht⸗ haus! Und in solchen Zeiten wollen national⸗ liberale Drehscheibenmänner noch auftrumpfen, weil sie für die soziale Quacksalberei gestimmt haben, durch die dem Arbeiter Sand in die Augen gestreut werden sollte. Der beste Arbeiterschutz, die bestee soziale Fürsorge besteht in der Ge⸗ währung unbeschränkter Koalitionsfreiheit. Wer die verweigert, ist ein Feind der Kleinen.

Rechtsprechung.

Wegen Nötigung und Körperverletzung erschien der Nagelschmiedmeister Paul Müller aus Graudenz auf der Anklagebank. Im Jahre 1897 betrat der Agent Olschewski mit zwei anderen Männern die Schmiede des Angeklagten. Während die beiden anderen bald darauf die Schmiede verließen, blieb Olschewski noch darin. Er erhielt nach seiner Bekundung, als er hinter den Blasebalg treten wollte, von dem Angellag⸗ ten Sen mit einem Stück Eisen auf den Rücken, dabei soll M. gerufen haben:Du Hund, ich schlage Dich gleich tot, wenn Du mir nicht sagft, ob Du gegen mich eine Anzeige geschrieben hast. Olschewski erwiderte, er habe dies nicht gethan. Nichts destoweniger zog der Angeklagte ein glüh endes Stück Eisen aus dem Feuer und schrie dem Ol⸗ schewski zu:Du Hund, Du Lump, knie hier nieder und schwöre mir hoch und teuer, daß Du die Anzeige gegen mich nicht geschrieben hast. Da Olschewski weitere Thätlichkeiten fürchtete, kniete er nieder und versicherte, die Wahrheit gesagt zu haben. Der Angellagte räumt zwar ein, den Olschewski mit einem Eisen⸗ stück geschlagen zu haben, er will aber von O. angegriffen sein und sich in der Abwehr befunden haben, Olschewski habe sich auch unanständig in der Schmiede betragen, sodaß er ihn hinaus⸗ gewiesen habe. Durch die Verhandlung wurde dieser Sachverhalt als erwiesen angesehen. Der Staatsanwalt beantragte 3 Monate Gefängnis. Der Gerichtshof faßte aber mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte gereizt und erregt ge⸗ wesen, die Sache milder auf und verurteilte den Angeklagten wegen Körperverletzung, Beleidigung und Nötigung zu 100 Mark Geldstrafe oder 20 Tagen Gefängnis.

In Dresden wurden neun Bauarbeiter, die angetrunken und gereizt waren, wegen

Mißhandlung eines alsBaulöwen! bekannten

Unternehmers zu insgesammt 53 Jahren Zuchthaus, 8 Jahren Gefängnis und 70 Jahren Ehrverlust verurteilt. Wann kommt die Zuchthausvorlage?

Die SchweinburgschenBerl. Polit. Nachr. sind beauftragt, hierüber folgendes mitzuteilen: An dem Entwurfe zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhältnisses wird eifrig gearbeitet. Wenn seine Herstellung längere Zeit in Anspruch nimmt, so wird daraus nur auf den großen Ernst geschlossen werden können, mit welchem die Re⸗ gierung diese Angelegenheit noch mehr als andere zu behandeln gedenkt. Daß der Entwurf dem Reichstage in nicht allzulanger Zeit zugestellt werden soll, darf ebenfalls als gewiß betrachtet werden. Da der Reichstag, wie gesagt, über⸗ reichliche Arbeit an den ihm bereits übergebenen Entwürfen hat, so werden seine geschäftlichen Dispositionen hiervon nur Vorteil haben können. Das Ende der diesmaligen Tagung wird dazu bestimmt sein, das gesetzgeberische Fazit aus den nunmehr schon so oft über den sozialdemokratischen Terrorismus gepflogenen Er⸗ örterungen zu ziehen.

Also an das Ende der Tagung ist die schon so lange und so außergewöhnlich angekündigte Zuchthausvorlage geschoben worden. Wohin ist der kühne Wagemut, mit dem die Posadowskys gegen das Koalitionsrecht der Arbeiter anstürmten 2 Hat man auf dem bisherigen Wege soviel Unter⸗ nehmerterrorismus gefunden, daß man schaudernd wenden möchte, wenn die Furcht vor der Blamage nicht wäre?

Zur Beleuchtung des Dresdener Zuchthausurteils.

Nr. 1. Der bekannte evangelisch⸗soziale Pfarrer Rade stellt in derCristlichen Welt die beiden von Dresdner Schwurgerichten gefällten Urteile(2 Jahre Gefängnis für einen Gutsbesitzer 53 Jahre Zuchthaus für die Löbtauer Arbeiter) einander gegenüber, und fährt dann fort:

Möglich, daß in beiden Fällen die Dar⸗ stellung, der wir folgen, zu gunsten des Kontrasts gefärbt ist. Wir sind jeder Belehrung eines Besseren mit Freuden zugänglich. Leider wird genug des Thatbestandes zurückbleiben, um die ernstesten Bedenken zu rechtfertigen. Denn ein derartiges Messen mit verschiedenen Maßstäben sieht verzweifelt deutlich nach Klassen⸗ justiz aus. Das Bestreben, inmitten des heute wogenden Interessenkampfes die Rechte der Gesellschaft gegen die Arbeiteransprüche zu schützen, hat bei den Geschworenen die Meinung und bei den Richtern das Urteil beeinflußt. Daß vor dem Gesetz, vor dem Richter alle Menschen gleich seien, wird durch die beiden Urteile niemand bestätigt finden können.

Aber nicht nur ungerecht, auch kur z⸗ sichtig ist dieses Vorgehen. Die 53 Jahre Zuchthaus haben der Sozialdemokratie neun Märtyrer geschaffen. Was Wunder, daß die sozialdemokratische Reichstagsfraktion einen fulmi⸗ nanten Aufruf zur Unterstützung der betroffenen Familien erlassen hat. Man fragt sich ob man nicht auch beisteuern soll. Wenn ich kein anderes Bild von dem Thatbestand be⸗ komme, werde ich es thun. Aber überreich⸗ lich wird unser arbeitendes Volk seine Gaben opfern. Liebe und Haß, alle edle und unedle Leidenschaft wird mächtig aufgewühlt werden. Wär's ein reines Justizurteil gewesen, so könnte man sagen: Pereat mundus, flat justitia.(Und ginge darob die Welt zu grunde, Gerechtigkeit muß sein!) So aber erschrickt man über die moralischen Fehler, die unsere heutige Gesellschaft immer wieder macht. Wahrhaftig, wie die Dinge eben gehen, lebt die Sozialdemokratie eben von unseren Fehlern.

Nr. 2.Es ist nicht richtig, wenn man behauptet, Geschworene seien überhaupt leichter zur Freisprechung geneigt, als gelehrte Richter. In der Mehrzahl der Fälle wird das ja zutreffen. Es wird aber auch immer Prozesse geben, in denen Geschworene zu hart verurteilen, weil sie sich zin ihren sozialen Verhältnissen bedroht fühlen. Namentlich den Sozialdemokraten

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präfidenten nich ersch. Parteien, die Kieler sandt, so! Hert Heil präsidenten